Tag 77/14 – Untertitelfrei

Heute ist mein bestellter Bluetooth-Sender geliefert worden, mit dem ich den Ton meines Fernsehers direkt in auf die Teleschlinge speisen kann, die mit meinen Soundprozessoren verbunden ist. Der Bluetooth-Empfänger ist direkt an meinen Sat-Receiver angeschlossen. Weil dieser Receiver keinen Klinkenstecker für Kopfhörer hat, musste ich noch einen Scart-Adapter dazu bestellen, der auf der einen Seite einen Scart-Anschluss und auf der anderen Seite einen Klinkenstecker-Anschluss hat. Ich stöpsele also den Scart-Adapter in den Receiver, dann den Bluetooth-Sender in den Adapter und bekomme dann den Fernsehton via Teleschlinge direkt in die Soundprozessoren. Klingt kompliziert, ist aber gar nicht so schwierig und funktioniert super, nachdem ich den Bluetooth-Sender mit der Teleschlinge gekoppelt habe.

Das Tolle an diesem Setup ist, dass der Ton des Sat-Receivers sowohl auf den Fernseher als auch auf den Bluetooth-Sender gespielt wird. Es können also auch andere Personen im Raum den Fernseher hören und die Lautstärke des TV-Gerätes unabhängig von mir einstellen. Eine Lautstärkenveränderung am Sat-Receiver wirkt sich natürlich sowohl auf den Ton aus, der an das TV-Gerät übergeben wird, als auch auf den Ton, den ich über den Bluetooth-Empfänger bekomme. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil ich die Lautstärke meiner Soundprozessoren verändern kann und meine Mitschauer die Lautstärke des TV-Gerätes regulieren können. Damit wird für jeden die passende Lautstärke gefunden. Wenn ich Netflix schaue, kann ich die Teleschlinge übrigens direkt mit dem Apple TV verbinden, das Netflix auf das TV-Gerät bringt.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Den Ton des Fernsehgerätes habe ich immer relativ schlecht verstanden, obwohl es kein schlechtes Gerät ist. Aber mit dem Ton direkt in die Soundprozessoren verstehe ich fast jedes Wort. Ich schaue heute Abend drei Stunden alles Mögliche – Dokumentarsendungen, Reports, ein bißchen Polit-Talkshow und Extra3. Ohne Untertitel. Und komme gut mit. Selbst bei Parodien, die für hörgeschädigte Menschen generell schlecht zu verstehen sind, kann ich gut folgen. Ich verstehe selbst das Meiste, als in einer politischen Sendung die englische Originalstimme der Interviewpartnerin im Hintergrund mitläuft. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu schauen und zappe bis nachts um drei durch alle möglichen Sender. Vielleicht schaue ich den nächsten Tatort ohne Untertitel. Und vielleicht kann ich dann auch wirklich bald mal ins Kino und verstehe auch ohne Untertitel, was gesprochen wird.

Tag 76/13 – Terminvereinbarung

Heute habe ich zum ersten Mal in meinem Leben telefonisch einen Arzttermin vereinbart – bei meinem Hausarzt. Und alles gut verstanden. Das Vereinbaren von Terminen bei Ärzten, das Klären von Versicherungsfragen, Anrufe von Käufern, wenn ich etwas auf ebay verkauft habe oder bei Verkäufern, wenn ich etwas kaufen wollte, war mit Hörgeräten nur mit Hilfe meiner ErstBestenHälfte oder Junior I oder II möglich. Ich habe am Telefon auch mit Einsatz von technischen Hilfsmitteln kein Wort verstehen können. Das wird jetzt einfacher. Ich habe immer noch große Angst, Telefonate zu führen, weil es für mich total ungewohnt ist. Ich werde sicherlich auch nicht immer alles verstehen können – wenn die Verbindung schlecht ist oder der Gesprächspartner undeutlich spricht, wird es nicht gehen. Aber wie bei so Vielem im Leben gilt: Man muß sich einfach trauen. Wenn man hinfällt, steht man wieder auf und versucht es erneut. Ich weiß jetzt, dass ich nur noch manchmal hinfallen werde. Und das ist ein wirklich wundervolles Gefühl.

Tag 75/12 – Klavier

Ich komme aus einer sehr musikbegeisterten Familie mütterlichseits. Mein Großvater, der schon vor meiner Geburt starb, war Berufsmusiker – Kapellmeister, wie es damals hieß. Sein Sohn, mein Onkel, war ebenfalls Berufsmusiker: Fagottist an der Hamburger Philharmonie. Bei uns zuhause lief sehr viel klassische Musik und ich habe die klassischen Stücke, die auf dem Plattenspieler liefen, noch heute im Ohr. Auch meine Mutter spielte Klavier und brachte mir und auch meiner jüngeren Schwester, die ebenfalls sehr gerne und viel Musik macht, schon im Grundschulalter die ersten Melodien bei. Den Klavierunterricht hielt ich nicht wirklich lange durch: Das Spielen nach Noten war nie wirklich mein Ding. Stattdessen spielte ich lieber nach Gehör und war schon als Kind in der Lage, Melodien und auch Musikstücke nach dem Hören nachzuspielen. Nach der Grundschulzeit kam Posaune hinzu, die ich im evangelischen Blasorchester lernte. Wir spielten dort überwiegend modernere Kirchenlieder und nach den offiziellen Übungsstunden sassen wir oft mit einer kleineren Gruppe zusammen und spielten Märsche, bis die Lippen bluteten. Ich bin beileibe kein Fan von Marschmusik, aber das Spielen machte immer großen Spaß. Im Teenageralter trafen wir uns dann auch oft privat und spielten Jazz zusammen. Auch in der Schule war ich Teil eines großartigen Schulorchesters und einer Big Band. Unvergessen geblieben sind eine Aufführung von Verdis Triumphmarsch aus AIDA, meine erste Konzertaufführung, und ein Weihnachtskonzert, in dem wir das Halleluja von Händel in einer großen Kirche in Münster aufführten. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich an diesen beeindruckenden Moment denke. Auch die Big Band-Auftritte machten enormen Spaß – wir spielten vor allem Stücke von Glenn Miller, den ich heute noch sehr gerne mag, wenn auch selten höre.

Auch nach meinem Schulwechsel in die Oberstufe einer Schule für Hörgeschädigte machte ich weiter Musik. Ich war auch dort Teil einer Schulband mit Lehrern und Schülern. Wir spielten vor allem bekannte Evergreens aus den 60er und 70er Jahren. Im Internat hatten wir ein Klavier im Aufenthaltsraum und saß dort oft am Abend und verarbeitete Liebeskummer oder anderen Frust mit dem Spielen von Popballaden. Nach dem Abitur stellte ich das Musik machen ein. Mein Ohren waren zu schlecht, um weiter Posaune zu spielen – ein Instrument, bei dem ein sehr gutes Gehör enorm wichtig ist. Auch das Klavierspielen machte nicht mehr wirklich Spaß, weil ich nicht mehr hören konnte, wenn ich falsch spiele. Dennoch hatten wir immer ein Klavier im Haus, an dem Junior I ebenso wie ich schon sehr früh seine ersten musikalischen Schritte machte. Das musikalische Talent war ihm schon früh anzumerken und etwa ab dem 8. Lebensjahr nahm er dann Klavierunterricht und hatte schon kurz darauf seine ersten Auftritte im Rahmen des alljährlichen Musikschulkonzertes, bei dem er selbstgeschriebene Songs präsentierte – komplett ohne Lampenfieber. Ebenso wie ich spielt Junior I ungern nach Noten, dafür aber außergewöhnlich gut nach Gehör. Auch für ihn ist das Klavier ein Ventil, wenn er Frust hat oder das WLAN-Kontigent für die Spielkonsole aufgebraucht ist. Neben dem Klavier kam vor zwei Jahren auch noch E-Gitarre hinzu und auch hier zeigte sich schnell ein großes Talent, das er als Mitglied einer Schulband einsetzen konnte. Nebenbei spielt er auch noch Schlagzeug, allerdings ohne Unterricht. Hier schaut er sich die Dinge ab, die ich oder sein jüngerer Bruder im Unterricht gelernt haben und setzt es oftmals besser um als ich selbst.

Als Elternteil macht einen so etwas natürlich enorm stolz. Und es ist schön zu sehen, dass das musikalische Talent der Familie auf ihn übergegangen ist. So richtig hören konnte ich jedoch nie wirklich, was er spielt. Ich war immer ein kleines bißchen traurig darüber, dass er relativ wenig klassische Stücke im Repertoire hat und fast ausschließlich Pop und Rock spielt und hatte die Befürchtung, dass die technische Fertigkeit darunter leiden wird. Heute allerdings habe ich ihm zum ersten Mal mit zwei Implantaten, von denen auch das linke immer besser funktioniert, richtig beim Spielen zugehört. Und ich war beeindruckt und ergriffen, weil das, was er dort auf die Tasten zauberte, weit über das hinausging, was ich erwartet hatte. Dass ich so etwas jetzt wahrnehmen kann, ist vielleicht eines der schönsten Geschenke, die mir die Hörimplantate machen können. Ich bemerke jeden Tag und besonders in solchen Momenten, wie viel mir in den letzten Jahren beim Hören entgangen ist. Auch wenn ich es immer toll fand, wie gerne und motiviert Junior I am Klavier gespielt hat: Es richtig hören zu können ist schon eine andere Hausnummer. Ich freue mich sehr auf das, was er in Zukunft noch alles am Klavier und an der E-Gitarre machen wird.

Tag 73/10 – Goth

Nach einem kurzen Schlaf fahre ich heute mit der ErstBestenHälfte ins südliche Niedersachsen, weil wir dort einen interessanten Gebrauchtwagen gesehen haben, der den Familienvolvo ersetzen soll. Es sind etwa zweieinhalb Stunden Fahrt und Hälfte der Strecke ist sehr schön, weil es gut eine Stunde lang mitten durch das Weserbergland geht. Die ErstBesteöHälfte fährt und ich schlafe ein wenig im Auto. Wir machen eine kurze Frühstückspause in einem kleinen Dorf etwa 30 Kilometer von Hameln entfernt. Nach der Gebrauchtwagenbesichtigung wollen wir uns noch Hameln oder Hildesheim anschauen und ich spreche zwei Damen beim Bäcker an und frage sie, welche Stadt ihrer Meinung nach schöner ist. Beide sind sehr nett und bei der zweiten Person entwickelt sich dann ein nettes Gespräch, während wir draußen sitzen und Kaffee trinken und ich erfahre viel über ihr Leben.

Früher, mit Hörgeräten, habe ich so etwas weitgehend vermieden. Ich habe fremde Menschen nur dann angesprochen, wenn es dringend notwendig war – zum Beispiel um nach dem Weg zu fragen. Jetzt quatsche ich nahezu jeden an, wenn es eine Gelegenheit gibt und freue mich jedesmal über belangloses Small-Talk. Auch später, beim Autohändler, schnacke ich eine Weile mit dem Verkäufer über Fahrzeuge, die Gegend, den Abgasskandal und dies und das, bevor wir letztendlich das Auto für die EBH kaufen, nachdem der Verkäufer mir tatsächlich etwas im Preis entgegengekommen ist. Vielleicht wollte er einfach nur, dass ich aufhöre zu reden…

Anschließend fahren wir nach Hameln. Ich war noch nie in der Rattenfängerstadt und wir sind überrascht, wie schön es dort ist: Eine gemütliche historische Altstadt mit vielen Einkaufsmöglichkeiten, netten Verkäuferinnen, mit denen ich wieder schnacke und darüber hinaus findet an diesem Wochenende ein Gothic-Festival mit viel Musik und einem Mittelalter- und Gothic-Markt statt. Leider hat eine meiner Lieblingsbands, Fields of the Nephilim, bereits am Vorabend gespielt – sonst wären wir wohl noch in die Konzerthalle gegangen. Aber man kann nicht alles haben. Auch auf der Straße und auf dem Mittelaltermarkt spielen ein paar unbekanntere Bands und der Sound ist fantastisch – es macht wirklich großen Spaß, zuzuhören. Wir sehen viele abenteuerlich kostümierte Menschen und genießen diesen herrlichen Spätsommertag an der Weser sehr. Ich war selber lange in der Gothic-Szene aktiv, höre diese Musik immer noch gerne und mag auch die Subkultur insgesamt sehr gerne. Die Menschen sehen zwar alle sehr bedrohlich aus mit ihren düsteren Kostümierungen, aber die Stimmung ist immer gut und alle sind sehr friedlich und haben ihren Spaß.

Zwischendurch gehen wir essen und ich bin etwas genervt von den drei kleinen Kindern am Nebentisch, die einen Höllenlärm mit Besteck, Tellern und sonstigen Gegenständen veranstalten, die andauernd auf den Tisch gehauen werden. Ich mag Kinder sehr gerne und habe auch überhaupt kein Problem mit Kinderlärm, aber machmal wird es einfach zu viel. Eine Unterhaltung ist schwierig und ich bin froh, als der Nachbartisch endlich leer ist.

Am Abend geht es dann gemütlich nach Hause. Im Auto Musik, weil wir beide etwas müde sind, und zuhause kommt dann noch eine Nachbarin vorbei und wir unterhalten uns eine Weile im Kerzenschein. Auch etwas, was mit Hörgeräten niemals möglich gewesen wäre.

Tag 72/9 – Hamburg

Heute fahre ich nach Hamburg, weil Junior II zusammen mit einem Schulfreund an einer Kinder-Schulung bei SAP teilnimmt, die im Rahmen der Hamburger Code Week stattfindet. Bei diesem Einsteiger-Kurs möchte er lernen, wie man Spiele programmiert. Ich versuche immer, meine Kinder dazu zu bringen, Computer nicht nur zu nutzen, sondern sich auch ein bißchen damit zu beschäftigen, wie sie funktionieren. Zumindest bei Junior II funktioniert das wirklich gut. Junior I ist mit dem Musikmachen am Laptop weitgehend ausgelastet und komponiert dort Songs – auch das ist eine tolle Sache.

Schön ist, dass wir drei – Junior II, sein Schulfreund und ich – uns auf der Fahrt gut unterhalten können. Zwar wird auch viel Musik gehört, aber die peinlichen Momente, die ich früher oft hatte, wenn ich Freunde meiner Kinder transportiert habe und sie mit der Kommunikation mit einem hörgeschädigten Vater überfordert waren, sind Vergangenheit. Meine Kinder freut das sehr – eine Peinlichkeit weniger. In der Pubertät gibt es nicht Wichtigeres als das Vermeiden von Peinlichkeiten und Eltern sind ja schlechthin das Peinlichste überhaupt.

Im Büro angekommen liefere ich die Kinder ab und mache ich einen kleinen Abstecher in meine Abteilung, wo ich drei frühere Arbeitskollegen und -kolleginnen treffe, mit denen ich zwei Jahre sehr gerne zusammengearbeitet habe. Die Freunde ist sehr groß und wir haben uns viel zu erzählen. Alle sind begeistert über meinen Hörerfolg und ich genieße es sehr, mal wieder unter Arbeitskollegen zu sein. Insgesamt bin ich in diesem Jahr wegen der Operationen ja viel ausgefallen. Ich glaube, ich war in meinem gesamten Berufsleben noch nicht so viel krankgeschrieben wie in diesem zweiten Halbjahr 2018. Das Arbeiten fehlt mir ziemlich und ich freue mich sehr darauf, Ende des Jahres oder eventuell auch erst im nächsten Jahr wieder richtig einzusteigen und mit mein neues Hörvermögen auch beruflich einsetzen zu können.

Anschließend treffe ich eine Freundin und Freelancerin, mit der ich als Freiberufler lange und gerne zusammengearbeitet habe. Wir sitzen etwa drei Stunden an der schönen Außenalster, genießen den wunderbaren Spätsommer und haben uns viel zu erzählen, weil wir uns viel zu lange nicht gesehen haben. Ich glaube, ich muss während des gesamten Nachmittags nur einmal nachfragen, weil ich etwas nicht verstanden habe. Alles andere verstehe ich einwandfrei. Um die Windgeräusche am Seeufer zu reduzieren, trage ich eine Beanie-Mütze – das funktioniert super.

Dann geht es zurück nach Hause mit einem Zwischenstopp bei McDonalds. Das Drive-In meide ich nach wie vor, weil das ein frustrierendes Hörerlebnis ist und drinnen wird per Bestellsäule bestellt – das geht schneller. Später am Abend noch ein wenig Small Talk mit Nachbarn auf der Terrasse und dann ist ein weiterer schöner Hörtag zu Ende.

Tag 71/8 – Übersetzungshilfe

Was ich gar nicht kann: Verhandeln. Ich meine nicht zwischenmenschliche Dinge – darin bin ich eigentlich ganz ok. Aber sobald es um Geschäftliches geht, muss ich passen. Es gibt vermutlich niemanden, der weniger Nachlass beim Autokauf oder bessere Preise beim Verkauf von Gegenständen aushandeln kann, als ich. Vielleicht sollte ich daraus ein Geschäftsmodell entwickeln: Wenn Firmen pleite gehen sollen: Stellt mich als Sales Manager ein. Spätestens nach 12 Monaten sind die Einkaufskosten so hoch und die Verkaufskosten so niedrig, dass Insolvenz angemeldet werden kann. Deal?

Da unser Familienauto den Geist aufgegeben hat, muss ein neuer Gebrauchtwagen her. Wir haben uns bereits einige Fahrzeuge angeschaut und letztendlich haben wir nichts gekauft, weil ich die Verkäufer einfach nicht dazu bewegen konnte, sich auch nur minimal im Preis nach unten zu bewegen. Vielleicht bin ich einfach zu nett oder das Gegenteil – ich weiß einfach nicht, wie man günstige Preise bekommt. Das ist in solche Situationen ärgerlich, aber da ich nicht ständig größere Dinge kaufe oder verkaufe, kann ich gut damit leben. Man kann nicht alles können.

Eine Hörschädigung ist beim Aushandeln von Preisen natürlich kein Vorteil. In solchen Verkaufsgesprächen muss man gut hören. Man muss wissen, wann man einlenken muss und wann man hartnäckig sein kann. Man muss den Gegenüber kommunikativ lesen können. Man muss merken, wann Ende der Fahnenstange ist und in welchem Moment es Sinn machen kann, weiter zu bohren. Ich bin eigentlich der Alptraum aller Autoverkäufer, weil es für mich nur den Angebotspreis und einen letzten Preis gibt, den ich direkt erfahren will. Der Weg vom ersten zum zweiten Preis ist mir zu beschwerlich.

Dennoch rufe ich heute mehrere Autohändler an, die Modelle verkaufen, die für uns interessant sind. Und alle diese Gespräche laufen gut – ich verstehe fast alles, muss ein oder zweimal nachhaken aber insgesamt klappt es viel besser, als ich erwartet habe. Natürlich bekomme ich auch mit Implantaten nicht die Angebote, die ich mir wünsche. Dafür gibt es leider kein Programm im Soundprozessor. Aber alles andere klappt prima. Letztendlich vereinbare ich einen Besichtigungstermin am Samstag im Weserbergland. Weitgehend alleine. Ich bin stolz wie Oskar.

Beim Telefonieren ist meistens noch die ErstBesteHälfte dabei, um einzuspringen, wenn ich etwas gar nicht verstehe. Ich bemerke heute, dass ich ins Schleudern komme, wenn ich mich weg vom Gesprächspartner am Telefon und hin zur EBH wende: Sobald ich versuche, von ihrem Mundbild abzulesen, was gesagt wurde, fehlt die Konzentration auf das Gehörte komplett und ich schmiere am Telefon ab. Die Hilfestellung wird zum Bremsblock. Das ist ein bißchen wie bei Untertitelungen im Fernsehen: Sobald ich die Untertitel lese hat mein Gehirn nicht mehr ausreichend Ressourcen, um sich voll auf das Gesprochene zu konzentrieren.  Oder es wird schlagartig zu faul.

Ich werde mich in Zukunft am Telefon selber durchschlagen müssen. Lieber ein- oder zweimal rückfragen, als auf das Hilfestellungs-Gleis wechseln. Natürlich ist es immer gut, eine Nothaltestelle parat zu haben, die im schlimmsten Fall übernehmen kann. Aber vermutlich werde ich diese Nothaltestelle, meine übersetzende ErstBesteHälfte, in Zukunft gar nicht mehr brauchen.

Tag 70/7 – Gesellschaft

Auch am nächsten Morgen wird viel gesprochen. Gegen Mittag verabschiede ich mich und besuche anschließend einen guten Freund, der im selben Ort wohnt. Natürlich ist auch dieser Besuch mit sehr vielen Gesprächen verbunden. Am Nachmittag schauen wir zusammen eine Folge einer Netflix-Serie – ohne Untertitel. Ich kenne diese Episode bereits und kann deshalb auch ohne die Untertitelung gut folgen. Anschließend geht es nach Hause. Da der Tag doch sehr anstrengend war, wird im Auto überwiegend Musik gehört. Irgendwann ist man halt auch mit Implantaten müde und braucht eine Kommunikationsauszeit.

Später am Abend besuchen wir noch Nachbarn und Freunde, die gestern Geburtstag hatten. Ich bin hörmäßig wieder fit und unterhalte mich lange mit der ZweitBestenHälfte des Geburtstagskindes, den ich schon länger kenne. Bislang hatten wir nie viel gesprochen, weil ich ihn nicht so gut verstehe. Ich kenne viele Menschen in meinem persönlichen Umkreis, die ich gerne mag, aber mit denen ich sehr wenig spreche, weil die Kommunikation bislang so schwierig war. Man trifft sich meistens in der Gruppe und ich sitze dann dabei, trinke mit und führe einige, wenige und kurze Einzelgespräche mit Personen, die ich gut verstehe. Ich bin diese Situation gewöhnt und die Menschen um mich herum sind daran gewöhnt, dass ich am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, ohne aktiv zu kommunizieren. Das ist schwer zu erklären und schwer vorstellbar, aber kannte es bislang nicht anders. Jetzt, mit den Implantaten, ist es anders – ich bin aktiv dabei. Ich verstehe fast jede Person gut. Ich kann mich in laufende Gespräche einschalten.

Vor allem haben meine Mitmenschen weniger Angst, mir Fragen zu stellen, die ich womöglich nicht verstehe und die mehrmals wiederholt werden können. Wenn man etwas einmal nicht versteht, ist das kein Problem. Wenn man es beim zweiten Mal nicht versteht, wird die Situation potentiell schwieriger – der Gesprächspartner versucht dann meistens, lauter zu sprechen. Wenn man es auch beim dritten Mal nicht versteht, wird die Situation unangenehm. Der Gesprächspartner weiß nicht mehr, was er machen und wie er sprechen soll. Je nach Verzweiflungsgrad antworte ich dann einfach mit Ja oder Hmm oder Ok, damit sich die Situation auflöst. Und hoffe, dass keine weiteren Fragen mehr kommen. In den meisten Fällen lässt der Gesprächspartner dann ab und wendet sich nach einer kurzen Zeitspanne, um nicht unhöflich zu wirken, anderen Gesprächspartnern zu. Oder ich gehe auf die Toilette, um die Situation auf diese Art und Weise zu lösen.

Ich habe viele Strategien parat, um mit solchen Situationen, die für mich bislang Alltag waren, umzugehen. Ich bin ein Meister darin, Menschen zuzuhören, ohne auch nur ein einziges Wort zu verstehen. Vor allem Menschen, die gerne und viel reden, bekommen das im Normalfall gar nicht mit. Wenn Fragen gestellt werden, kann man meistens mit einer nichtssagenden Floskel antworten: Mhmm. Ok. Rhetorische Fragen erkennt man gut daran, dass die Betonung am Satzende nach oben geht. Denken die wirklich, ich bin so blöd? Bei solchen Intonationen antworte ich immer mit natürlich nicht oder ne echt? oder schüttele einfach ungläubig den Kopf. Es gibt viele Tricks, die einem Gegenüber zeigen, dass man dem Gespräch folgt. Richtig gefährlich sind nur Rückfragen, die man richtig beantworten muss. In diesem Fall heisst es dann sorry, aber die Frage habe ich jetzt nicht mehr verstanden. Normalerweise wird bei der Wiederholung dann so weit ausgeführt, dass man vernünftig antworten kann.

Das schlimmste, aber wirklich allerschlimmste, was man einem hörgeschädigten Menschen antun kann, ist die Frage Was hast Du verstanden? oder Was habe ich gesagt? Bitte überprüft niemals, wieviel ein Mensch mit Hörbehinderung versteht. Ich verstehe oft einzelne Wörter nicht oder Sätze, aber der Sinn des Gesagten erschließt sich mir nach einer Weile, wenn ich das Verstandene kombinieren kann. Ich frage nicht bei jedem Wort nach. Ich frage dann nach, wenn ich merke, dass ich den Faden verliere und gar nicht mehr in das Verstehen hineinkomme. Das kann manchmal auch erst nach 3 oder vier Sätzen der Fall sein, wenn ich bemerke, dass der kombinierte Zusammenhang keinen Sinn mehr ergibt. Man braucht erstaunlich wenig, um den Sinn eines Satzes zu verstehen. Gerade bei gesprochener Sprache gibt es viele Wiederholungen, viele Ähems und naja und ändere Füllwörter. Kommunikation ist für Hörgeschädigte ein Kampf. Die Frage was habe ich gesagt? ist eine vorgehaltene Pistole, die einen schachmatt setzt. Und selbst falsches- oder Nichtverstehen ist einfacher zu handhaben als eine Situation, in der sich herausstellt, dass man eben nicht alles verstanden hat. Der Sprecher interpretiert dies als Desinteresse an seinem Gesagten. Der Hörgeschädigte ist nicht desinteressiert, sondern kämpft die ganze Zeit mit Verstehensfetzen, die er zusammensetzen muss.

All diese Probleme gehören für mich weitgehend der Vergangenheit an. Ich erlebe kaum noch Situationen, in denen ich so wenig verstehe wie vorher. Merkwürdigerweise hatte ich immer etwas Angst davor, gut verstehen zu können und dennoch nicht in der Lage zu sein, nettes Small Talk zu machen. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Kind ein Außenseiter war und, unabhängig von meine schlechten Hören, schlecht mit anderen Kindern kommunizieren konnte. Ich habe die falschen Witze gemacht, über das Falsche gelacht und war einfach höllisch uncool, wie meine Kinder heute sagen würden. Ich habe keinen Anschluß gefunden, weil ich die kommunikativen Codes meiner gleichaltrigen Umwelt nicht entschlüsseln konnte. Ich habe keine Ahnung, woran das gelegen hat. Jeder kennt Menschen, die einfach sonderbar kommunizieren, die gern das Falsche sagen, die falschen Witze zum falschen Zeitpunkt machen und einfach nicht in eine Gesprächsrunde hineinkommen. Ich glaube, das es sich dabei nicht um Soziopathen handelt, wie man vielleicht glaubt, sondern um Menschen, die einfach Schwierigkeiten damit haben, kommunikative Codes zu entschlüsseln, die man braucht, um zu wissen, wie man mitreden kann, ohne aufzufallen.

Ich bin froh, dass ich diese Probleme jetzt nicht mehr habe. Es macht mir viel mehr Spaß, in geselliger Runde zu sitzen, mich zu unterhalten, neue Menschen kennenzulernen und bereits bekannte Menschen besser kennenzulernen. Es ist nicht mehr so anstrengend. Natürlich muss ich mich noch konzentrieren, aber es ist weitaus weniger anstrengend als vorher und ich bekomme einfach viel mehr mit. Und bin mittendrin, statt nur dabei.

Tag 69/6 – Goodbye

Heute muss ich zu einer Beerdigung. Der Mann einer Schulfreundin, mit der ich immer noch sehr eng befreundet bin, ist in der letzten Woche überraschend an Krebs gestorben. Meine ErstBesteHälfte fährt mit, weil ich die Tour über 300 Kilometer jeweils hin und zurück inklusive der Beerdigung selbst noch nicht schaffe – das ist zu viel so kurz nach der Operation.

Auf der Fahrt bemerken meine ErstBesteHälfte und ich, wie ungewohnt es für uns ist, sich im Auto zu unterhalten. Ich bin bislang ein sehr stiller Fahrer oder Beifahrer gewesen und habe immer nur dann kommuniziert, wenn es wichtig war: Wo müssen wir lang? Wie fahren wir? Wir brauchen eine Pause. Die Musik gefällt mir nicht. Kannst Du bitte langsamer fahren. Schaumal, das Kennzeichen ist lustig. Was für ein schöner Sonnenuntergang! Ich habe beim Fahren nur dann verstanden, wenn ich meinen Gesprächspartner angeschaut habe. Und meinen Gesprächspartner nur dann, wenn ich von seinen Lippen ablesen konnte. Mitfahrer auf den Rücksitzen konnte ich nur verstehen, wenn ich den Rückspiegel auf ihr Gesicht gelenkt habe. In den 90er Jahren, in denen ich oft Mitfahrer über die Mitfahrzentrale mitgenommen habe, wenn ich beispielsweise meine Schwestern in Berlin besucht habe, habe ich gleich zu Beginn der Fahrt darauf hingewiesen, dass Kommunikation mit mir nicht ohne weiteres möglich ist. Das ist für viele Menschen ungewohnt; aber man gewöhnt sich an alles. Für uns und insbesondere für die ErstBesteHälfte ist es jetzt ungewohnt, dass sie auf dem Beifahrersitz nicht abschalten kann, sondern dass ich Gespräche beginne. Das ist einerseits toll, aber andererseits auch eine komplett neue Situation, auf die wir uns erst einmal einstellen müssen.

Am Zielort setze ich die EBH in der Stadt ab und fahre zur Wohnung meiner Freundin. Bis zur Beerdigung sind noch zwei Stunden Zeit und wir nutzen diese, um das unvorstellbare Geschehen der letzten Tage zu besprechen. In dieser Situation hilft es sehr, dass ich mit meinen Implantaten flüssig verstehen kann. Gerade in Situationen, die emotional sehr nahe gehen, ist es sehr schwierig, wenn man alles zwei- oder dreimal wiederholen und deutlich sprechen muss. Weinende Menschen habe ich immer sehr schlecht bis gar nicht verstanden. Lachende übrigens auch nicht: Jegliche Emotion, die das Sprechen beeinträchtigt, ist für hörgeschädigte Menschen ein echtes Handicap. Ich wäre übrigens sehr gern Kinderpsychologe geworden – das war einer meiner ersten ersthaften Berufswünsche. Aber auch wenn ich glaube, dass man auch mit Handicap fast alles erreichen kann, wäre dies wohl eine sehr schwierige Konstellation geworden. Denn Kinder sprechen per se meistens undeutlich und Kinder, die ein psychologisches Problem haben, haben keine Ressourcen dafür, enorm deutlich zu artikulieren. Bevor ich Kinderpsychologe werden wollte, wollte ich übrigens Fernfahrer werden. Das habe ich aber auch nicht gemacht, weil ich keinen Funk verstehen kann.

Die Beerdigung selbst ist unspektakulär, so schön, wie eine Beerdigung eben sein kann und natürlich tieftraurig. Bei der Trauerrede verstehe ich nicht alles, weil die Konzentration schwer fällt und die Rednerin recht weit entfernt steht – aber dennoch viel mehr als mit Hörgeräten. Reden habe ich bislang nie verstanden und das hat mich immer sehr geärgert. Weder auf Beerdigungen noch auf Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten – man ist in solchen gesellschaftlichen Situationen außen vor, zumal man sich auf einer Beerdigung oder bei einer Hochzeitsrede als Gast auch nicht einfach direkt vor den Redner setzen kann. Manchmal ist es möglich, das Redemanuskript zu bekommen – vorher oder hinterher. Aber das gemeinschaftliche Gefühl, dieser Moment, in dem Dinge eine größere Anzahl Personen bewegt und zum Lachen oder Nachdenken bringt, erfasst einen nicht, wenn man nicht versteht, was gesagt wird.

Der Rest des Tages ist Reden und vor allem Zuhören. Früher hätte mich so etwas sehr angestrengt und ich wäre spätestens am Nachmittag nicht mehr aufnahmefähig gewesen. Heute, mit beiden Implantaten im Kopf, kann ich zuhören und Trost spenden bis in die Nacht. Letztendlich übernachte ich vor Ort und die ErstBesteHälfte schläft bei einer Freundin.

 

 

Tag 68/5 – Slow down

Heute morgen steht der Nachuntersuchungstermin beim HNO-Arzt auf dem Programm. Mein HNO-Arzt freut sich sehr über den Erfolg auch auf dem linken Ohr. Leider sieht die Wunde nicht ganz so gut aus wie bei der ersten Operation: Die linke Kopfseite ist immer noch etwas geschwollen. Die Spule mit dem Magneten hat schlechten Kontakt und fällt von selber leicht vom Kopf – zum Beispiel dann, wenn ich mich bücke. Auch hinter dem Ohr ist immer noch eine deutlich sichtbare Schwellung. Mein linkes Ohr fühlt sich weitgehend taub an. Im Mittelohr blutet es noch ein wenig. Ich bekomme deshalb leider kein Pflaster hinter dem Ohr, sondern einen neuen Verband samt Riesenpflaster auf das Ohr, das quasi über das halbe Gesicht reicht. Wunderschön! So hatte ich mir das nicht vorgestellt – vor allem weil ich morgen zu einer Beerdigung muss. Aber Sicherheit geht vor.

Insgesamt ist alles im grünen Bereich und es gibt keinen Grund zur Sorge. Jede Operation verläuft anders und auf jeder Kopfseite laufen die Nerven etwas anders. Das Taubheitsgefühl im Ohr links wird in den nächsten Monaten verschwinden. Voraussichtlich am Mittwoch werde ich dann das kleine Pflaster hinter dem Ohr bekommen. Der Magnet wird besser halten, wenn die Schwellung weg ist – eventuell brauche ich links einen etwas stärkeren Magneten als rechts. Dennoch bin ich etwas genervt von dem im Vergleich zum rechten Ohr langsamen Heilungsprozess. Letztendlich ist das Jammern auf hohem Niveau: Mein Gleichgewichtssinn ist unbeschädigt. Ich habe weder Schwindel noch Tinnitus und keine Geschmacksveränderungen. Dennoch ist links alles etwas schlechter gelaufen als rechts: Die Operation, der Krankenhausaufenthalt (trotz 2-Mann-Zimmer), die Frühanpassung mit dem doch sehr blechernen Sound und der langsamere Heilungsprozess.

Auf der positiven Seite steht allerdings, dass ich trotz des blechernen Sounds links auf Anhieb ein gutes Sprachverständnis hatte und die Kombination aus beiden Implantaten sehr gut funktioniert. Also heißt es Geduld haben, sich schonen und die Wunde in Ruhe ausheilen lassen und dann wieder Gas geben. Ich fahre generell nicht gern mit angezogener Handbremse durchs Leben, aber manchmal geht es halt nicht anders.

 

Tag 67/4 – The White Lilies

Heute probiere ich zusammen mit Junior I zum ersten Mal den Kopfhörerverstärker aus, den ich zum Musizieren benötige. Dieses kleine Wunderwerk der Technik ermöglicht es, eine Musikquelle (Laptop oder Handy) auf verschiedene Ausgabegeräte wie z.B. Kopfhörer zu spielen und die Lautstärke für jedes Gerät individuell anzupassen. Ich kann die Musik damit so laut in meinen Soundprozessor speisen, dass sie mein Schlagzeugspiel übertönt. Junior I hat ebenfalls einen Kopfhörer auf; außerdem haben wir noch eine leistungsfähige Aktivbox angeschlossen.

Mit diesem Setup ist es möglich, dass wir zusammen Musik machen bzw. zu Pop- oder Rocksongs spielen: Ich am Schlagzeug und Junior I an der E-Gitarre. The White Lilies. Und es macht einen Heidenspaß – auch wenn wir noch nicht eingespielt sind und wenig gemeinsame Songs im Repertoire haben. Aber daran können wir jetzt arbeiten – und vielleicht auch eigene Songs kreieren oder einfach improvisieren. Gottseidank überschneidet sich unser Musikgeschmack schon in vielen Fällen – Junior I steht ebenso wie ich unter anderem auf soliden, klassischen Rock und auch etwas Indie. Mal sehen, wo das endet – ich werde wohl mehr üben müssen jetzt. Aber es macht auch viel mehr Spaß.

Ansonsten passiert heute nicht viel – der Kopfverband nervt. Das Ohr ist immer noch geschwollen. Ich freue mich darauf, dass morgen beim HNO-Arzt der lästige Kopfverband wegkommt und durch ein großes Pflaster hinter dem Ohr ersetzt wird. Dann kann ich den Soundprozessor links auch endlich auf das Ohr setzen, anstatt ihn in den Verband zu stecken, was recht unbequem ist und nur funktioniert, wenn ich eine Mütze darüber ziehe. Gottseidank ist es nicht mehr so heiß; mein Kopf freut sich trotzdem darauf, wieder frei atmen zu können.