Tag 70/7 – Gesellschaft

Auch am nächsten Morgen wird viel gesprochen. Gegen Mittag verabschiede ich mich und besuche anschließend einen guten Freund, der im selben Ort wohnt. Natürlich ist auch dieser Besuch mit sehr vielen Gesprächen verbunden. Am Nachmittag schauen wir zusammen eine Folge einer Netflix-Serie – ohne Untertitel. Ich kenne diese Episode bereits und kann deshalb auch ohne die Untertitelung gut folgen. Anschließend geht es nach Hause. Da der Tag doch sehr anstrengend war, wird im Auto überwiegend Musik gehört. Irgendwann ist man halt auch mit Implantaten müde und braucht eine Kommunikationsauszeit.

Später am Abend besuchen wir noch Nachbarn und Freunde, die gestern Geburtstag hatten. Ich bin hörmäßig wieder fit und unterhalte mich lange mit der ZweitBestenHälfte des Geburtstagskindes, den ich schon länger kenne. Bislang hatten wir nie viel gesprochen, weil ich ihn nicht so gut verstehe. Ich kenne viele Menschen in meinem persönlichen Umkreis, die ich gerne mag, aber mit denen ich sehr wenig spreche, weil die Kommunikation bislang so schwierig war. Man trifft sich meistens in der Gruppe und ich sitze dann dabei, trinke mit und führe einige, wenige und kurze Einzelgespräche mit Personen, die ich gut verstehe. Ich bin diese Situation gewöhnt und die Menschen um mich herum sind daran gewöhnt, dass ich am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, ohne aktiv zu kommunizieren. Das ist schwer zu erklären und schwer vorstellbar, aber kannte es bislang nicht anders. Jetzt, mit den Implantaten, ist es anders – ich bin aktiv dabei. Ich verstehe fast jede Person gut. Ich kann mich in laufende Gespräche einschalten.

Vor allem haben meine Mitmenschen weniger Angst, mir Fragen zu stellen, die ich womöglich nicht verstehe und die mehrmals wiederholt werden können. Wenn man etwas einmal nicht versteht, ist das kein Problem. Wenn man es beim zweiten Mal nicht versteht, wird die Situation potentiell schwieriger – der Gesprächspartner versucht dann meistens, lauter zu sprechen. Wenn man es auch beim dritten Mal nicht versteht, wird die Situation unangenehm. Der Gesprächspartner weiß nicht mehr, was er machen und wie er sprechen soll. Je nach Verzweiflungsgrad antworte ich dann einfach mit Ja oder Hmm oder Ok, damit sich die Situation auflöst. Und hoffe, dass keine weiteren Fragen mehr kommen. In den meisten Fällen lässt der Gesprächspartner dann ab und wendet sich nach einer kurzen Zeitspanne, um nicht unhöflich zu wirken, anderen Gesprächspartnern zu. Oder ich gehe auf die Toilette, um die Situation auf diese Art und Weise zu lösen.

Ich habe viele Strategien parat, um mit solchen Situationen, die für mich bislang Alltag waren, umzugehen. Ich bin ein Meister darin, Menschen zuzuhören, ohne auch nur ein einziges Wort zu verstehen. Vor allem Menschen, die gerne und viel reden, bekommen das im Normalfall gar nicht mit. Wenn Fragen gestellt werden, kann man meistens mit einer nichtssagenden Floskel antworten: Mhmm. Ok. Rhetorische Fragen erkennt man gut daran, dass die Betonung am Satzende nach oben geht. Denken die wirklich, ich bin so blöd? Bei solchen Intonationen antworte ich immer mit natürlich nicht oder ne echt? oder schüttele einfach ungläubig den Kopf. Es gibt viele Tricks, die einem Gegenüber zeigen, dass man dem Gespräch folgt. Richtig gefährlich sind nur Rückfragen, die man richtig beantworten muss. In diesem Fall heisst es dann sorry, aber die Frage habe ich jetzt nicht mehr verstanden. Normalerweise wird bei der Wiederholung dann so weit ausgeführt, dass man vernünftig antworten kann.

Das schlimmste, aber wirklich allerschlimmste, was man einem hörgeschädigten Menschen antun kann, ist die Frage Was hast Du verstanden? oder Was habe ich gesagt? Bitte überprüft niemals, wieviel ein Mensch mit Hörbehinderung versteht. Ich verstehe oft einzelne Wörter nicht oder Sätze, aber der Sinn des Gesagten erschließt sich mir nach einer Weile, wenn ich das Verstandene kombinieren kann. Ich frage nicht bei jedem Wort nach. Ich frage dann nach, wenn ich merke, dass ich den Faden verliere und gar nicht mehr in das Verstehen hineinkomme. Das kann manchmal auch erst nach 3 oder vier Sätzen der Fall sein, wenn ich bemerke, dass der kombinierte Zusammenhang keinen Sinn mehr ergibt. Man braucht erstaunlich wenig, um den Sinn eines Satzes zu verstehen. Gerade bei gesprochener Sprache gibt es viele Wiederholungen, viele Ähems und naja und ändere Füllwörter. Kommunikation ist für Hörgeschädigte ein Kampf. Die Frage was habe ich gesagt? ist eine vorgehaltene Pistole, die einen schachmatt setzt. Und selbst falsches- oder Nichtverstehen ist einfacher zu handhaben als eine Situation, in der sich herausstellt, dass man eben nicht alles verstanden hat. Der Sprecher interpretiert dies als Desinteresse an seinem Gesagten. Der Hörgeschädigte ist nicht desinteressiert, sondern kämpft die ganze Zeit mit Verstehensfetzen, die er zusammensetzen muss.

All diese Probleme gehören für mich weitgehend der Vergangenheit an. Ich erlebe kaum noch Situationen, in denen ich so wenig verstehe wie vorher. Merkwürdigerweise hatte ich immer etwas Angst davor, gut verstehen zu können und dennoch nicht in der Lage zu sein, nettes Small Talk zu machen. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Kind ein Außenseiter war und, unabhängig von meine schlechten Hören, schlecht mit anderen Kindern kommunizieren konnte. Ich habe die falschen Witze gemacht, über das Falsche gelacht und war einfach höllisch uncool, wie meine Kinder heute sagen würden. Ich habe keinen Anschluß gefunden, weil ich die kommunikativen Codes meiner gleichaltrigen Umwelt nicht entschlüsseln konnte. Ich habe keine Ahnung, woran das gelegen hat. Jeder kennt Menschen, die einfach sonderbar kommunizieren, die gern das Falsche sagen, die falschen Witze zum falschen Zeitpunkt machen und einfach nicht in eine Gesprächsrunde hineinkommen. Ich glaube, das es sich dabei nicht um Soziopathen handelt, wie man vielleicht glaubt, sondern um Menschen, die einfach Schwierigkeiten damit haben, kommunikative Codes zu entschlüsseln, die man braucht, um zu wissen, wie man mitreden kann, ohne aufzufallen.

Ich bin froh, dass ich diese Probleme jetzt nicht mehr habe. Es macht mir viel mehr Spaß, in geselliger Runde zu sitzen, mich zu unterhalten, neue Menschen kennenzulernen und bereits bekannte Menschen besser kennenzulernen. Es ist nicht mehr so anstrengend. Natürlich muss ich mich noch konzentrieren, aber es ist weitaus weniger anstrengend als vorher und ich bekomme einfach viel mehr mit. Und bin mittendrin, statt nur dabei.

Tag 69/6 – Goodbye

Heute muss ich zu einer Beerdigung. Der Mann einer Schulfreundin, mit der ich immer noch sehr eng befreundet bin, ist in der letzten Woche überraschend an Krebs gestorben. Meine ErstBesteHälfte fährt mit, weil ich die Tour über 300 Kilometer jeweils hin und zurück inklusive der Beerdigung selbst noch nicht schaffe – das ist zu viel so kurz nach der Operation.

Auf der Fahrt bemerken meine ErstBesteHälfte und ich, wie ungewohnt es für uns ist, sich im Auto zu unterhalten. Ich bin bislang ein sehr stiller Fahrer oder Beifahrer gewesen und habe immer nur dann kommuniziert, wenn es wichtig war: Wo müssen wir lang? Wie fahren wir? Wir brauchen eine Pause. Die Musik gefällt mir nicht. Kannst Du bitte langsamer fahren. Schaumal, das Kennzeichen ist lustig. Was für ein schöner Sonnenuntergang! Ich habe beim Fahren nur dann verstanden, wenn ich meinen Gesprächspartner angeschaut habe. Und meinen Gesprächspartner nur dann, wenn ich von seinen Lippen ablesen konnte. Mitfahrer auf den Rücksitzen konnte ich nur verstehen, wenn ich den Rückspiegel auf ihr Gesicht gelenkt habe. In den 90er Jahren, in denen ich oft Mitfahrer über die Mitfahrzentrale mitgenommen habe, wenn ich beispielsweise meine Schwestern in Berlin besucht habe, habe ich gleich zu Beginn der Fahrt darauf hingewiesen, dass Kommunikation mit mir nicht ohne weiteres möglich ist. Das ist für viele Menschen ungewohnt; aber man gewöhnt sich an alles. Für uns und insbesondere für die ErstBesteHälfte ist es jetzt ungewohnt, dass sie auf dem Beifahrersitz nicht abschalten kann, sondern dass ich Gespräche beginne. Das ist einerseits toll, aber andererseits auch eine komplett neue Situation, auf die wir uns erst einmal einstellen müssen.

Am Zielort setze ich die EBH in der Stadt ab und fahre zur Wohnung meiner Freundin. Bis zur Beerdigung sind noch zwei Stunden Zeit und wir nutzen diese, um das unvorstellbare Geschehen der letzten Tage zu besprechen. In dieser Situation hilft es sehr, dass ich mit meinen Implantaten flüssig verstehen kann. Gerade in Situationen, die emotional sehr nahe gehen, ist es sehr schwierig, wenn man alles zwei- oder dreimal wiederholen und deutlich sprechen muss. Weinende Menschen habe ich immer sehr schlecht bis gar nicht verstanden. Lachende übrigens auch nicht: Jegliche Emotion, die das Sprechen beeinträchtigt, ist für hörgeschädigte Menschen ein echtes Handicap. Ich wäre übrigens sehr gern Kinderpsychologe geworden – das war einer meiner ersten ersthaften Berufswünsche. Aber auch wenn ich glaube, dass man auch mit Handicap fast alles erreichen kann, wäre dies wohl eine sehr schwierige Konstellation geworden. Denn Kinder sprechen per se meistens undeutlich und Kinder, die ein psychologisches Problem haben, haben keine Ressourcen dafür, enorm deutlich zu artikulieren. Bevor ich Kinderpsychologe werden wollte, wollte ich übrigens Fernfahrer werden. Das habe ich aber auch nicht gemacht, weil ich keinen Funk verstehen kann.

Die Beerdigung selbst ist unspektakulär, so schön, wie eine Beerdigung eben sein kann und natürlich tieftraurig. Bei der Trauerrede verstehe ich nicht alles, weil die Konzentration schwer fällt und die Rednerin recht weit entfernt steht – aber dennoch viel mehr als mit Hörgeräten. Reden habe ich bislang nie verstanden und das hat mich immer sehr geärgert. Weder auf Beerdigungen noch auf Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten – man ist in solchen gesellschaftlichen Situationen außen vor, zumal man sich auf einer Beerdigung oder bei einer Hochzeitsrede als Gast auch nicht einfach direkt vor den Redner setzen kann. Manchmal ist es möglich, das Redemanuskript zu bekommen – vorher oder hinterher. Aber das gemeinschaftliche Gefühl, dieser Moment, in dem Dinge eine größere Anzahl Personen bewegt und zum Lachen oder Nachdenken bringt, erfasst einen nicht, wenn man nicht versteht, was gesagt wird.

Der Rest des Tages ist Reden und vor allem Zuhören. Früher hätte mich so etwas sehr angestrengt und ich wäre spätestens am Nachmittag nicht mehr aufnahmefähig gewesen. Heute, mit beiden Implantaten im Kopf, kann ich zuhören und Trost spenden bis in die Nacht. Letztendlich übernachte ich vor Ort und die ErstBesteHälfte schläft bei einer Freundin.

 

 

Tag 68/5 – Slow down

Heute morgen steht der Nachuntersuchungstermin beim HNO-Arzt auf dem Programm. Mein HNO-Arzt freut sich sehr über den Erfolg auch auf dem linken Ohr. Leider sieht die Wunde nicht ganz so gut aus wie bei der ersten Operation: Die linke Kopfseite ist immer noch etwas geschwollen. Die Spule mit dem Magneten hat schlechten Kontakt und fällt von selber leicht vom Kopf – zum Beispiel dann, wenn ich mich bücke. Auch hinter dem Ohr ist immer noch eine deutlich sichtbare Schwellung. Mein linkes Ohr fühlt sich weitgehend taub an. Im Mittelohr blutet es noch ein wenig. Ich bekomme deshalb leider kein Pflaster hinter dem Ohr, sondern einen neuen Verband samt Riesenpflaster auf das Ohr, das quasi über das halbe Gesicht reicht. Wunderschön! So hatte ich mir das nicht vorgestellt – vor allem weil ich morgen zu einer Beerdigung muss. Aber Sicherheit geht vor.

Insgesamt ist alles im grünen Bereich und es gibt keinen Grund zur Sorge. Jede Operation verläuft anders und auf jeder Kopfseite laufen die Nerven etwas anders. Das Taubheitsgefühl im Ohr links wird in den nächsten Monaten verschwinden. Voraussichtlich am Mittwoch werde ich dann das kleine Pflaster hinter dem Ohr bekommen. Der Magnet wird besser halten, wenn die Schwellung weg ist – eventuell brauche ich links einen etwas stärkeren Magneten als rechts. Dennoch bin ich etwas genervt von dem im Vergleich zum rechten Ohr langsamen Heilungsprozess. Letztendlich ist das Jammern auf hohem Niveau: Mein Gleichgewichtssinn ist unbeschädigt. Ich habe weder Schwindel noch Tinnitus und keine Geschmacksveränderungen. Dennoch ist links alles etwas schlechter gelaufen als rechts: Die Operation, der Krankenhausaufenthalt (trotz 2-Mann-Zimmer), die Frühanpassung mit dem doch sehr blechernen Sound und der langsamere Heilungsprozess.

Auf der positiven Seite steht allerdings, dass ich trotz des blechernen Sounds links auf Anhieb ein gutes Sprachverständnis hatte und die Kombination aus beiden Implantaten sehr gut funktioniert. Also heißt es Geduld haben, sich schonen und die Wunde in Ruhe ausheilen lassen und dann wieder Gas geben. Ich fahre generell nicht gern mit angezogener Handbremse durchs Leben, aber manchmal geht es halt nicht anders.

 

Tag 67/4 – The White Lilies

Heute probiere ich zusammen mit Junior I zum ersten Mal den Kopfhörerverstärker aus, den ich zum Musizieren benötige. Dieses kleine Wunderwerk der Technik ermöglicht es, eine Musikquelle (Laptop oder Handy) auf verschiedene Ausgabegeräte wie z.B. Kopfhörer zu spielen und die Lautstärke für jedes Gerät individuell anzupassen. Ich kann die Musik damit so laut in meinen Soundprozessor speisen, dass sie mein Schlagzeugspiel übertönt. Junior I hat ebenfalls einen Kopfhörer auf; außerdem haben wir noch eine leistungsfähige Aktivbox angeschlossen.

Mit diesem Setup ist es möglich, dass wir zusammen Musik machen bzw. zu Pop- oder Rocksongs spielen: Ich am Schlagzeug und Junior I an der E-Gitarre. The White Lilies. Und es macht einen Heidenspaß – auch wenn wir noch nicht eingespielt sind und wenig gemeinsame Songs im Repertoire haben. Aber daran können wir jetzt arbeiten – und vielleicht auch eigene Songs kreieren oder einfach improvisieren. Gottseidank überschneidet sich unser Musikgeschmack schon in vielen Fällen – Junior I steht ebenso wie ich unter anderem auf soliden, klassischen Rock und auch etwas Indie. Mal sehen, wo das endet – ich werde wohl mehr üben müssen jetzt. Aber es macht auch viel mehr Spaß.

Ansonsten passiert heute nicht viel – der Kopfverband nervt. Das Ohr ist immer noch geschwollen. Ich freue mich darauf, dass morgen beim HNO-Arzt der lästige Kopfverband wegkommt und durch ein großes Pflaster hinter dem Ohr ersetzt wird. Dann kann ich den Soundprozessor links auch endlich auf das Ohr setzen, anstatt ihn in den Verband zu stecken, was recht unbequem ist und nur funktioniert, wenn ich eine Mütze darüber ziehe. Gottseidank ist es nicht mehr so heiß; mein Kopf freut sich trotzdem darauf, wieder frei atmen zu können.

Tag 66/3 – Telefonitis

Heute morgen bekomme ich etwa einminütige Sprachnachricht meiner Mutter auf WhatsApp, die ich auf Anhieb verstehe. Klasse! Kurz danach telefonieren wir. Ich verstehe fast alles und muss während des Gesprächs nur ein- oder zweimal nachfragen. Direkt anschließend rufe ich meine jüngere Schwester an. Und auch dieses Telefonat läuft prima. Ich verstehe fast alles, was nicht ganz leicht ist, weil sie gerade Auto fährt und die Fahrgäste sich unterhalten – auch das bekomme ich mit. Wir telefonieren eine halbe Stunde später noch einmal in Ruhe und abgesehen davon, dass wir beide doch sehr ergriffen sind und unsere Stimmen etwas stocken, verstehe ich alles super.

Wer hätte gedacht, dass Telefonieren überhaupt noch einmal so gut funktionieren wird. Anschließend rufe ich direkt einen sehr guten Freund an und auch dabei klappt alles super. Vermutlich kann ich mich jetzt nicht mehr drücken und es ist quasi offiziell: Ich kann nach etwa 30 Jahren wieder telefonieren. Ich werde sicherlich nicht immer alles und nicht immer alle Personen verstehen. Meine Gegenüber müssen langsam und deutlich reden und ich muss das Gespräch führen – minutenlangen Monologen werde ich noch nicht folgen können. Und es geht erstmal nur auf Deutsch. Aber es klappt tausendmal besser, als ich es mir je erhofft habe und es wird in den kommenden Monaten noch besser werden. Dass der Kopf immer noch etwas schmerzt und geschwollen ist, der Kopfverband nervt und ich den Soundprozessor links nur tragen kann, wenn ich ihn in den Verband reinstecke und dann eine Beanie-Mütze drüber ziehe, ist ein kleiner Preis dafür.

Am liebsten würde ich gerade meine komplette Kontaktliste abtelefonieren, aber ich weiß gar nicht, wen ich zuerst anrufen und was ich am Telefon sagen soll. Das ist für mich alles total ungewohnt – und für die Menschen, die mich kennen auch. Aber das werde ich lernen. Auf Texten und Chatten möchte ich trotzdem nicht verzichten – das wird immer mein wichtigstes Kommunikationsmedium bleiben. Ich habe die meisten meiner guten Freunde über das Chatten kennengelernt. Chatten war bei mir allerdings nur selten Selbstzweck, sondern ein Kommunikationseinstieg und ich habe die meisten Menschen, mit denen ich viel und gern gechattet habe, irgendwann persönlich getroffen. Und in den meisten Fällen sind Freundschaften daraus gewachsen – in einigen Fällen sogar sehr gute Freundschaften und in einem Fall eine ErstBesteHälfte.

Der Rest des Tages ist Regeneration, Fußball schauen mit den Kids und ein bißchen Musik hören. Ich bin immer noch recht schnell k.o. und nehme immer noch Schmerztabletten – vor allem vor dem Schlafen gehen, weil der Kopf nach einer Stunde Liegen schmerzt. Das war beim ersten Mal auch so – ein paar Tage wird es noch dauern, bis ich wieder richtig erholsamen Schlaf finde. Aber auch das werde ich überleben.

 

 

Tag 65/2 – In die Vollen

Auch heute habe ich wenig geschlafen – es ist einfach schwierig, mit einem Druckverband um den Kopf Ruhe zu finden. Auf der implantierten Seite kann ich nicht liegen; wenn ich mich auf die rechte Seite drehe, drückt es links auch. Der Kopf in der Waagerechten dröhnt auch ganz schön – also stelle ich das Krankenhausbettkopfteil hoch und versuche, gerade zu schlafen. Mit Musik im Ohr geht es dann halbwegs.

Um halb sieben weckt wieder das bezaubernder Flutlicht im Krankenzimmer, unter dem der ärztliche Visitentrupp einläuft. Ich habe mit meinem Bettnachbarn die Theorie entwickelt, dass dieses frühe, überfallartige Visitentum einen strategischen Hintergrund hat: Man ist in diesem Moment einfach noch so schlaftrunken, dass man quasi allem zustimmt, nichts hinterfragt und komplett wehrlos ist, weil das Gehirn noch damit beschäftig ist, die Synapsen in die korrekte Spur zu bugsieren. Sollte man es zu diesem frühen Zeitpunkt wirklich schaffen, kritische Fragen zu stellen, flieht die ganze weiße Meute vermutlich sofort durch den Hinterausgang, weil sie damit nicht rechnet. Natürlich tue ich den Ärzten unrecht – zumindest bei mir ist alles super gelaufen und alle Beteiligten haben einen Top Job gemacht. Das bekommen sie von mir dann auch zu hören, nachdem ich es schaffe, meine Sinne halbwegs zusammenzukramen und über meinen raschen Hörerfolg zu berichten. Ich freue mich sehr über das Lob “Vorzeigepatient”, frühstücke, gehe duschen und packe meine Sachen.

Anschließend bekomme ich einen neuen Druckverband, weil die Kopfschwellung doch noch recht hoch ist und die Wunde ein bißchen blutet. Das hat beim letzten Mal besser geklappt, ist aber insgesamt kein Grund zur Sorge. Jede Operation ist anders und jeder Heilungsprozess läuft anders. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass ich die erste OP direkt nach dem Urlaub hatte und gut erholt war. Dieses Mal war ich wegen einer kleinen Magen-Darm-Infektion in der vorigen Woche nicht ganz so fit. Aber insgesamt ist alles im grünen Bereich.  Dann ist auch schon der Entlassungsbrief da und ich wünsche meinem Bettnachbarn, der heute auch entlassen wird, alles Gute. Wir hatten viel Spaß und ich hoffe sehr, dass wir uns irgendwann nochmal wieder über den Weg laufen.

Das rechte Implantat ist natürlich schon am Morgen drin. Die verschiedenen Höreindrücke rechts und links sind schwierig. Ich höre mit beiden Implantaten zusammen natürlich besser als mit dem rechten alleine, aber mit dem neuen, linken alleine ist es schwierig – alles ist viel leiser und undeutlicher. Das ist übrigens völlig normal – das rechte Ohr hat schließlich zwei Monate Hörvorsprung. Beim Musik hören merke ich den Unterschied schon nicht mehr so stark, aber wenn ich die Geräte nacheinander stumm schalte, ist es rechts klar und links hört es sich an, als hätte ich ganz viel Wasser im Ohr.

Dann ist die ErstBesteHälfte auch schon da und wir fahren direkt zu einem Autohändler, weil das ErstBesteAuto leider kaputt ist und ein neues her muss. Auf der Fahrt döse ich noch ein wenig. Anschließend schauen wir uns das Auto im Nachbardorf an und diskutieren mit dem Verkäufer im Autohaus über Konditionen. Ich verstehe alles ausgezeichnet, aber leider kann ich auch mit zwei funktionierenden Implantaten nicht gut verhandeln – dafür gibt es kein Programm. Schade. Nach einer kurzen Probefahrt fahren wir dann nach Hause und rufen einen anderen Autohändler in Wolfsburg an. Oder genauer gesagt: Ich rufe an – mit der ErstBestenHälfte als Dolmetscher, die hinterher total aus dem Häuschen ist, weil ich so viel verstanden habe. Ich habe das selber gar nicht gemerkt. Natürlich habe ich nicht alles verstanden – vor allem dann nicht, als die Dame am Telefon recht lange die Vorzüge des gewünschten Fahrzeugs runterbetete. Aber kurze Dialoge gehen erstaunlich gut – und das selbst mit dem schlechten Lautsprecher am Smartphone; die Kopfhörer habe ich nicht benutzt.

Anschließend geht es erstmal ins Bett – Musik hören und ausruhen. Und dann kann ich es einfach nicht lassen und setze mich ans Schlagzeug: Guns N’ Roses volle Pulle auf beide elektronische Ohren, Umgebungsgeräusche auf Minimum und ab geht die Post, bis ich halb durchgeschwitzt bin. Eigentlich sollte ich mich schonen, aber es macht so dermaßen viel Spaß, endlich wieder mit beiden Ohren Musik machen zu können, dass es mir in diesem Moment egal ist. Das Schlagzeug war vor der Implantation ja meine letzte Hoffnung, überhaupt noch Musik machen zu können – und es ging nur solo. Jetzt kann ich endlich wieder richtig mit Begleitung Musik machen. Und auch wenn Telefonieren vermutlich wichtiger ist: Wenn ich eine Sache auswählen müsste, würde ich die Musik nehmen. Ohne Telefon komme ich seit 30 Jahren recht gut klar, auch wenn es manchmal schwierig ist. Das Musik machen hat mir viel mehr gefehlt. Und jetzt geht beides wieder. Let’s rock it!

Tag 64/1 – Stereo

Auch heute schlafe ich nicht besonders gut. Die Schwellung am Kopf ist über Nacht aber sichtbar zurückgegangen – sicherlich auch dank des Druckverbandes, der zwar etwas lästig war, aber seine Arbeit gut getan hat. Nach dem Frühstück kommt meine Familie zum Besuch. Die Frühanpassung im Deutschen Hörzentrum ist erst um 14 Uhr angesetzt. Also trinken wir schön Kaffee zusammen und anschließend gehen Frau und Kinder ein bißchen in der City shoppen, während ich mich ausruhe und mit dem rechten Ohr Musik höre.

Um kurz vor Zwei treffen wir uns dann vor dem Deutschen Hörzentrum wieder. Wie auch schon bei der ersten Implantation bin ich sehr aufgeregt. Wird es genauso gut funktionieren wie rechts? Oder schlechter? Oder vielleicht sogar besser? Erst einmal muss Papierkram erledigt werden – Registrierung, Krankenakte und Terminfindung für die Erstanpassungswoche, die in genau vier Wochen stattfinden wird. Leider ist der am Montag bestellte Prozessor noch nicht eingetroffen, aber Med-El hat noch ein Gerät in der von mir bestellten Farbe (weiß) vorrätig, so dass die heutige Frühanpassung wie geplant erfolgen kann.

Das erste Signal sieht gut aus – der Kontakt ist da und das Implantat funktioniert. Nachdem ein stärkerer Magnet in die Hörspule eingesetzt worden ist, um trotz der noch vorhandenen Kopfschwellung einen optimalen Kontakt zu ermöglichen, werden die 16 Elektroden durchgetestet. Wie auch beim rechten Ohr vor zwei Monaten kommen alle Signale hervorragend durch und ich bin unheimlich erleichtert, dass technisch alles so funktioniert, wie es soll. Die emotionale Anspannung bei diesem Test ist enorm. Selbst wenn es erst einmal nur um Töne und noch nicht um Sprache geht, entscheidet sich an diesen Punkt, ob das Hören mit dem Implantat möglich sein wird. Natürlich wird schon während der Operation überprüft, ob das Implantat funktioniert und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Test zwei Tage später nicht erfolgreich ist, ist mehr als gering. Aber dennoch ist dieser erste Test das für mich der Punkt, wo sich die ganze Anspannung der letzten Wochen und Tage schlagartig entlädt und mir das Wasser in die Augen schießt. Es hat geklappt, es wird alles gut.

Nach dem Funktionstest der Elektroden wird die Lautstärke der verschiedenen Töne eingestellt, damit ich alle Frequenzen gleich laut höre. Dann wird der neue Soundprozessor eingeschaltet und den rechten nehme ich erst einmal ab. Und ich höre. Es ist anders als beim ersten Mal vor zwei Monaten – zumindest glaube ich das, denn ich weiß nicht mehr, wie genau ich am ersten Tag mit dem rechten Implantat gehört habe. Der Sound ist ingesamt viel blecherner als auf der rechten Seite, aber ich höre dafür keine Micky-Maus-Stimmen: Alle Stimmen hören sich gleich am Anfang ziemlich natürlich an und ich verstehe meine Audiologin und die ErstBesteHälfte auf Anhieb. Selbst ohne Lippenablesen verstehe ich etwa die Hälfte der gesprochenen Worte. Alles hört sich klar an – aber irgendwie auch wie durch einen Blecheimer gesprochen. Ich weiß nicht mehr, ob dies auch beim der ersten Frühanpassung am Anfang so war – damals war ich so ungeheuer froh, dass ich überhaupt etwas mit dem Implantat gehört habe, dass mir der Sound relativ egal war. Nach zwei Monaten habe ich jetzt auf der rechten Seite ein sehr gutes Hörgefühl und im Vergleich zu der neu implantierten linken Seite hört sich natürlich alles viel besser an. Das ist schwieriger als beim ersten Mal und dämpft die Euphorie etwas.

Der rechte Soundprozessor bleibt erst einmal aus, damit ich mich ganz auf das neue elektronische Ohr links konzentrieren kann. Denn dieses Ohr muss sich jetzt auch erst einmal an das neue Hören gewöhnen. Weil das rechte Ohr nach zwei Monaten mit dem Implantat schon deutlich weiter ist, würden die Einstellungen, die ich auf dieser rechten Seite habe, das linke Ohr am Anfang restlos überfordern. Also bleibt es links erst einmal bei den Werkseinstellungen mit grob angepassten Lautstärke-Einstellungen, die wir am Ende der Anpassungssitzung noch etwas feintunen.

Danach geht es zu Med-El, um den restlichen Papierkram inklusive Registrierung des neuen Gerätes abzuschließen. Ich habe jetzt beide Soundprozessoren an und das beidseitige Hören macht Spaß – auch wenn der Sound auf der neu implantierten linken Seite beschissen ist. Interessanterweise verstehe ich Sprache dennoch deutlich besser als am Anfang auf dem rechten Ohr. Ich hoffe, dass sich der Soundeindruck des linken Ohres in den nächsten Wochen dem rechten angleicht und dass ich dann mit beiden in etwa gleich hören kann. Dazu muss ich das neu implantierte linke Ohr “solo” trainieren, weil das Gehirn sich ansonsten auf den besser funktionierenden rechten Hörteil fokussiert. Den rechten Soundprozessor darf ich aber auch nicht vernachlässigen, weil mein Hören auf dieser Seite dann wieder zurückgeworfen wird. Ich muss also schauen, dass das linke Ohr an den Level des rechten Ohres herankommt und es entsprechend mehr fordern. Das wird gar nicht so leicht.

Dann sind wir durch. Ich bin ziemlich k.o. und schicke die glückliche Familie nach Hause. Nach einer kurzen Ruhepause kann ich es mir dann nicht verkneifen, meine Hörtraining-Apps mit dem neu implantierten linken Ohr zu testen. Ich erreiche bei nahezu allen Hörübungen auf Deutsch die volle Punktzahl – Preise, Uhrzeiten, Zahlen, Einsilber, Sätze vervollständigen: Alles kommt sauber an und wird gut verstanden. Selbst mit Störgeräusch verstehe ich das meiste Gesprochene. Meine ErstBesteHälfte schickt mir kurz darauf eine Sprachnachricht über WhatsApp, die ich ebenfalls – nur mit dem linken, frisch implantierten Ohr – beim ersten Hören einwandfrei verstehe. Wow. Damit habe ich nicht gerechnet.

Musik hört sich auf dem frisch implantierten Ohr deutlich schlechter an als auf dem rechten – ich habe das Gefühl, dass die mittelhohen Frequenzen zu stark betont sind. Vielleicht kann ich das morgen noch einmal nachjustieren lassen – ansonsten muss ich vier Wochen bis zur Erstanpassungswoche warten. Aber dennoch ist es ein wundervolles Gefühl, Musik auf beiden Ohren zu hören – selbst wenn der Sound links noch nicht optimal ist. Ich bin mehr als zufrieden und freue mich auf die kommenden Tage!

Tag 63 – Regeneration

Ich habe in der Nacht schlecht geschlafen. Der Kopf tut weh. Nach dem Frühstück döse ich noch ein bißchen im Bett und das scheint erholsamer zu sein als die unruhige Nachtruhe. Dann geht es zum obligatorischen Hörtest. Wie erwartet sind auf dem operierten Ohr nur noch minimale Hörreste vorhanden, die sich kaum messen lassen, weil der Kopfhörer beim Hörtest irgendwann so stark vibriert, dass ich nicht mehr weiß, ob ich etwas höre oder fühle.

Vor der Implantation
Nach der Implantation

Ich hatte mir eigentlich etwas mehr Resthörvermögen erhofft, aber letztendlich ist es egal, weil ich auf natürlichem Wege sowieso nicht mehr hören kann. Wichtiger ist, dass es mit dem Cochlea-Implantat gut funktioniert. Also nicht ärgern.

Der Rest des Tages ist unspektakulär – Musik hören (natürlich nicht mit dem frisch implantierten Ohr), ein bißchen rumlaufen und frische Luft schnappen, Abends Fußball schauen und die ganze Zeit hoffen, dass auch das linke Implantat so gut funktionieren wird wie das rechte. Wegen des Feiertages passiert sonst nichts mehr und das Krankenhaus ist voller Besucher. Mein Kopf ist auf der linken Seite noch ziemlich geschwollen. Ich hoffe, dass die Schwellung bis morgen wieder soweit zurück geht, dass die Frühanpassung möglich ist.

Tag 62 – OP Reloaded

Heute morgen stehe ich als zweiter Operationstermin auf dem Plan und damit wird es gegen halb 11 bis 11 Uhr losgehen, wie mir bei der Visite um halb 7 nochmal mitgeteilt wird. Dann heißt es warten, warten, warten. Die Nervosität steigt. Ich darf nichts trinken und nichts essen. Die ErstBesteHälfte trifft gegen 8 im Krankenhaus ein und wir sind beide nervös und wissen nicht wirklich, wie wir die Zeit bis zur OP am besten überbrücken sollen. Also warten wir. Und warten. Halb 11. 11 Uhr. 11:30. Kurz vor 12 kommt dann endlich die Schwester mit der Scheißegal-Pille und gibt das Startsignal. Also rein in den OP-Kittel und dann steht auch schon der Hol- und Bringservice in der Tür.

Ich bin nicht ganz so nervös wie beim ersten Mal, aber wäre jetzt trotzdem lieber irgendwo am Strand unter Palmen, anstatt von einem Pflegeazubi polternd durch die Flure bugsiert zu werden. Küsschen von der ErstBestenHäfte – und dann liege ich noch etwa 20 Minuten im OP-Bereich. Danach verschwimmt die Erinnerung wieder – die Betäubungsmaske bekomme ich irgendwie noch mit. Irgendwann wache ich im Aufwachraum wieder auf und wundere mich über das Deckenmuster. Wie auch beim ersten Mal ist mir kaum übel. Ich checke meine Gesichtsmuskeln und bin froh, dass sich alles bewegt. Schwindelig ist mir auch nicht. Dann werde ich zurück ins Zimmer gekarrt, wo ich noch ein bißchen vor mich her dämmere, bevor die ErstBesteHälfte am Bett steht und sich freut, dass sie ihre ZweitBesteHälfte wieder hat. Unschön ist, dass ich nicht dort wieder aus dem OP gefahren wurde, wo ich reingebracht wurde, sondern durch den Hinterausgang und die ErstBesteHälfte noch eine gute Stunde unten auf mich wartete, während ich schon wieder auf der Station war. Sorry, MHH: Das war ganz schlechte Krankenhauskommunikation.

Aber ich habe es überlebt. Der Kopf brummt natürlich gehörig; der Schmerz ist aber gut auszuhalten und ich stehe bereits nach etwa ein- bis zwei Stunden wieder vorsichtig auf den Beinen. Der Blutdruck ist ok, ich habe kein Fieber und alles scheint wie vorher zu schmecken. Der Rest des Tages ist Ausruhen, Freunde informieren, am Abend mit dem Bettnachbarn Fußball schauen und dann versuchen, in den Schlaf zu finden, was nicht so leicht ist, wenn der Kopf sich anfühlt, als hätte er das Rektum eines sibirischen Mammuts von innen untersucht.

Tag 61 – I want more

Heute morgen geht es wieder in die Medizinische Hochschule Hannover: Auch mein linkes Ohr bekommt morgen ein Cochlea-Implantat. I want more! Seit ich vor knapp zwei Monaten das erste Mal den Soundprozessor auf der rechten Seite angepasst bekommen und die ersten Töne gehört habe, habe ich das Hörgerät links nur noch einmal für knapp 5 Minuten getragen. Das Hörempfinden war im Vergleich zum CI dermaßen schlecht, dass ich es seitdem nicht mehr in die Hand genommen habe. Das linke Ohr hört ohne Hörgerät natürlich gar nichts mehr; trotzdem verstehe ich mit nur einem implantierten Ohr viel besser als vorher mit zwei Hörgeräten.

Da die Wunde auch sehr gut verheilt ist und ich keinerlei Probleme habe, gibt es also keinen Grund für das linke Ohr, zu warten – im Gegenteil. Je länger mein Hören auf der linken Seite brach liegt, desto schwieriger wird es, den Hörnerv wieder wachzukitzeln. Ein paar Wochen und vielleicht auch Monate sind kein Problem, aber wenn ich links über einen längeren Zeitraum gar nichts mehr höre, wird die “Reanimation” meines Ohrs schwieriger. Außerdem sind die Voruntersuchungen bei meinem ersten Krankenhausaufenthalt mit beiden Ohren gemacht worden und noch frisch – es sind also kein erneutes Röntgen, MRT oder sonstige Voruntersuchungen notwendig.

Der Start in den Tag ist nicht optimal – nach ca. 20 Kilometern Fahrt merke ich, dass ich meinen Ordner mit der Einweisung meines Hausarztes und den schon ausgefüllten Aufnahmebogen vergessen habe. Also drehe ich um und werde etwa 30 Minuten zu spät in der Klinik eintreffen. Nicht schön, aber kein Weltuntergang. Auf dem Plan stehen heute neben dem Check-In ein ärztliches Gespräch, zu dem nach ein paar Minuten der Oberarzt hinzukommt, der mich schon beim ersten Mal operiert hat. Er erinnert sich an mich und die Formalitäten sind schnell besprochen. Er ist sicher, dass ich auch auf dem linken Ohr einen guten Erfolg erzielen werde und ich stehe morgen früh als zweite OP auf dem Plan – werde also gegen 10, halb 11 operiert.

Anschließend folgt ein obligatorischer Hörtest im Deutschen Hörzentrum, bei dem festgestellt wird, dass ich auf dem rechten, bereits implantierten Ohr quasi gar kein Resthörvermögen mehr habe. Das ist eine unerfreuliche Überraschung. Direkt nach der OP habe ich auf diesem Ohr noch ein wenig gehört; heute musste der Kopfhörer so laut aufgedreht werden, dass ich nicht mehr sagen konnte, ob ich einen Ton höre oder fühle. Das kann mit der aktuellen Konstitution zusammenhängen – manchmal hört man einfach etwas mehr oder etwas weniger. Aber vermutlich ist mein Resthörvermögen nach der Implantation quasi nicht mehr vorhanden. Was eigentlich egal ist, da ich mit dem Implantat deutlich besser höre als vorher.

Nach dem Hörtest wird das Implantat für die linke Seite ausgewählt – natürlich wähle ich hier dasselbe Produkt wie im rechten Ohr: Das Sonnet von Med-El. Auch der linke Soundprozessor wird weiß sein. Damit ich ihn von der rechten Seite unterscheiden kann, auf der ich eine grüne Mikrofonabdeckung trage, wird diese Abdeckung links pazifikblau werden. Die Farben kann ich übrigens verändern – falls ich mal Lust auf Babyblau, Europäisch-Fleischfarben oder Knallorange habe. Ich werde beide Geräte mit einer Fernbedienung steuern können und auch bei der drahtlosen Übertragung wird der Ton via Teleschlinge in beide Geräte übertragen. Ich frage außerdem bei Med-El an, ob ich Akkus ausprobieren kann. Da diese aber nicht einmal einen ganzen Tag halten, werde ich wohl doch bei der Batterielösung bleiben – ich komme ich zwei Tage mit einem Batterieset pro Gerät aus und brauche damit ca. 12 Batterien pro Woche für beide Geräte.

Dann geht es zum Anästhesie-Vorgespräch, das ebenfalls schnell über die Bühne gebracht wird – ich kenne die Risiken und Formulare ja schon und unterschreibe quasi blind. Mittlerweile sind 6 Stunden vergangen – die Wartezeit ist heute enorm. Montag und Monatsanfang sind eine schlechte Kombination für ein Krankenhaus-Check-In. Ich habe dann aber alles hinter mir und freue mich darüber, dass ich dieses Mal ein 3-Bett-Zimmer habe, das kurz darauf zum 2-Bett-Zimmer wird. Mein Bettnachbar ist sehr nett und Fußballfan und -Jugendtrainer. Für anregende Unterhaltung in den nächsten Tagen ist also gesorgt.

Meine ErstBesteHälfte, die mich den ganzen Tag begleitet hat, fährt nach einem gemeinsamen Currywurstabendessen im Krankenhausimbiss nach Hause und ich schreibe, bis es dann ins Bett geht. Ich bin guten Mutes aber natürlich doch etwas nervös – und froh, wenn die OP überstanden ist.