Tag 27 – Kontext

Heute experimentiere ich mit der Teleschlinge, die eine drahtlose Bluetooth-Verbindung vom Laptop oder Smartphone zum Soundprozessor ermöglicht. Vorteil hierbei ist, dass man das Kabel nicht die ganze Zeit am Soundprozessor hängen hat. In einem früheren Beitrag habe ich schon geschrieben, dass der Sound vom Smartphone (Samsung Galaxy S9) über Teleschlinge deutlich schlechter ist als bei einer Direktverbindung. Interessanterweise ist der Sound besser, wenn ich die Teleschlinge statt mit dem Smartphone mit meinem MacBook Pro koppele. In beiden Fällen nimmt die Soundqualität im hohen Lautstärkenbereich stark ab und wird blechern, Mit der Tonübertragung per Kabel gibt es dieses Problem nicht. Sehr gut ist, dass die Umgebungsgeräusche bei einer Verbindung über Bluetooth komplett abgeschaltet sind. Ich kann damit das erste mal überhaupt Musik hören und Schlagzeugspielen – wow! Zwar höre ich das Schlagzeug so gut wie gar nicht mehr, aber ich weiß, was ich spiele und es macht wahnsinnig Spaß, die ganzen Songs, die ich bislang eingeübt habe, mit Begleitung zu spielen. Und es ist schwerer als ich dachte… Bei der Erstanpassung werde ich entweder die Kabelverbindung oder die kabellose so konfigurieren lassen, dass die Umgebungsgeräusche ganz leise sind – dann höre ich das Schlagzeug noch ein bißchen und die Musik deutlich. Das wird dann richtig cool. Let’s rock!

Ein weiteres Erfolgserlebnis gibt es, als ein Mitarbeiter von EWE, unserem regionalen Gasversorger, vor der Tür steht und eine Markierung am Haus anbringen will, die anzeigt, wo die Gasleitung angeschlossen ist. Eine solche Situation, auf die man nicht im Geringsten vorbereitet ist, war für mich früher enorm herausfordernd. Ich brauchte immer einen Kontext, um zu verstehen, worum es geht und das Lippenablesen auf diesen Kontext einzustellen. Ich muss vorher wissen, ob Deutsch oder Englisch gesprochen wird – sonst versuche ich vergeblich, aus dem Englischen deutsche Wörter vom Mund abzulesen oder anders herum. Meetings, in denen ohne Warnung zwischen Englisch und Deutsch gewechselt wird, sind für mich ein Worst Case. Gespräche mit Fachbegriffen ebenfalls. Immer dann, wenn ich nicht raten und kombinieren konnte, war ich bislang relativ hilflos. Ein junger Mann mit Laptop, der etwas über einen gelben Punkt erzählt, der ans Haus muss, wäre noch vor einigen Wochen für mich eine Hörkatastrophe gewesen. Ich muss auch heute einmal nachfragen, verstehe dann aber alles hervorragend.

Wenn ich bislang auf der Straße angesprochen wurde, habe ich meistens mit der Uhrzeit geantwortet – das passt in 40% aller Fälle. Wenn der Paketmann klingelte, gab es keine Probleme, weil ich in etwa weiß, was gesagt wird. Oder der Schornsteinfeger. Oder die Zeugen Jehovas, bei denen ich mich, wie ich zugeben muss, aber häufig völlig gehörlos gestellt habe, um sie schnellstmöglich wieder los zu werden. Die Polizei war Gottseidank noch nie bei uns – das wäre für mich enorm schwierig und meine Nervosität, weil ich nicht verstehe worum es geht, wäre sicherlich höchstverdächtig. Polizeikontrollen im Dunkeln sind ebenfalls ein großes Problem, weil ich nichts verstehe, wenn ich mit der Taschenlampe angeleuchtet werde. Und die Polizei mag es nicht besonders, wenn man sie darum bittet, die eigene Visage anzustrahlen. Bislang hatte ich es allerdings immer mit verständnisvollen Beamten zu tun, die schnell gemerkt haben, dass ich eine Hörbehinderung habe. Mit einer Behinderung wird man weniger streng kontrolliert und in den meisten Fällen durfte ich schnell weiterfahren. Vielleicht auch deshalb, weil die Situation einfach unangenehm ist und die Polizisten in dieser Situation unsicher werden. Das mögen sie nämlich auch nicht.

Hörbehinderung sieht man im Normalfall nicht – das finden Eltern hörgeschädigter Kinder zwar meistens ganz toll, aber es erschwert die Situation ungemein. Denn jemand, der nur Bahnhof versteht oder absurde Antworten gibt, wird intuitiv erst einmal als Soziopath oder Psychopath eingestuft. Oder als besoffen. Ich habe in der letzten Woche bemerkt, dass ich deutlich mehr Probleme habe, wenn ich meine Beanie-Mütze trage, die Soundprozessor und Implantat verdeckt. Das mache ich vor allem wenn draußen Wind weht, weil Windgeräusche in den Mikrofonen des Soundprozessors recht laut und störend sind. Meine Gegenüber sehen dann einfach nicht, dass sie deutlich sprechen müssen und verstehen meine ungewöhnlichen Antworten oder Reaktionen nicht. Es fehlt der Kontext. Wenn ich den Soundprozessor offen trage, was bei meiner Vollglatze sehr auffällt, habe ich zwar mehr starrende Blicke am Kopf, aber die Menschen stellen sich deutlich besser auf mich ein. Dies war auch der Grund, warum ich mich ab meinem ca. 18. Lebensjahr dafür entschieden habe, bunte Hörgeräte zu tragen. Und warum mein Soundprozessor und die Spule nicht fleischfarben sind – das wäre die letzte Farbe, die ich wählen würde, sondern weiß und grün. Außerdem sind es die Farben meines Lieblingsfußballvereines (neben dem BvB): Werder Bremen.

Fußball stand heute Abend auch wieder auf dem Programm: Junior I hatte ein Auswärtsspiel. Mir fiel auf, dass ich viele der ins Feld gebrüllten Anweisungen der Trainer verstand. Und auch die Traineransprache nach dem Spiel verstand ich aus ca. 5 Meter Entfernung hervorragend. Die Fußballeltern bei der Spielanalyse danach natürlich auch. Ich freue mich schon drauf, demnächst mal im Weserstadion die Schlachtrufe zu verstehen. Es gibt noch so viel zu entdecken!

 

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