Tag 175/112 – Marrakesch

Heute geht es nach Marrakesch – ich fliege zum ersten Mal nach Afrika, zum ersten Mal mit Hörimplantaten überhaupt und zum ersten Mal mit Hörimplantaten ins Ausland. Ich treffe dort einen guten Freund, der diese Reise zum Geburtstag von seiner Frau geschenkt bekommen hat und nicht weiß, dass ich dort auf ihn warte. Ich bin also quasi Teil des Geburtstagsgeschenkes.

Ich reise sehr gerne. Fremde Kulturen und Länder haben mich immer schon fasziniert. Pauschalurlaub im Hotel oder tagelang am Strand faulenzen war noch nie mein Ding. Ich möchte auf Reisen etwas erleben, unterwegs sein und Menschen, Orte und Kulturen kennen lernen. Ich mag auch Fremdsprachen sehr gerne. Englisch spreche ich fließend, wenn auch wegen meiner Hörbehinderung mit einer furchtbaren Aussprache. Französisch liebe ich, kann es aber nur rudimentär. Spanisch habe ich ein halbes Jahr in der Uni gelernt und dann aufgegeben. Auch Türkisch und Kurdisch habe ich ein wenig gelernt, weil ich vor Jahren in der sozialen Arbeit viel mit türkischen und kurdischen Familien zu tun hatte.

Mit einer Hörbehinderung ist das Lernen, Verstehen und Sprechen von Fremdsprachen enorm schwierig. Lippenablesen funktioniert so gut wie gar nicht und ein Sprachverständnis mit Hörgeräten von 0% hilft auch nicht gerade dabei, eine Sprache über das Hören zu erlernen. Über das Schriftliche kann man eine Sprache nur theoretisch lernen, nicht aber das Sprechen und noch weniger das Verstehen. Das war ein Problem, das für meine Entscheidung pro Hörimplantat mit ausschlaggebend war, denn im Beruf wird bei mir überwiegend Englisch gesprochen.

Das Einchecken am Flughafen ist auch mit Hörimplantaten problemlos. Ich habe meinen Implantatsausweis zur Hand, weil der Sicherheitsscanner wegen der Magnete in meinem Kopf piepen wird. Die Soundprozessoren lege ich vor dem Durchgang durch den Scanner ab und schalte sie aus – auf Empfehlung von Med-El hin, die ich vor der Reise extra noch einmal kontaktiert hatte, weil es sehr widersprüchliche Angaben dazu gibt, ob und wie man mit Hörimplantaten durch Körperscanner hindurchgehen darf. Jedenfalls verläuft alles vollkommen problemlos und beide Soundprozessoren funktionieren nach dem Durchlauf durch die Schleuse problemlos.

Im Flugzeug gibt es den ersten Reisehörerfolg: Ich verstehe ich zum ersten Mal die Sicherheitsanweisungen und Durchsagen im Flugzeug. Da ich beruflich schon hundertmal geflogen bin, erfahre ich nichts wirklich Neues, aber freue mich trotzdem sehr.

Am frühen Nachmittag lande ich in Marrakesch. Bei der Einreisekontrolle gibt es keine Verständigungsprobleme. Ich werde von einem Hotelshuttle abgeholt, in dem mich zwei nette Marokkaner zum Hotel fahren und mir viel über Marrakesch erzählen. Ich freue mich erneut, dass ich sie gut verstehe und mich relativ problemlos auf Englisch unterhalten kann. Das im Ausland neu – bislang war ich dort kommunikativ sehr eingeschränkt und habe Gespräche bis auf das allernotwendigste vermieden.

Im Hotel werde ich sehr freundlich begrüßt und verstehe auch hier jedes Wort. Ich hätte nicht gedacht, dass dies so flüssig funktioniert. Wiederholungen sind kaum notwendig und schön ist auch, dass mein Englisch gut verstanden wird.

Die Überraschung später am Nachmittag, als mein Freund im Hotel auftaucht, ist riesengroß. Wir verleben 4 wundervolle Tage in einem Land, das mich sehr beeindruckt – die Freundlichkeit der Menschen, die Lebendigkeit, das Gewusel auf den Straßen, die Architektur und Kunst, das Essen und auch die Musik. Es ist alles sehr fremd und sehr aufregend und nur selten anstrengend.

Ein Moment, der mir für immer in Erinnerung bleiben wird, ist der Muezzin-Gesang, den ich zum ersten Mal auf der Dachterrasse des Hotels höre und der sich wie ein Choral über die ganze Stadt legt. Ich habe mir Muezzingesänge immer ein wenig nervig vorgestellt, fordernd, nahezu aggressiv. Was ich dann auf dieser Dachterrasse gehört habe, war einfach nur wunderschön, sanft, harmonisch – es ist sehr schwer zu beschreiben. Ich hätte mir das stundenlang anhören können.

Auch sehr schön war ein langes Gespräch mit einem Amerikaner, der im Café neben uns sass und am Mac arbeitete. Es war unübersehbar ein IT’ler und natürlich musste ich ihn ansprechen. Wir unterhielten uns bestimmt eine halbe Stunde lang über Startups, Afrika, die USA und Donald Trump. Ich habe nicht jedes Wort verstanden, weil ich native englisch sprechende Personen noch nicht so gut verstehe. Aber ich konnte das Gespräch recht gut führen und habe das meiste verstanden.

Insgesamt war es ein wundervoller Aufenthalt, der mir insbesondere wegen der tollen Kommunikationserfolge noch mehr Lust darauf gemacht hat, in fremde Länder zu reisen und mich mit den Menschen dort zu unterhalten.

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