Tag 97/34 – Hörrest

Heute vormittag stand ein Hörtest auf dem Programm, bei dem meine natürlichen Hörreste gemessen werden, die nach der Implantation übrig geblieben sind. Ich habe auf beiden Ohren etwa 5 dB verloren, könnte also theoretisch auch mit Hörgeräten noch Geräusche wahrnehmen. Ausprobiert habe ich das noch nicht und ich werde es wohl auch nicht tun – das Hören mit dem Cochlear-Implantat ist so viel besser, dass ich mir über das “natürliche” Hören gar keine Gedanken mehr mache. Es ist schön, dass noch Restgehör da ist, aber anfangen kann ich damit nicht mehr viel.

Dieses Höraudiogramm zeigt meine Hörschwelle mit Hörimplantat (schwarze Linien) und ohne Hörimplantat (rote bzw. blaue Linie). Die Hörreste im mittleren und Hochtonbereich (links sind tiefe Frequenzen; rechts sind die hohen) lassen sich kaum noch messen, weil der Kopfhörer bei 110 Dezibel so stark vibriert, dass ich nicht mehr weiß, ob ich den Ton höre oder fühle.

Nach dem Hörtest habe ich Mittagspause; anschließend steht eine erneute Anpassung auf dem Programm, bei der wir nochmal etwas nachjustieren und die hohen Töne herunter regeln, weil ich Zischlaute doch recht stark überbetont höre. Das ist etwas unangenehm. Mein Ohr reagiert natürlich besonders empfindlich auf hohe Töne, weil diese jahrelang nicht mehr wahrgenommen wurden – deshalb ist es normal, dass hohe Töne insgesamt etwas lauter wahrgenommen werden als tiefe. Das wird ich aber nach einiger Zeit legen und bis dahin genieße ich es einfach, Konsonanten wie s k t ch und sch deutlich wahrzunehmen. Wenn der Höreindruck nach 3 oder 6 Monaten immer noch so empfindlich auf hohe Frequenzen reagiert, werden wir das noch ein wenig zurücknehmen.

Ich lasse mir auch noch einmal genau erklären, wie ich meine Hörprogramme mit der Fernbedienung so einstellen kann, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen die bestmögliche Performance liefern. Neben einer reinen Lautstärkeregulierung kann man bei meinen Soundprozessoren nämlich auch die Geräuschempfindlichkeit regeln – unabhängig vom gerade aktiven Hörprogramm. Die Soundprozessoren haben ein Klangfenster von 20 bis ca. 85 dB. In diesem Bereich wird am meisten verstärkt, weil sich Sprache in diesem Lautstärkebereich befindet. Mit der Empfindlichkeitsregelung kann ich das Klangfenster herunter- oder hochschieben: Also z.B. auf 15 bis 80 dB herunter regeln. Dann verstehe ich leise gesprochene Inhalte besser, die Performance im lauten Bereich wird aber schlechter. Dies kann zum Beispiel im Restaurant praktisch sein, wenn ich das drumherum Gesprochene ausblenden und mich mehr auf die Sprache der Person vor mir konzentrieren will. Der Effekt ist mit einem Audio-Zoom zu vergleichen: Ich hole den Sprecher damit näher an mich heran. Andersherum kann ich das Klangfenster auch nach oben verschieben, wenn ich zu viele laute Geräusche nah am Ohr habe und mich mehr auf die Umgebungsgeräusche konzentrieren will – zum Beispiel bei einem Vortrag.

Dann geht es zum Hörtraining. Ich habe eine andere Logopädin als beim letzten Mal, die aber auch sehr nett ist. In dieser Woche wird ausschließlich das linke Ohr trainiert werden; ich nehme den rechten Soundprozessor also ab. Meine Logopädin ist begeistert über meinen Hörerfolg; nachdem ich Zahlen bereits auf Anhieb zu 100% verstanden habe und auch Sätze klar und deutlich verstehe, beschließen wir, uns in dieser Woche vor allem auf das Hören im Störschall zu konzentrieren. Im Alltag ist man eher selten in Situationen, in denen es keine Hintergrundgeräusche gibt. Oftmals hat man Verkehrslärm oder andere sprechende Personen im selben Raum. Man kämpft mit laufenden Fernsehern, Fahrgeräuschen im Auto oder Zug, nerviger Musik, die aus Smartphones tönt, Staubsaugern, Geschirrspülmaschinen und vielem mehr. Das Hören im Störschall ist eine besonders große Herausforderung für hörgeschädigte Menschen und daran gilt es jetzt zu arbeiten. Ich muss dafür Sätze wiedergeben, die zusammen mit einem etwa 50 Dezibel lauten Störgeräusch hinterlegt sind. Das ist sehr schwierig, anstrengend und auch frustrierend – beim ersten Versuch lande ich bei mageren 9%. Da hatte ich mehr erwartet. Mal sehen, wie weit wir im Lauf der Woche noch kommen.

Am Abend kommt die ErstBesteHälfte zu Besuch und wir fahren zusammen zu einem indischen Restaurant, in dem ich die neuen Höreinstellungen und Erkenntnisse gleich direkt erproben kann. Und es funktioniert gut: Trotz Besteckklappern im Hintergrund und einem recht gut gefüllten Restaurant ist Konversation problemlos möglich. Und auch das Essen schmeckt prima.

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