Tag 73/10 – Goth

Nach einem kurzen Schlaf fahre ich heute mit der ErstBestenHälfte ins südliche Niedersachsen, weil wir dort einen interessanten Gebrauchtwagen gesehen haben, der den Familienvolvo ersetzen soll. Es sind etwa zweieinhalb Stunden Fahrt und Hälfte der Strecke ist sehr schön, weil es gut eine Stunde lang mitten durch das Weserbergland geht. Die ErstBesteöHälfte fährt und ich schlafe ein wenig im Auto. Wir machen eine kurze Frühstückspause in einem kleinen Dorf etwa 30 Kilometer von Hameln entfernt. Nach der Gebrauchtwagenbesichtigung wollen wir uns noch Hameln oder Hildesheim anschauen und ich spreche zwei Damen beim Bäcker an und frage sie, welche Stadt ihrer Meinung nach schöner ist. Beide sind sehr nett und bei der zweiten Person entwickelt sich dann ein nettes Gespräch, während wir draußen sitzen und Kaffee trinken und ich erfahre viel über ihr Leben.

Früher, mit Hörgeräten, habe ich so etwas weitgehend vermieden. Ich habe fremde Menschen nur dann angesprochen, wenn es dringend notwendig war – zum Beispiel um nach dem Weg zu fragen. Jetzt quatsche ich nahezu jeden an, wenn es eine Gelegenheit gibt und freue mich jedesmal über belangloses Small-Talk. Auch später, beim Autohändler, schnacke ich eine Weile mit dem Verkäufer über Fahrzeuge, die Gegend, den Abgasskandal und dies und das, bevor wir letztendlich das Auto für die EBH kaufen, nachdem der Verkäufer mir tatsächlich etwas im Preis entgegengekommen ist. Vielleicht wollte er einfach nur, dass ich aufhöre zu reden…

Anschließend fahren wir nach Hameln. Ich war noch nie in der Rattenfängerstadt und wir sind überrascht, wie schön es dort ist: Eine gemütliche historische Altstadt mit vielen Einkaufsmöglichkeiten, netten Verkäuferinnen, mit denen ich wieder schnacke und darüber hinaus findet an diesem Wochenende ein Gothic-Festival mit viel Musik und einem Mittelalter- und Gothic-Markt statt. Leider hat eine meiner Lieblingsbands, Fields of the Nephilim, bereits am Vorabend gespielt – sonst wären wir wohl noch in die Konzerthalle gegangen. Aber man kann nicht alles haben. Auch auf der Straße und auf dem Mittelaltermarkt spielen ein paar unbekanntere Bands und der Sound ist fantastisch – es macht wirklich großen Spaß, zuzuhören. Wir sehen viele abenteuerlich kostümierte Menschen und genießen diesen herrlichen Spätsommertag an der Weser sehr. Ich war selber lange in der Gothic-Szene aktiv, höre diese Musik immer noch gerne und mag auch die Subkultur insgesamt sehr gerne. Die Menschen sehen zwar alle sehr bedrohlich aus mit ihren düsteren Kostümierungen, aber die Stimmung ist immer gut und alle sind sehr friedlich und haben ihren Spaß.

Zwischendurch gehen wir essen und ich bin etwas genervt von den drei kleinen Kindern am Nebentisch, die einen Höllenlärm mit Besteck, Tellern und sonstigen Gegenständen veranstalten, die andauernd auf den Tisch gehauen werden. Ich mag Kinder sehr gerne und habe auch überhaupt kein Problem mit Kinderlärm, aber machmal wird es einfach zu viel. Eine Unterhaltung ist schwierig und ich bin froh, als der Nachbartisch endlich leer ist.

Am Abend geht es dann gemütlich nach Hause. Im Auto Musik, weil wir beide etwas müde sind, und zuhause kommt dann noch eine Nachbarin vorbei und wir unterhalten uns eine Weile im Kerzenschein. Auch etwas, was mit Hörgeräten niemals möglich gewesen wäre.

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