Tag 39 – Mut

Manchmal braucht man einfach Mut. Mut, etwas Neues auszuprobieren. Mut zu einer Cochlea-Implantat-Operation. Mut zu einem zweiten CI. Und Mut, das Telefon in die Hand zu nehmen und sich zu trauen, Anrufe zu tätigen.

Ich hatte in den letzten Jahren weitgehend kapituliert, wenn es um meine Ohren und mein Hören ging. Ich hatte kapituliert, wenn ich in Gesprächsrunden mit Nachbarn, Freunden oder in Meetings saß. Ich hatte kapituliert beim Versuch, Englisch zu verstehen. Ich hatte kapituliert, wenn es um die Beantragung der Kostenübernahme für neue Hörgeräte durch die Krankenkassen ging. Zwar habe ich bislang alle Hörgeräte vollständig bezahlt bekommen, aber das war immer ein sehr anstrengender und langer Kampf mit den Krankenkassen, die nur einen Festkostenanteil für Standard-Geräte übernehmen, mit denen mal nicht viel machen kann – normalerweise verfügen diese noch nicht einmal über die Möglichkeit, Smartphone oder Handy über Zusatzverstärker anzuschließen. Und einen Eigenanteil von ca. 4.000 Euro kann man auch nicht mal so eben aus der Portokasse bezahlen. Ich hatte einfach keine Energie mehr, gegen das Nicht-Hören zu kämpfen.

Das ist jetzt anders. Ich versuche viel und auch wenn nicht alles klappt und ich immer schwerhörig sein werde, erlebe ich tagtäglich neue Erfolge. Vor manchen Dingen habe ich immer noch Angst und muss mich überwinden, sie anzugehen. Vielleicht aus Gewöhnung oder vielleicht auch aus Angst, dass ich scheitere.

Das ist zum Einen Englisch. Ich denke schon, dass ich mittlerweile gut verstehen kann, wenn mein Gegenüber langsam und deutlich spricht. Ich traue mich aber noch nicht, es wirklich intensiv zu testen. Von meiner Logopädin im Deutschen Hörzentrum habe ich ein paar gute Tipps bekommen, wie ich Englisch trainieren kann:

  • Hörbücher besorgen und die Bücher mitlesen. Man sollte darauf achten, keine gekürzten Varianten zu erwerben. Ich werde hier wohl erst einmal mit leichter Kost anfangen, zum Beispiel mit den amüsanten Kurzgeschichten von Roald Dahl.
  • Englische Nachrichtensendungen anschauen. Ein englischsprachiger Freund hat mir hierfür BBC empfohlen.
  • 50 Languages – das ist ein Online-Service zum Sprachen lernen. Hier wird natürlich sehr langsam und deutlich gesprochen. Auch wenn mein schriftliches Englisch fließend ist, lerne ich hier bestimmt gut, wie die Sprache korrekt ausgesprochen wird.

Das andere schwieriger Thema ist Telefonieren. Einerseits klappt es schon ganz gut, andererseits habe ich nach 30 Jahren ohne Telefonieren immer noch einen Heidenrespekt davor und versuche, Telefonate nach Möglichkeit zu umgehen. Heute habe ich mich nach ein bißchen Zureden der ErstBestenHälfte dann aber doch getraut und Junior II angerufen, um zu fragen, wann ich ihn von seinem Schulfreund abholen kann. Und es hat funktioniert, auch wenn es etwas schwierig war, weil andere Kinderstimmen im Hintergrund zu hören waren.

Ich muss mich einfach überwinden, das Telefon ab jetzt häufiger in die Hand zu nehmen und es einfach zu versuchen. Sicherlich werde ich nicht alles verstehen und manche Telefonate werden in die Hose gehen. Ich werde auch nur dann telefonieren, wenn ich halbwegs fit bin und mein Smartphone mit dem Zubehör verbinden kann, das mir den Ton direkt in den Soundprozessor speist. Das bedeutet, ich werde Telefonate auch nur dann annehmen, wenn es wirklich passt. Und ansonsten zurückrufen.

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