Tag 9 – Von Sternschnuppen, Schnarchnasen und Cyborgs

Nach einem guten Schlaf geht es zum Bäcker, um Frühstücksbrötchen zu kaufen. Ich gehöre zur Sorte der unentschlossenen Brötchenkäufer, die Bäckereifachverkäuferinnen an den Rand des Wahnsinns treiben können, weil sie nicht einfach 10 Brötchen bestellen, sondern sich von der Auslage überfordern lassen. Dann doch lieber ein Weltmeisterbrötchen statt eines klassischen Mehrkorns und doch lieber ein Mohnbrötchen weniger und dafür ein vegan-laktosefreies Dinkelroggen mehr und eigentlich könnten es auch 10 statt 8 Brötchen sein… liebe Bäckereifachverkäuferinnen der Welt: Ich will Euch wirklich nicht ärgern, aber das überfordert mich. Brötchen kaufen kann damit zu einer echten kommunikativen Herausforderung für Hörgeschädigte werden, weil es entsprechend viele Rückfragen gibt. Mit Cochlea-Implantat ist das wesentlich einfacher – ich brauchte keine Wiederholungen und habe auch den Preis verstanden. Und die Bäckereifachverkäuferin braucht keine Kaffeepause zur Erholung.

Ein schöner Start in den Tag, den ich ansonsten mit Ausmisten und Aufräumen verbringe. Zwischendurch übe ich ein wenig mit meinen Hörtrainings-Apps (siehe Links) und erziele nach ein paar Minuten auf Anhieb gute Ergebnisse. Bestimmte Konsonanten und Vokale funktionieren nach wie vor nicht gut – ich verstehe zum Beispiel sehr gut den Unterschied zwischen Cat und Mat oder Tap und Map, aber Mail oder Hail verstehe ich sehr schlecht während andererseits Snail und Snake sehr gut zu verstehen sind. Ich bin gespannt, inwieweit die Erstanpassung in der ersten Septemberwoche hier korrigierend eingreifen kann.

Am Abend ist ein Nacht-Picknick bei Freunden angesagt; wir wollen gemeinsam Sternschnuppen schauen, die sich für heute Nacht angekündigt haben. Für Hörgeschädigte ist so etwas deutlich weniger romantisch als für nicht hörgeschädigte Menschen, denn es fehlt etwas, was zum Verstehen für mich bislang enorm wichtig ist: Licht. Ich benötige ein deutlich sichtbares Mundbild zum Verstehen. Ich liebe es zwar, mit Freunden Abends bei Kerzenschein zu sitzen, aber ich verstehe dann kein Wort, sondern muss die Gesprächspartner anleuchten. Wer auf US-Cops und nächtliche Verkehrskontrollen steht, findet das sicher romantisch – im Normfall fall dämpft es aber die Stimmung. Ich kann mich auch im Bett nicht ohne Festbeleuchtung mit der ErstBestenHälfte unterhalten. Ich brauche zum Verstehen Licht.

Der Abend ist trotzdem ein toller Erfolg. Wir sind sechs Personen; in der Dämmerung kann ich den Gesprächen zwar nicht flüssig, aber halbwegs folgen. Natürlich erfordert dies volle Konzentration und ich brauche zwischendurch Hörpausen, in denen ich aus dem Gespräch aussteige. Als es dunkler wird, setze ich zum ersten Mal seit neun Tagen mein Hörgerät auf der linken Seite ein, um ein bißchen Hörhilfe auf der anderen Ohrseite zu erhalten – und bin schockiert. Wie konnte ich damit hören? Alles klingt total dumpf und unscharf und ich kann kein einziges Wort mehr verstehen, nachdem ich den Soundprozessor ausschalte. Es fühlt sich unangenehm an. Mit dem Implantat hingegen klingt alles glasklar und deutlich. Mein Gehirn hat sich schon nach neun Tagen komplett auf das CI eingestellt und kann und will mit dem alten Hören nicht mehr viel anfangen. Spätestens jetzt ist mir klar, dass ich auch auf der linken Seite ein Cochlea-Implantat haben möchte – und zwar schnellstmöglich.

Später schlafe ich im Dunkeln auf der Picknickdecke kurz ein. Als ich wach werde, höre ich die ErstBesteHälfte Du Schnarchnase sagen. Im Dunkeln. Ohne Mundbild.

Wir sitzen danach noch lange auf der Terrasse und ich bemerke, dass ich einem Gespräch mit sechs Personen noch nicht folgen kann – die Themen und die Sprecher springen zu schnell hin und her. Dennoch verstehe ich immer wieder Wörter und Satzfetzen und kann ein paarmal in eine laufende Diskussion einsteigen. Auch das war mit Hörgerät nie möglich: Verstehen ohne vorher zu wissen, worum es geht. Gegen ein Uhr sind wir nur noch zu viert und das macht die Situation deutlich entspannter. Wir diskutieren fast zwei Stunden angeregt über philosophische Fragen bei Implantaten, mit denen sich vor allem Enno Park intensiv beschäftigt. Enno, ein deutscher Journalist und Informatiker, der selber beidseitig mit Cochlea-Implantaten versorgt ist, hat den Verein Cyborgs e.V. ins Leben gerufen, der sich für die Rechte implantierter Menschen und unter anderem dafür einsetzt, dass Implantat-Träger selbst an die Codes und Schnittstellen ihrer Geräte heran dürfen, um zum Beispiel Einstellungen zu verändern oder Zubehör dafür zu entwerfen. Das ist ein spannendes und kontroverses Thema und dementsprechend ist auch unsere Diskussion sehr anregend und interessant.

Besonders interessant ist: Ich verstehe jedes Wort. Und das nach einem langen Tag. Und ich habe drei Sternschnuppen am Himmel gesehen. Was will man mehr.

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