Tag 36 – Telefon

Heute vormittag steht kein Termin im Deutschen Hörzentrum auf dem Plan. Ich schlafe also mal wieder richtig aus, frühstücke in Ruhe und mache dann noch ein paar Hörübungen mit Minimalpaaren. Das sind Wörter, die bis auf einen Buchstaben identisch sind – Wein/Bein, Bier/Hier, Laden/Lagen. Das ist nach wie vor die schwierigste Übung, aber ich verstehe hier mittlerweile etwa 70 – 80%. Wenn teilweise auch erst nach mehrfachem Anhören.

Das Mittagessen lasse ich wegen des opulenten Frühstücks ausfallen und um 13 Uhr steht der nächste Anpassungstermin auf dem Plan. Das zweite Programm mit der parallelen Kodierungsstrategie, bei der mehrere Elektroden gleichzeitig angespielt werden, setzen wir einen Tick lauter, weil es trotz gleicher Lautstärke leiser klingt als die separate Anspielung der Elektroden. Generell geht man davon aus, dass man erst nach 4 Wochen beurteilen kann, ob ein Hörprogramm besser funktioniert als das andere. Der Fokus liegt erst einmal auf der Standardkodierung und ich werde nach ca. 4 Wochen die alternative Kodierungsstrategie für einen mehrwöchigen Zeitraum testen.

Es ist übrigens falsch anzunehmen, dass mehr Elektroden automatisch ein besseres Hören ermöglichen. Theoretisch könnte man ein Implantat mit 100 Elektroden bestücken – aber der Hörnerv kann nicht so gezielt mit Strom stimuliert werden, dass dies Sinn machen würde. Jede Elektrode meines Implantates deckt einen gewissen Frequenzbereich ab und kann deshalb auch unterschiedliche Töne generieren – bei mir sind es ca. 250. Im schnellen Zusammenspiel aller 16 Elektroden meines Implantates entsteht dann ein Soundbild, das sich für mich gut und natürlich anhört – und wesentlich besser ist als das Klangbild der Hörgeräte.

Ich habe in einem früheren Beitrag schon geschrieben, dass es sehr schwierig ist, die verschiedenen Hörprogramme, Kodierungsstrategien und Einstellungen miteinander zu vergleichen. Man kann auch kaum allgemeine Aussagen dazu machen, welches Programm besser oder schlechter ist – weder bei einem Produkt noch bei einem Vergleich verschiedener Implantate. Denn jeder hörgeschädigte Mensch hört anders schlecht. Was bei einem gut funktioniert, kann beim anderen schlechter sein. Dazu kommt, dass man selbst keine verschiedenen Implantate ausprobieren kann. Man entscheidet sich für eines und dieses bleibt dann im Kopf drin. Es gibt also keine objektive Vergleichsmöglichkeit für verschiedene Produkte. Dass man lange braucht, um sich an ein Hörprogramm zu gewöhnen, ist ein weiteres Problem bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit verschiedener Produkte und Einstellungen. Letztendlich verlässt man sich auf die Erfahrung der Audiologen, Langzeitstudien, die CI-Träger mit jeweils einem Implantat beobachten und das Bauchgefühl des Patienten.

Wir experimentieren noch ein wenig mit verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten beim zweiten, parallel geschalteten Programm und haben dann für den Anfang alles durchprobiert, was derzeit möglich ist. Ich habe morgen noch einen Termin für den Fall, dass mir heute im Lauf des Tages noch etwas auffällt, denke aber, dass ich mit den aktuellen Einstellungen erst einmal gut fahre. Besonders toll bei der Anpassung war, dass ich wirklich alle Fragen beantwortet bekommen habe. Mich interessiert die Technik sehr und ich versuche zu verstehen, was genau in meinem Ohr passiert. Auch wenn ich nicht alles verstehe, weil Physik nicht mein bevorzugtes Steckenpferd ist und einiges nicht nachvollziehen kann, weiß ich jetzt doch deutlich genauer, wie Implantat und Soundprozessor zusammen arbeiten.

Anschließend geht es wieder zum Hörtraining. Wir machen ein paar Übungen mit Minimalpaaren und ich werde morgen ein paar Wortlisten mit auf den Weg bekommen, mit denen ich zuhause weiter üben kann. Dann steht ein erstes Telefongespräch auf der Agenda. Ich habe große Angst vor der Telefonsituation, weil Telefonieren für mich schon seit circa 20 Jahren nicht mehr möglich ist und ich mich mit dem Hörer am Ohr immer hilflos fühle. Für das erste Gespräch bekomme ich einen Gesprächsleitfaden, der ein Telefonat mit einer Arztpraxis simuliert, in der es um eine Terminvereinbarung für ein EKG geht. Meine Rolle ist der Patient; meine Logopädin wird die Sprechstundenhilfe übernehmen und geht dafür in einen Nebenraum. Ich schließe mein Smartphone mit dem Audiokabel an den Soundprozessor an und warte auf das Klingeln, dann nehme ich das Gespräch an.

Und ich verstehe ALLES. Bei zwei Antworten muss ich einmal nachhaken. Die Gesprächslautstärke ist normal und auch die Sprechgeschwindigkeit meiner Logopädin ist relativ normal, vielleicht etwas langsamer. Natürlich spricht sie sehr deutlich, aber ich hätte nicht im Traum gedacht, dass ich überhaupt einmal wieder so gut telefonieren kann. Und schon gar nicht so schnell. Ein Riesenerfolg, der mich wirklich überwältigt.

Direkt nach der Sitzung rufe ich meine ErstBesteHälfte an und wir führen das erste richtige Telefonat überhaupt. Ich verstehe sie sehr gut und auch wenn ich ein paarmal nachfragen muss sind wir beide so gerührt, dass wir kaum wissen, was wir sagen sollen. Wer hätte das gedacht. Telefonieren klappt nach knapp 5 Wochen mit Cochlea-Implantat und 4 Tage nach der ersten Erstanpassungs-Sitzung. Ich brauche ein paar Minuten, um das zu verarbeiten.

Später am Nachmittag steht eine vom Deutschen Hörzentrum organisierte Museumsführung im Museum August Kestner auf dem Programm. An dieser Führung nimmt auch eine weitere CI-Patientin teil, die ich gestern im Deutschen Hörzentrum kennengelernt habe. Bei der Museumsführung soll die Telespulenfunktion getestet werden, die bei vielen öffentlichen Veranstaltungen angeboten wird. Der Sound der vortragenden Person wird dabei per Induktion in den Soundprozessor geleitet; man braucht dafür nur einen Empfänger, der um den Hals gehängt wird. Leider funktioniert die Übertragung bei mir nicht; ich werde morgen den Med-El-Service im Hörzentrum dazu befragen. Dennoch nehme ich an der Führung teil. Es geht um altägyptische Kultur und Kunst und ich verstehe jedes Wort der Museumsführerin. Ohne Lippenlesen geht es noch nicht, aber ich kann tatsächlich eine Stunde lang einem Vortrag folgen, ohne dabei zu ermüden und hinterher k.o. zu sein. Auch das ist ein toller Erfolg.

Nach der Museumsführung, die übrigens hochinteressant war, treffe ich noch eine ehemalige Mitpatientin, die ich während meines Krankenhausaufenthaltes vor 4 Wochen kennengelernt habe. Auch sie ist etwas schwerhörig und wurde im Mittelohr operiert. Wir unterhalten uns knapp vier Stunden lang in einer wirklich lauten Café- und später Restaurantumgebung und auch wenn ich am Ende etwas müde werde, verstehe ich auch hier fast jedes Wort, obwohl das Besteckgeklapper neben meinem Ohr wirklich furchtbar laut ist.

Was für ein Tag. Telefonieren. Museumsführung. Cafégespräche. Und das alles mit einem seit 5 Wochen elektrisch hörenden Ohr. Wahnsinn.

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