Tag 33 – Erstanpassung

Heute geht es im Deutschen Hörzentrum Hannover zur Erstanpassung meines Soundprozessors. Das Hörzentrum liegt direkt neben der Medizinischen Hochschule Hannover, in der ich implantiert worden bin und arbeitet eng mit der dortigen HNO-Abteilung zusammen.

Der Begriff Erstanpassung ist etwas verwirrend, weil mein Soundprozessor bereits drei Tage nach der Operation angepasst und eingeschaltet wurde. Dieses Aktivieren direkt nach der Implantation ist relativ neu; bis vor kurzem wurde der Soundprozessor erst 2-4 Wochen nach der Operation eingeschaltet. Da die Operationstechnik mittlerweile so weit fortgeschritten ist, dass die OP-Nachwirkungen eher gering sind, wird bei guter Konstitution des Patienten eine sogenannte Frühanpassung wenige Tage nach der Operation vorgenommen. Der Soundprozessor wird dabei nur grob angepasst und läuft quasi auf Werkseinstellungen. Lediglich die Lautstärke wird eingestellt, damit das Hören nicht unangenehm ist. Die Erstanpassung erfolgt dann ein paar Wochen später – hierbei wird das Gerät individuell angepasst. Im Deutschen Hörzentrum dauert diese Anpassung insgesamt eine Woche – inklusive Hörtrainings und Beratungsgesprächen zu Zubehör. Auch ein Museumsbesuch steht auf dem Programm, wobei der Ton per Induktionsschleife direkt in den Soundprozessor gespeist wird. So sieht mein Wochenplan aus:

Das heutige Programm beginnt erst um 14 Uhr. Ich treffe vorher noch eine gute Freundin mitsamt meiner ErstBestenHälfte in Celle zum Frühstück und freue ich mal wieder, wie viel einfacher Unterhaltungen mit dem Cochlea-Implantat im Vergleich zum Hörgerät sind. Dann geht es nach Hannover zum Hörzentrum.

Meinen Ingenieur, der die Einstellungen des Soundprozessors vornimmt, kenne ich noch vom Beratungsgespräch Ende Juli, bei dem ich das für mich passende Implantat ausgewählt habe. Er ist überrascht, wie gut ich mit dem Hörimplantat schon hören kann und freut sich sehr – wie eigentlich alle Menschen, mit denen ich in den letzten Wochen zu tun hatte. Ich bekomme eine ausführliche Erläuterung des Ablaufs dieser Woche und dann wird der Soundprozessor neu vermessen. Ich muss dabei angeben, welche Lautstärke bei jeder der 16 Elektroden angenehm ist. Dazu werden Test-Töne auf die Elektroden gespielt und von mir auf einer Lautstärkeskala eingestuft. Das Implantat funktioniert so, dass bei höherer Lautstärke mehr Strom fließt – bei einem lauten tiefen Ton wird also die entsprechende Tieftonelektrode mit einem starken Stromimpuls versorgt; bei einem leisen Ton fließt nur wenig Strom. Das Hörimplantat funktioniert also quasi wie eine Lobotomie, ist aber deutlich angenehmer. Unangenehm sind aber nur sehr laute Töne und der Soundprozessor ist gedeckelt. Das heißt: Eine bestimmte Lautstärke kann nicht überschritten werden. Tolle Sache: Ich kann nicht mehr wegen zu lauter Musik schwerhörig werden.

Das Hören selbst fühlt sich nicht elektrisch sondern ganz normal an – so normal, wie ich es mir halt vorstellen kann, was nach 40 Jahren mit Hörgeräten nicht einfach ist. Ich höre weder roboterhaft noch habe ich das Gefühl, unter Strom zu stehen. Es hört sich einfach ganz normal an.

Dann werden verschiedene Programme auf den Soundprozessor gespielt, die ich per Fernbedienung auswählen kann:

  1. Das Standard-Hörprogramm
  2. Eine Audiozoom, der Geräusche von der Seite und von hinten stark herunterfährt und alle Hörkraft nach vorne richtet. Zwar ist der Soundprozessor standardseitig so eingestellt, dass die meiste Hörkraft nach vorne gerichtet ist (etwa 70%), aber dieses Programm verstärkt diese Hörrichtung noch und dämpft alles andere herunter. Das ist dann hilfreich, wenn ich mich in lauten Umgebungen unterhalten will. Vor allem in Restaurants oder Cafés, in denen viel Gesabbel von hinten und von den Seiten kommt, verstehe ich damit besser.
  3. Ein Programm für Rundum-Hören, auch omnidirektionales Hörprogramm genannt. Dieses Programm macht genau das Gegenteil wie das zweite: Es nimmt den Schall von allen Seiten gleichmäßig auf. Das kann ein Vorteil bei Musik sein oder auch dann, wenn ich mich irgendwo befinde, wo der oder die Sprecher/in auch mal rechts oder links von mir oder hinter mir steht.
  4. Ein Programm mit der bisherigen Höreinstellung, die ich bislang genutzt habe – um vergleichen zu können, inwieweit sich Verbesserungen einstellen.

Das neue Standardprogramm klingt auf Anhieb besser. Zisch- und Klackergeräusche sind etwa reduziert und alles hört sich etwas ausgewogener an. Das omnidirektionale Programm teste ich später im Auto mit Musik – es klingt etwas voluminöser, scheppert dafür in den hohen Frequenzen aber wieder etwas mehr.

Ich erfahre heute auch, warum die Teleschlinge, mit der ich das Smartphone oder Laptop kabellos mit dem Soundprozessor verbinden kann, deutlich schlechter klingt als die direkte Kabelverbindung. Die Teleschlinge nutzt die T-Spulen-Technik zur Übertragung, die zwar ein Standard aber sehr alt ist und deutlich weniger Signale übertragen kann als neuere Technologien wie z.B. Bluetooth. Bleibt zu hoffen, dass Med-El schnell eine drahtlose Lösung anbietet, die besser funktioniert und auf dem aktuellen Stand der Technik ist.

Die Hybridfunktion meines Soundprozessors, der gleichzeitig auch als Hörgerät fungieren kann und dabei tiefe Töne in das Ohr spielt, während die höheren Frequezen direkt auf die Hörnerven gespeist werden, kann ich wegen meines hohen Hörverlustes wahrscheinlich nicht nutzen. Das ist mir aber egal – der Sound ist auch ohne dieses Features ausgezeichnet und ich vermisse die Otoplastik im Ohr kein bißchen.

Interessant ist, dass man die Lautstärke der Umgebungsgeräusche bei einer Direktverbindung vom Smartphone oder Laptop zum Soundprozessor per Audiokabel nicht per Fernbedienung oder Programmierung steuern kann. Mir sind die Umgebungsgeräusche zu laut; das ist beim Telefonieren und auch beim Schlagzeugspielen suboptimal. Ich erfahre aber, dass es zwei unterschiedliche Audiokabel gibt: Das von mir genutzte gelbe Kabel, bei dem das Verhältnis direkter Input über Kabel – Umgebungsgeräusche bei 50/50 liegt, und ein rotes, das den Input im Verhältnis 90/10 verteilt. Dieses wird dann auch gleich bestellt; die Krankenkasse übernimmt hierfür die Kosten.

Nach der technischen Anpassung geht es zur ärztlichen Untersuchung im Hörzentrum. Diese wird gemacht, um zu schauen, ob die Operationsnarbe gut verheilt ist, der Gleichgewichtssinn funktioniert und ob es sonstige etwaige Beschwerden gibt. Ich habe Gottseidank überhaupt keine Probleme und fühle mich fit wie ein Turnschuh. Ich spreche auch gleich die gewünschte Implantation auf dem linken Ohr an, werde aber etwas gebremst, weil diese im Durchschnitt erst nach 6 Monaten gemacht wird, wenn sich der Patient an das elektronische Ohr gewöhnt hat. Das ging bei mir allerdings deutlich schneller. Wir verabreden, dass wir das Thema am Ende dieser Erstanpassungswoche noch einmal ansprechen und dann überlegen, wie schnell eine zweite Implantation machbar ist.

Am Abend fahre ich in die Hannoveraner City, kaufe ein bißchen Klamotten ein – auch dies ohne Verständnisprobleme an der Kasse – und gehe dann bei Vapiano essen. Das ist eine italienische Restaurantkette, die gerade enorm in ist. Die Gerichte werden hier ähnlich wie bei Subway direkt vor der Nase des Kunden zubereitet und man kann auswählen, welche Zutaten man haben möchte. Ich habe dieses Restaurant bislang gemieden, weil ich die Fragen des Kochs oder der Köchin, was ich denn ins das Gericht reinhaben möchte, schlecht verstanden habe. Auswahlrestaurants sind für hörgeschädigte Menschen ein echtes No-Go. Mit Hörimplantat klappt das aber prima. Leider sind die Linguine Carbonara Salmone komplett versalzen und die Nudeln matschig. Da suche ich mir dann in Zukunft doch lieber einen kleinen Italiener, der vernünftig kochen kann.

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