Tag 100/37 – Vom Jungen, der wieder hören konnte

Vor genau 100 Tagen, drei Tage nach meiner ersten Implantation, hörte ich zum ersten Mal elektrisch mit einem Hörimplantat – nach etwa 40 Jahren hochgradiger, beidseitiger und an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit, in denen ich mit Hörgeräten versorgt war. Dieser Tag ist ein Wendepunkt in meinem Leben, den ich in dieser Form nie für möglich gehalten hätte. Ich höre heute mit Cochlea-Implantaten besser als jemals zuvor während der langen Zeitspanne meiner Schwerhörigkeit.

Ich verstehe Sprache ohne das Lippenlesen. Ich kann telefonieren. Ich höre wieder Musik und kann wieder Klavier und Schlagzeug spielen. Ich verstehe die Witze meiner Freunde und Nachbarn beim geselligen Zusammensein. Ich brauche keine Wiederholungen bei jedem Gesagten mehr. Ich kann ins Kino gehen und der Handlung eines Filmes folgen – auch ohne Untertitel. Ich kann Diskussionen im Fernsehen folgen und Radio hören. Ich verstehe Lautsprecherdurchsagen an Bahnhöfen, in Flughäfen und auf öffentlichen Veranstaltungen. Ich kann wieder mit Kindern kommunizieren und hören, wie toll meine Kinder Musik machen. Ich kann mich am Fußball-Smalltalk der Fußballeltern beteiligen, wenn Junior I und Junior II Punktspiele haben. Ich traue mich, auch fremde Menschen anzusprechen und Small-Talk zu machen. Ich kann an Telefonkonferenzen teilnehmen und verstehe meine Arbeitskollegen. Ich bin nicht mehr genervt, wenn meine Kinder und die ErstBesteHälfte mich nach einem langen Arbeitstag vollquatschen. Ich höre, wenn das Auto merkwürdig klingt – und zwar bevor es explodiert. Ich verstehe Ärzte mit Mundschutz und die Preisansagen der Kassierer und Kassiererinnen beim Einkaufen. Ich kann mich in laufende Gespräche einschalten. Ich höre die Hausklingel, das Telefon, die Eieruhr am Ofen und die Geschirrspülmaschine, wenn sie fertig ist. Ich höre das Vogelzwitschern am Morgen und das Rascheln der Blätter im Herbst. Ich verstehe Navigationsansagen und Verkehrsmeldungen und kann mit der Sprachsteuerung meines Autos umgehen. Ich verstehe die Fangesänge im Fußballstadion und kann wieder tanzen. Ich verstehe Museumsführungen und kann mir Podcasts anhören. Und bin nicht mehr verloren, wenn ich vor einer Gegensprechanlage stehe oder auf das Herein vor einer Bürotür warte.

Ich bemerke erst jetzt, wie stark eingeschränkt ich eigentlich für den Großteil meines Lebens gewesen bin. In den letzten 40 Jahren habe ich viel kämpfen müssen und eigentlich alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Es waren gute Jahre und ich bin für jedes dankbar. Man kann auch mit schlechten Ohren oder Augen oder ohne Beine und mit eigentlich fast jeder Behinderung sehr viel aus seinem Leben machen. Aber es oftmals anstrengend.

Vielleicht hätte ich den Schritt hin zum elektrischen Ohr früher machen sollen. Wenn ich gewusst hätte, dass alles so gut läuft und dass ich so schnell wieder so viel hören und verstehen kann, hätte ich es vielleicht gemacht. Ja, ich habe viel verpasst. Wie gern hätte ich das Linkin Park-Konzert im letzten Jahr zusammen mit Junior I mit funktionierenden Ohren gehört. Oder seine Auftritte mit der Schulband. Oder richtig gehört, wie meine Kinder sprechen lernen. Aber ich hatte Angst vor der CI-Operation. Angst vor den Nebenwirkungen. Angst davor, mein Restgehör vollends zu verlieren. Nicht bei jedem Patienten funktioniert alles so gut und so schnell wie bei mir. Viele andere müssen lange kämpfen, bis sie mit einem Cochlea-Implantat hören und gut verstehen können. Manche schaffen es nie. Jede Hörschädigung und jede Hörbiographie ist anders und natürlich ist jede Operation dieses Ausmaßes mit Risiken verbunden. Aber ich lerne immer mehr Menschen kennen, die ebenso wie ich schnelle Erfolge erzielen können. Die Technik wird immer besser: Sowohl was die Funktionsweise der Prozessoren angeht als auch die Operationstechnik selber, die im Lauf der letzten Jahre aus einer ehemals mehrstündigen Operation eine Art Routineeingriff machen konnte.

Ich war vorher noch nicht bereit für diesen Schritt. Und auch die Technik war noch nicht so weit entwickelt wie heute. Vielleicht wäre es deshalb anders und nicht so gut gelaufen. Vielleicht wäre es schwieriger geworden, wenn ich nicht zu 100% hinter dieser Entscheidung gestanden hätte. Und als Freelancer wären zwei Monate Arbeitsausfall auch finanziell ein Problem geworden. Insofern bereue ich nicht wirklich etwas, sondern freue mich wahnsinnig darüber, dass ich den Mut gefunden habe, diesen Schritt zu machen – und dafür mit einem Hörwunder belohnt worden bin.

Ich hätte diesen Schritt nicht ohne die Erfahrungen vieler anderer gewagt, die ebenso wie ich ihre Geschichte aufgeschrieben haben. Dies hat mir enorm viel Mut gemacht und dies möchte ich mit diesem Blog gern weitergeben. Auch die vielen engagierten CI-Träger in den Facebook Selbsthilfegruppen und in den Selbsthilfevereinen haben enorm dabei geholfen, mir die Angst vor diesem Eingriff zu nehmen. Meine Arbeitskollegen und mein Arbeitgeber SAP haben mich optimal bei dieser Entscheidung unterstützt und einen mehrwöchigen Arbeitsausfall klaglos hingenommen. Und natürlich haben auch meine Freunde und meine Familie mir viel Kraft und Mut gegeben, diesen Schritt zu wagen und sich bestmöglich um mich gekümmert. Und nicht zuletzt haben die Menschen in Hannover, wo ich implantiert worden bin, hervorragende Arbeit geleistet: Von den Schwestern, Pflegern und Ärzten der Medizinischen Hochschule Hannover bis hin zu den Sekretärinnen, Audiologen und Pädagogen bei der Nachsorge im Deutschen Hörzentrum Hannover.

Manchmal muss man sich einfach trauen, etwas zu machen – auch wenn man eine große Angst davor hat. Ich danke allen, die mir diese Angst genommen haben. Und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog, das ich in unregelmäßigen Abständen weiterführen werde und aus dem ich auch ein Buch machen werde, anderen die Angst nehmen kann, diesen Schritt zu wagen.

Auch wenn ich in kurzer Zeit schon sehr weit gekommen bin: Es gibt noch viel zu entdecken. Ich möchte Englisch gut verstehen können. Und Französisch – eine Sprache, die ich besonders liebe. Ich möchte mein Hörvermögen im Störschall verbessern und irgendwann in der Lage sein, Telefonkonferenzen auch in Fremdsprachen zu führen. Es wird immer neue Ziele geben. Mit dem bislang Erreichten bin ich mehr als zufrieden und überaus dankbar dafür. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Bonus.

Ein Leben mit schlechtem oder auch ohne Gehör kann wundervoll sein. Aber aus jahrelanger Stille wieder in das hörende Leben eintauchen zu dürfen, ist eine einzigartige Erfahrung und ein wundervolles Geschenk.

3 Kommentare zu „Tag 100/37 – Vom Jungen, der wieder hören konnte“

  • Lieber Chris,
    ich bin völlig gerührt von deiner Hörreise! Nach 100 Tagen einen solchen Erfolg zu haben ist schon mehr als bemerkenswert. Was ich wunderbar von dir finde, ist, dass du auch darauf hinweist, dass deine fantastische Hörreise nicht die von anderen sein kann uns muss. Aber trotzdem ist es eine mitmachende Geschichte.

    Alles Liebe für deine weitere Hörreise!
    Marion

  • Hey Chris, mir standen beim Lesen Tränen in den Augen. Ich glaube auch für Deine Umgebung ist vieles Leichter geworden Ich erinnere wie meine kleine Halbschwester ein Hörgerät bekam und ” ein völlig anderer Mensch” war. Weiterhin toi toi toi und Gruss an M.

    Holger

  • toll geschrieben..

    ich bin beidseitig mit Medel implantiert und höre auch super.. englisch und Musik sind noch meine Probleme..

    ganz liebe Grüße…

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