Tag 26 – Cinema Paradiso

Heute habe ich zum ersten Mal seit fast zwei Monaten wieder Sport getrieben. Vor der Implantation hatte ich keine Zeit, weil ich vier Wochen unterwegs war: Eine Woche beruflich in Walldorf und dann drei Wochen urlaubsbedingt auf Korsika. Seit der Implantation am 1. August habe ich eigentlich gar keinen Sport  mehr gemacht – und das fehlt mir sehr. Ich spiele leidenschaftlich gerne Tennis im hiesigen Dorfverein – wenn es beruflich möglich ist, drei- bis viermal die Woche. Nebenbei spiele ich auch noch gelegentlich Tischtennis im Verein; Tennis hat allerdings Vorrang.

In den letzten Wochen juckte die Narbe noch etwas beim Schwitzen; dieses Problem ist mittlerweile Vergangenheit. Also ging es mit Hörimplantat und Soundprozessor auf den Tennisplatz. Damit Spule und Soundprozessor nicht herunterfallen trug ich ein atmungsaktives Basecap und, nachdem dies durchgeschwitzt war, ein Bandana, das die Feuchtigkeit gut vom Soundprozessor fernhält.

Es ist sehr spannend zu hören, wie unterschiedlich es klingt, wenn der Tennisball auf den Boden oder auf die Schlägerbesaitung trifft – das hörte sich vorher alles gleich an. Das Spielen mit Gehör scheint mir etwas einfacher, weil man einfach mehr Feedback bekommt und man ein noch besseres Gefühl für das Timing beim Ausholen bekommt. Konditionell bin ich heute natürlich nicht in Topform. Die überschüssigen Pfunde, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben, müssen erst einmal wieder abgebaut werden. Trotzdem klappt alles prima: Ich habe keine Probleme mit der Narbe oder dem Gleichgewicht und finde meinen gewohnten Schlagrhythmus schnell wieder. Auch mein Tennispartner ist froh, dass ich wieder am Ball bin und wir freuen uns auf die nächsten Sessions.

Am Abend werde ich über Facebook auf einen deutschen Film aufmerksam, der gerade in den Kinos läuft: 303. Ich seid meiner Kindheit immer schon sehr gerne ins Kino gegangen. Mein erster Kinofilm war Bernhard & Bianca – die Mäusepolizei und der zweite Kampfstern Galactica,  den ich mit meinem älteren Bruder angeschaut habe. Dieser Film war der Beginn einer bis heute andauernden Liebe zu Science-Fiction und Weltraumabenteuern – nicht nur im Kino, sondern auch in der Literatur. Star Wars kam wenig später in die Kinos und ich habe den ersten Teil damals bestimmt 10 mal vom gesparten Taschengeld gesehen. Auch heute noch bin ich ein großer Star Wars Fan, gehe in jeden neuen Kinofilm und sammele begeistert Star Wars Lego-Raumschiffe. Ein bißchen Kind sollte man immer bleiben.

Während meiner Internatszeit war wir am Wochenende oft mit Freunden in einem Essener Programmkino, das es leider schon lange nicht mehr gibt und in dem am Wochenende Filmnächte liefen – 3 Filme hintereinander ab Mitternacht. Krimi-Filmnacht, Kiffer-Filmacht – wir haben damals kaum eine Filmnacht ausgelassen und hatten sehr viel Spaß. Vor 14 Jahren habe ich das wiederholt – im Hamburger Abaton, einem meiner Lieblings-Programmkinos, liefen damals alle drei Herr der Ringe Filme nacheinander in der Originalfassung mit Untertiteln. Den ersten und den zweiten Teil hatte ich nicht im Kino gesehen, weil ich die Bücher von J.R.R. Tolkien als Jugendlicher gelesen hatte und sehr mag. Ich gehe generell ungern in Literaturverfilmungen, wenn ich die Bücher gelesen habe. Der dritte Teil lief damals im Kino und nachdem ich im Vorprogramm eines anderen Filmes den Trailer dazu gesehen hatte, wollte ich diese Filme unbedingt sehen – das hatte mich visuell umgehauen. Also saß ich von mittags bis spätabends mit ordentlich Verpflegung im Kino – es waren etwa 11 Stunden – und genoß jede Minute. Nur der Kulturschock, als ich Abends wieder im Hamburger Univiertel auf der Straße stand, war heftig.

Neben Blockbustern und Actionkino schaue ich generell sehr gerne anspruchsvollere Independent-Filme – also kleinere Produktionen wie zum Beispiel Filme von Jim Jarmusch oder Aki Kaurismäki. Ich gehe eigentlich am liebsten ins Programmkino, weil dort häufig Filme in der Originalsprache mit deutschen oder englischen Untertiteln laufen. Das war für mich bislang die einzige Möglichkeit, einen Film komplett zu verstehen. Bei Blockbustern lese ich die Inhaltsangabe vorher. Natürlich ist es etwas blöd, wenn man am Anfang das Ende schon kennt, aber die Handlung nicht mitzubekommen ist auch nicht so toll. Die meisten Blockbuster versteht man übrigens auch ohne Dialoge ganz gut. Manche sind ohne Dialoge sogar besser – Highlander habe ich geliebt, bis ich ihn das erste Mal mit Untertiteln sah. Das, was ich mir bei den Gesprächen innerlich vorstellte, war um Längen besser als das Gelaber, das tatsächlich im Drehbuch steht.

Komödien schaue ich eigentlich gar nicht im Kino – nicht weil ich ungern lache, im Gegenteil, aber die Witze werden fast immer über Sprache vermittelt und es ist ein blödes Gefühl, wenn man die Pointen nicht mitbekommt und das ganze Kino lacht. Auch Dramen oder Liebesfilme schaue ich deshalb eher selten und wenn, dann nur auf Blu-Ray oder Netflix mit Untertiteln. Deutsche Filme schaue ich ebenfalls nicht im Kino, weil es hier keine Untertitel gibt. 303 werde ich mir nach der Feinanpassung im Kino anschauen. Zwar wird in diesem Film viel gesprochen, aber man sieht die Protagonisten überwiegend von vorne, so dass ich recht viel Unterstützung durch das Lippenablesen habe. Und ich habe mich beim Anschauen des Trailers einfach in diesen Film verliebt.

Noch etwas Erwähnenswertes: Meine ErstBesteHälfte saß heute Abend mit zwei Freundinnen bei Kerzenlicht draußen. Ich habe mich ein paar Minuten dazugesetzt und konnte dem Gespräch im Dunkeln zwar nicht folgen, aber verstand immer wieder einzelne Wörter und auch Sätze. Ohne Mundbild.

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