Tag 69/6 – Goodbye

Heute muss ich zu einer Beerdigung. Der Mann einer Schulfreundin, mit der ich immer noch sehr eng befreundet bin, ist in der letzten Woche überraschend an Krebs gestorben. Meine ErstBesteHälfte fährt mit, weil ich die Tour über 300 Kilometer jeweils hin und zurück inklusive der Beerdigung selbst noch nicht schaffe – das ist zu viel so kurz nach der Operation.

Auf der Fahrt bemerken meine ErstBesteHälfte und ich, wie ungewohnt es für uns ist, sich im Auto zu unterhalten. Ich bin bislang ein sehr stiller Fahrer oder Beifahrer gewesen und habe immer nur dann kommuniziert, wenn es wichtig war: Wo müssen wir lang? Wie fahren wir? Wir brauchen eine Pause. Die Musik gefällt mir nicht. Kannst Du bitte langsamer fahren. Schaumal, das Kennzeichen ist lustig. Was für ein schöner Sonnenuntergang! Ich habe beim Fahren nur dann verstanden, wenn ich meinen Gesprächspartner angeschaut habe. Und meinen Gesprächspartner nur dann, wenn ich von seinen Lippen ablesen konnte. Mitfahrer auf den Rücksitzen konnte ich nur verstehen, wenn ich den Rückspiegel auf ihr Gesicht gelenkt habe. In den 90er Jahren, in denen ich oft Mitfahrer über die Mitfahrzentrale mitgenommen habe, wenn ich beispielsweise meine Schwestern in Berlin besucht habe, habe ich gleich zu Beginn der Fahrt darauf hingewiesen, dass Kommunikation mit mir nicht ohne weiteres möglich ist. Das ist für viele Menschen ungewohnt; aber man gewöhnt sich an alles. Für uns und insbesondere für die ErstBesteHälfte ist es jetzt ungewohnt, dass sie auf dem Beifahrersitz nicht abschalten kann, sondern dass ich Gespräche beginne. Das ist einerseits toll, aber andererseits auch eine komplett neue Situation, auf die wir uns erst einmal einstellen müssen.

Am Zielort setze ich die EBH in der Stadt ab und fahre zur Wohnung meiner Freundin. Bis zur Beerdigung sind noch zwei Stunden Zeit und wir nutzen diese, um das unvorstellbare Geschehen der letzten Tage zu besprechen. In dieser Situation hilft es sehr, dass ich mit meinen Implantaten flüssig verstehen kann. Gerade in Situationen, die emotional sehr nahe gehen, ist es sehr schwierig, wenn man alles zwei- oder dreimal wiederholen und deutlich sprechen muss. Weinende Menschen habe ich immer sehr schlecht bis gar nicht verstanden. Lachende übrigens auch nicht: Jegliche Emotion, die das Sprechen beeinträchtigt, ist für hörgeschädigte Menschen ein echtes Handicap. Ich wäre übrigens sehr gern Kinderpsychologe geworden – das war einer meiner ersten ersthaften Berufswünsche. Aber auch wenn ich glaube, dass man auch mit Handicap fast alles erreichen kann, wäre dies wohl eine sehr schwierige Konstellation geworden. Denn Kinder sprechen per se meistens undeutlich und Kinder, die ein psychologisches Problem haben, haben keine Ressourcen dafür, enorm deutlich zu artikulieren. Bevor ich Kinderpsychologe werden wollte, wollte ich übrigens Fernfahrer werden. Das habe ich aber auch nicht gemacht, weil ich keinen Funk verstehen kann.

Die Beerdigung selbst ist unspektakulär, so schön, wie eine Beerdigung eben sein kann und natürlich tieftraurig. Bei der Trauerrede verstehe ich nicht alles, weil die Konzentration schwer fällt und die Rednerin recht weit entfernt steht – aber dennoch viel mehr als mit Hörgeräten. Reden habe ich bislang nie verstanden und das hat mich immer sehr geärgert. Weder auf Beerdigungen noch auf Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten – man ist in solchen gesellschaftlichen Situationen außen vor, zumal man sich auf einer Beerdigung oder bei einer Hochzeitsrede als Gast auch nicht einfach direkt vor den Redner setzen kann. Manchmal ist es möglich, das Redemanuskript zu bekommen – vorher oder hinterher. Aber das gemeinschaftliche Gefühl, dieser Moment, in dem Dinge eine größere Anzahl Personen bewegt und zum Lachen oder Nachdenken bringt, erfasst einen nicht, wenn man nicht versteht, was gesagt wird.

Der Rest des Tages ist Reden und vor allem Zuhören. Früher hätte mich so etwas sehr angestrengt und ich wäre spätestens am Nachmittag nicht mehr aufnahmefähig gewesen. Heute, mit beiden Implantaten im Kopf, kann ich zuhören und Trost spenden bis in die Nacht. Letztendlich übernachte ich vor Ort und die ErstBesteHälfte schläft bei einer Freundin.

 

 

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