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Tag 325/263 – Hurricane, Sonntag

Junior II und ich kommen heute nur schwer aus dem Bett – die letzten beiden Tage waren zwar wundervoll, aber auch anstrengend. Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es dennoch zum Festivalgelände. Heute haben wir nicht viel auf dem Plan – tagsüber spielen nur wenige Bands, die mich interessieren – aber am Abend wird es dann etwas hektisch, weil The Cure, eine meiner absoluten Lieblingsbands, und direkt anschließend die Foo Figthers auf einer anderen Bühne spielen.

Wir lassen uns heute treiben. schauen hier und dort auf den Bühnen vorbei und entdecken auch heute eine wirklich tolle Band: Royal Republic. Klassischer Rock mit einer tollen Show und einem super-sympathischen Frontman, der eine hervorragende Stimmung macht. Wie auch am Samstag und am Sonntag ist der Sound hervorragend und ich kann die Musik ohne Einschränkungen genießen.

Später treffen wir zufällig Freunde aus dem Fußballverein meines Juniors und verbringen den Nachmittag auf dem Festivalgelände mehr mit netten Gesprächen, leckerem Fast-Food und genießen die Atmosphäre und das gute Wetter. Und dann geht es zu The Cure.

Die ersten Songs, die mich mit meinen Cochlea-Implantaten gehört habe, waren Lullaby und The Forest von The Cure. Ich mag diese Musik unendlich gerne – seit meiner Jugendzeit. 2012 habe ich The Cure bereits auf dem Hurricane zusammen mit der ErstBestenHälfte gesehen und das war – trotz Hörgeräten – ein tolles Erlebnis. Ich kenne die meisten Songs in- und auswendig und konnte das Konzert deshalb auch mit einem relativ schlechten Hörerlebnis genießen. Ich habe jahrelang nur Musik gehört, die ich von früher kannte – mit den Hörgeräten konnte ich Bass und Schlagzeug hören; mein Gehirn hat dann aus den Erinnerungen von früher den Rest dazugepackt.

Jetzt, mit Hörimplantaten, höre ich ALLES. Und das ist ein unglaubliches Erlebnis. Zwar ist The Cure nicht gerade die geborene Live-Band und schon gar nicht dafür gemacht, am hellichten Tag zu spielen… diese Band gehört in einen düsteren Keller, in eine dunkle Halle.. aber dennoch ist es wundervoll, diese Musik endlich live zu HÖREN, ohne Anstrengung genießen zu können und sich wieder wie 20 zu fühlen.

Weil ich auch die Foo Fighters unbedingt sehen will, verlassen wir da Konzert schweren Herzens ein bißchen früher. Leider ertönen just zu diesem Zeitpunkt, als wir schon weit entfernt von der Bühne sind, die alten Songs aus meiner Jugend. Das ist etwas blöd gelaufen, aber man kann nicht alles haben. Wir mischen uns in die Menschenmenge, die vor der Hauptbühne auf die Foo Fighters wartet – es ist rappelvoll, wie immer beim letzten Act… und dann stürmt Dave Grohl auf die Bühne und legt mit seinen Bandmitgliedern ein Feuerwerk hin, das ich so auch noch nicht erlebt habe: Ein Song reiht sich an den anderen, ohne Pause, die Dynamik ist unglaublich, die Lust an der Musik, an diesem Auftritt – das ist wirklich unfassbar beeindruckend. Der Sound ist enorm laut aber dennoch kann ich auch hier gut hören und zwei Stunden lang einen Konzertauftritt anschauen und anhören, den ich sicher nie vergessen werde.

Dann ist das Hurricane zu Ende. Wir essen noch etwas, sammeln Junior I ein, der am liebsten noch die ganze Nacht im Technozelt verbringen würde, fahren nach Hause und fallen erschöpft aber glücklich in die Kissen. Was für ein Wochenende – ich bin unendlich dankbar, dass mir dies wieder möglich geworden ist.

Tag 324/262 – Hurricane, Samstag

Und auf geht es zum zweiten Hurricane-Tag. Auch heute ist das Wetter herrlich und Junior II und ich freue uns sehr auf einen erlebnisreichen Festivaltag. Das Programm ist heute eher auf meinen Nachwuchs ausgerichtet – er möchte sich gerne einige Deutsch-Rapper und -Rap-Bands ansehen. Ist eigentlich gar nicht mein Geschmack, aber schließlich geht es auch um ihn und solange ich mir diese Musik nicht ständig im Autoradio anhören muss, geht das auch in Ordnung.

Der Tag beginnt mit Fünf Sterne Deluxe (auf einen Link verzichte ich aus Rücksicht auf meine Leser). Wir nehmen noch einen Schulfreund meines Juniors mit und wagen uns diesmal direkt vor die Bühne, weil das Gedränge am Nachmittag noch nicht so groß ist. Die Bässe wummern aus vollem Rohr, aber selbst hier spielen meine Soundprozessoren gut mit und ich kann, abgesehen davon, dass ich die Musik stinklangweilig und die Typen ziemlich unsympathisch finde, den Sound genießen.

Dann geht es zu einer meiner Lieblingsbands – Flogging Molly: Irischer Gute-Laune-Rock vom Allerfeinsten (obwohl die Band aus L.A. stammt). Ich habe die Jungs schon mehrmals live gesehen und denke, dass es wohl kaum eine bessere Live-Band gibt, Schon beim ersten Song ist das Publikum völlig aus dem Häuschen und diese unglaubliche Stimmung lässt auch während der gesamten Stunde, in der diese unglaublichen Kalifornier alles geben, kein bißchen nach. Und auch hier ist der Sound fantastisch. Zwar habe ich erneut mit einigen Aussetzern wegen der Feuchtigkeit zu kämpfen – obwohl beide Soundprozessoren die ganze Nacht über ein ihren Trockenboxen lagen, aber das bekomme ich dann auch in den Griff und genieße jede Sekunde dieses Stimmung machenden Auftrittes.

Danach sind Junior II und ich erst einmal platt, aber auf einer anderen Bühne tritt eine weitere Hip-Hop-Band auf, die ich allerdings vor zwei Jahren schon einmal auf dem Hurricane gesehen habe und die mir sehr gut gefallen hat: Die 257er’s aus meiner alten Heimatstadt Essen. Eine tolle Show, Party-Texte mit viel Humor und ein rundum sympathischer Auftritt, mit viel Publikumsinteraktion: So muss live sein. Junior II und ich hüpfen, brüllen und feiern mit und haben enorm viel Spaß. Und auch hier: Top Sound, keine Verzerrungen, einfach nur genial.

Nach diesem Auftritt trennen sich unsere Wege: Junior II möchte unbedingt zu AnnenmayKantereit und ich habe andere Pläne. Wir treffen Junior I, der ebenfalls auf dem Festival ist, er nimmt seinen jüngeren Bruder ins Schlepptau und ich ruhe mich erst einmal etwas aus, laufe herum, genieße die Atmosphäre und schaue, was auf den anderen Bühnen so läuft. Und treffe eine weitere, neue Lieblingsband, die ich bis dahin noch gar nicht kannte: The Wombats, eine Indie-Rockband aus England. Ich bemerke mal wieder, wie viel Musik ich in den letzten Jahren verpasst habe, wie wenig neuere Band ich kenne und vor allem: Wie viel gute Musik es in den letzten Jahren gegeben hat, auch wenn das meiste, was ich wirklich mag, es nicht in die Charts geschafft hat. Auch dieses Konzert ist viel zu schnell vorbei – ich hätte hier noch stundenlang stehen und zuhören können und hoffe sehr, dass ich diese Band noch einmal woanders und länger anhören kann.

Anschließend treffe ich meine Juniors wieder, übernehme Junior II und dann geht es, nach einer kurze Pommes-Stärkung, zu Macklemore, einem der Haupterlebnisse für meine Kinder. Und auch wenn ich nicht auf Hip-Hop stehe: Die Show ist klasse, der Sound fantastisch, der Künstler selbst enorm sympathisch und eine echte Rampensau und ich bereue kein bißchen, dass ich mir dies angeschaut habe.

Danach sind wir ziemlich k.o., schauen noch kurz bei Steve Aoki vorbei – einem DJ, der Techno-Musik macht. Das wird mir aber schnell zu langweilig; also laufen wir zurück zum Auto und sind gegen halb zwei müde aber glücklich im Bett.

Tag 323/261 – Hurricane, Freitag

An diesem Wochenende findet in meinem Heimatort das alljährliche Hurricane-Festival statt – mit knapp 70.000 Besuchern eins der größten Open-Air-Musikfestivals in Norddeutschland. Das Festivalgelände, der Eichenring, ist nur wenige Kilometer von der Ortschaft entfernt. Normalerweise finden hier Sandbahnrennen statt; einmal im Jahr wird allerdings der Ausnahmezustand ausgerufen, wenn Tausende von Jugendlichen und Erwachsenen nach Scheeßel pilgern und auf den umliegenden Camping-Wiesen und auf dem Festivalgelände drei Tage lang Party machen und bis zu 100 Bands auf drei Bühnen feiern.

Ich war bislang zweimal dort – 2012 mit meiner ErstBestenHälfte. Es war ein wundervolles Wochenende und insbesondere die Auftritte von The Cure, New Order, Katzenjammer und Kakkmaddafakka sind mir unvergesslich geblieben. 2017 besuchte ich das Festival mit Junior, der damals 13 Jahre alt und schon sehr musikinteressiert war. Und dies war das vielleicht beste Festival aller Zeiten: Mit Blink 182, Green Day und Linkin Park, die in Scheeßel eins ihrer letzten Konzerte in Deutschland gaben, bevor sich ihr Leadsänger Chester Bennington das Leben nahm, waren drei meiner absoluten Lieblingsbands vor Ort. Wir waren bei allen drei Konzerten im vorderen Front-Stage-Bereich, also ganz nah an der Bühne, und nicht nur für Junior I war dies ein unvergessliches Erlebnis.

Das Hören auf Festivals war mit Hörgeräten immer schwierig. Natürlich ist die Lautstärke hoch genug, um die Musik zu HÖREN, aber meine Hörgeräte waren natürlich stark darauf ausgerichtet, Sprache zu verstehen und Störgeräusche zu unterdrücken – wie zum Beispiel ein Schlagzeug. Hohe Töne habe ich auch mit Hörgeräten nicht gehört. Wahrgenommen habe ich die Beats, den Bass und meistens hat es eine Minute gedauert, bis ich einen Song erkannt habe – manchmal auch gar nicht. Die Klangqualität war einfach enorm schlecht, aber dennoch bin ich gern auf Konzerte gegangen, habe die Atmosphäre genossen und versucht, so viel wie möglich akustisch aufzuschnappen. Ich war es nicht anders gewohnt und habe versucht, einfach das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen.

Der erste Test auf einem Open-Air vor wenigen Tagen verlief sehr positiv – in ausreichend Entfernung zu den Lautsprecherboxen konnte ich die Musik hervorragend hören. Ich bin gespannt, wie das auf dem Hurricane-Festival funktioniert. Hier wird es um Einiges lauter sein als auf dem kleinen Höpen-Air in Schneverdingen und ich habe ein wenig Angst, dass die Musik auch in etwas Entfernung von der Bühne Verzerrungen hervorrufen wird. Ich habe lange überlegt, wie ich den lauten Schall etwas dämpfen kann – zum Beispiel indem ich die Mikrofonabdeckungen mit Filz oder einem Stück Stoff beklebe. Letztendlich ist die Angst davor, den Soundprozessor zu beschädigen, zu groß. Ich nehme stattdessen eine Bandana, ein Sport-Kopftuch wie es Tennisspieler manchmal tragen, und ein Beanie – eine dünne Stoffmütze – mit zum Festivalgelände. Ich hoffe, dass beide Teile ausreichen, um den Schall etwas zu dämpfen – und die Prozessoren außerdem vor Spritzwasser oder Bier, das gelegentlich in die Menge geschleudert wird, schützen.

Freitag nachmittag geht es dann los – ich fahre mit Junior II zum Bahnhof, von dort aus laufen wir etwa drei Kilometer zum Festivalgelände und dann sind wir mitten im Getümmel. Das Wetter ist fantastisch, was eher überraschend ist, denn das Hurricane-Festival macht seinem Namen meistens alle Ehre – Regen, Gewitter und Unwetter gehören normalerweise fest zum Programm. Dieses Jahr wird es über die gesamten drei Tage lang trocken bleiben – und teilweise richtig heiß.

Ich kenne relativ wenig Bands, die dieses Jahr auftreten. Die Toten Hosen sind natürlich gesetzt, ebenso wie The Cure und die Foo Fighters, die am Sonntag Abend als Hauptact auf der Bühne stehen werden. Allerdings habe ich mir in den letzten Tagen einiges der auftretenden Bands angehört und unser Spielplan ist gut gefüllt. Dazwischen wollen wir uns einfach überraschen lassen. Das ist das Schöne an Festivals: Man hört auch mal andere Musik und entdeckt mitunter Künstler, die man vorher gar nicht auf dem Programm hatte.

Die erste Band, die wir uns anhören wollen, ist eine linke Pop-Band namens Betontod. Wir haben gute Plätze, etwa 20 Meter hinter der Bühne, direkt vor der Sicherheitsabsperrung zum Front Stage-Bereich und ich bin sehr gespannt, ob meine elektronischen Ohren gut mitmachen und wie weit oder nah ich von der Bühne stehen muss, um keine akustischen Verzerrungen wahrzunehmen. Bei den ersten drei Songs experimentiere ich wieder viel mit meiner Fernbedienung, bis ich eine Einstellung gefunden habe, die wirklich gut klingt. Zusammen mit dem Beanie auf dem Kopf ist der Sound: Fantastisch! Es klingt total klasse, keine Verzerrungen, ich höre die Instrumente heraus, verstehe die Texte teilweise und kann das erste Konzert ohne jegliche Einschränkungen genießen. So ein Wahnsinn – damit habe ich, mal wieder, nicht gerechnet.

Der Auftritt von Betontod ist super – auch Junior II hat sehr viel Spaß, das Publikum tobt und anschließend holen wir uns erst einmal frisches Wasser, einen kleinen Snack und beobachten aus der Ferne, wie das Bühnenbild für die nächste Band namens Enter Shikari aufgebaut wird. Den Namen habe ich noch nie gehört und auch Junior II kennt sie nicht – irgendwie zieht uns das Bühnenoutfit, das im Stil der 60er Jahre gehalten ist, aber magisch an und wir stellen uns wieder an die Absperrung, an der wir vorher auch standen. Und auch dieses Konzert ist genial. Die Musik ist recht hart – ein wenig Punk, ein wenig Postcore, ein wenig Metal – aber die Show ist wirklich genial, der Frontman gibt einfach alles, der Sound ist fantastisch und wir haben sehr viel Spaß.

Anschließend tritt Papa Roach auf – die kenne ich bereits und möchte sie unbedingt hören. Wir bleiben als direkt an unserem sehr guten Platz, und auch dieses Konzert ist einfach nur genial – tolle Musik, das Publikum ist kurz vorm Ausflippen und ich könnte mir die Jungs noch stundenlang anhören. Allerdings habe hier erste Probleme mit meinen Soundprozessoren, die zu feucht geworden sind. Obwohl mein Kopftuch sehr dünn und luftdurchlässig ist, staut sich darunter die Wärme und Feuchtigkeit des Schweißes, der mir über den Kopf läuft – bei knapp 30 Grad inmitten einer hüpfenden Menschenmenge auch kein Wunder – und die Prozessoren setzen alle 10 Minuten aus. Auch das Beanie bringt keine Besserung. Mir bleibt nichts anders übrig, als die Kopfbedeckung komplett abzunehmen und zu hoffen, dass mir kein Bierbecher gegen den Kopf und die Ohren fliegt. Die Sonne trocknet die Geräte schneller als gedacht und ich kann immerhin den weitaus größten Teil des Konzertes mit beiden Ohren genießen.

Sehr genieße ich auch die Gespräche mit den Menschen um uns herum. Ich werde oft wegen meiner Implantate angesprochen, aber auch einfach so und lerne ein paar richtig nette Leute jeden Alters kennen. Die Stimmung beim Hurricane war schon immer sehr entspannt und man findet sehr schnell Kontakt zu anderen Besuchern. Bei meinen früheren Besuchen habe ich mir das immer etwas verkniffen, weil ich einfach zu schlecht verstanden habe. Auch mit der Security, die im abgesperrten Sicherheitsdurchgang vor uns steht, habe ich einige nette Gespräche. Das macht richtig Spaß!

Auch der nächste Auftritt – eine australische Death Metal Band namens Parkway Drive, die ich auch noch nicht kannte – ist bombastisch und im Nachhinein eins der besten Live-Konzerte, die ich je gesehen habe. Eine grandiose Bühnenshow, tolle Musik, teilweise gemischt mit klassischen Instrumenten, und dazu höre ich diesmal ohne Aussetzer, weil es langsam auch dunkel und etwas kühler wird – was für ein Erlebnis. Die Stunde Spielzeit geht viel zu schnell um und danach dröhnen unsere Ohren ein wenig, aber Junior II und ich sind restlos begeistert.

Später am Abend schauen wir uns dann noch die Toten Hosen an, die wir beide sehr gern mögen und auch dieses Konzert ist klasse. Parkway Drive war heute aber nicht zu toppen. Und dann geht es müde, aber sehr glücklich nach Hause. Ich freue mich wahnsinnig auf die nächsten beiden Tage und überhaupt auf jedes kommende Festival – dass dies mit dem Hören so gut klappt, habe ich wirklich nicht erwartet.

Tag 320/258 – Hörpate

Med-El hatte mich kürzlich angefragt. ob ich Interesse daran hätte, als ‘Hörpate’ aktiv zu werden. Hörpaten sind Cochlea-Implantat-Träger, die mit Med-El-Geräten versorgt sind und die als Ansprechpartner für hörgeschädigte Personen bereitstehen, die ebenfalls ein Hörimplantat in Betracht ziehen. Dafür gibt es eine Website von Med-El, auf der man sich die Profile der zur Verfügung stehenden Hörpaten anschauen und diese direkt kontaktieren kann. Die Hörpaten bekommen für ihr Engagement eine kleines monatliche Aufwandsentschädigung.

Nach reiflichem Überlegen habe ich mich dazu entschieden, dies zu tun. Für mich waren die Erfahrungen anderer CI-Träger enorm wichtig bei meiner Entscheidungsfindung. Ich hätte diesen Schritt ohne Erfahrungsberichte von anderen nicht gewagt. Auch deshalb versuche ich in Selbsthilfegruppen auf Facebook und mit diesem Blog anderen Betroffenen Mut zu machen, den Schritt zum CI zu wagen. Über die Hörpaten-Website kann ich Menschen erreichen, die mein Blog nicht kennen oder nicht auf Facebook unterwegs sind. Und vielleicht kann auch auch auf diesem Kanal Mut machen und Informationen weitergeben, welche die Entscheidungsfindung positiv beeinflussen können.

Für mich war etwas problematisch, dass ich damit ein Stück meiner Neutralität verliere. Ich habe dies intensiv mit den verantwortlichen Personen bei Med-El diskutiert. Dieses Engagement verpflichtet mich nicht dazu, andere CI-Hersteller wie Cochlea, Advanced Bionics oder Oticon schlechter zu stellen als Med-El. Es geht darum, Menschen die Angst vor der Entscheidung zu einem Cochlea-Implantat zu nehmen. Ich werde niemandem raten, auf jeden Fall ein Implantat von Med-El zu wählen. Alle Systeme haben Vor- und Nachteile und ich denke, dass man mit jedem System hervorragend hören kann. Im Sprachverständnis gibt es insgesamt nur wenig unterschiede und ich habe Freunde, die sowohl mit Cochlea als auch mit Advanced Bionics versorgt sind und damit nicht nur Sprache hervorragend verstehen, sondern auch Musik hören können.

Die Frage, welches Implantat man wählt, muss jeder für sich selbst beantworten – zusammen mit den Ärzten, welche die Operation durchführen. Was ich aber ohne schlechtes Gewissen machen werde, ist meine durchweg positiven Erfahrungen mit meinen Implantaten von Med-El weiter zu geben. Sollte ich mich jemals dazu gedrängt fühlen, andere hörgeschädigte Menschen in Richtung Med-El drängen zu müssen, werde ich dieses Engagement mit sofortiger Wirkung beenden.

Tag 305/243 – Feucht

Seit einiger Zeit habe ich enorme Probleme mit Feuchtigkeit in meinen Soundprozessoren, wenn ich schwitze. Die Spulen meiner Soundprozessoren liegt direkt auf der Haut, da ich eine Glatze trage und meinen Kopf regelmäßig rasiere. Leider wächst schon seit meiner späten Jugend nicht mehr genug auf meinem Kopf, um eine andere Frisur mit einem halbwegs vertretbaren Coolnessfaktor tragen zu können. Der Schweiß tropft also direkt auf Spule und gelegentlich auch auf den eigentlich spritzwassergeschützten Soundprozessor, anstatt in den Haaren hängen zu bleiben.

Dies hat zur Folge, dass die Soundprozessoren nach einiger Zeit – manchmal schon nach einer halben Stunde, manchmal etwas später – den Dienst versagen. Entweder übertragen sie gar nicht mehr – ich höre dann den Signalton, dass die Batterie sich leert, bevor sich das Gerät abschaltet (auch bei frischen Batterien), oder ich habe starke akustische Verzerrungen. Das ist unangenehm.

Zwar habe ich für jeden Soundprozessor eine elektrische Trockenbox bekommen, in die ich die Geräte fast jeden Abend hineinlege. Dieser Trockenprozess dauert aber mindestens zwei Stunden. Wenn ein Soundprozessor tagsüber ausfällt – beispielsweise beim Schlagzeug oder Tennis spielen, bin ich circa zwei Stunden gehörlos.

Beim Tennis habe ich versucht, Sport-Kopftücher zu tragen – aber die verstärken das Problem eher nur, weil die Spule darunter liegt und sich zusätzlich zur Feuchtigkeit auch noch Hitze staut, die zu einem noch schnelleren Aussetzer führen.

Es gibt für meine Soundprozessoren samt Spule zwar ein Water-Kit, das die Geräte zuverlässig vor Feuchtigkeit und Wasser schützen soll, aber dies ist recht aufwändig aufzubringen. Außerdem brauche ich dafür andere Batterien, die keine Luft benötigen und die eine deutlich kürzere Lebensdauer haben.

Ich bin derzeit etwas ratlos, wie ich das Problem in den Griff bekomme. Insbesondere an heißen Sommertagen, an denen ich sehr aktiv bin, stoßen die Geräte im Hinblick auf den Feuchtigkeitsschutz viel zu schnell an ihre Grenzen. Falls jemand Tipps oder Ideen hat, wie man das Problem lösen oder mindern kann, wäre ich für Kommentare unter diesem Beitrag sehr dankbar.

Tag 303/241 – Open Air

Alle zwei Jahre findet in Schneverdingen, einem Nachbarort, ein kleines Open-Air Musikfestival statt, bei dem etwa 3.000 Besucher einen Abend lang live-Musik genießen können. Natürlich treten hier keine hochkarätigen Superstars auf, sondern eher kleinere, regionale und unbekanntere Bands, die vielleicht einmal zu Superstars werden. Dieses Jahr steht unter dem Motto ‘Cover-Bands’: Neben einer recht bekannten Udo Lindenberg Coverband treten auch Hellfire, eine der bekanntesten AC/DC-Coverbands auf – und außerdem John Diva & The Rockets of Love auf, die ich noch gar nicht kenne und die sich vor allem dem Hardrock der 80er und 90er Jahre verschrieben haben, und Die toten Ärzte – eine Band, die – wie der Name schon verrät – Songs der Ärzte und der Toten Hosen covert.

In diesem Jahr bin ich zusammen mit meiner ErstBestenHälfte und zwei befreundeten Ehepaaren zum ersten Mal dort. Ich weiß noch nicht, wie sich meine Cochlea-Implantate auf Live-Konzerten schlagen. Die Musik ist dort erfahrungsgemäß sehr laut und die Mikrofone meiner Soundprozessoren arbeiten nur bis zu einer Lautstärke von etwa 100 Dezibel optimal. Alles, was lauter ist, wird etwas verzerrt wiedergegeben und klingt nicht optimal. Ich hatte deshalb bei einem Diskothekenbesuch im Winter ein wenig Probleme und möchte dieses Open-Air vor allem als Testlauf für größere Konzerte nutzen.

Als wir das Festivalgelände erreichen – ein kleines Tal mit sanft aufstrebenden Grashängen, auf denen sich das Publikum verteilt hat, spielt bereits die erste Band. Ich finde Udo Lindenberg durchaus cool, aber höre nicht konzentriert zu, sondern sondiere das Gelände, treffe Freunde, trinke ein Bier und nehme dann rechtzeitig vor dem Spielbeginn von Hellfire einen Platz mit guter Sicht auf die Bühne am Grashang ein. Dann geht es los- Hellfire betritt die Bühne und AC/DC-Beats wummern aus den überdimensionalen Boxen.

Am Anfang sind meine Soundprozessoren etwas überfordert mit der doch recht hohen Lautstärke. Ich spiele auf meiner Fernbedienung mit den verschiedenen Hörprogrammen herum, reguliere die Lautstärke und die Mikrofonempfindlichkeit und nach wenigen Minuten habe ich eine Einstellung gefunden, die kaum noch Verzerrungen erzeugt und die Musik trotz der enormen Lautstärke gut klingen lässt. Dann nähere ich mich der Bühne. Ab einer bestimmten Entfernung ist die Klangqualität nicht mehr so überzeugend, also kehre ich zu meinem Platz am Hang zurück und genieße den hervorragenden Sound einer wirklich außerordentlich guten Coverband. Wenn man sie nicht sehen würde, könnte man wirklich denken, AC/DC spiele dort wirklich (ich habe sie vor 2 Jahren live im Berliner Olympiastadion gesehen – damals noch mit Hörgeräten und einem sehr eingeschränkten Hörgenuss, der dieses geniale Konzerterlebnis aber dennoch nicht schmälern konnte).

Es macht wirklich enormen Spaß. Die Musiker von Hellfire geben alles, das Publikum kocht und ich bin unsagbar dankbar darüber, dass mir ein solcher Musikgenuss auch auf einem Live-Festival wieder möglich ist.

Dann kommen John Diva & The Rockets of Love auf die Bühne. Ich kannte diese Band noch gar nicht, aber fast alle Songs, die sie im Repertoire haben, gehören zu den Favoriten meiner Jugendzeit. Guns&Roses, Whitesnake, Alice Cooper, Kiss, Journey, Mötley Crüe, The White Stripes, Def Leppard und viele mehr. Und die Jungs legen wirklich los wie Raketen – es ist ein unglaublicher Auftritt voller Energie, voller Perfektion – ich bin wirklich sprachlos. Jeder Song hört sich wirklich fast genauso an wie das Original und vor allem der Drummer liefert eine Performance ab, wie ich sie bislang selten live erlebt habe. Und alles klingt einfach nur hervorragend. Keine Verzerrungen, ich erkenne jeden Song sofort, kann einzelne Instrumente heraushören und kann mich überhaupt nicht daran erinnern, ein Live-Konzert jemals so genossen zu haben. Auch das Publikum tobt – am Anfang war die Fläche vor der Bühne recht leer, weil die Band recht unbekannt ist. Aber spätestens beim dritten Song strömt alles nach vorne, rockt mit und die Stimmung ist unglaublich gut. Ich könnte hier ewig sitzen bleiben und den Jungs zuhören und muss mich enorm beherrschen, nicht nach vorne zu drängen – lieber bleibe ich etwas im Hintergrund und genieße den Sound, die Musik, den Abend und meine elektrischen Ohren. Was für ein Auftritt…

Auch die anschließend spielenden Toten Ärzte liefern eine tolle Show ab und covern sowohl die Ärzte als auch die Toten Hosen wirklich hervorragend, aber den Auftritt von John Diva können sie – jedenfalls aus meiner Sicht – nicht toppen. Dennoch genieße ich auch dieses Konzert sehr – und dann, spät in der Nacht, ist die Show zu Ende und wir fahren wieder nach Hause.

Ich bin unendlich glücklich, dass das elektrische Hören auch hier so gut funktioniert hat. Jetzt können die nächsten Live-Konzerte kommen!


Tag 294/232 – Defekt

Heute bemerke ich, dass mein linker Soundprozessor defekt ist. Beim Wechsel der Mikrofonabdeckung, die alle drei Monate empfohlen wird, weil Staub und Schmutz dieser Abdeckung auf Dauer zusetzen, scheint ein kleiner Plastik-Nippel abgebrochen zu sein. Die Folge ist, dass die Abdeckung nicht mehr akkurat auf dem Soundprozessor sitzt und Feuchtigkeit und Schmutz in das Gerät eindringen können.

Also rufe ich bei der Med-El-Hotline an und schildere das Problem. Es wird versprochen, am nächsten Tag einen Kurier zu schicken, der ein Ersatzgerät vorbeibringt und das defekte Gerät dafür mitnimmt.

Genaus dies ist am folgenden Morgen auch der Fall. Ich bin allerdings etwas verwirrt, als am späten Vormittag ein Kurier erscheint, der zwar das defekte Gerät abholen will, aber keinen Ersatz dabei hat. Offenbar wurde ein weiterer Kurier beauftragt, das Ersatzgerät zu liefern.

Da ich nicht sicher bin, wann das Ersatzgerät eintrifft und auf mein zweites elektrisches Ohr nicht verzichten möchte, händige ich den defekten Soundprozessor nicht aus, sondern warte auf den zweiten Kurier, der dann tatsächlich am Nachmittag bei uns klingelt, ein neues Gerät mitbringt und das alte in Empfang nimmt.

Der Ersatzprozessor ist bereits auf mein Implantat im linken Ohr codiert und eingestellt; ich muss ihn lediglich die Fernbedienung koppeln und kann dann direkt loshören. Einfacher geht es wirklich nicht!

Tag 285/223 – Bass

Heute habe ich mir einen langgehegten Traum erfüllt und mir einen elektrischen Bass gekauft. Ich habe schon mehrfach versucht, Gitarre zu lernen – aber bislang waren meine mit Hörgeräten versorgten Ohren einfach zu schlecht, um die Töne zu erkennen und dieses Instrument spielen zu können. Und außerdem scheinen meine Finger ein wenig zu grobmotorisch für dieses Instrument zu sein. Bass ist da einfacher – er hat weniger Saiten, man spielt weniger Akkorde und muss die Finger weniger verrenken und ich mag dieses Instrument und seine tiefen Töne, die wummernde Beats erzeugen können, einfach sehr gerne.

Über eBay Kleinanzeigen habe ich heute ein passendes Instrument gefunden, das der Besitzer, der zufällig in der Nähe meines Heimatortes war, direkt vorbeigebracht hat. Wie so oft, wenn man gebrauchte Musikinstrumente kauft, lernt man nette Menschen kennen und auch dieser Kauf war eine durchweg erfreuliche Angelegenheit mit einem sehr netten, musikbegeisterten Verkäufer, bei dem ich viele wertvolle Tipps mit auf den Weg bekam.

Das Hören tiefer Töne ist mit Hörimplantaten eine recht schwierige Übung. Da ich vor allem im Hochtonbereich schwerhörig bin und auch Sprache in diesem Bereich liegt, sind die Soundprozessoren meiner Hörimplantate natürlich besonders auf diese Frequenzen fokussiert. Allerdings höre ich tiefe Töne deutlich besser, als ich vorher gedacht habe. Ich kann sogar hören, wenn die Saiten meines Basses verstimmt sind. Schwieriger ist es, wenn ich Musik höre und dazu spiele – ich nehme zwar wahr, wenn ich komplett falsch liege, aber wenn der Ton zum jeweiligen Akkord passt weiß ich nicht immer genau, in welcher Höhe ich ihn spielen muss.

Ein großer Vorteil ist, dass der Bass nicht so laut ist wie ein Schlagzeug und ich deshalb einfacher Musik begleiten kann. Das Schlagzeug nimmt nach wie vor die meisten Ressourcen meines Soundprozessors in Beschlag und ich brauche hier Kopfhörer und einen Kopfhörerverstärker, wodurch die Musik laut genug in meine elektrischen Ohren gespeist wird. Das klappt dann aber hervorragend.

Ich bin sehr gespannt und freue mich riesig auf diese neue Herausforderung. Junior I kam, wie so oft, auf Anhieb mit diesem neuen Instrument klar und konnte schon nach wenigen Minuten erste Songs mitspielen. Er spielt bereits elektrische Gitarre und kennt sich deshalb gut mit den Grundprinzipien dieses Instrumentes aus.

Hoffentlich bleibt mir genug Zeit, Bass zu lernen und dennoch das Schlagzeugspielen nicht zu vernachlässigen. Unterricht werde ich vorerst nicht nehmen, sondern versuchen, die Grundlagen mit Hilfe von YouTube-Tutorials und der tatkräftigen Unterstützung von Junior I zu lernen. Mit Junior II am Schlagzeug haben wir dann schon eine richtige Band und ich freue mich sehr darauf, mit den beiden Jungs Musik zu machen.

Tag 282/220 – Hochzeit

An diesem Wochenende heiratet meine Nichte im brandenburgischen Jessen. Wir freuen uns sehr auf ein Wochenende im Kreis meiner Familie. Einige Familienangehörige habe ich seit meiner ersten Implantation noch gar nicht wieder getroffen und die meisten nach meiner zweiten Operation auch nicht. Das wird ein wundervolles Wiedersehen.

Wir treffen schon am späten Freitagabend in Jessen ein. Die Hochzeit findet in einer Hochzeitsscheune statt – einem wunderschönen und speziell für Hochzeitsfeiern umgebauten Hof. Dort gibt es einen großen Festsaal, einen Tanzraum, Gästezimmer, eine Küche und einen sehr schönen Innenhof mit Grillplätzen. Alles ist wirklich wunderschön eingerichtet und geschmückt und die Freude ist groß, als meine Verwandten nach und nach eintreffen.

Natürlich habe ich sehr viel zu erzählen – die letzten Monate waren wohl die ereignisreichsten in meinem ganzen Leben. Alle freuen sich riesig über meinen Hörerfolg und ich werde nicht müde, immer wieder zu erzählen, wie das Implantat funktioniert, wie ich höre und welche Hörerlebnisse mich am nachhaltigsten beeindruckt haben. Viel beeindruckender als meine Erzählungen selbst ist aber die Leichtigkeit, mit der ich mich unterhalten kann, die Rückfragen und Wiederholungen weitgehend überflüssig macht, die nicht mehr meine volle Konzentration erfordert und die jedes Gespräch zu einem angenehmen, entspannten und wundervollen Erlebnis macht. Es wird ein langer und unvergesslicher Abend.

Die Hochzeit selber findet am Samstagmittag im Wald nahe der Hochzeitsscheune statt. Wir sind rechtzeitig vor Ort, trinken Kaffee, warten auf das Brautpaar und dann geht es zusammen zu Fuß in den Wald, wo auf einer Lichtung die Waldtrauung stattfindet.

Es ist meine erste Hochzeitsteilnahme mit Hörimplantaten. Bei meiner eigenen Hochzeit vor ziemlich genau 17 Jahren habe ich leider sehr wenig von der wunderschönen Rede verstanden, die der Standesbeamte gehalten hat. Zwar saß ich zusammen mit der Braut direkt vor ihm, aber die Aufregung war zu groß und ich war nicht in der Lage, mich voll und ganz auf das Gesagte zu konzentrieren. Es war dennoch eine wunderschöne Trauung und ich werde diesen Tag und Moment nicht vergessen. Gottseidank verstand ich, wann ich ‘ja, ich will’ sagen musste. Ein ‘wie bitte?’ oder ‘was?’ hätte diesen magischen Moment wohl ruiniert…

Mit einer Hörschädigung, die so stark ist, dass das Sprachverständnis stark leidet, gewöhnt man sich daran, Momente auch dann zu genießen, wenn man nichts versteht – auch dann, wenn das Gesagte wichtig für den Moment ist. Im Kino, im Theater, bei Reden aller Art – man freut sich, dabei zu sein, man genießt die Reaktionen der Anwesenden, man stimmt in Gelächter ein, wenn ein Witz zum Besten gegeben wird, den man nicht versteht, man spielt sozusagen mit und kann es trotzdem genießen, weil man sich auf den Moment und auf die Umgebung konzentriert; auf die Reaktionen der Zuhörenden und die Atmosphäre des Moments.

Dieses Mal erlebe ich, wie viel schöner so ein Moment sein kann, wenn man versteht, was gesagt wird. Ich sitze relativ weit vorne und verstehe zwar nicht alles, aber dennoch den größten Teil der Hochzeitsrede. Und ich verstehe auch fast alles, was die Braut anschließend dem Bräutigam vorliest. Andersherum funktioniert es nicht so gut: Der Bräutigam steht mit dem Rücken zu mir und spricht sehr leise, so dass ich hier nicht mehr folgen kann. Wie ich später erfahre, haben aber auch viele der normalhörenden Anwesenden große Probleme, ihn zu verstehen.

Anschließend geht es zusammen zurück zur Hochzeitsscheune, wo das Hochzeitsessen stattfindet. Auch hier führe ich viele Gespräche. Dann wird, wie wohl bei den meisten Hochzeitsfeiern, gespielt. Ich platziere dafür mein Table-Mic nahe des Spieleleiters und kann so dem größten Teil der Spielanweisungen folgen. Das macht viel Spaß, auch wenn ich nicht alles mitbekomme, weil teilweise Rückmeldungen aus dem ‘Publikum’ kommen, die ich aufgrund der großen Entfernung nicht gut verstehen kann. Dieses Problem haben aber auch andere Anwesende. Egal – es macht großen Spaß, sich hier beteiligen zu können. Für mich ein völlig neues Erlebnis.

Später am Abend wird dann das Tanzbein geschwungen. Auch das macht großen Spaß, denn ich kann die Musik gut hören, die Songs erkennen und beim Tanzen alles um mich herum vergessen.

Bis zum frühen Morgen bin ich auf den Beinen. Wir sitzen am Lagerfeuer und ich führe auch hier viele nette Unterhaltungen, bis wir dann zurück zum Hotel fahren und erschöpft aber glücklich ins Bett fallen.

Am nächsten Morgen steht ein gemeinsames Frühstück auf dem Plan – auch hier wird wieder viel erzählt und zugehört und gegen Mittag geht es dann wieder Richtung Heimat.

Ein wunderschönes Wochenende mit wunderbaren elektrischen Ohren.

Tag 268/206 – Tennis

Seit meiner Kindheit spiele ich enorm gerne Tennis. In den 80er Jahren war dies noch eine Exklusivsportart; die Mitgliedschaft in einem Verein war ebenso wie das Equipment sehr teuer. Meine Eltern waren Mitglieder im örtlichen Tennisverein meines Heimatdorfes; also bekamen auch wir Kinder Trainerstunden. Ich verbrachte viele Nachmittage an der Ballwand und versuchte meinen großen Vorbildern Jimmy Connors und John McEnroe nachzueifern und ihre Schlagtechnik zu kopieren. Auch den kometenhaften Aufstieg von Boris Becker, der 1985 im Alter von 17 Jahren das traditionsreiche Tennisturnier in Wimbledon gewann, verfolgte ich gebannt am Fernseher.

Mit dem Wegzug aus dem Münsterland gab ich diesen Sport auf. Während meiner Studienzeit spielte ich noch ein paar Mal mit Studienfreunden, aber ich trainierte nicht mehr wirklich und verfolgte höchstens noch manchmal Grand-Slam-Endspiele vor dem Fernseher.

Als meine Kinder vor ein paar Jahren in den hiesigen Tennisverein eintraten und mit dem Training begannen, war das Fieber wieder da. Ich meldete mich ebenfalls im Verein an, hatte knapp ein Jahr Einzelunterricht und musste vieles neu lernen; denn die Schlagtechnik hatte sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert.

Seitdem spiele ich regelmäßig und im Sommer so oft wie es geht mit einem festen Trainingspartner; ab der nächsten Saison bestreite ich vielleicht auch ein paar Punktspiele mit der hiesigen Tennismannschaft, die recht erfolgreich unterwegs ist.

Alle zwei Wochen treffen sich die Tennis-Herren zum ‘Herrenabend’ – es wird gemeinsam trainiert, ein paar Doppel-Spiele werden absolviert und danach wird gemütlich Bier getrunken und gegrillt. Diese Abende sind immer sehr nett – bislang konnte ich mich an den Gesprächen aber nur sehr schlecht beteiligen. Auch wenn meine Vereinskameraden immer sehr bemüht waren, mich einzubinden und ich dort alles andere als isoliert bin, steht man doch etwas außen vor, wenn man den Gesprächen in einer geselligen Runde nicht folgen kann. Man ist zwar dabei, aber nicht mittendrin. Man versteht die Witze nicht, lacht aber dennoch mit. Man kann Einzelgespräche führen, aber sobald die Kommunikation quer über den Tisch läuft, ist man raus.

Auch während der Spiele ist nicht-Hören-können problematisch. Ich habe zum Beispiel nie gehört, wenn ein Ball die Netzkante noch so gerade berührt hat. Ob jemand ‘Aus’ ruft. Oder ‘Warte’. Auch wenn Tennis überwiegend ein Einzelsport ist, ist Kommunikation doch nicht unwichtig und es kam häufiger vor, dass mein Doppelpartner zu mir nach vorne kommen musste, weil ich nicht mitbekam, dass er mir von hinten etwas zurief.

Meine Hörimplantate haben auch hier meine Lebensqualität deutlich verbessert. Ich werde nie vergessen, wie ich zum ersten mal hörte, dass das Schlagen des Balles mit dem Schläger ein ganz anderes Geräusch macht, als das Aufschlagen auf dem Boden. Ich kann den Anweisungen meiner Spielpartner folgen und verstehe größtenteils auch die Ansagen der Spielstände. Und nicht zuletzt kann ich jetzt auch endlich in der Runde mitreden – wie heute beim alljährlichen Sommer-Eröffungsturnier.

Wir haben viel Spaß bei unseren Mixed-Doppels (jeweils ein Mann und eine Frau pro Seite) und auch danach bei vielen interessanten Unterhaltungen beim Grillen. Ich kann endlich mitlachen – und weiß warum, Fragen beantworten, mich in Gespräche einschalten – und das Zusammensein genießen. Zwar verstehe ich nach wie vor nicht alles; manches muss wiederholt werden. Aber im Vergleich zum Eröffnungsturnier vom letzten Jahr, bin ich ganz anders dabei. Und das ist gut so.