Kategorie: Allgemein

Tag 239/177 – Escape Room

Und schon wieder geht es ins Kino. Dieses mal eher zufällig: Ich treffe mich mit Junior I, der sein einwöchiges Praktikum in einem Hamburger Tonstudio heute beendet hat, in der Innenstadt. Nach einem schönen Vater-und-Sohn-Feierabendshopping kommen wir auf dem Weg zum Auto am einem Hamburger Kinopalast vorbei und beschließen spontan, in die gerade startende Filmvorführung von Escape Room zu gehen – einem US-Amerikanischen Horrorfilm.

Ein spontaner Kinobesuch war mit Hörgeräten bislang undenkbar – zumindest dann, wenn ich die Handlung verstehen musste. Kinobesuche mussten zumindest einen oder zwei Tage im Voraus geplant werden. Denn Filme mit Untertiteln laufen nur selten und meist auch nur in Programmkinos. Blockbuster findet man dort eher selten und Junior I ist noch nicht besonders an Arthouse-Kino interessiert. Filme ohne Untertitel habe ich nur geschaut, wenn ich mir die Handlung vorher durchlesen konnte – was das Kinoerlebnis twas langweilig macht, weil man das Ende des Filmes schon kennt.

Es ist total toll, jetzt einfach mal spontan ins Kino gehen zu können. Auch heute habe ich fast alle Dialoge verstanden; nur ein Sprecher war etwas schwierig zu verstehen. Mit manchen Stimmen habe ich nach wie vor Probleme. Der Handlung konnte ich aber insgesamt gut folgen; wie erwartet war diese auch nicht allzu anspruchsvoll. Trotzdem hat es großen Spaß gemacht. Es muss nicht immer Arthouse sein; auch gut gemachtes Popkornkino kann Spaß machen. Vor allem dann, wenn es spontan möglich ist. Auch das ist ein Stück neue Lebensqualität, die ich jetzt sehr genieße.

Tag 238/176 – König der Löwen

Zu meinem Geburtstag habe ich von meiner Familie Karten für einen Besuch im Hamburger Musical “König der Löwen” geschenkt bekommen. Obwohl ich jahrelang in unmittelbarer Nähe der Musical-Location gearbeitet habe, die gegenüber den Landungsbrücken auf der anderen Seite der Elbe liegt, habe ich es leider nie geschafft, mir dieses Musical anzuschauen. Jetzt, mit neuen, elektrischen Ohren, freue ich mich umso mehr darauf, den König der Löwen zusammen mit Junior I und II endlich einmal live zu erleben.

Schon am Morgen nehme ich beide Pubertiere nach Hamburg mit – Junior I muss zum Praktikum am Stadtrand und Junior II absolviert seinen Zukunftstag im Hamburger SAP Büro. Am späten Nachmittag fahren wir zusammen zur Musical-Halle, setzen mit dem Boot zu den Landungsbrücken über, essen dort ein Fischbrötchen und sind dann rechtzeitig vor Veranstaltungsbeginn am Eingang.

Ich war bislang erst einmal in meinem Leben in einem Musical: Ende der 70er Jahre in ‘Peter und der Wolf’ in Münster. Danach habe ich Musicals nur noch im Fernsehen gesehen, obwohl ich seit 2000 in der “Musicalstadt” Hamburg arbeite. Einerseits deshalb, weil ich generell kein großer Musical-Fan bin. Zum anderen deshalb, weil das Verstehen von Songtexten für Hörgeschädigte eine enorme Herausforderung ist. Die normale Wort- und Satzbetonung ist bei einem Song im Normalfall stark verändert, was das Verstehen sehr schwierig macht. Dementsprechend ist auch das Lippen-Ablesen deutlich schwieriger als sonst. Die Entfernung zur Bühne ist meistens auch so groß, dass ich bei Musicals oder Opern und generell allen Veranstaltungen, bei denen das Geschehen nicht zusätzlich per Großbildmonitor übertragen wird, nichts verstehen kann. Und selbst dann, wenn Bildschirme vorhanden sind – was bei Konzerten und Comedy-Veranstaltungen ja mittlerweile die Regel ist: Ich gehe nicht auf eine Live-Veranstaltung, um dort auf einen Bildschirm zu schauen. Das ist langweilig. Live heißt für mich, das “echte” Geschehen auf der Bühne zu beobachten. Deshalb filme ich auch generell keine Veranstaltungen auf dem Handy ab. Ich werde nie verstehen, warum Menschen 100 Euro oder mehr ausgeben und auf eine Veranstaltung fahren, um dann ihr Handy in die Luft zu halten und das Bühnengeschehen auf einem kleinen Handydisplay zu beobachten.

Unsere Plätze sind schön mittig, allerdings sehr weit oben. Zwar sind wir deshalb weit entfernt vom Geschehen auf der Bühne, haben dafür aber einen guten Überblick über das gesamte Geschehen, das mich schon nach kurzer Zeit sehr in den Bann zieht: Die hervorragend arrangierte Bühnentechnik und Beleuchtung, die herrlich phantasievoll gestalteten Kostüme und die tolle Musik: Das ist wirklich beeindruckend. Das Hören ist allerdings schwierig: Die Akustik ist bei weitem nicht so gut wie im Kino und ich verstehe nur etwa 50% des Gesprochenen und sehr wenig vom Gesang. Das ist weniger als ich erwartet habe, aber dennoch deutlich mehr als mit Hörgeräten möglich gewesen wäre. Da ich die Handlung kenne, kann ich dem Geschehen trotzdem gut folgen und es genießen; ich bin also keineswegs enttäuscht.

Schön ist auch der kleine Small-Talk während der Pause mit zwei reizenden älteren Damen aus Österreich, die zu Besuch in Deutschland sind und sich sehr über meine gut erzogenen Kinder freuen. Kein Hörfehler übrigens – außerhalb der eigenen vier Wände benehmen sich die Pubertiere meistens ganz toll. Schön, dass man als Elternteil nicht alles falsch gemacht hat.

Tag 237/175 – Happy Birthday

Heute ist mein erster Geburtstag mit Cochlea-Implantaten. Wie jedes Jahr bekomme ich viele Glückwünsche per WhatsApp, E-Mail, über Xing und LinkedIn und natürlich über Facebook.

Neu ist dieses Jahr, dass ich ein paar Geburtstagsanrufe bekomme. Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass ich nach 30 Jahren wieder telefonieren kann und freue mich sehr über jedes Gratulationsgespräch.

Mein nächster Geburtstag steht übrigens am 3. August an – dann werde ich den Geburtstag meiner elektrischen Ohren feiern.

Tag 233/171 – Wir sind keine Bots!

Junior II, der kürzlich seinen 13. Geburtstag gefeiert hat, interessiert sich neuerdings sehr für Politik. Als politisch interessierter Mensch finde ich das natürlich toll und unterstütze es nach Kräften – auch wenn es durchaus etwas anstrengend sein kann, wenn die gesamte Woche über am heimatlichen Esstisch neue YouTube-Videos zu den Themen ‘FridaysForFuture’ und ‘Upload-Filter’ rauf- und runter rezitiert werden. Aber das gefällt mir deutlich besser, als über die neueste YouTube-Kompilation der spektakulärsten Autounfälle in Sibirien zu diskutieren. Also gebe ich mein Bestes.

Dazu gehört auch, dass ich Junior II heute zur Demonstration gegen §13 nach Köln fahre und mit ihm teilnehme. Köln deshalb, weil wir davon ausgehen, dass der Protest dort größer sein wird als in Hamburg. Außerdem können wir das Wochenende dazu nutzen, Freunde und Verwandte zu besuchen. Also wird ein tolles Demo-Schild gebastelt, das Auto gepackt und dann geht es ab nach Köln.

Ich bin während meiner Oberstufen- und Studienzeit politisch sehr aktiv und häufig auf Demonstrationen gewesen. Mit der Bezirksschulvertretung, der ich während meiner Oberstufenzeit angehörte, organisierte ich auch einige Demonstrationen mit und trat teilweise auch als Redner auf. Leider habe ich die Beiträge anderer Redner nie wirklich verstanden. Noch frustrierender war, dass ich auch die Parolen, die im Demonstrationszug gerufen wurden, nie wirklich verstanden habe und deshalb eher stiller Mitläufer war.

Als wir in Köln am Neumarkt ankommen, ist der Platz bereits gut gefüllt. Das Schild meines Juniors kommt gut an. Wir stehen recht weit vorne am LKW, auf dessen Ladefläche die Organisatoren stehen und kurze Zeit später die Demonstration eröffnen. Die Geräuschkulisse ist inmitten der Menschenmenge natürlich recht hoch; trotzdem verstehe etwa zwei Drittel der Ansagen und Junior II muss nur wenig übersetzen.

Dann laufen wir los. Und als nach kurzer Zeit die ersten Parolen aus dem Zug gebrüllt werden, verstehe ich spätestens nach der zweiten Wiederholung, was gerufen wird und kann einstimmen.

Wir sind keine Bots! (dies bezieht sich auf die Aussagen von Politikern, dass die Proteste gegen diese Urheberrechtsreform, unter anderem die Petition mit über 4,7 Millionen Unterschriften, nicht von realen Personen gesammelt wurden, sondern dass es sich dabei um Bots handelt – also Programme, die automatisch Unterschriften erzeugen).

Wir sagen Nein – zu Artikel 13! (der Protest auf seine einfachste Form gebracht. Artikel 13 heißt mittlerweile übrigens Artikel 17).

Trallali und Trallala – Filter sind für Kaffee da! (quasi der Mario Barth der Demonstrationsparolen. Allerdings lustiger…)

Nie wieder CDU! (es geht doch immer noch simpler. Allerdings prognostiziere ich der CDU in naher Zukunft ein Generationsproblem. Jungen Wählern das Internet einzuschränken, in welcher Form auch immer, ist vermutlich das Dümmste, was eine Partei machen kann, um junge Wählerstimmen zu gewinnen.)

Demonstrationsparolen müssen nicht unbedingt anspruchsvoll sein; uns beiden macht das Einstimmen in das Gebrüll richtig Spaß. Eine Demonstration soll schließlich laut sein, damit sie wahrgenommen wird. Und vor allem: Trotz des Straßenlärms uns des Gebrülls um mich herum kann ich mich gut mit Junior II unterhalten. Die Geräuschdämpfung der Soundprozessoren meiner Hörimplantate funktioniert mal wieder hervorragend. Mit Hörgeräten hätte ich inmitten des ganzen Lärms kaum ein Wort verstanden; mit meinen Hörimplantaten fühle ich mich so gut wie gar nicht eingeschränkt und bin einfach voll dabei.

Bei der Abschlusskundgebung am Heumarkt kommen wir mit dem hinteren Teil des Demonstrationszuges an. Die Teilnehmerzahlen schwanken übrigens zwischen 4.000 (Polizei) und 12.000 (Veranstalter); ich selbst schätze mal, dass etwa 7-8000 Menschen in Köln unterwegs waren. Da der Heumarkt schon voll ist, sitzen wir weit entfernt vom der Bühne, auf der jetzt die Abschlusskundgebung startet. Und auch hier verstehe ich bei den meisten Sprechern fast jedes Wort und kann den Beiträgen folgen. Zwei Beiträge verstehe ich fast gar nicht: Eine Vortragende spricht viel zu schnell (auch Junior II hat hier allerdings Probleme, zu folgen) und ein weiterer Sprecher nuschelt stark (auch hier versteht Junior II nicht jedes Wort).

Dann geht es erschöpft aber zufrieden Richtung Heimat. Junior II ist glücklich, weil seine erste Demonstration wirklich toll und vor allem friedlich war, ich bin froh, weil ich so viel verstanden habe und wenn jetzt noch diese unglaublich schwachsinnige Reform des Urheberrechts abgewendet wird, können wir richtig zufrieden sein.

Hier eine ganz einfache Erklärung, welche Gefahr durch das neue Urheberrechtsgesetz und die darin geforderten Uploadfilter droht-
Hier mal ein Beispiel, welche Auswirkungen dies bei einem konkreten Beispiel hätte

Sehr zu diesem Thema zu empfehlen ist auch Enno Parks Beitrag im t3n-Magazin: https://t3n.de/news/artikel-17-urheberrecht-uploadfilter-1152419

Tag 231/171 – The Green Book

Seit meinem ersten Kinobesuch mit Cochlea-Implantaten vor etwa drei Monaten war ich nicht mehr im Kino. Zum Einen liefen in der letzten Zeit kaum Filme, die mich wirklich interessierten. Zum Anderen habe ich mich einfach nicht getraut, wieder ins Kino zu gehen, weil ich Angst hatte, den großartigen Hörerfolg von damals nicht wiederholen zu können.

Vielleicht wird es in einem anderen Kino mit einer anderen Akustik nicht so gut funktionieren? Vielleicht verstehe ich andere Stimmen im Film nicht so gut? Obwohl mein Hörweg bislang enorm erfolgreich verläuft habe ich ein bißchen Angst vor Enttäuschungen. Und die wird es geben: Ich muss noch viel ausprobieren und es wird sicherlich noch einige Rückschläge geben. Das ist eigentlich auch kein Problem, aber ich gehe zu gerne ins Kino um hinterher enttäuscht wieder rauszukommen.

Die meisten Filme, die mich derzeit interessieren, laufen derzeit interessanter Weise als Originalversion mit Untertiteln. Früher hätte ich mich darüber gefreut, weil dies für mich die einzige Möglichkeit war, einen Kinofilm zu verstehen. Ich werde auch künftig in untertitelte Filme gehen, weil ich Programmkinos sehr gerne mag und auch gerne Filme im Originalton sehe. Allerdings verstehe ich noch nicht so gut Englisch, dass ich einem englischsprachigen Film folgen kann und auch die ErstBesteHälfte hätte daran weniger Spaß.

Auf Deutsch lasse ich es heute aber einfach drauf ankommen: Ich möchte mit der ErstBestenHälfte in “The Green Book” – den Film, der den diesjährigen Oscar für den besten Film gewonnen hat. Er erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen dem afroamerikanischen Pianisten Don Shirley und seinem Italo-amerikanischen Chauffeur, Bodyguard und Freund Tony Lip. Der Film läuft über zwei Stunden und ist das, was meine Kinder einen “Laberfilm” nennen würden: es wird viel geredet und die Handlung ist eigentlich nur über die Dialoge erfassbar.

Es ist schwierig, die eigenen Hörerwartungen an diesen Abend herunter zu schrauben. Meine Mindesterwartung ist, dem Film inhaltlich gut folgen zu können – mehr erwarte ich eigentlich nicht. Weniger aber auch nicht – über zwei Stunden einen Film anzuschauen, dem ich nicht folgen kann, wäre kein Vergnügen.

Schon bei den Werbespots am Anfang bemerke ich allerdings, dass ich gut verstehe. Das macht Hoffnung, auch wenn es wieder einmal frustrierend ist, sich anzuhören, wie einfallslos und flach die Dialoge in deutschen Werbespots sind.

Der Film selbst: Wunderschön. Absolut empfehlenswert. Ich verstehe fast jedes Wort – und das 131 volle Minuten lang. Natürlich muss ich mich voll konzentrieren, aber im Gegensatz zu früheren Kinobesuchen mit Hörgeräten lohnt sich die Anstrengung, weil ich nahezu alles verstehe – wirklich jedes Wort. Damit habe ich – wieder einmal – nicht gerechnet.

Der nächste Kinobesuch kann kommen. Ich werde dann mal die Akustik in meinem Lieblings-Programmkino in Hamburg ausprobieren und berichten.

Implantastisch

Ich habe im August und im Oktober 2018 nach 40 Jahren an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit zwei Cochlea Implantate bekommen und berichte in diesem Blog über meine Erfahrungen damit und meinen Höralltag.

Vom ersten Tag an habe ich mit dem Implantat sehr gut hören können und sehr schnell unglaubliche Hörerlebnisse gefeiert. Mein Leben hat sich dadurch sehr verändert.

Ein so rascher und durchschlagender Erfolg nach einer Implantierung ist nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Ich habe keine Erklärung dafür, warum es bei mir so schnell und so gut funktioniert hat, nehme dieses Wunder nach 40 Jahren Pech mit den Ohren aber gerne an.

In den meisten Fällen dauert es deutlich länger, bis ein Patient mit einem CI Sprache gut verstehen oder Musik hören kann. Der Erfolg hängt sehr stark von verschiedenen Faktoren ab und ist mit harter Arbeit verbunden. Entscheiden ist vor allem die Hörbiographie des Patienten: Wer schon im frühen Kindesalter nichts gehört hat, der wird auch mit einem Cochlea Implantat sehr wahrscheinlich einen langen und schwierigen Weg vor sich haben. Je länger ein Ohr nichts gehört hat, desto länger wird es dauern, bis es mit einem Hörimplantat hören und verstehen kann.

Aufgrund der vielen Erfahrungsberichte anderer CI-Patienten hatte ich mir vor meiner ersten Operation als Ziel gesetzt, 6 Monate nach der Implantation Sprache verstehen und nach einem Jahr wieder Musik hören zu können. Dieses Ziel ist realistisch. Dass ich bereits nach einem halben Tag soweit war, ist ein medizinisches Wunder.

Ich hoffe, mit diesem Blog anderen Hörgeschädigten ein bißchen die Angst vor einer CI-Operation nehmen zu können. Die weitaus meisten Träger eines Hörimplantates bereuen ihre Entscheidung nicht und hören damit deutlich besser als vorher. So schnell wie bei mir geht es bei den wenigsten.

Und hier beginnt meine Geschichte.

Tag 206/144 – Teamwork

Heute geht es zu einem Freund, der in einem Nachbarort eine Schrauberhalle besitzt. Dort habe ich jahrelang meine Volvos gewartet und warten lassen, viel Spaß beim Schrauben gehabt und viel über Automobiltechnik gelernt. An diesem Wochenende steht ein Umzug der Halle an, weil Markus umzieht. Es steht sehr viel Arbeit an: Werkzeuge, Autoteile und jede Menge Kram müssen sortiert und eingepackt, Schwerlastregale und Hebebühnen demontiert werden.

Ich bin schon am Vormittag vor Ort und es sind etwa 10 Helfer mit am Start, von denen ich ein paar vage kenne. Die Stimmung ist gut und das Zusammenarbeiten macht viel Spaß.

Teamwork bei handwerklichen Tätigkeiten oder auch Umzügen ist so eine Sache, die für hörgeschädigte Menschen sehr schwierig sein kann. Denn man braucht zum gemeinsamen Schrauben, Schleppen, Montieren und Demontieren Kommunikation. Wenn man mit schlechten Ohren nicht versteht, ob ein Kreuz- oder Schlitzschraubendreher benötigt wird, ob man mit der schweren Last rechts- oder linksherum gehen soll, ob ein “Stop” oder ein “weiter” notwendig ist, ob man oben oder unten festhalten soll – dann macht die Arbeit wenig Spaß und es ist für alle Beteiligten sehr anstrengend. Im schlimmsten Fall kann das auch zu kleinen, mittleren oder großen Katastrophen führen: Wenn der Mit-Träger nicht mehr kann und ich das “Stop!” nicht verstehe und weiterlaufe. Wenn der Elektriker an der Lampe schraubt und “Schalter aus!” ruft und ich “Schalter an!” verstehe. Wenn man überhaupt mitten in der Arbeit alles dreimal erklärt bekommen muss.

Ich habe bislang bei solchen Ereignissen immer Tätigkeitsbereiche gesucht, in denen ich alleine werkeln konnte: Kisten einpacken, kleinere Dinge alleine tragen oder sauber machen. Heute erlebe ich zum ersten Mal, wie viel Spaß Teamwork machen kann, wenn es keine Kommunikationsprobleme gibt. Alle gemeinsamen Arbeiten laufen problemlos und machen viel Spaß. Und ich genieße die Small Talks in den Arbeitspausen sehr.

Am späten Nachmittag bin ich dreckig und k.o. aber glücklich. Nächstes Wochenende folgt der zweite Teil – dann sind wir für’s Erste durch und ich bin um eine schöne Hörerfahrung reicher.

Tag 200/138 – Nachjustierung

Heute vormittag geht es zur Anpassungssitzung meiner Soundprozessoren im Deutschen Hörzentrum Hannover. Dabei werden die Einstellungen meiner Soundprozessoren überprüft und optimiert, es findet eine ärztliche Untersuchung statt und auch ein Sprachtest steht auf dem Programm. Dieser Termin findet drei, sechs und zwölf Monate nach der Erstanpassungswoche statt; anschließend wird in einen jährlichen Turnus gewechselt. Bei Bedarf kann ich natürlich zusätzliche Termine vereinbaren.

Ich nehme diese Termine gerne wahr und freue mich darauf. Mein Hören wird mit jedem Termin besser und überhaupt ist alles, was ich in der MHH Hannover und im Deutschen Hörzentrum Hannover erlebt habe, für mich sehr positiv behaftet. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal gern in ein Krankenhaus oder zu Nachuntersuchungen gehe. Aber wenn man sein Gehör so schnell und so weitreichend wiedererlangt wie ich, dann sind mit diesem Ort nur positive Erinnerungen verbunden.

Es geht los mit der Anpassungssitzung bei meinem Audiologen. Ein paar Frequenzen werden nachjustiert, um eine gleichbleibende Lautstärke über das gesamte Frequenzband zu erzielen. Dabei bekomme ich jeweils vier Töne unterschiedlicher Tonhöhe vorgespielt und muss angeben, welche Töne lauter oder leiser sind als andere. Das ist insbesondere bei hohen Tönen gar nicht so einfacher, denn diese werden generell lauter empfunden als tiefere Töne. Nach dieser Feinjustierung bin ich aber noch nicht ganz zufrieden, weil die Zischlaute und Konsonanten etwas zu leise sind. Also werden die höchsten Frequenzen wieder etwas höher gestellt. Im Endeffekt ergibt sich damit ein tolles Klangbild und ich habe das Gefühl, noch besser verstehen zu können als vorher.

Ich lasse mir außerdem ein Programm für laute Musik programmieren, weil ich in Diskotheken und auf Konzerten, bei denen es über 100 dB geht, akustische Verzerrungen habe. Die Soundprozessoren sind für einen Lautstärkebereich von 20-80 Dezibel optimiert. Dies ist der Bereich, der für Sprachverständnis und Alltag am wichtigsten ist; dementsprechend wird dafür die meiste Rechenleistung der Computer auf meinen Ohren bereitgestellt. Lautstärken über 100 dB sind eher ein Ausnahmefall; die Soundprozessoren haben deshalb nicht die volle Rechenleistung für diesen Bereich. Auch die Leistungsfähigkeit der eingebauten Mikrofone ist begrenzt. Letztendlich kann ich zwar immer noch deutlich besser hören als mit Hörgeräten, aber dennoch klingt alles ein bißchen verzerrt – in etwa wie ein Verstärker, der voll im Anschlag ist. Ich bin gespannt, ob sich dieses neue Hörprogramm bei hohen Lautstärkepegeln besser schlägt.

Anschließend geht es direkt zum Sprachtest. Es werden beide Ohren – oder besser gesagt elektrische Ohren – getestet und das Ergebnis fällt hier insgesamt sehr zufriedenstellend aus. Zahlen testen wir übrigens gar nicht mehr, weil ich hier problemlos auf 100 % Sprachverständnis komme. Beim Noise-Test wird ein Störgeräusch eingespielt, das 10 Dezibel leiser ist als die Sprache selbst.

  • Freiburger Einsilber: links 55 %, rechts 85 %,zusammen 85 %
  • HSM Satztest in Ruhe: links 83,01 % (rechts und zusammen nicht getestet, da schon beim letzten mal knapp unter 100 % lag)
  • HSM Satztest in Noise: links 30,18 %, rechts 19,81 %, zusammen 55 %

Beim Noise-Test auf dem rechten Ohr habe ich komplett die Konzentration verloren; hier lag ich vor drei Monaten schon bei über 40 %. Das ist ärgerlich, aber kein Grund zur Sorge; solche Ausrutscher bedeuten nicht wirklich, dass das Hören schlechter geworden ist. Insgesamt ist mein linkes Ohr deutlich besser geworden und rückt immer näher an das zwei Monate früher implantierte heran. Mit beiden Ohren höre ich hervorragend und es gibt eigentlich nur noch bei der Störschall-Situation noch Verbesserungsbedarf.

Anschließend geht es zur ärztlichen Untersuchung. Wie nicht anders erwartet ist alles bestens und ich bin schon nach 10 Minuten wieder draußen.

Nach dem Mittagessen statte ich dem Med-El-Center im Deutschen Hörzentrum noch einen Besuch ab und lasse dort die Funkempfänger für meine Soundprozessoren lauter stellen, die ich für die Verwendung der Tischmikrofone benötige. Auch ein Kabeltausch steht auf dem Programm, weil mein linker Soundprozessor manchmal einen leichten Wackelkontakt hat. Dann bin ich fertig.

In der Innenstadt treffe ich am Nachmittag eine sehr nette Frau, die ich im CI-Forum auf Facebook kennengelernt habe und die in dieser Woche ebenfalls ein Cochlea-Implantat bekommt. Es ist immer toll, sich mit anderen und kommenden CI-Trägern auszutauschen und ich hoffe, dass ich Alessandra etwas von ihrer Nervosität nehmen kann. Ich selbst war vor beiden Operationen auch sehr aufgeregt und kann mich gut in ihre Situation hineinversetzen.

Etwas schwierig ist für mich immer, dass meine Hörgeschichte mit den Cochlea-Implantaten ungewöhnlich ist und vermutlich das Optimum darstellt, dass nach einer solchen Operation zu erwarten ist – sowohl im Hinblick auf den Hörerfolg als auch auf die Geschwindigkeit. Warum es bei mir so gut und schnell geklappt hat, weiß ich nicht – das kann niemand sagen. Die Erwartungen, die ich bei anderen CI-Patienten erwecke, sind natürlich sehr hoch und umso größer mag hinterher die Enttäuschung sein, wenn der Hörerfolg nicht so schnell und so groß ist und auch die Operation nicht so schnell und gut verkraftet wird wie bei mir.

Jeder Mensch ist unterschiedlich und auch jede Operation. Ich war nach der ersten Implantierung sehr schnell wieder fit; nach der zweiten dauerte es länger. Ich hatte weder Schwindel noch Geschmacksverlust noch Tinnitus oder starke Schmerzen – all das kann aber durchaus passieren. Und die wenigsten Patienten hören mit einem Cochlea-Implantat auf Anhieb gut. Manche brauchen Monate, um Sprache zu verstehen – oder sogar noch länger. Bei einigen wenigen klappt es nie.

Ich selbst hätte den Schritt zum Hörimplantat nicht gewagt, wenn ich nicht selber Erfolgsstorys gelesen hätte, die mir gezeigt haben, das möglich sein KANN. Dass es bei mir auch so gut läuft habe ich nicht erwartet. Und das sollte auch niemand, der ein Hörimplantat bekommt.

Tag 184/122 – Kohltour

Ich bin zur alljährlich stattfindenden Kohltour der Dorffeuerwehr eingeladen. Kohltouren sind in Norddeutschland sehr beliebt. Man trifft sich früh am Nachmittag und zieht dann den Nachmittag über mit einem Bollerwagen voller überwiegend alkoholischer Getränke gemütlich zu einem Restaurant, in dem dann Grünkohl mit Pinkel gegessen wird. Auf dem Weg wird viel geklönt, es werden Spiele gemacht – und es wird viel getrunken. Man ist meistens in einer reinen Männer- oder als Frau in einer reinen Frauengruppe mit 10 oder mehr Personen unterwegs; aber auch gemischt geschlechtliche Kohltouren werden immer beliebter.

Obwohl ich schon seit 2004 im ländlichen Norden lebe, habe ich bislang selten daran teilgenommen – vor allem deshalb, weil die Kommunikation für mich auf so einer Veranstaltung sehr schwierig ist. Unterhaltungen beim Spazierengehen sind für stark Hörgeschädigte eine totale Herausforderung, weil man dem Gesprächspartner auf die Lippen schauen muss, um ihn zu verstehen. Das ist beim Laufen nicht so einfach. Einfach nebeneinander gehen und sich unterhalten – das konnte ich noch nie.

Dass der größte Teil einer Kohltourtruppe spätestens nach 2 Stunden anfängt zu lallen, macht die Kommunikation für mich ebenfalls nicht einfacher. Betrunkene zu verstehen ist für hörgeschädigte Personen sehr schwierig, weil die Aussprache undeutlicher wird. Beim Lallen verändert sich das Mundbild und Konsonanten gehen komplett verloren. Dazu kommt, dass auch der Inhalt des Gesagten bei zunehmendem Promillepegel immer schwerer zu erraten wird, weil die Logik flöten geht. Die einzige Lösung ist hier, sich selbst ordentlich einen einzuschenken – dann ist es einem auch egal, ob man alles versteht oder etwas komplett falsch versteht. Das merkt der Gesprächspartner dann sowieso nicht mehr.

Dazu kommt, dass die Gespräche häufig quer durch die Gruppe laufen. Und auch bei den Spielen ist es wichtig, dass man die Regeln versteht und dem Gesagten folgen kann. Ich musste mir bislang immer alles drei mal von jemandem erklären lassen und es hat einfach wenig Spaß gemacht, sondern war mit viel Frustration und Anstrengung verbunden.

Obwohl ich schon seit über 10 Jahren in unserem kleinen Dorf mit etwa 500 Einwohnern lebe, hier viele Freunde gewonnen habe und alles andere als isoliert bin, habe dennoch recht wenig Kontakt zu der restlichen Dorfbevölkerung gehabt. Man kennt sich, man sieht sich auf Dorffesten, man sagt ‘Hallo’ oder nickt sich zu – aber mehr auch nicht. Alles darüber hinaus ist sehr anstrengend – sowohl für mich, als auch für die Gesprächspartner, die oft nicht mehr wissen was sie machen sollen, wenn ich auch bei der zweiten Wiederholung nicht verstanden habe, was gesagt worden ist.

Das ist heute komplett anders. Mit ziemlich jedem aus der ca. 30-köpfigen Kohltourtruppe komme ich heute ins Gespräch. Ich werde oft wegen des Zeitungsartikels in der Kreiszeitung angesprochen und lerne heute viele Leute näher kennen, die ich schon seit Jahren vom Sehen kenne. Und: Ich kann mich auch endlich mit Vollbartträgern unterhalten. Das ging früher gar nicht, weil man hier die Lippen nicht sieht und deshalb auch nicht vom Mund ablesen kann.

Der Nachmittag vergeht wie im Flug mit vielen interessanten und netten Gesprächen. Ich verstehe fast alles und kann auch bei den Spielen völlig problemlos mitmachen (wir machen einen Team-Dartwettbewerb im Wald, was mit ordentlich Alkohol im Blut ziemlich lustig ist). Auch das abschließende Grünkohlessen im Restaurant ist wirklich schön und ich erfahre viel Dorfkolorit und lerne viele Menschen, mit denen ich schon lange im Dorf zusammen lebe, das erste mal richtig kennen.

Das Leben ist so viel einfacher, wenn man seine Mitmenschen gut verstehen kann. Gesellschaftliches Zusammensein ist für mich nicht mehr anstrengend und keine Herausforderung mehr, sondern ich kann es einfach genießen. Vor allem haben viele Menschen keine Hemmungen mehr, mich anzusprechen, weil sie nicht wissen, WIE sie mit mir sprechen sollen. Man darf nie vergessen, dass es nicht nur für einen Hörgeschädigten selber schwierig ist, zu kommunizieren, sondern dass oftmals auch die Gesprächspartner verunsichert sind und nicht wissen, was verstanden wird, wie sie sprechen sollen und was sie machen sollen, wenn die Kommunikation nicht funktioniert.

Aber das ist jetzt Geschichte. Ich bin mittendrin und nicht mehr länger nur dabei.

Tag 183/121 – MerQury

Heute wird das Weihnachtsgeschenk meiner ErstBestenHälfte eingelöst: Wir fahren in die MusicHall Worpswede, um uns dort ein Konzert einer der bekanntesten Queen-Coverbands namens MerQury anzuschauen. Ich war mit meinen elektrischen Ohren auf noch keinem richtigen Rockkonzert und bin sehr gespannt, wie sich das anhören wird und ob die Soundprozessoren mit der hohen Lautstärke zurecht kommen. Der erste Diskotheken-Besuch war in dieser Hinsicht eher ernüchternd, weil die Soundprozessoren Input über 100 dB Lautstärke verzerrt wiedergeben.

Der Abend ist ein voller Erfolg. Ich regele die Lautstärke der Soundprozessoren etwas herunter und schalte in das Musikprogramm, damit hört sich die Musik am besten an. Der Sound ist insgesamt fantastisch und auch die Band macht einen Heidenspaß. Ich war zuerst skeptisch, denn Freddy Mercury kann man einfach nicht kopieren. Aber die Jungs auf der Bühne geben wirklich alles und haben vor allem einen Mordsspaß an ihrem Auftritt, der Musik und mit dem Publikum. Und das sind eigentlich immer die schönsten Konzerte: Wenn man führt, dass jemand auf der Bühne steht, der richtig Spaß an der Sache hat und nicht einfach nur sein Programm herunterspult.

Interessanterweise bemerke ich, dass meine Lippenables-Fähigkeit etwas nachzulassen scheint. Es fällt mir zunehmend schwerer, ohne Ton zu verstehen, Vielleicht schaltet mein Gehirn diese Fähigkeit ein wenig in den Standby-Modus, weil ich es nicht mehr so häufig brauche. Und verschiebt alle vorhandenen Ressourcen auf die Ohren. Das ist zwar etwas schade, aber das Hören ist wichtiger als das Ablesen – wenn es funktioniert. Und das tut es bei mir nach wie vor verdammt gut.