Kategorie: Allgemein

Implantastisch

Ich habe im August und im Oktober 2018 nach 40 Jahren an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit zwei Cochlea Implantate bekommen und berichte in diesem Blog über meine Erfahrungen damit und meinen Höralltag.

Vom ersten Tag an habe ich mit dem Implantat sehr gut hören können und sehr schnell unglaubliche Hörerlebnisse gefeiert. Mein Leben hat sich dadurch sehr verändert.

Ein so rascher und durchschlagender Erfolg nach einer Implantierung ist nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Ich habe keine Erklärung dafür, warum es bei mir so schnell und so gut funktioniert hat, nehme dieses Wunder nach 40 Jahren Pech mit den Ohren aber gerne an.

In den meisten Fällen dauert es deutlich länger, bis ein Patient mit einem CI Sprache gut verstehen oder Musik hören kann. Der Erfolg hängt sehr stark von verschiedenen Faktoren ab und ist mit harter Arbeit verbunden. Entscheiden ist vor allem die Hörbiographie des Patienten: Wer schon im frühen Kindesalter nichts gehört hat, der wird auch mit einem Cochlea Implantat sehr wahrscheinlich einen langen und schwierigen Weg vor sich haben. Je länger ein Ohr nichts gehört hat, desto länger wird es dauern, bis es mit einem Hörimplantat hören und verstehen kann.

Aufgrund der vielen Erfahrungsberichte anderer CI-Patienten hatte ich mir vor meiner ersten Operation als Ziel gesetzt, 6 Monate nach der Implantation Sprache verstehen und nach einem Jahr wieder Musik hören zu können. Dieses Ziel ist realistisch. Dass ich bereits nach einem halben Tag soweit war, ist ein medizinisches Wunder.

Ich hoffe, mit diesem Blog anderen Hörgeschädigten ein bißchen die Angst vor einer CI-Operation nehmen zu können. Die weitaus meisten Träger eines Hörimplantates bereuen ihre Entscheidung nicht und hören damit deutlich besser als vorher. So schnell wie bei mir geht es bei den wenigsten.

Und hier beginnt meine Geschichte.

Tag 208/143 – Teamwork

Heute geht es zu einem Freund, der in einem Nachbarort eine Schrauberhalle besitzt. Dort habe ich jahrelang meine Volvos gewartet und warten lassen, viel Spaß beim Schrauben gehabt und viel über Automobiltechnik gelernt. An diesem Wochenende steht ein Umzug der Halle an, weil Markus umzieht. Es steht sehr viel Arbeit an: Werkzeuge, Autoteile und jede Menge Kram müssen sortiert und eingepackt, Schwerlastregale und Hebebühnen demontiert werden.

Ich bin schon am Vormittag vor Ort und es sind etwa 10 Helfer mit am Start, von denen ich ein paar vage kenne. Die Stimmung ist gut und das Zusammenarbeiten macht viel Spaß.

Teamwork bei handwerklichen Tätigkeiten oder auch Umzügen ist so eine Sache, die für hörgeschädigte Menschen sehr schwierig sein kann. Denn man braucht zum gemeinsamen Schrauben, Schleppen, Montieren und Demontieren Kommunikation. Wenn man mit schlechten Ohren nicht versteht, ob ein Kreuz- oder Schlitzschraubendreher benötigt wird, ob man mit der schweren Last rechts- oder linksherum gehen soll, ob ein “Stop” oder ein “weiter” notwendig ist, ob man oben oder unten festhalten soll – dann macht die Arbeit wenig Spaß und es ist für alle Beteiligten sehr anstrengend. Im schlimmsten Fall kann das auch zu kleinen, mittleren oder großen Katastrophen führen: Wenn der Mit-Träger nicht mehr kann und ich das “Stop!” nicht verstehe und weiterlaufe. Wenn der Elektriker an der Lampe schraubt und “Schalter aus!” ruft und ich “Schalter an!” verstehe. Wenn man überhaupt mitten in der Arbeit alles dreimal erklärt bekommen muss.

Ich habe bislang bei solchen Ereignissen immer Tätigkeitsbereiche gesucht, in denen ich alleine werkeln konnte: Kisten einpacken, kleinere Dinge alleine tragen oder sauber machen. Heute erlebe ich zum ersten Mal, wie viel Spaß Teamwork machen kann, wenn es keine Kommunikationsprobleme gibt. Alle gemeinsamen Arbeiten laufen problemlos und machen viel Spaß. Und ich genieße die Small Talks in den Arbeitspausen sehr.

Am späten Nachmittag bin ich dreckig und k.o. aber glücklich. Nächstes Wochenende folgt der zweite Teil – dann sind wir für’s Erste durch und ich bin um eine schöne Hörerfahrung reicher.

Tag 202/137 – Nachjustierung

Heute vormittag geht es zur Anpassungssitzung meiner Soundprozessoren im Deutschen Hörzentrum Hannover. Dabei werden die Einstellungen meiner Soundprozessoren überprüft und optimiert, es findet eine ärztliche Untersuchung statt und auch ein Sprachtest steht auf dem Programm. Dieser Termin findet drei, sechs und zwölf Monate nach der Erstanpassungswoche statt; anschließend wird in einen jährlichen Turnus gewechselt. Bei Bedarf kann ich natürlich zusätzliche Termine vereinbaren.

Ich nehme diese Termine gerne wahr und freue mich darauf. Mein Hören wird mit jedem Termin besser und überhaupt ist alles, was ich in der MHH Hannover und im Deutschen Hörzentrum Hannover erlebt habe, für mich sehr positiv behaftet. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal gern in ein Krankenhaus oder zu Nachuntersuchungen gehe. Aber wenn man sein Gehör so schnell und so weitreichend wiedererlangt wie ich, dann sind mit diesem Ort nur positive Erinnerungen verbunden.

Es geht los mit der Anpassungssitzung bei meinem Audiologen. Ein paar Frequenzen werden nachjustiert, um eine gleichbleibende Lautstärke über das gesamte Frequenzband zu erzielen. Dabei bekomme ich jeweils vier Töne unterschiedlicher Tonhöhe vorgespielt und muss angeben, welche Töne lauter oder leiser sind als andere. Das ist insbesondere bei hohen Tönen gar nicht so einfacher, denn diese werden generell lauter empfunden als tiefere Töne. Nach dieser Feinjustierung bin ich aber noch nicht ganz zufrieden, weil die Zischlaute und Konsonanten etwas zu leise sind. Also werden die höchsten Frequenzen wieder etwas höher gestellt. Im Endeffekt ergibt sich damit ein tolles Klangbild und ich habe das Gefühl, noch besser verstehen zu können als vorher.

Ich lasse mir außerdem ein Programm für laute Musik programmieren, weil ich in Diskotheken und auf Konzerten, bei denen es über 100 dB geht, akustische Verzerrungen habe. Die Soundprozessoren sind für einen Lautstärkebereich von 20-80 Dezibel optimiert. Dies ist der Bereich, der für Sprachverständnis und Alltag am wichtigsten ist; dementsprechend wird dafür die meiste Rechenleistung der Computer auf meinen Ohren bereitgestellt. Lautstärken über 100 dB sind eher ein Ausnahmefall; die Soundprozessoren haben deshalb nicht die volle Rechenleistung für diesen Bereich. Auch die Leistungsfähigkeit der eingebauten Mikrofone ist begrenzt. Letztendlich kann ich zwar immer noch deutlich besser hören als mit Hörgeräten, aber dennoch klingt alles ein bißchen verzerrt – in etwa wie ein Verstärker, der voll im Anschlag ist. Ich bin gespannt, ob sich dieses neue Hörprogramm bei hohen Lautstärkepegeln besser schlägt.

Anschließend geht es direkt zum Sprachtest. Es werden beide Ohren – oder besser gesagt elektrische Ohren – getestet und das Ergebnis fällt hier insgesamt sehr zufriedenstellend aus. Zahlen testen wir übrigens gar nicht mehr, weil ich hier problemlos auf 100 % Sprachverständnis komme. Beim Noise-Test wird ein Störgeräusch eingespielt, das 10 Dezibel leiser ist als die Sprache selbst.

  • Freiburger Einsilber: links 55 %, rechts 85 %,zusammen 85 %
  • HSM Satztest in Ruhe: links 83,01 % (rechts und zusammen nicht getestet, da schon beim letzten mal knapp unter 100 % lag)
  • HSM Satztest in Noise: links 30,18 %, rechts 19,81 %, zusammen 55 %

Beim Noise-Test auf dem rechten Ohr habe ich komplett die Konzentration verloren; hier lag ich vor drei Monaten schon bei über 40 %. Das ist ärgerlich, aber kein Grund zur Sorge; solche Ausrutscher bedeuten nicht wirklich, dass das Hören schlechter geworden ist. Insgesamt ist mein linkes Ohr deutlich besser geworden und rückt immer näher an das zwei Monate früher implantierte heran. Mit beiden Ohren höre ich hervorragend und es gibt eigentlich nur noch bei der Störschall-Situation noch Verbesserungsbedarf.

Anschließend geht es zur ärztlichen Untersuchung. Wie nicht anders erwartet ist alles bestens und ich bin schon nach 10 Minuten wieder draußen.

Nach dem Mittagessen statte ich dem Med-El-Center im Deutschen Hörzentrum noch einen Besuch ab und lasse dort die Funkempfänger für meine Soundprozessoren lauter stellen, die ich für die Verwendung der Tischmikrofone benötige. Auch ein Kabeltausch steht auf dem Programm, weil mein linker Soundprozessor manchmal einen leichten Wackelkontakt hat. Dann bin ich fertig.

In der Innenstadt treffe ich am Nachmittag eine sehr nette Frau, die ich im CI-Forum auf Facebook kennengelernt habe und die in dieser Woche ebenfalls ein Cochlea-Implantat bekommt. Es ist immer toll, sich mit anderen und kommenden CI-Trägern auszutauschen und ich hoffe, dass ich Alessandra etwas von ihrer Nervosität nehmen kann. Ich selbst war vor beiden Operationen auch sehr aufgeregt und kann mich gut in ihre Situation hineinversetzen.

Etwas schwierig ist für mich immer, dass meine Hörgeschichte mit den Cochlea-Implantaten ungewöhnlich ist und vermutlich das Optimum darstellt, dass nach einer solchen Operation zu erwarten ist – sowohl im Hinblick auf den Hörerfolg als auch auf die Geschwindigkeit. Warum es bei mir so gut und schnell geklappt hat, weiß ich nicht – das kann niemand sagen. Die Erwartungen, die ich bei anderen CI-Patienten erwecke, sind natürlich sehr hoch und umso größer mag hinterher die Enttäuschung sein, wenn der Hörerfolg nicht so schnell und so groß ist und auch die Operation nicht so schnell und gut verkraftet wird wie bei mir.

Jeder Mensch ist unterschiedlich und auch jede Operation. Ich war nach der ersten Implantierung sehr schnell wieder fit; nach der zweiten dauerte es länger. Ich hatte weder Schwindel noch Geschmacksverlust noch Tinnitus oder starke Schmerzen – all das kann aber durchaus passieren. Und die wenigsten Patienten hören mit einem Cochlea-Implantat auf Anhieb gut. Manche brauchen Monate, um Sprache zu verstehen – oder sogar noch länger. Bei einigen wenigen klappt es nie.

Ich selbst hätte den Schritt zum Hörimplantat nicht gewagt, wenn ich nicht selber Erfolgsstorys gelesen hätte, die mir gezeigt haben, das möglich sein KANN. Dass es bei mir auch so gut läuft habe ich nicht erwartet. Und das sollte auch niemand, der ein Hörimplantat bekommt.

Tag 184/121 – Kohltour

Ich bin zur alljährlich stattfindenden Kohltour der Dorffeuerwehr eingeladen. Kohltouren sind in Norddeutschland sehr beliebt. Man trifft sich früh am Nachmittag und zieht dann den Nachmittag über mit einem Bollerwagen voller überwiegend alkoholischer Getränke gemütlich zu einem Restaurant, in dem dann Grünkohl mit Pinkel gegessen wird. Auf dem Weg wird viel geklönt, es werden Spiele gemacht – und es wird viel getrunken. Man ist meistens in einer reinen Männer- oder als Frau in einer reinen Frauengruppe mit 10 oder mehr Personen unterwegs; aber auch gemischt geschlechtliche Kohltouren werden immer beliebter.

Obwohl ich schon seit 2004 im ländlichen Norden lebe, habe ich bislang selten daran teilgenommen – vor allem deshalb, weil die Kommunikation für mich auf so einer Veranstaltung sehr schwierig ist. Unterhaltungen beim Spazierengehen sind für stark Hörgeschädigte eine totale Herausforderung, weil man dem Gesprächspartner auf die Lippen schauen muss, um ihn zu verstehen. Das ist beim Laufen nicht so einfach. Einfach nebeneinander gehen und sich unterhalten – das konnte ich noch nie.

Dass der größte Teil einer Kohltourtruppe spätestens nach 2 Stunden anfängt zu lallen, macht die Kommunikation für mich ebenfalls nicht einfacher. Betrunkene zu verstehen ist für hörgeschädigte Personen sehr schwierig, weil die Aussprache undeutlicher wird. Beim Lallen verändert sich das Mundbild und Konsonanten gehen komplett verloren. Dazu kommt, dass auch der Inhalt des Gesagten bei zunehmendem Promillepegel immer schwerer zu erraten wird, weil die Logik flöten geht. Die einzige Lösung ist hier, sich selbst ordentlich einen einzuschenken – dann ist es einem auch egal, ob man alles versteht oder etwas komplett falsch versteht. Das merkt der Gesprächspartner dann sowieso nicht mehr.

Dazu kommt, dass die Gespräche häufig quer durch die Gruppe laufen. Und auch bei den Spielen ist es wichtig, dass man die Regeln versteht und dem Gesagten folgen kann. Ich musste mir bislang immer alles drei mal von jemandem erklären lassen und es hat einfach wenig Spaß gemacht, sondern war mit viel Frustration und Anstrengung verbunden.

Obwohl ich schon seit über 10 Jahren in unserem kleinen Dorf mit etwa 500 Einwohnern lebe, hier viele Freunde gewonnen habe und alles andere als isoliert bin, habe dennoch recht wenig Kontakt zu der restlichen Dorfbevölkerung gehabt. Man kennt sich, man sieht sich auf Dorffesten, man sagt ‘Hallo’ oder nickt sich zu – aber mehr auch nicht. Alles darüber hinaus ist sehr anstrengend – sowohl für mich, als auch für die Gesprächspartner, die oft nicht mehr wissen was sie machen sollen, wenn ich auch bei der zweiten Wiederholung nicht verstanden habe, was gesagt worden ist.

Das ist heute komplett anders. Mit ziemlich jedem aus der ca. 30-köpfigen Kohltourtruppe komme ich heute ins Gespräch. Ich werde oft wegen des Zeitungsartikels in der Kreiszeitung angesprochen und lerne heute viele Leute näher kennen, die ich schon seit Jahren vom Sehen kenne. Und: Ich kann mich auch endlich mit Vollbartträgern unterhalten. Das ging früher gar nicht, weil man hier die Lippen nicht sieht und deshalb auch nicht vom Mund ablesen kann.

Der Nachmittag vergeht wie im Flug mit vielen interessanten und netten Gesprächen. Ich verstehe fast alles und kann auch bei den Spielen völlig problemlos mitmachen (wir machen einen Team-Dartwettbewerb im Wald, was mit ordentlich Alkohol im Blut ziemlich lustig ist). Auch das abschließende Grünkohlessen im Restaurant ist wirklich schön und ich erfahre viel Dorfkolorit und lerne viele Menschen, mit denen ich schon lange im Dorf zusammen lebe, das erste mal richtig kennen.

Das Leben ist so viel einfacher, wenn man seine Mitmenschen gut verstehen kann. Gesellschaftliches Zusammensein ist für mich nicht mehr anstrengend und keine Herausforderung mehr, sondern ich kann es einfach genießen. Vor allem haben viele Menschen keine Hemmungen mehr, mich anzusprechen, weil sie nicht wissen, WIE sie mit mir sprechen sollen. Man darf nie vergessen, dass es nicht nur für einen Hörgeschädigten selber schwierig ist, zu kommunizieren, sondern dass oftmals auch die Gesprächspartner verunsichert sind und nicht wissen, was verstanden wird, wie sie sprechen sollen und was sie machen sollen, wenn die Kommunikation nicht funktioniert.

Aber das ist jetzt Geschichte. Ich bin mittendrin und nicht mehr länger nur dabei.

Tag 183/120 – MerQury

Heute wird das Weihnachtsgeschenk meiner ErstBestenHälfte eingelöst: Wir fahren in die MusicHall Worpswede, um uns dort ein Konzert einer der bekanntesten Queen-Coverbands namens MerQury anzuschauen. Ich war mit meinen elektrischen Ohren auf noch keinem richtigen Rockkonzert und bin sehr gespannt, wie sich das anhören wird und ob die Soundprozessoren mit der hohen Lautstärke zurecht kommen. Der erste Diskotheken-Besuch war in dieser Hinsicht eher ernüchternd, weil die Soundprozessoren Input über 100 dB Lautstärke verzerrt wiedergeben.

Der Abend ist ein voller Erfolg. Ich regele die Lautstärke der Soundprozessoren etwas herunter und schalte in das Musikprogramm, damit hört sich die Musik am besten an. Der Sound ist insgesamt fantastisch und auch die Band macht einen Heidenspaß. Ich war zuerst skeptisch, denn Freddy Mercury kann man einfach nicht kopieren. Aber die Jungs auf der Bühne geben wirklich alles und haben vor allem einen Mordsspaß an ihrem Auftritt, der Musik und mit dem Publikum. Und das sind eigentlich immer die schönsten Konzerte: Wenn man führt, dass jemand auf der Bühne steht, der richtig Spaß an der Sache hat und nicht einfach nur sein Programm herunterspult.

Interessanterweise bemerke ich, dass meine Lippenables-Fähigkeit etwas nachzulassen scheint. Es fällt mir zunehmend schwerer, ohne Ton zu verstehen, Vielleicht schaltet mein Gehirn diese Fähigkeit ein wenig in den Standby-Modus, weil ich es nicht mehr so häufig brauche. Und verschiebt alle vorhandenen Ressourcen auf die Ohren. Das ist zwar etwas schade, aber das Hören ist wichtiger als das Ablesen – wenn es funktioniert. Und das tut es bei mir nach wie vor verdammt gut.

Tag 182/119 – Training

Ich habe hier schon einmal beschrieben, welches Equipment ich benutze, um zu telefonieren, TV zu schauen und Gesprächen und Vorträgen in größerer Runde zuhören zu können. Heute steht ein englischsprachiges Design-Training meines Arbeitgebers an und ich bin sehr gespannt, wie gut sich die Tischmikrofon-Anlage im harten Arbeitsalltag schlägt.

An diesem Training, das an zwei aufeinander folgenden Tagen stattfindet, nehmen etwa 12 Kollegen teil. Es wird teils präsentiert, teils in der Runde diskutiert und teils werden Arbeitsgruppen mit 2-4 Personen gebildet, die an bestimmten Themen arbeiten sollen. Insgesamt also ein totaler Worst-Case für eine hörgeschädigte Person: Englisch, mehr als 5 Personen, Diskussionen Quer-Beet und Gruppenarbeit in einem Raum. Mit Hörgeräten hätte ich hier kaum etwas mitbekommen und wäre nach zwei Stunden restlos k.o. gewesen.

Weil der Raum recht groß ist und die Teilnehmer an einem U-förmigen Tisch sitzen, platziere ich drei meiner Table-Mics strategisch am Konferenztisch: Vor den Sprechern, in der Mitte und am Ende des Tisches. Die Mikrofone sind miteinander Ich selbst sitze – wie immer – vorne, damit ich ein wenig von den Lippen ablesen kann.

Und das funktioniert wirklich hervorragend. Bei der einleitenden Präsentation verstehe ich fast jedes Wort – und das auf Englisch. Hilfreich ist, dass beide Trainer muttersprachliche Deutsch sind. “Deutsches Englisch” verstehe ich immer noch deutlich besser als native Speakers – also muttersprachliche Engländer oder US-Amerikaner. Auch “indisches Englisch” verstehe ich übrigens sehr gut; spanisches und chinesisches Englisch ist für mich hingegen schwieriger zu verstehen.

Auch bei der Vorstellungsrunde der Teilnehmer verstehe ich ausgezeichnet. Das war bisher immer der pure Horror: Nicht nur, weil ich die weiter entfernt sitzenden Teilnehmer nicht verstehe, sondern weil ich in solchen Situationen, in denen die Teilnehmer einer Runde nacheinander etwas sagen, auch meistens nicht verstanden habe, was gesagt werden soll. Ich habe meist die Anweisungen zu einer solchen Runde nicht verstanden und weiß nie, was die Runde von mir erwartet: Stellen wir uns vor? Lang? Kurz? Sollen bestimmte Fragen beantwortet werden? Der Worst-Case ist immer, wenn ich als erste Person etwas sagen soll – was häufig vorkommt, weil ich ja fast immer ganz vorne sitze. Und meine Erleichterung ist riesig, wenn am anderen Ende begonnen wird. Dann habe ich zumindest die Chance, aus den Redebeiträgen der anderen Teilnehmer zu erkennen, was erwartet wird. Oftmals habe ich aber auch die Beiträge der Teilnehmer nicht verstanden und während der Vorstellungsrunde gehofft, dass zumindest die Person neben mir so deutlich spricht, dass ich weiß, was ich sagen soll.

Auch heute bin ich als erster dran, aber: Ich verstehe, was von mir erwartet wird. Das ist eine riesige Erleichterung. Natürlich erzähle ich bei meiner Vorstellung auch heute kurz etwas über meine Ohren. Denn zum einen ist jede Kommunikationssituation für mich einfacher, wenn meine Gegenüber wissen, inwieweit ich eingeschränkt bin und worauf sie beim Sprechen achten müsse: langsam und deutlich sprechen, nicht brüllen. Eine gut verständliche Lautstärke ist natürlich hilfreich, aber generell nützt es mir nicht viel, wenn Menschen deutlich lauter sprechen als normal. Das verändert das normale Sprechtimbre und meistens wird es für mich dann eher schwieriger als einfacher, gut zu verstehen. Zum anderen muss ich natürlich auch kurz erklären, warum ich Tischmikrofone im Raum verteile und wie das Ganze funktioniert.

Die anschließende Vorstellungsrunde verstehe ich ebenfalls sehr gut und auch in den darauffolgenden Stunde kann ich dem gesamten Training prima folgen. Selbst die Gruppenarbeit klappt super – ich kann die Tischmikrofone dafür stumm schalten und verstehe trotz der Umgebungsgeräusche gut, was meine Arbeitsgruppenteilnehmer sagen.

Vor allem: Ich kann der Veranstaltung über den gesamten Tag hinweg gut folgen. Bei der abschließenden Präsentation der Gruppenarbeitsergebnisse wird es etwas schwieriger, weil sehr viel diskutiert wird; hier schalte ich ein paar mal gedanklich ab, weil ich Hörpausen brauche. Insgesamt habe ich aber wirklich fast alles verstanden – und das in einer Fremdsprache. Das war vor einem halben Jahr, mit Hörgeräten, noch vollkommen undenkbar. Und ich bin am Abend zwar etwas geschafft, aber glücklich und keinesfalls so ausgelaugt, wie ich es mit Hörgeräten schon nach zwei oder drei Stunden gewesen wäre.

Auch der nächste Tag, an dem ich leider nur bis zum Mittag teilnehmen kann, ist ein voller Hörerfolg. Ich habe in diesen zwei Tagen viel gelernt, nette Menschen kennen gelernt und die wundervolle Erfahrung gemacht, dass ich vor Trainingssituationen keine Angst mehr haben muss. Und das ist das schönste Learning überhaupt.

Tag 175/112 – Marrakesch

Heute geht es nach Marrakesch – ich fliege zum ersten Mal nach Afrika, zum ersten Mal mit Hörimplantaten überhaupt und zum ersten Mal mit Hörimplantaten ins Ausland. Ich treffe dort einen guten Freund, der diese Reise zum Geburtstag von seiner Frau geschenkt bekommen hat und nicht weiß, dass ich dort auf ihn warte. Ich bin also quasi Teil des Geburtstagsgeschenkes.

Ich reise sehr gerne. Fremde Kulturen und Länder haben mich immer schon fasziniert. Pauschalurlaub im Hotel oder tagelang am Strand faulenzen war noch nie mein Ding. Ich möchte auf Reisen etwas erleben, unterwegs sein und Menschen, Orte und Kulturen kennen lernen. Ich mag auch Fremdsprachen sehr gerne. Englisch spreche ich fließend, wenn auch wegen meiner Hörbehinderung mit einer furchtbaren Aussprache. Französisch liebe ich, kann es aber nur rudimentär. Spanisch habe ich ein halbes Jahr in der Uni gelernt und dann aufgegeben. Auch Türkisch und Kurdisch habe ich ein wenig gelernt, weil ich vor Jahren in der sozialen Arbeit viel mit türkischen und kurdischen Familien zu tun hatte.

Mit einer Hörbehinderung ist das Lernen, Verstehen und Sprechen von Fremdsprachen enorm schwierig. Lippenablesen funktioniert so gut wie gar nicht und ein Sprachverständnis mit Hörgeräten von 0% hilft auch nicht gerade dabei, eine Sprache über das Hören zu erlernen. Über das Schriftliche kann man eine Sprache nur theoretisch lernen, nicht aber das Sprechen und noch weniger das Verstehen. Das war ein Problem, das für meine Entscheidung pro Hörimplantat mit ausschlaggebend war, denn im Beruf wird bei mir überwiegend Englisch gesprochen.

Das Einchecken am Flughafen ist auch mit Hörimplantaten problemlos. Ich habe meinen Implantatsausweis zur Hand, weil der Sicherheitsscanner wegen der Magnete in meinem Kopf piepen wird. Die Soundprozessoren lege ich vor dem Durchgang durch den Scanner ab und schalte sie aus – auf Empfehlung von Med-El hin, die ich vor der Reise extra noch einmal kontaktiert hatte, weil es sehr widersprüchliche Angaben dazu gibt, ob und wie man mit Hörimplantaten durch Körperscanner hindurchgehen darf. Jedenfalls verläuft alles vollkommen problemlos und beide Soundprozessoren funktionieren nach dem Durchlauf durch die Schleuse problemlos.

Im Flugzeug gibt es den ersten Reisehörerfolg: Ich verstehe ich zum ersten Mal die Sicherheitsanweisungen und Durchsagen im Flugzeug. Da ich beruflich schon hundertmal geflogen bin, erfahre ich nichts wirklich Neues, aber freue mich trotzdem sehr.

Am frühen Nachmittag lande ich in Marrakesch. Bei der Einreisekontrolle gibt es keine Verständigungsprobleme. Ich werde von einem Hotelshuttle abgeholt, in dem mich zwei nette Marokkaner zum Hotel fahren und mir viel über Marrakesch erzählen. Ich freue mich erneut, dass ich sie gut verstehe und mich relativ problemlos auf Englisch unterhalten kann. Das im Ausland neu – bislang war ich dort kommunikativ sehr eingeschränkt und habe Gespräche bis auf das allernotwendigste vermieden.

Im Hotel werde ich sehr freundlich begrüßt und verstehe auch hier jedes Wort. Ich hätte nicht gedacht, dass dies so flüssig funktioniert. Wiederholungen sind kaum notwendig und schön ist auch, dass mein Englisch gut verstanden wird.

Die Überraschung später am Nachmittag, als mein Freund im Hotel auftaucht, ist riesengroß. Wir verleben 4 wundervolle Tage in einem Land, das mich sehr beeindruckt – die Freundlichkeit der Menschen, die Lebendigkeit, das Gewusel auf den Straßen, die Architektur und Kunst, das Essen und auch die Musik. Es ist alles sehr fremd und sehr aufregend und nur selten anstrengend.

Ein Moment, der mir für immer in Erinnerung bleiben wird, ist der Muezzin-Gesang, den ich zum ersten Mal auf der Dachterrasse des Hotels höre und der sich wie ein Choral über die ganze Stadt legt. Ich habe mir Muezzingesänge immer ein wenig nervig vorgestellt, fordernd, nahezu aggressiv. Was ich dann auf dieser Dachterrasse gehört habe, war einfach nur wunderschön, sanft, harmonisch – es ist sehr schwer zu beschreiben. Ich hätte mir das stundenlang anhören können.

Auch sehr schön war ein langes Gespräch mit einem Amerikaner, der im Café neben uns sass und am Mac arbeitete. Es war unübersehbar ein IT’ler und natürlich musste ich ihn ansprechen. Wir unterhielten uns bestimmt eine halbe Stunde lang über Startups, Afrika, die USA und Donald Trump. Ich habe nicht jedes Wort verstanden, weil ich native englisch sprechende Personen noch nicht so gut verstehe. Aber ich konnte das Gespräch recht gut führen und habe das meiste verstanden.

Insgesamt war es ein wundervoller Aufenthalt, der mir insbesondere wegen der tollen Kommunikationserfolge noch mehr Lust darauf gemacht hat, in fremde Länder zu reisen und mich mit den Menschen dort zu unterhalten.

Tag 175/112 – Lokalpresse

Heute ist ein Artikel über mein Hörimplantat in der Lokalpresse erschienen. Ein Journalist der örtlichen Kreiszeitung, der selber hörgeschädigt ist, war auf meinen Fall aufmerksam geworden und hatte telefonisch angefragt, ob ich einverstanden bin, dass in einer der nächsten Ausgaben der Kreiszeitung ein Artikel über mich und mein Cochlea Implantat erscheint.

Ich habe zugesagt, weil ich denke, dass meine Geschichte und meine Erfahrungen hilfreich für andere Menschen sein können – auch wenn das, was passiert ist, in dieser Form sehr ungewöhnlich ist. Nicht jeder kann mit einem Hörimplantat so schnell solche Erfolge feiern und in wenigen Fällen funktioniert es weniger gut oder auch manchmal gar nicht.

Dennoch sind die weitaus meisten Menschen, die ein Cochlea Implantat bekommen haben, zufrieden mit den Ergebnissen. Beispielhaft hier das Ergebnis einer flächendeckenden Erhebung aller CI-Patienten in der Schweiz – die detaillierten Ergebnisse lassen sich hier nachlesen:

Tag 165/102 – Equipment

Anfang Dezember habe ich von meinem Hörgeräteakustiker eine Mikrofonanlage bekommen. Diese FM-Anlage besteht aus mehreren Tischmikrofonen, die das Gehörte per Funk direkt in meine Soundprozessoren übertragen. Ich benötige diese Ausstattung bei Meetings mit vielen Teilnehmern, die oftmals in großen Räumen stattfinden.

Auch wenn ich mit meinen Cochlea-Implantaten sehr gut verstehen kann stoße ich doch an meine Grenzen, wenn der Sprecher oder die Sprecherin weit entfernt sitzt. Denn selbst mit der besten Technik werde ich immer schwerhörig bleiben und in bestimmten Situationen eingeschränkt sein. Letztendlich kann kein Equipment, kein Implantat und kein Hörgerät so gut funktionieren wie ein gesundes menschliches Ohr. Ich nehme hier immer gern den Vergleich zum menschlichen Auge versus Kamera als Vergleich zur Hilfe: Nicht einmal die teuerste Kamera kann sich so schnell und gut auf unterschiedliche Lichtverhältnisse, Kontraste oder Entfernungen einstellen wie das menschliche Auge. Wer schon einmal versucht hat, bei schlechten Lichtverhältnissen mit hohem Kontrast Fotos zu machen versteht, was ich meine.

Die betreffende Anlage ist von Phonak – einem der bekanntesten Hersteller für Hörgeräte und Hörgerät-Equipment. Von Med-El, der Firma, die meine Hörimplantate herstellt, gibt es einen Funk-Adapter, der mit dieser Anlage kompatibel ist. Man steckt diesen Adapter einfach anstelle der Batteriehülse auf den Med-El Soundprozessor und hat dann automatisch eine direkte und abhörsichere Funkverbindung zu den Mikrofonen.

Med-El Soundprozessor mit Standard-Batteriehülse (aufgesteckt) und Batteriehülse mit Phonak Funkempfänger (daneben). Beide Hülsen sind gleich breit und dick; die Phonak-Hülse ist allerdings deutlich länger.

Ich habe insgesamt 5 der sogenannten Phonak Table Mic II Tischmikrofone bestellt, da ich häufig Meetings und Konferenzen mit vielen Teilnehmern in großen Räumen habe. In diesen Räumen verteile ich die Tischmikrofone dann so, dass ich jede sprechende Person gut verstehen kann. Die Mikrofone sind gekoppelt: Sie arbeiten also zusammen und übertragen das Gesprochene gemeinsam in meinen Soundprozessor. Das funktioniert ausgezeichnet, wenn man einmal verstanden hat, wie die Kopplung funktioniert.

Die Tonqualität ist hervorragend und die Reichweite enorm. Die Mikrofone haben einen eingebauten Akku, der ausreichend Reserven beinhaltet und werden per Micro-USB-Kabel aufgeladen. Die Lautstärke kann mit einer Fernbedienung reguliert werden; auch ein stummschalten ist möglich. Das ist praktisch, weil ich meine Sitznachbarn am Tisch nicht mehr gut höre, wenn sie mich direkt und am Mikrofon vorbei ansprechen. Das ist ein Problem, weil mein Soundprozessor Umgebungsgeräusche, die nicht in der Nähe des Mikrofons erzeugt werden, herunterfährt. Insgesamt ist die Reichweite der Mikrofone allerdings hervorragend und ich verstehe auch Sprecher, die nicht direkt vor dem Mikrofon sitzen, sehr gut.

Cool an den Roger Table Mics ist, dass sie über einen ganz normalen 3,5mm Klinken-Audioeingang verfügen, mit dem man zum Beispiel ein Smartphone, ein Laptop oder auch den Audioausgang des Fernsehgerätes verbinden kann. Das bedeutet, dass ich die Table Mics auch als Kopfhörer nutzen kann, wenn ich Videos, Musik oder Podcasts am Rechner anhöre. Für Telefonkonferenzen sind diese Tischmikrofone weniger geeignet, weil sie bei einem Connect via Audiokabel keinen Input an das Gerät weitergeben können – mein Gesprochenes wird also nur über das Mikrofon des Laptops oder Smartphones an die übrigen Gesprächsteilnehmer gesendet.

Phonak Roger Table Mic II mit Fernbedienung

Neben diesen 5 Tischmikrofonen habe ich auch noch ein spezielles und besonders leistungsfähiges Mikrofon bekommen, den Roger Select. Dieses Gerät hat mehrere integrierte Mikrofone, die in alle Himmelsrichtungen arbeiten. Das Besondere daran ist, dass der Roger Select eigentlich ein vollautomatisiertes Richtmikrofon ist: Er erkennt automatisch, aus welcher Richtung gesprochen wird und richtet das Mikrofon zur passenden Himmelsrichtung aus. Umgebungsgeräusche aus anderen Richtungen werden dabei wirkungsvoll unterdrückt. Das Hören damit funktioniert noch etwas besser als bei den Phonak Table Mics, die zwar auch 360° hören, aber keine eingebaute Richtmikrofon-Funktion haben.

Ein weiterer Vorteil des Roger Selects ist, dass dieses Mikrofon sehr kompakt und deutlich kleiner als die Table Mics ist. Es kann per Clip oder Halsschlaufe auch von einer vortragenden Person getragen werden. Der Clou dabei: Sobald das Gerät nicht waagerecht sondern senkrecht verwendet wird, richtet sich das Mikrofon automatisch nach oben aus. Ich nutze den Roger Select also nicht nur als Tischmikrofon bei kleineren Zusammenkünften mit maximal 7 Teilnehmern, sondern auch als Mikrofon für den Sprecher, wenn ich Vorträge anhöre.

Wichtig ist, dass man dem Sprecher nach dem Ende des Vortrages das Gerät wieder abnimmt. Ansonsten hat man nicht nur ein teures Problem, sondern auch ein unangenehmes, wenn der Referent zum Beispiel direkt nach der Veranstaltung auf die Toilette geht.

Links: Roger Select; mit Halteclip und Halteschlaufe. Rechts oben Dockingstation für den Roger Select. Das Table Mic zum Größenvergleich rechts.

Der Roger Select ist Bluetooth-fähig – ich kann ihn also auch direkt mit meinem Smartphone per Bluetooth verbinden und quasi als Kopfhörer zum Telefonieren verwenden. Die Tonqualität ist dabei sehr gut; allerdings finde ich dieses Setup zu leise zum Telefonieren und auch meine Gesprächspartner sind von der Tonqualität meiner Sprache nicht besonders beeindruckt. Ich werde beim nächsten Nachsorgetermin im Deutschen Hörzentrum in Hannover mit meinem Audiologen sprechen, ob man die Lautstärke erhöhen kann. Leider hat der Roger Select keinen eigenen Lautstärkeregler; ich kann die Lautstärke also nur über die Soundprozessoren direkt verändern.

Schade ist, dass der Roger Select zwar Telefonanrufe meines Smartphones übertragen kann, aber keine Musik. Dafür muss ich eine Dockingstation verwenden, die per Audiokabel mit der Musikquelle, also dem Smartphone oder Laptopt, verbunden wird. Das liegt nach Aussage von Phonak daran, dass FM-Anlagen kein A2DP-Protokoll verarbeiten können. Toningenieure können mit dieser Information sicher etwas anfangen; ich als technischer Laie verstehe nicht wirklich, warum der Ton eines Telefonates übertragen wird aber nicht der Ton meiner Spotify-App. Kabelloses Musikhören in Funk-Qualität wäre wirklich ein Traum. Ich hoffe sehr, dass irgendwann integrierte Bluetooth-Sender von Med-El auf den Markt kommen, mit denen ich Musik ohne Kabel direkt in die Soundprozessoren senden kann.

Weil das Telefonieren mit dem Roger Select wegen der zu leisen Lautstärke nicht wirklich gut funktioniert, verwende ich dafür lieber die Artone 3 MAX Bluetooth Teleschlinge. Diese verbindet sich per Bluetooth mit dem Smartphone und sendet via Induktionsschleife direkt in die Soundprozessoren. Die Soundqualität ist bei einer induktiven Übertragung deutlich schlechter als bei Funk, weil weniger Signale übertragen werden können. Für das Telefonieren reicht es bei mir allerdings. Außerdem ist die Teleschlinge deutlich lauter und auch mein Gesprochenes kommt beim Gesprächspartner deutlicher an.

Bluetooth-Teleschlinge von Med-El

Zusätzlich zu dieser Bluetooth-Teleschlinge habe ich noch eine weitere, kabelgebundene Induktionsschlinge, die nicht per Bluetooth, sondern per Audiokabel mit der Soundquelle verbunden wird. Diese ist allerdings recht groß und ich benutze sie äußerst selten. Wenn die Soundquelle kein Bluetooth hat, ist dieses Gerät allerdings sehr hilfreich.

Zum Musikhören verwende ich am liebsten die Audiokabel, die ich mit einer entsprechenden Batteriehülse direkt mit der Soundquelle verbinden kann. Das ist wie ein Kopfhörer: Die Übertragungsqualität ist hervorragend, ich brauche keinen Strom und keinen Akku und der Tragekomfort ist super.

Audiokabel mit Batteriehülse für den Soundprozessor. Die Silikonhaken an den Hülsen dienen dem besseren Halt hinter dem Ohr.

Eine wichtige Frage ist noch unbeantwortet: Was kostet das alles?

  • Audiokabel bezahlt in meinem Fall die Krankenkasse; ein Kabel kostet etwa 60 Euro.
  • Die Bluetooth-Teleschlinge habe ich mit dem ersten CI von Med-El geschenkt bekommen. Sie kostet etwa 140 Euro.
  • Die Teleschlinge mit Kabel habe ich mit dem zweiten CI von Med-El geschenkt bekommen. Der Preis für dieses Zubehör liegt bei etwa 45 Euro.

Die FM-Anlage mit Roger Select und den Table Mics ist enorm teuer – insgesamt sind bei mir Kosten in Höhe von über 15.000 Euro entstanden. Alleine die FM-Aufsätze für die Soundprozessoren kosten über 1.200 Euro pro Stück. Dazu sind in diesem Betrag 5 Tischmikrofone enthalten, die ich aus beruflichen Gründen benötige.

Die Kostenübernahme für die FM-Anlage habe ich beim Integrationsamt eingereicht. Diese Behörde übernimmt in der Regel die Kosten für die behindertengerechte Ausstattung von Arbeitsplätze mit dem Ziel, behinderten Arbeitnehmer Chancengleichheit im Beruf zu ermöglichen. Neben dem Integrationsamt kann auch die Rentenversicherung als Kostenträger zur Verantwortung gezogen werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Deutschland ist ein Bürokratieland. Es ist deshalb sehr schwer, pauschal zu sagen, wer welche Kosten von welcher Behörde erstattet bekommt. Jeder Antrag muss plausibel und gut begründet sein. Ein guter Hörgeräteakustiker hilft bei der Beantragung von technischen Hörhilfen – und verkauft natürlich auch das entsprechende Equipment.

Mir hilft dieses Equipment ungemein dabei, auch in schwierigen Hörsituationen hervorragende Hörerfolge zu feiern. Ich verstehe bei Meetings oder Vorträgen nahezu jedes Wort, kann prima telefonieren und höre viel Musik über mein Smartphone. Mit Hörgeräten war dies alles nicht möglich – zwar gibt es auch hierfür dieselben technischen Hörhilfen, aber diese nützen nichts, wenn die Hörgeräte kein ausreichendes Sprachverständnis mehr erzeugen können. Es ist natürlich etwas lästig, dass ich im Beruf jetzt relativ viel Equipment mit mir herumschleppen und Bluetooth-Geräte koppeln muss. Aber das ist ein sehr kleiner Preis für ein sehr gutes Hörerlebnis. Und: Die Zubehörtechnik entwickelt sich ständig weiter. Hier wird in den nächsten Jahren noch sehr viel passieren und ich bin sicher, dass der Kabel- und Kopplungssalat in Zukunft noch einfacher zu handhaben sein wird.

Tag 161/98 – Konferenz

Heute fand die alljährliche SAP d-KOM in Karlsruhe statt. d-KOM steht für ‘Developer Kick Off Meeting’ . Dort können alle Mitarbeiter von SAP, die in der Softwareproduktion tätig sind – zum Beispiel Programmierer, Designer, Projektmanager – teilnehmen, um Vorträge anzuhören, Produktneuigkeiten zu erfahren oder sich einfach auszutauschen. Insgesamt nehmen in Deutschland über 6.000 Personen teil; dazu kommen über 3.000 Mitarbeiter, die sich das Ganze online anschauen. Die Veranstaltung findet zudem an weiteren Standorten auf anderen Kontinenten statt.

Fachkonferenzen und Messen habe ich bislang gemieden, weil ich dort zu wenig verstanden habe. Vorträgen konnte ich nur folgen, wenn ich das Mundbild des Vortragenden gut sehen konnte und die gezeigte Präsentation selbsterklärend war. Gespräche mit Kollegen waren schwierig, weil die Geräuschkulisse auf so einer Veranstaltung natürlich enorm laut ist. Networking war für mich auf solchen Veranstaltungen bislang nicht möglich und ich war wegen der enormen Anstrengung, die ich aufwenden musste, um überhaupt halbwegs etwas mitzubekommen, sehr schnell müde.

Da die gesamte Konferenz heute in englischer Sprache stattfand, habe ich nicht erwartet, allzu viel mitzubekommen. Aber wie so oft in den letzten Monaten kam wieder alles ganz anders: Ich habe fast jedes Wort verstanden und war von 9:30 bis ca. 16:30 mit einer kleinen Mittagspause nonstop bei Vorträgen zu Gast. Die erste Konferenz meines Lebens, bei der ich allen Beiträgen gut folgen konnte! Was für ein Erfolg! Der Ton wurde in der Halle per Induktionsschleife übertragen, so dass ich den Input der Vortragenden direkt in meine Soundprozessoren bekam. Schöner Nebeneffekt dabei war, dass ich die Umgebungsgeräusche komplett ausstellen konnte. Meine Kollegen beneiden mich mittlerweile um diese Fähigkeit.

Am Nachmittag war ich dann doch müde – natürlich muss ich mich nach wie vor konzentrieren, wenn ich zuhöre und knapp 5 Stunden lang englischen Vorträgen zuzuhören ermüdet auch normalhörende Menschen. Also ging es für eine Stunde in die Ruheecke – danach war ich fit für die Aftershow-Party, bei der Bülent Ceylan auftrat. Auch hier wurde per Induktionsschleife übertragen. Wie immer bei SAP waren in der ersten Reihe Sitzplätze für hörgeschädigte Mitarbeiter reserviert, so dass meine hörgeschädigten Freunde und ich hervorragenden Blick auf die Bühne hatten und gut vom Mund ablesen konnten.

Der Auftritt von Bülent Ceylan war insgesamt okay. Ich habe einen recht anspruchsvollen Humor, wenn ich Performances auf der Bühne sehe und kann den meisten derzeit aktiven “Comedians”, die man oft im Fernsehen sieht, nicht viel abgewinnen. Das Gefühl, wenn man auf einmal fast alles akustisch versteht und richtig mitlachen kann, ist allerdings unbeschreiblich. Ich habe diese Show unendlich genossen und freue mich jetzt schon riesig darauf, in der kommenden Zeit mehr Live-Performances anzuschauen oder auch einmal den Schritt ins Theater zu wagen.

Spät am Abend stieg dann die Aftershow-Party, auf der ich zusammen mit einigen Kollegen viel Spaß auf der Tanzfläche hatte. Ich genieße das Tanzen nach wie vor unendlich, weil ich mich nicht mehr darauf konzentrieren muss, die Musik und den Takt zu hören und die Musik zu erkennen, sondern einfach alles HÖRE. Es gibt in diesen Momenten nur mich und die Musik und sonst gar nichts. Dieses Gefühl ist ein unbeschreibliches Geschenk, das mir das Cochlea Implantat wiedergegeben hat und schon allein dafür hätten sich die beiden Operationen gelohnt.