Tag 16 – Völlig losgelöst

Heute war ich zur 50. Geburtstagsparty eines Schulfreundes im Ruhrgebiet eingeladen. Vorher standen noch Fußballspiele von Junior II und Junior I auf dem Programm. Wie auch schon am letzten Wochenende konnte ich hier einige nette Ballgespräche mit den Fußballeltern führen, nachdem ich mir eine Mütze aufsetzte, weil recht starker Wind war und die Windgeräusche in den Mikrophonen des Soundprozessors doch recht laut waren. Ich mag Wind sehr gerne. Beim Hören mit Hörgerät oder mit Implantat-Soundprozessor kann er allerdings sehr stören. Leider gibt es keine Wuschelmikrophone für Hörgeräte. Haare können diese womöglich ersetzen – und sehen bei den meisten Menschen auch etwas besser aus. Als erblich bedingter Vollglatzenträger ist man hier deutlich im Nachteil.

Am Nachmittag fuhr ich dann los und genoß drei Stunden lang den hervorragenden Sound meiner Canton-Soundanlage in Verbindung mit meinem Hörimplantat. Ein schöner Nebeneffekt des elektronischen Hörens: Staus stören mich nicht mehr wirklich. Ich kann dann nämlich länger Musik hören.

Die Party selbst war ein wundervoller Abend und Erfolg. Ich traf einige Freunde aus meiner Schulzeit wieder, die ich viel zu lange nicht gesehen hatte und ein paar ehemalige Lehrer. Und lernte ein paar sehr sympathische neue Menschen kennen.

Ich bin eigentlich ein geselliger Mensch, aber das eingeschränkte Hören führte im Lauf der Jahre dazu, dass ich eher ungern auf Parties gegangen bin, weil ich einfach kaum etwas verstanden habe und mich nicht wirklich gut unterhalten konnte. Parties sind für Hörgeräte ein Worst Case, weil im Normalfall viele Menschen auf recht engem Raum durcheinander sprechen und das Hörgerät im Gegensatz zu einem gesunden menschlichen Ohr die unwichtigen Sprachgeräusche nicht dämpfen kann. Außerdem wechseln die Themen und Gesprächspartner häufig und meistens läuft Musik, was das Zuhören zur Schwerstarbeit macht. Ich brauche dementsprechend viele Hörpause und halte selten länger als ein paar Stunden durch.

Heute Abend habe ich mich von 7 Uhr Abends bis 4 Uhr morgens durchgehend unterhalten und viele anregende und lustige Gespräche geführt – selbst beim schlechtem Licht und bei Gesprächspartnern mit Akzent. Spät am Abend war die Konzentration dann zwar etwas schwächer, aber ingesamt habe ich mich noch nie so lange so gut unterhalten.

Und dazwischen habe ich das erste Mal seit vielleicht 30 Jahren wieder getanzt. Ich war während meiner Oberstufen- und Studienzeit sehr häufig in Clubs und Diskotheken im Ruhrgebiet unterwegs. Mittwochs ging es in Siggi’s Kalei in Essen – einen kleinen Indie-Club, in dem meine Liebe zu Goth-Musik und EBM entstand, die bis heute angehalten hat. Freitags ins Old Daddy in Duisburg. Samstags in die Zeche Bochum, ins Raskolnikov in Oberhausen oder ins Intershop im Bochumer Bermuda-Dreieck. Ich kannte so ziemlich jede Indie-Disco im Ruhrgebiet und stand oft Stunden auf der Tanzfläche, um den Alltagsstress abzuschütteln. Während meiner Internatszeit absolvierte ich sogar einen Tanzkurs, was viel Spaß gemacht hat. Besonders beim Jive hatten ich und meine damalige Tanzpartnerin Daniela viel Spaß und wollten gar nicht mehr aufhören.

In den letzten 25 Jahren habe ich kaum noch getanzt. Wenn man die Musik nur rudimentär hört, die Songs nicht erkennt und sich voll darauf konzentrieren muss, den Takt wahrzunehmen, kann man nicht loslassen und das Tanzen genießen. Meistens habe ich mir andere Personen auf der Tanzfläche ausgesucht, die sich gut bewegt haben und mir quasi als visuelles Metronom dienten, damit ich nicht komplett verloren bin.

Heute Abend habe ich das erste Mal seit vielleicht 25 Jahren Musik gehört und dazu getanzt – im Takt, ohne Konzentration, ohne visuelles Metronom und ohne Frustration. Völlig frei und völlig losgelöst – ein unbeschreiblich wundervoller und befreiender Moment, der in der Top 5 Liste meiner Hörimplantat-Erlebnisse einen Stammplatz haben wird. Wer mich demnächst auf Parties sucht: Ich stehe nicht mehr am Biertresen, sondern bin mittendrin. Nur wenn Helene Fischer gespielt wird, bleibt wahrscheinlich alles beim Alten.

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