Tag 11 – Wireless

Heute früh wurden die Fäden der Operationsnarbe gezogen. Das tat nur ein kleines bisschen weh und die Wunde heilt ausgezeichnet. Am Mittwoch darf ich erstmals wieder komplett duschen und meinen Kopf rasieren. Darauf freue ich mich sehr. Und noch etwas anderes ist erfreulich:

Das Aufgerufen werden in Wartezimmern ist für hörgeschädigte Menschen eine unangenehme Situation. Es gibt im grob zusammengefasst drei Szenarien:

  1. Das Business Class-Szenario: Das Praxispersonal kommt ins Wartezimmer und ruft mich persönlich auf.
  2. Das Economic Class-Szenario: Ich werde erst aufgerufen, höre es nicht, und irgendwann steht eine Arzthelferin armwedelnd und hyperventilierend vor mir.
  3. Das Ryanair-Szenario: Ich werde aufgerufen, höre es nicht, aber merke irgendwann, dass alle wartenden Patienten sich umsehen und niemand aufsteht. Dann marschiere ich los und frage, ob ich aufgerufen worden bin.

Mit dem Cochlea-Implantat kommt eine neue Variante hinzu: Ich höre durch die geschlossene Tür des Arztzimmers, dass mein HNO-Arzt mich aufruft. Zwar bin ich erst so überrascht, dass trotzdem ein Husch-Husch-Signal vom Tresen kommt, aber ich habe es tatsächlich gehört und es klang wie mein Name. Das ist großartig.

Am Vormittag übe ich ein wenig mit meinen Hörtraining-Apps. Was leider noch nicht klappt, ist das Verstehen von englischen Sätzen. In der Übung geht es darum, nach dem Anhören einer kurzen Geschichte auf Englisch, bei der auch der Sprecher gezeigt wird, Fragen zum Inhalt zu beantworten. Ich kann hier nur raten – dieses Hörziel wird noch viel Übung brauchen. Ich glaube aber, dass ich Gesprächen mit englischen Gesprächspartnern, die ich selber steuere, folgen kann. Am Mittwoch treffe ich einen Arbeitskollegen aus Manchester, mit dem ich das mal ausprobieren werde.

Gesprächsführung ist für hörgeschädigte Menschen sehr wichtig, damit die Verstehenslücken optimal durch Mundablesen und Kombinieren gefüllt werden können. Ich muss wissen, worum es geht, sonst kann ich einer Unterhaltung nicht folgen. Das kann dazu führen, dass hörgeschädigte Menschen manchmal etwas gesprächsdominant wirken; dies ist allerdings die einzig mögliche Hörstrategie. Dazu gehört auch ein Unterbrechen der Sprecher, wenn man den Faden verliert und einen Rettungsanker braucht – oder aber in einer Gruppe gar nicht mitbekommt, dass jemand spricht oder gerade dazu angesetzt hat. Das ist manchmal etwas unangenehm. Ich mag es gar nicht, wenn man anderen ins Wort fällt. Meine Umgebung kennt das Problem und ist darauf eingestellt. Ich hoffe trotzdem, dass ich mit den Cochlea-Implantaten zu einem harmonischeren Gesprächspartner werde.

Und dann wieder Musik. Ich höre heute vor allem unbekannte Songs von Bands, die ich gerne mag. Die musikalische Entwicklung von U2 habe ich zum Beispiel nach The Joshua Tree, für mich eins der schönsten Alben aller Zeiten, nicht wirklich weiterverfolgen können; lediglich Numb ist mir geläufig. Außerdem höre ich mir Bands aus den 90ern an, bei denen ich immer das Gefühl hatte, dass ihre Musik mir gut gefällt, wie z.B. Pearl Jam oder die Stone Temple Pilots. Das meiste gefällt mir wirklich gut und ich freue mich drauf, noch sehr viel Neues zu entdecken. Die Kabelverbindung vom Soundprozessor zum Smartphone nervt auf Dauer ziemlich. Das Tragen von Kopfhörern mit Kabel bin ich nicht gewohnt. Ich hoffe sehr, dass Med-El bald eine kabellose Lösung auf den Markt bringt, die ein direkte Bluethooth-Verbindung mit dem Smartphone ermöglicht. Cochlear, der größte CI-Hersteller, ist seit dem Frühjahr schon so weit.

Später wage ich mich an das erste Hörspiel, nachdem ich bei der Suche nach dem Soundtrack des ersten Star Wars Teils auf Spotify aus Versehen das Hörspiel anklicke anstatt der Filmmusik. Ich verstehe hier erstaunlich gut – etwa 50 % aller Wörter kommen klar an. Möge die Hörmacht mit mir sein.

Meine ErstBesteHälfte schickt mir später auf dem Rückweg von einer weiter entfernt lebenden Freundin eine Sprachnachricht auf WhatsApp, die ich zu ca. 70 % verstehe. Und ich schicke meine erste Sprachnachricht zurück. Ist eigentlich praktisch – als überzeugter Chatter habe ich das noch nie gemacht. Chatten war für mich immer sehr wichtig. Meine Internet-Ausbildung habe ich in den 90er Jahren im Chat bekommen – im Internet Relay Chat zu einer Zeit, als fast nur Computerexperten dort aktiv waren. Viele meiner Freunde habe ich im Chat kennengelernt und später persönlich getroffen und es war fast immer eine tolle Erfahrung. Auch die ErstBesteHälfte habe ich im Chat kennengelernt – ich fühle mich in diesem Medium einfach sehr wohl, weil ich gerne schreibe und dort kein Handicap habe. Wenn das Verstehen weiter so viel Fortschritte macht, wird für mich etwas Neues hinzukommen.

Neu ist auch, dass das Telefon-Symbol meines Smartphones erstmals auf dem Startbildschirm ist – diese Funktion habe ich bislang nie gebraucht und werde jetzt erst einmal lernen, wie man ein modernes Telefon benutzt.

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