Tag 165/102 – Equipment

Anfang Dezember habe ich von meinem Hörgeräteakustiker eine Mikrofonanlage bekommen. Diese FM-Anlage besteht aus mehreren Tischmikrofonen, die das Gehörte per Funk direkt in meine Soundprozessoren übertragen. Ich benötige diese Ausstattung bei Meetings mit vielen Teilnehmern, die oftmals in großen Räumen stattfinden.

Auch wenn ich mit meinen Cochlea-Implantaten sehr gut verstehen kann stoße ich doch an meine Grenzen, wenn der Sprecher oder die Sprecherin weit entfernt sitzt. Denn selbst mit der besten Technik werde ich immer schwerhörig bleiben und in bestimmten Situationen eingeschränkt sein. Letztendlich kann kein Equipment, kein Implantat und kein Hörgerät so gut funktionieren wie ein gesundes menschliches Ohr. Ich nehme hier immer gern den Vergleich zum menschlichen Auge versus Kamera als Vergleich zur Hilfe: Nicht einmal die teuerste Kamera kann sich so schnell und gut auf unterschiedliche Lichtverhältnisse, Kontraste oder Entfernungen einstellen wie das menschliche Auge. Wer schon einmal versucht hat, bei schlechten Lichtverhältnissen mit hohem Kontrast Fotos zu machen versteht, was ich meine.

Die betreffende Anlage ist von Phonak – einem der bekanntesten Hersteller für Hörgeräte und Hörgerät-Equipment. Von Med-El, der Firma, die meine Hörimplantate herstellt, gibt es einen Funk-Adapter, der mit dieser Anlage kompatibel ist. Man steckt diesen Adapter einfach anstelle der Batteriehülse auf den Med-El Soundprozessor und hat dann automatisch eine direkte und abhörsichere Funkverbindung zu den Mikrofonen.

Med-El Soundprozessor mit Standard-Batteriehülse (aufgesteckt) und Batteriehülse mit Phonak Funkempfänger (daneben). Beide Hülsen sind gleich breit und dick; die Phonak-Hülse ist allerdings deutlich länger.

Ich habe insgesamt 5 der sogenannten Phonak Table Mic II Tischmikrofone bestellt, da ich häufig Meetings und Konferenzen mit vielen Teilnehmern in großen Räumen habe. In diesen Räumen verteile ich die Tischmikrofone dann so, dass ich jede sprechende Person gut verstehen kann. Die Mikrofone sind gekoppelt: Sie arbeiten also zusammen und übertragen das Gesprochene gemeinsam in meinen Soundprozessor. Das funktioniert ausgezeichnet, wenn man einmal verstanden hat, wie die Kopplung funktioniert.

Die Tonqualität ist hervorragend und die Reichweite enorm. Die Mikrofone haben einen eingebauten Akku, der ausreichend Reserven beinhaltet und werden per Micro-USB-Kabel aufgeladen. Die Lautstärke kann mit einer Fernbedienung reguliert werden; auch ein stummschalten ist möglich. Das ist praktisch, weil ich meine Sitznachbarn am Tisch nicht mehr gut höre, wenn sie mich direkt und am Mikrofon vorbei ansprechen. Das ist ein Problem, weil mein Soundprozessor Umgebungsgeräusche, die nicht in der Nähe des Mikrofons erzeugt werden, herunterfährt. Insgesamt ist die Reichweite der Mikrofone allerdings hervorragend und ich verstehe auch Sprecher, die nicht direkt vor dem Mikrofon sitzen, sehr gut.

Cool an den Roger Table Mics ist, dass sie über einen ganz normalen 3,5mm Klinken-Audioeingang verfügen, mit dem man zum Beispiel ein Smartphone, ein Laptop oder auch den Audioausgang des Fernsehgerätes verbinden kann. Das bedeutet, dass ich die Table Mics auch als Kopfhörer nutzen kann, wenn ich Videos, Musik oder Podcasts am Rechner anhöre. Für Telefonkonferenzen sind diese Tischmikrofone weniger geeignet, weil sie bei einem Connect via Audiokabel keinen Input an das Gerät weitergeben können – mein Gesprochenes wird also nur über das Mikrofon des Laptops oder Smartphones an die übrigen Gesprächsteilnehmer gesendet.

Phonak Roger Table Mic II mit Fernbedienung

Neben diesen 5 Tischmikrofonen habe ich auch noch ein spezielles und besonders leistungsfähiges Mikrofon bekommen, den Roger Select. Dieses Gerät hat mehrere integrierte Mikrofone, die in alle Himmelsrichtungen arbeiten. Das Besondere daran ist, dass der Roger Select eigentlich ein vollautomatisiertes Richtmikrofon ist: Er erkennt automatisch, aus welcher Richtung gesprochen wird und richtet das Mikrofon zur passenden Himmelsrichtung aus. Umgebungsgeräusche aus anderen Richtungen werden dabei wirkungsvoll unterdrückt. Das Hören damit funktioniert noch etwas besser als bei den Phonak Table Mics, die zwar auch 360° hören, aber keine eingebaute Richtmikrofon-Funktion haben.

Ein weiterer Vorteil des Roger Selects ist, dass dieses Mikrofon sehr kompakt und deutlich kleiner als die Table Mics ist. Es kann per Clip oder Halsschlaufe auch von einer vortragenden Person getragen werden. Der Clou dabei: Sobald das Gerät nicht waagerecht sondern senkrecht verwendet wird, richtet sich das Mikrofon automatisch nach oben aus. Ich nutze den Roger Select also nicht nur als Tischmikrofon bei kleineren Zusammenkünften mit maximal 7 Teilnehmern, sondern auch als Mikrofon für den Sprecher, wenn ich Vorträge anhöre.

Wichtig ist, dass man dem Sprecher nach dem Ende des Vortrages das Gerät wieder abnimmt. Ansonsten hat man nicht nur ein teures Problem, sondern auch ein unangenehmes, wenn der Referent zum Beispiel direkt nach der Veranstaltung auf die Toilette geht.

Links: Roger Select; mit Halteclip und Halteschlaufe. Rechts oben Dockingstation für den Roger Select. Das Table Mic zum Größenvergleich rechts.

Der Roger Select ist Bluetooth-fähig – ich kann ihn also auch direkt mit meinem Smartphone per Bluetooth verbinden und quasi als Kopfhörer zum Telefonieren verwenden. Die Tonqualität ist dabei sehr gut; allerdings finde ich dieses Setup zu leise zum Telefonieren und auch meine Gesprächspartner sind von der Tonqualität meiner Sprache nicht besonders beeindruckt. Ich werde beim nächsten Nachsorgetermin im Deutschen Hörzentrum in Hannover mit meinem Audiologen sprechen, ob man die Lautstärke erhöhen kann. Leider hat der Roger Select keinen eigenen Lautstärkeregler; ich kann die Lautstärke also nur über die Soundprozessoren direkt verändern.

Schade ist, dass der Roger Select zwar Telefonanrufe meines Smartphones übertragen kann, aber keine Musik. Dafür muss ich eine Dockingstation verwenden, die per Audiokabel mit der Musikquelle, also dem Smartphone oder Laptopt, verbunden wird. Das liegt nach Aussage von Phonak daran, dass FM-Anlagen kein A2DP-Protokoll verarbeiten können. Toningenieure können mit dieser Information sicher etwas anfangen; ich als technischer Laie verstehe nicht wirklich, warum der Ton eines Telefonates übertragen wird aber nicht der Ton meiner Spotify-App. Kabelloses Musikhören in Funk-Qualität wäre wirklich ein Traum. Ich hoffe sehr, dass irgendwann integrierte Bluetooth-Sender von Med-El auf den Markt kommen, mit denen ich Musik ohne Kabel direkt in die Soundprozessoren senden kann.

Weil das Telefonieren mit dem Roger Select wegen der zu leisen Lautstärke nicht wirklich gut funktioniert, verwende ich dafür lieber die Artone 3 MAX Bluetooth Teleschlinge. Diese verbindet sich per Bluetooth mit dem Smartphone und sendet via Induktionsschleife direkt in die Soundprozessoren. Die Soundqualität ist bei einer induktiven Übertragung deutlich schlechter als bei Funk, weil weniger Signale übertragen werden können. Für das Telefonieren reicht es bei mir allerdings. Außerdem ist die Teleschlinge deutlich lauter und auch mein Gesprochenes kommt beim Gesprächspartner deutlicher an.

Bluetooth-Teleschlinge von Med-El

Zusätzlich zu dieser Bluetooth-Teleschlinge habe ich noch eine weitere, kabelgebundene Induktionsschlinge, die nicht per Bluetooth, sondern per Audiokabel mit der Soundquelle verbunden wird. Diese ist allerdings recht groß und ich benutze sie äußerst selten. Wenn die Soundquelle kein Bluetooth hat, ist dieses Gerät allerdings sehr hilfreich.

Zum Musikhören verwende ich am liebsten die Audiokabel, die ich mit einer entsprechenden Batteriehülse direkt mit der Soundquelle verbinden kann. Das ist wie ein Kopfhörer: Die Übertragungsqualität ist hervorragend, ich brauche keinen Strom und keinen Akku und der Tragekomfort ist super.

Audiokabel mit Batteriehülse für den Soundprozessor. Die Silikonhaken an den Hülsen dienen dem besseren Halt hinter dem Ohr.

Eine wichtige Frage ist noch unbeantwortet: Was kostet das alles?

  • Audiokabel bezahlt in meinem Fall die Krankenkasse; ein Kabel kostet etwa 60 Euro.
  • Die Bluetooth-Teleschlinge habe ich mit dem ersten CI von Med-El geschenkt bekommen. Sie kostet etwa 140 Euro.
  • Die Teleschlinge mit Kabel habe ich mit dem zweiten CI von Med-El geschenkt bekommen. Der Preis für dieses Zubehör liegt bei etwa 45 Euro.

Die FM-Anlage mit Roger Select und den Table Mics ist enorm teuer – insgesamt sind bei mir Kosten in Höhe von über 15.000 Euro entstanden. Alleine die FM-Aufsätze für die Soundprozessoren kosten über 1.200 Euro pro Stück. Dazu sind in diesem Betrag 5 Tischmikrofone enthalten, die ich aus beruflichen Gründen benötige.

Die Kostenübernahme für die FM-Anlage habe ich beim Integrationsamt eingereicht. Diese Behörde übernimmt in der Regel die Kosten für die behindertengerechte Ausstattung von Arbeitsplätze mit dem Ziel, behinderten Arbeitnehmer Chancengleichheit im Beruf zu ermöglichen. Neben dem Integrationsamt kann auch die Rentenversicherung als Kostenträger zur Verantwortung gezogen werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Deutschland ist ein Bürokratieland. Es ist deshalb sehr schwer, pauschal zu sagen, wer welche Kosten von welcher Behörde erstattet bekommt. Jeder Antrag muss plausibel und gut begründet sein. Ein guter Hörgeräteakustiker hilft bei der Beantragung von technischen Hörhilfen – und verkauft natürlich auch das entsprechende Equipment.

Mir hilft dieses Equipment ungemein dabei, auch in schwierigen Hörsituationen hervorragende Hörerfolge zu feiern. Ich verstehe bei Meetings oder Vorträgen nahezu jedes Wort, kann prima telefonieren und höre viel Musik über mein Smartphone. Mit Hörgeräten war dies alles nicht möglich – zwar gibt es auch hierfür dieselben technischen Hörhilfen, aber diese nützen nichts, wenn die Hörgeräte kein ausreichendes Sprachverständnis mehr erzeugen können. Es ist natürlich etwas lästig, dass ich im Beruf jetzt relativ viel Equipment mit mir herumschleppen und Bluetooth-Geräte koppeln muss. Aber das ist ein sehr kleiner Preis für ein sehr gutes Hörerlebnis. Und: Die Zubehörtechnik entwickelt sich ständig weiter. Hier wird in den nächsten Jahren noch sehr viel passieren und ich bin sicher, dass der Kabel- und Kopplungssalat in Zukunft noch einfacher zu handhaben sein wird.

Tag 132/69 – Telefonuntertitel

Ich bin heute von einem ebenfalls hörgeschädigten Arbeitskollegen auf eine wirklich geniale App aufmerksam gemacht worden, die Telefonate in Echtzeit verschriftlicht: Die myCall-to-Text App von Phonak. Diese App untertitelt Telefonate live: Man ruft jemanden an und das Gesprochene des Gesprächspartners wird als Text auf dem eigenen Smartphone angezeigt. Das funktioniert mit jedem Android-Handy und jedem iPhone – egal, ob man Hörgeräte oder Hörimplantate oder beides oder keins von beidem hat.

Das funktioniert erstaunlich gut: Die Spracherkennung der Software arbeitet sehr gut. Zwar wird nicht alles korrekt verstanden, aber der Sinn des Gesagten lässt sich in den meisten Fällen gut herauslesen. Wichtig ist natürlich, dass der Gesprächspartner langsam und deutlich spricht. Je schlechter der Input ist, desto schwieriger ist auch die Verschriftlichung für diese App.

Besonders interessant ist, dass die App unendlich viele Sprachen unterstützt. Ich selber habe Englisch getestet und auch hier wird das Gesprochene relativ gut verstanden und wiedergegeben. Übersetzen kann die App natürlich nicht – aber auch das wird vermutlich in naher Zukunft möglich sein.

Die Phonak myCall-to-Text-App ist verfügbar für iPhone und Android. Um die zu nutzen, braucht man eine Internetverbindung und muss einen Account einrichten. Das ist schnell und einfach erledigt. Der Gesprächspartner benötigt keine App – er kann auf jedem beliebigen Gerät angerufen werden. Die App funktioniert nicht, wenn man selbst angerufen wird.

Leider ist der Service nicht kostenlos; zwei Stunden Gesprächszeit kosten 3,99 Euro, die wie bei Prepaid-Karten erworben werden müssen. Es besteht also nicht die Gefahr, dass automatisch Geld abgebucht wird, wenn man die Zeit vergisst. Zum Start gibt es eine Stunde Gesprächsguthaben gratis – damit kann man die Sache gut ausprobieren und dann entscheiden, ob diese App den persönlichen Erwartungen und Bedürfnissen entspricht.

Ich selbst brauche diese App dank meiner Cochlea-Implantate nicht mehr. Denn in den meisten Fällen verstehe ich besser als die App. Und wenn der Input zu undeutlich ist, hilft mir auch die App nicht mehr weiter. Für alle diejenigen, die beim Telefonieren große Probleme haben, ist das allerdings eine tolle Sache. Die Kosten sind aus meiner Sicht vertretbar; eventuell kann man hierfür auch eine Kostenübernahme durch das Integrationsamt oder den Rentenversicherer beantragen.

Tag 120/57 – Overflow

Ich habe Meetings bislang nach Möglichkeit gemieden. Zwar gibt es Meetings, die enorm wichtig sind und an denen man auf jeden Fall teilnehmen muss. Aber das trifft eigentlich nur auf den kleinsten Teil der wöchentlichen Zusammenkünfte zu, die einen Tagesablauf empfindlich stören können. Bislang war das eigentlich ein Vorteil: Weil ich wegen meiner Hörbehinderung nicht an allen Meetings teilnahm, hatte ich deutlich mehr Zeit zum effizienten Arbeiten als meine Kollegen und musste die kreative Arbeit nicht nach jeweils einer Stunde unterbrechen. Ich war also schneller.

Heute hing ich fast den ganzen Tag am Telefon bzw. am Rechner, über den Telefonkonferenzen bei meinem Arbeitgeber laufen. Ein Meeting jagte das nächste – und alles auf Englisch. Anfangs kam ich noch halbwegs gut mit, aber spätestens am Nachmittag wurde es mir dann zu viel – Konzentration war nicht mehr möglich und ich verfolgte das Geschehen – wie früher – nur noch nebenbei. Zwischendurch riefen dann auch noch verschiedene Arbeitskollegen an. Diese Einzelgespräche konnte ich noch gut stemmen, aber die Meetings waren irgendwann einfach zu viel. Am Abend war ich dann wirklich fix und fertig.

Ich bin nach wie vor hörgeschädigt. Auch wenn man in normaler Face-to-Face-Kommunikation nicht mehr viel davon merkt, brauche ich immer noch mehr Konzentration beim Hören als eine gut hörende Person. Und wie bei jedem andere Mensch auch ist mein Konzentrationsvermögen limitiert. Diese Grenzen muss ich austesten und dann entsprechend reagieren: Ich habe den Kollegen am Abend gesagt, dass ich nach wie vor wichtige Entscheidungen per E-Mail brauche, weil ich nicht sicher sein kann, dass ich wirklich alles verstehe.

Obwohl ich nach Feierabend wirklich K.O. war, habe ich dann trotzdem noch zusammen mit ein paar hörgeschädigten Kollegen ein Konzert der SAP Bigband besucht, die hier in der Firmenzentrale aufgetreten sind. Und das war ein tolles Erlebnis! Ich habe als Schüler Posaune gespielt und war ein paar Jahre Teil der Schul-Bigband, mit der wir überwiegend Glenn Miller gespielt haben. Die damaligen Konzerte waren unvergessliche Erlebnisse, an die ich mich immer gerne erinnere. Auch dieses erste Live-Konzert mit Hörimplantaten wird mir sicherlich in Erinnerung bleiben. Der Sound war fantastisch, die Band hat eine tolle Performance hingelegt und ich konnte sogar die Ansagen des Bandleaders gut verstehen. Das war ein wirklich schöner Ausklang eines ansonsten sehr anstrengenden Tages und ich freue mich schon auf die nächsten Konzerte – vielleicht werde ich auch mal wieder ein klassisches Konzert besuchen.

Tag 119/56 – Awesome!

Seit gestern arbeite ich in einem neuen Team an einem neuen Projekt für meinen Arbeitgeber SAP. Ich werde häufig in verschiedenen Projekten eingesetzt und bin als User Experience Designer dabei dafür zuständig, dass die Software, die für den Kunden gebaut wird, verstanden wird und optimal zu bedienen ist. Häufig geht es um Verbesserungen, weil bestimmte Applikationen zu schwierig zu handhaben sind. Manchmal auch um die Entwicklung neuer Produkte. Die technischen Aspekte und die Programmierung sind für mich eher irrelevant. Der logische Aufbau der Benutzeroberflächen, eine gut verständliche Benennung von Buttons oder Hilfetexten und das Design der jeweiligen Interfaces sind die Faktoren, die ich beeinflussen kann.

Die Teams bei SAP sind fast immer international aufgestellt und dementsprechend ist die Arbeitssprache Englisch. Nur wenn ich direkt mit einem deutschsprachigen Kollegen kommuniziere, verwenden wir Deutsch; in Meetings wird fast immer Englisch gesprochen, weil eigentlich immer ein Kollege aus dem Ausland dabei ist, der Englisch besser versteht als Deutsch.

Bislang war das für mich sehr schwierig. Ich brauchte eigentlich immer einen Dolmetscher oder eine deutschsprachige Wiederholung des Gesagten und konnte kaum direkt mitdiskutieren. Zwar spreche ich theoretisch recht gut Englisch und das Lesen und Schreiben klappt problemlos. Ich habe längere Zeit nebenbei als Übersetzer gearbeitet und englische Produkt- und Webtexte ins Deutsche übersetzt; diese Arbeit macht mir viel Spaß. Aber das Verstehen von englischer Sprache war bislang quasi unmöglich. Das Lippenlesen funktioniert in anderen Sprachen nicht wirklich gut – ich habe keine Ahnung, warum. Die Wörter kenne ich, aber ich kann englischsprachiges Mundbild einfach nur sehr schlecht entziffern. Und mein Sprachverständnis war mit Hörgeräten schon im Deutschen schlecht; Englisch habe ich wenn überhaupt nur bruchstückhaft verstanden.

In dieser Woche war ich zum ersten Mal seit meiner zweiten Implantation in der SAP-Zentrale in Walldorf. Dort fand ein sogenannter Kick-Off statt: Das ist die in der Softwarebranche übliche Bezeichnung für ein Projektstart-Meeting, bei dem besprochen wird, wie man vorgeht und wer was bis wann und wie macht. Da auch in diesem Team neben einer spanischen Kollegen, die gut Deutsch spricht, ein Kollege aus Indien dabei ist, der Deutsch zwar ein bißchen versteht, aber kaum sprechen kann, fand dieses Kick-Off-Meeting also auf Englisch statt. Und weil ich mit dem indischen Kollegen eng zusammenarbeite, musste ich die letzten beiden Tage sehr viel auf Englisch kommunizieren.

Wie so vieles, was in den letzten drei Monaten passiert ist, war auch diese Situation überraschend: Ich habe im englischsprachigen Meeting mit 6 Personen fast jedes Wort verstanden – und das mit zwei Sprechern, die einen starken indischen bzw. spanischen Akzent in der Englischen Kommunikation haben. Ich habe die letzten zwei Tage lange und andauernd mit einem englischsprachigen Kollegen diskutiert, gescherzt und geschäkert und dabei bis kurz vor Feierabend wirklich gut verstanden. Irgendwann war dann der Akku leer – natürlich ist nach wie vor hohe Konzentration erforderlich. Aber im Gegensatz zu früher, als ich mich so häufig vergeblich angestrengt habe, hat diese Konzentration auch tolle Ergebnisse gebracht: Ich verstehe die englische Sprache immer besser und schon jetzt gut genug, um auch berufliche Konversation auf Englisch zu machen. That’s awesome!

Auch der Videoübertragung eines großen Meetings des SAP Vorstandes konnte ich übrigens gut folgen. Das reine Telefonieren auf Englisch ist derzeit noch undenkbar, aber das war mit der deutschen Sprache kurz nach der Erstanpassung auch eine große Hürde. Ich bin sicher, dass ich das irgendwann auch noch schaffen werde. Exercising makes the master, wie Westerwave sagen würde. An meiner Aussprache muss ich natürlich auch noch feilen – aber ich kann jetzt hören, wie es richtig klingt. Und verstehe Korrekturen meiner Kollegen.

Und wenn es auf Englisch richtig flüssig läuft, lerne ich wieder Französisch. Diese Sprache mag ich nämlich besonders gerne, auch wenn ich sie nur wenige Jahre in der Schule gelernt habe und nur über einen recht kleinen Grundwortschatz verfüge. Aber daran kann ich arbeiten.

Tag 117/54 – Training

Auch, wenn ich mit meinen Hörimplantaten hervorragend schon nach kurzer Zeit hervorragend hören kann, gibt es noch Einiges zu verbessern. Vor allem beim Verstehen bei Störgeräuschen und dem Verstehen englischer Sprache gibt es noch viel Potential. Wie trainiere ich das?

Die Trainings-Apps, die ich mir während der Erstanpassungswoche für mein erstes Cochlea-Implantat besorgt habe, nutze ich ehrlich gesagt gar nicht mehr, obwohl sie teilweise nicht schlecht sind. Ich habe heute noch eine weitere Hörtrainings-App auf mein Smartphone geladen, die insbesondere gut für das Training im Störschall ist: Schallquelle. Diese App gibt es leider nur für Android-Handys. Sie ist kostenlos, aber wenn man das volle Trainingsprogramm nutzen möchte, muss man 3,59 EUR bezahlen. Das ist verschmerzbar. Die App ist gut zu bedienen; leider gibt es nur ein Störgeräusch und man kann dieses nicht in der Lautstärke variieren. Da ich bei einem ersten Versuch fast alles verstanden habe, werde ich diese App nicht mehr nutzen. Für CI-Träger, die noch nicht so weit sind, ist das aus meiner Sicht eine sinnvolle Investition.

Mein Training ist der Alltag:

  • Ich höre nach wie vor sehr viel und sehr unterschiedliche Musik.
  • Ich versuche, täglich zu telefonieren: Nicht nur mit meinem Bluetooth-Set, das den Ton des Smartphones direkt in beide Soundprozessoren schickt, sondern manchmal auch einfach nur mit dem Telefon am rechten oder linken Ohr. Dazu ist ein bißchen Überwindung notwendig. Nach jahrelangem nicht-hören-können jetzt freiwillig auf das optimale, beidseitige Hörerlebnis zu verzichten und sich stattdessen freiwillig eine schwierige Situation einzulassen ist nicht wirklich einfach.
  • Ich schaue Abends häufiger fern und versuche, Filme auch ohne Untertitel zu verstehen. Das ist eine prima Störschall-Übung, weil bei Gesprächen in Filmen häufig Musik oder Alltagsgeräusche im Hintergrund zu hören sind.
  • Ich versuche so oft wie möglich, Englisch zu verstehen und schaue Nachrichten auf CNN oder BCC, englischsprachige Youtube-Videos auf dem Rechner oder Podcasts.
  • Wenn ich Freunde aus England oder den USA treffe, versuche ich, das Gespräch auf Englisch zu führen.
  • Beim Autofahren höre ich häufig Radio und versuche, Nachrichten, Verkehrsdurchsagen oder Ansagen zu verstehen.

Ganz wichtig ist, dass man sich Pausen gönnt. Manchmal schaue ich auch einfach einen Film mit Untertiteln, wenn ich mich entspannen möchte. Und freue mich dann darüber, wenn ich höre, dass etwas anders gesagt wurde, als die Untertitel anzeigen. Untertitel werden vereinfacht, damit man mit dem Lesen mitkommt – wenn man alles Wort für Wort anzeigen würde, wäre es zu viel Text.

Machmal höre ich auch ein paar Stunden gar nichts, weil ich Ruhe brauche. Manchmal nehme ich die Soundprozessoren ab, um meine Hörnerven zu regenerieren. Manchmal gehe ich nicht ans Telefon, weil ich nicht voll konzentrationsfähig sind. Und WhatsApp-Sprachnachrichten, die eigentlich ein gutes Training sind, höre ich manchmal erst nach einigen Stunden, wenn ich Zeit und Ruhe dafür habe.

Auch in Gruppen oder Meetings schalte ich mich nach wie vor manchmal für ein paar Minuten ab und steige aus Unterhaltungen aus, wenn es mir zu viel wird. Sonst nimmt irgendwann die Frustration überhand – und das wäre schade. Denn letztendlich ist jedes Hören und Verstehen für mich ein Riesengewinn und eine tolle Sache.

Tag 115/52 – Disco

Heute war ich das erste mal mit Hörimplantaten in einer Diskothek. Ich war während meiner Oberstufenzeit und zu Beginn meines Studiums häufig mit Freunden in Ruhrgebietclubs unterwegs, in denen Indiemusik gespielt wurde. Freitags ging es in Sigis Kalei in Essen. Samstags oft in die Zeche Bochum oder in das Bochumer Intershop. Ab und zu fuhren wir auch ins Raskolnikov oder ins Old Daddy in Oberhausen. Gespielt wurde dort Independent, Rock, Punk und Goth der 80er und 90er – Musikrichtungen, die ich bis heute bevorzugt höre.

Der erste Test mit Cochlea-Implantaten fand im Aladin in Bremen statt – zusammen mit der ErstBestenHälfte und Freunden. Und es gibt zwei schlechte Nachrichten und eine gute. Die gute zuerst: Es war besser als mit Hörgeräten; ich konnte mir bekannte Songs auf Anhieb erkennen und auch ein bißchen tanzen. Eher schlecht war, dass die Musik selbst nicht wirklich berauschend war – zu viel Pop und Techno-Gedöns für meinen Geschmack. Und: Meine Soundprozessoren waren mit der Lautstärke komplett überfordert; der Sound war insgesamt enttäuschend.

Meine Soundprozessoren arbeiten optimal im Lautstärkebereich zwischen 20 und 80 Dezibel. In einer Diskothek werden meistens 100 dB erreicht. Für mich hat das zur Folge, dass sich insbesondere höhere Töne und Gesang etwas verzerrt anhören. Zwar konnte ich das Problem etwas entschärfen, indem ich Lautstärke und Geräuschempfindlichkeit soweit herunter regelte wie möglich und mit meinen verschiedenen Hörprogrammen experimente. Allerdings kann ich diese Parameter nur in begrenztem Maß beeinflussen. Insgesamt war das Ergebnis doch ein bißchen frustrierend, wenn auch deutlich besser als mit Hörgeräten.

Ich werde bei der nächsten Einstellungssitzung meinen Audiologen fragen, ob man dieses Problem lösen kann – eventuell mit einem Hörprogramm für extrem hohe Lautstärken. Ansonsten bekomme ich auch bei Live-Konzerten direkt vor der Bühne dieselben Probleme und muss mir einen Platz im hinteren Bereich suchen, auf dem die Lautstärke nicht mehr ganz so hoch ist wie vorne. Das erste Live-Konzert auf einer Veranstaltung hier im Ort klang super – dort war ich recht weit hinten. Allerdings war die Lautstärke dort auch nicht so hoch wie bei einem Konzert mit namhaften Bands oder einem Open-Air-Festival.

Wirklich deprimiert bin ich nicht – irgendwann kommt man an eine Grenze und nach all den unvorstellbaren Hörerfolgen ist dieser kleine Dämpfer gut zu verkraften. Mal sehen, ob ich das Problem im nächsten Jahr in den Griff bekomme.

Tag 100/37 – Vom Jungen, der wieder hören konnte

Vor genau 100 Tagen, drei Tage nach meiner ersten Implantation, hörte ich zum ersten Mal elektrisch mit einem Hörimplantat – nach etwa 40 Jahren hochgradiger, beidseitiger und an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit, in denen ich mit Hörgeräten versorgt war. Dieser Tag ist ein Wendepunkt in meinem Leben, den ich in dieser Form nie für möglich gehalten hätte. Ich höre heute mit Cochlea-Implantaten besser als jemals zuvor während der langen Zeitspanne meiner Schwerhörigkeit.

Ich verstehe Sprache ohne das Lippenlesen. Ich kann telefonieren. Ich höre wieder Musik und kann wieder Klavier und Schlagzeug spielen. Ich verstehe die Witze meiner Freunde und Nachbarn beim geselligen Zusammensein. Ich brauche keine Wiederholungen bei jedem Gesagten mehr. Ich kann ins Kino gehen und der Handlung eines Filmes folgen – auch ohne Untertitel. Ich kann Diskussionen im Fernsehen folgen und Radio hören. Ich verstehe Lautsprecherdurchsagen an Bahnhöfen, in Flughäfen und auf öffentlichen Veranstaltungen. Ich kann wieder mit Kindern kommunizieren und hören, wie toll meine Kinder Musik machen. Ich kann mich am Fußball-Smalltalk der Fußballeltern beteiligen, wenn Junior I und Junior II Punktspiele haben. Ich traue mich, auch fremde Menschen anzusprechen und Small-Talk zu machen. Ich kann an Telefonkonferenzen teilnehmen und verstehe meine Arbeitskollegen. Ich bin nicht mehr genervt, wenn meine Kinder und die ErstBesteHälfte mich nach einem langen Arbeitstag vollquatschen. Ich höre, wenn das Auto merkwürdig klingt – und zwar bevor es explodiert. Ich verstehe Ärzte mit Mundschutz und die Preisansagen der Kassierer und Kassiererinnen beim Einkaufen. Ich kann mich in laufende Gespräche einschalten. Ich höre die Hausklingel, das Telefon, die Eieruhr am Ofen und die Geschirrspülmaschine, wenn sie fertig ist. Ich höre das Vogelzwitschern am Morgen und das Rascheln der Blätter im Herbst. Ich verstehe Navigationsansagen und Verkehrsmeldungen und kann mit der Sprachsteuerung meines Autos umgehen. Ich verstehe die Fangesänge im Fußballstadion und kann wieder tanzen. Ich verstehe Museumsführungen und kann mir Podcasts anhören. Und bin nicht mehr verloren, wenn ich vor einer Gegensprechanlage stehe oder auf das Herein vor einer Bürotür warte.

Ich bemerke erst jetzt, wie stark eingeschränkt ich eigentlich für den Großteil meines Lebens gewesen bin. In den letzten 40 Jahren habe ich viel kämpfen müssen und eigentlich alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Es waren gute Jahre und ich bin für jedes dankbar. Man kann auch mit schlechten Ohren oder Augen oder ohne Beine und mit eigentlich fast jeder Behinderung sehr viel aus seinem Leben machen. Aber es oftmals anstrengend.

Vielleicht hätte ich den Schritt hin zum elektrischen Ohr früher machen sollen. Wenn ich gewusst hätte, dass alles so gut läuft und dass ich so schnell wieder so viel hören und verstehen kann, hätte ich es vielleicht gemacht. Ja, ich habe viel verpasst. Wie gern hätte ich das Linkin Park-Konzert im letzten Jahr zusammen mit Junior I mit funktionierenden Ohren gehört. Oder seine Auftritte mit der Schulband. Oder richtig gehört, wie meine Kinder sprechen lernen. Aber ich hatte Angst vor der CI-Operation. Angst vor den Nebenwirkungen. Angst davor, mein Restgehör vollends zu verlieren. Nicht bei jedem Patienten funktioniert alles so gut und so schnell wie bei mir. Viele andere müssen lange kämpfen, bis sie mit einem Cochlea-Implantat hören und gut verstehen können. Manche schaffen es nie. Jede Hörschädigung und jede Hörbiographie ist anders und natürlich ist jede Operation dieses Ausmaßes mit Risiken verbunden. Aber ich lerne immer mehr Menschen kennen, die ebenso wie ich schnelle Erfolge erzielen können. Die Technik wird immer besser: Sowohl was die Funktionsweise der Prozessoren angeht als auch die Operationstechnik selber, die im Lauf der letzten Jahre aus einer ehemals mehrstündigen Operation eine Art Routineeingriff machen konnte.

Ich war vorher noch nicht bereit für diesen Schritt. Und auch die Technik war noch nicht so weit entwickelt wie heute. Vielleicht wäre es deshalb anders und nicht so gut gelaufen. Vielleicht wäre es schwieriger geworden, wenn ich nicht zu 100% hinter dieser Entscheidung gestanden hätte. Und als Freelancer wären zwei Monate Arbeitsausfall auch finanziell ein Problem geworden. Insofern bereue ich nicht wirklich etwas, sondern freue mich wahnsinnig darüber, dass ich den Mut gefunden habe, diesen Schritt zu machen – und dafür mit einem Hörwunder belohnt worden bin.

Ich hätte diesen Schritt nicht ohne die Erfahrungen vieler anderer gewagt, die ebenso wie ich ihre Geschichte aufgeschrieben haben. Dies hat mir enorm viel Mut gemacht und dies möchte ich mit diesem Blog gern weitergeben. Auch die vielen engagierten CI-Träger in den Facebook Selbsthilfegruppen und in den Selbsthilfevereinen haben enorm dabei geholfen, mir die Angst vor diesem Eingriff zu nehmen. Meine Arbeitskollegen und mein Arbeitgeber SAP haben mich optimal bei dieser Entscheidung unterstützt und einen mehrwöchigen Arbeitsausfall klaglos hingenommen. Und natürlich haben auch meine Freunde und meine Familie mir viel Kraft und Mut gegeben, diesen Schritt zu wagen und sich bestmöglich um mich gekümmert. Und nicht zuletzt haben die Menschen in Hannover, wo ich implantiert worden bin, hervorragende Arbeit geleistet: Von den Schwestern, Pflegern und Ärzten der Medizinischen Hochschule Hannover bis hin zu den Sekretärinnen, Audiologen und Pädagogen bei der Nachsorge im Deutschen Hörzentrum Hannover.

Manchmal muss man sich einfach trauen, etwas zu machen – auch wenn man eine große Angst davor hat. Ich danke allen, die mir diese Angst genommen haben. Und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog, das ich in unregelmäßigen Abständen weiterführen werde und aus dem ich auch ein Buch machen werde, anderen die Angst nehmen kann, diesen Schritt zu wagen.

Auch wenn ich in kurzer Zeit schon sehr weit gekommen bin: Es gibt noch viel zu entdecken. Ich möchte Englisch gut verstehen können. Und Französisch – eine Sprache, die ich besonders liebe. Ich möchte mein Hörvermögen im Störschall verbessern und irgendwann in der Lage sein, Telefonkonferenzen auch in Fremdsprachen zu führen. Es wird immer neue Ziele geben. Mit dem bislang Erreichten bin ich mehr als zufrieden und überaus dankbar dafür. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Bonus.

Ein Leben mit schlechtem oder auch ohne Gehör kann wundervoll sein. Aber aus jahrelanger Stille wieder in das hörende Leben eintauchen zu dürfen, ist eine einzigartige Erfahrung und ein wundervolles Geschenk.

Tag 99/36 – Entlassung

Heute ist schon der letzte Tag meiner Reha-Woche: Weil meine Hörerfolge so gut sind haben wir beschlossen, die Termine am Freitag zu canceln und schon heute die letzte Anpassung der Soundprozessoren und den abschließenden Hörtest zu machen. Bei der Anpassung wird noch einmal der rechte Soundprozessor nachjustiert. Die Lautstärken der verschiedenen Tonhöhen werden nochmals angeglichen und die Gesamtlautstärke rechts und links so angepasst, dass ich kaum noch einen Unterschied zwischen rechts und links wahrnehmen kann.

Dann folgt der abschließende Hörtest mit dem linken Ohr und anschließend mit beiden Soundprozessoren. Zahlen testen wir gar nicht mehr, weil ich hier problemlos 100% verstehe. Die anderen Tests laufen gut:

  • Bei Einsilbern verstehe ich rechts etwas schlechter als beim Abschlusstest der Anpassungswoche für das erste Implantat: 55% statt 65%. Das liegt eventuell daran, dass ich in der ersten Anpassungswoche sehr stark Konsonanten geübt habe und besser auf die Unterscheidungen von Wörtern wie Laus, Haus oder Maus konditioniert war. Links erziele ich hier 45% und beidseitig 65% – das entspricht in etwa dem Wert, den ich vor 2 Monaten auf dem rechten Ohr hatte.
  • Bei Sätzen bin ich rechts auch etwas schwächer geworden, links erreiche ich allerdings 89% und mit beiden Ohren sogar 96,22%. Das ist ein wahnsinnig guter Wert: Mit beiden elektrischen Ohren höre ich damit fast so gut wie eine normalhörende Person, wenn es keine Nebengeräusche gibt. Natürlich muss ich mich sehr konzentrieren, um diese Werte zu erreichen; im Alltag halte ich das keine 18 Stunden durch. Noch nicht…
  • Im Störschall verstehe ich mit beiden Ohren 44,33%. Auch das ist galaktisch – dass die Ohren separat nur auf 14-16% kommen lässt sich verschmerzen. Der Störschalltest ist enorm unangenehm: Das Störgeräusch ist laut und penetrant und die Abfolge der Sätze ist so schnell, dass man kaum mit dem Nachsprechen hinterherkommt. Das ist gewollt, damit die Probanden nicht beginnen, die nicht verstandenen Satzlücken zu kombinieren, sondern nur genau das wiedergeben, was sie gehört haben. Der Stress-Level ist dennoch sehr hoch und ich denke, dass ich mit mehr Pausen noch besser abschneiden würde. Gefühlt höre ich mehr als die 14-16% auf jedem Ohr. Bei einem Gesamtverständnis von über 44% kann man aber mehr als zufrieden sein.

Das ist auch die Meinung meiner Logopädin, die ebenso schwer beeindruckt ist wie die Ärztin beim abschließenden Untersuchungstermin. Ich bedanke mich noch einmal bei ihr für die hervorragende Arbeit, die Ärzte, Audiologen und Logopäden geleistet haben – und dann geht es nach Hause.

Auf der Fahrt nach Hause rufe ich  zwei Freunde und Arbeitskollegen an, mit denen ich bislang noch nicht telefoniert habe. Beide sind schwer beeindruckt und freuen sich unheimlich über dieses Hörwunder – anders kann man es kaum nennen. Und ich verstehe fast alles gut, trotz des Fahrgeräusches meines Autos. Am Abend ruft meine Schwester mich an und wir telefonieren geschlagene 60 Minuten problemlos. Und auch das Schwätzchen mit der Nachbarin bei Kerzenlicht ist angenehm zu verstehen – selbst nach dem dritten Glas Rotwein. Prosit!

Tag 98/35 – SpongeBob!

Heute vormittag steht wieder ein Hörtraining auf dem Programm. Nachdem wir eine Weile das Verstehen im Störgeräusch üben, soll ich mit dem neu implantierten linken Ohr telefonieren. Ich gehe also hinaus auf den Flur und führe ein kurzes, einohriges Gespräch mit meiner Audiologin – und verstehe sie einwandfrei. Damit hätte ich nicht gerechnet – auch wenn die Höreindrücke bislang wirklich gut waren, überrascht mich doch immer wieder, wie gut das Verstehen schon 4 Wochen nach der Operation ist.

Nach dem Hörtraining schaue ich noch bei der Hannoverschen Cochlea-Implant-Gesellschaft vorbei, die Mittwochs jeweils Informationsveranstaltungen im Deutschen Hörzentrum Hannover anbietet und sich für die Belange von Menschen mit Hörimplantaten einsetzt. Das ist immer eine schöne Gelegenheit, andere Menschen mit Hörimplantaten kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Heute treffe ich einen 84 Jahre alten frisch implantierten und sehr rüstigen älteren Herr, der seinen Soundprozessor erst seit wenigen Tagen trägt. Bei ihm ist der Erfolg nicht so groß wie bei mir, aber er hört schon ein wenig und ist insgesamt zufrieden.

Anschließend geht es zum Mittagessen und weil heute keine weiteren Termine anstehen fahre ich einen alten Schrauberfreund besuchen, den ich jahrelang nicht gesehen habe und der etwa anderthalb Autostunden von Hannover entfernt wohnt. Wir verleben einen sehr schönen Nachmittag und Abend miteinander, haben uns sehr viel zu erzählen und lachen sehr viel zusammen. Auch sein sechsjähriger Sohn ist sehr nett, und was besonders toll ist: Ich verstehe ihn ausgezeichnet.

Kinder zu verstehen ist für hörgeschädigte Menschen oft sehr schwierig, weil Kinder undeutlich und überbetont artikulieren und auch nicht unbedingt alles logisch ist, was aus ihrem Mund kommt. Das macht das Kombinieren sehr schwierig. Ich mag Kinder sehr gerne und fand es immer schade, dass ich mich schlecht mit ihnen unterhalten konnte. Die kleine Tochter einer guten Freundin, die sich im Kindergartenalter befindet, liess sich immer Zettel von ihrer Mutter schreiben, auf denen zum Beispiel “fang mich!” stand, wenn sie zu Besuch war, weil ich sie einfach zu schlecht verstanden habe. Heute haben wir aber viel Spaß zu dritt und ich brauche keine Zettel mehr. Später spielen wir ein paar Runden SpongeBob-MauMau zusammen. Das funktioniert wie normales MauMau – allerdings gibt es die “SpongeBob-Karte: Wenn diese hingelegt wird, müssen alle Spieler “SpongeBob!” rufen. Derjenige, der zuletzt ruft, muss eine Strafkarte ziehen. Auch das klappt gut und ich höre wirklich, wer als erster ruft. Früher hätte ich so etwas nicht spielen können, ohne jede Runde zu verlieren. Mit Hörimplantaten ist es kein Problem mehr.

Natürlich muss ich mich anschließend auch noch auf der Kinderspielkonsole von einem Grundschüler in die Schranken weisen lassen. Hören kann ich mittlerweile wirklich gut – Computerspielen werde ich vermutlich nie lernen. Es gibt Schlimmeres.

Tag 97/34 – Hörrest

Heute vormittag stand ein Hörtest auf dem Programm, bei dem meine natürlichen Hörreste gemessen werden, die nach der Implantation übrig geblieben sind. Ich habe auf beiden Ohren etwa 5 dB verloren, könnte also theoretisch auch mit Hörgeräten noch Geräusche wahrnehmen. Ausprobiert habe ich das noch nicht und ich werde es wohl auch nicht tun – das Hören mit dem Cochlear-Implantat ist so viel besser, dass ich mir über das “natürliche” Hören gar keine Gedanken mehr mache. Es ist schön, dass noch Restgehör da ist, aber anfangen kann ich damit nicht mehr viel.

Dieses Höraudiogramm zeigt meine Hörschwelle mit Hörimplantat (schwarze Linien) und ohne Hörimplantat (rote bzw. blaue Linie). Die Hörreste im mittleren und Hochtonbereich (links sind tiefe Frequenzen; rechts sind die hohen) lassen sich kaum noch messen, weil der Kopfhörer bei 110 Dezibel so stark vibriert, dass ich nicht mehr weiß, ob ich den Ton höre oder fühle.

Nach dem Hörtest habe ich Mittagspause; anschließend steht eine erneute Anpassung auf dem Programm, bei der wir nochmal etwas nachjustieren und die hohen Töne herunter regeln, weil ich Zischlaute doch recht stark überbetont höre. Das ist etwas unangenehm. Mein Ohr reagiert natürlich besonders empfindlich auf hohe Töne, weil diese jahrelang nicht mehr wahrgenommen wurden – deshalb ist es normal, dass hohe Töne insgesamt etwas lauter wahrgenommen werden als tiefe. Das wird ich aber nach einiger Zeit legen und bis dahin genieße ich es einfach, Konsonanten wie s k t ch und sch deutlich wahrzunehmen. Wenn der Höreindruck nach 3 oder 6 Monaten immer noch so empfindlich auf hohe Frequenzen reagiert, werden wir das noch ein wenig zurücknehmen.

Ich lasse mir auch noch einmal genau erklären, wie ich meine Hörprogramme mit der Fernbedienung so einstellen kann, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen die bestmögliche Performance liefern. Neben einer reinen Lautstärkeregulierung kann man bei meinen Soundprozessoren nämlich auch die Geräuschempfindlichkeit regeln – unabhängig vom gerade aktiven Hörprogramm. Die Soundprozessoren haben ein Klangfenster von 20 bis ca. 85 dB. In diesem Bereich wird am meisten verstärkt, weil sich Sprache in diesem Lautstärkebereich befindet. Mit der Empfindlichkeitsregelung kann ich das Klangfenster herunter- oder hochschieben: Also z.B. auf 15 bis 80 dB herunter regeln. Dann verstehe ich leise gesprochene Inhalte besser, die Performance im lauten Bereich wird aber schlechter. Dies kann zum Beispiel im Restaurant praktisch sein, wenn ich das drumherum Gesprochene ausblenden und mich mehr auf die Sprache der Person vor mir konzentrieren will. Der Effekt ist mit einem Audio-Zoom zu vergleichen: Ich hole den Sprecher damit näher an mich heran. Andersherum kann ich das Klangfenster auch nach oben verschieben, wenn ich zu viele laute Geräusche nah am Ohr habe und mich mehr auf die Umgebungsgeräusche konzentrieren will – zum Beispiel bei einem Vortrag.

Dann geht es zum Hörtraining. Ich habe eine andere Logopädin als beim letzten Mal, die aber auch sehr nett ist. In dieser Woche wird ausschließlich das linke Ohr trainiert werden; ich nehme den rechten Soundprozessor also ab. Meine Logopädin ist begeistert über meinen Hörerfolg; nachdem ich Zahlen bereits auf Anhieb zu 100% verstanden habe und auch Sätze klar und deutlich verstehe, beschließen wir, uns in dieser Woche vor allem auf das Hören im Störschall zu konzentrieren. Im Alltag ist man eher selten in Situationen, in denen es keine Hintergrundgeräusche gibt. Oftmals hat man Verkehrslärm oder andere sprechende Personen im selben Raum. Man kämpft mit laufenden Fernsehern, Fahrgeräuschen im Auto oder Zug, nerviger Musik, die aus Smartphones tönt, Staubsaugern, Geschirrspülmaschinen und vielem mehr. Das Hören im Störschall ist eine besonders große Herausforderung für hörgeschädigte Menschen und daran gilt es jetzt zu arbeiten. Ich muss dafür Sätze wiedergeben, die zusammen mit einem etwa 50 Dezibel lauten Störgeräusch hinterlegt sind. Das ist sehr schwierig, anstrengend und auch frustrierend – beim ersten Versuch lande ich bei mageren 9%. Da hatte ich mehr erwartet. Mal sehen, wie weit wir im Lauf der Woche noch kommen.

Am Abend kommt die ErstBesteHälfte zu Besuch und wir fahren zusammen zu einem indischen Restaurant, in dem ich die neuen Höreinstellungen und Erkenntnisse gleich direkt erproben kann. Und es funktioniert gut: Trotz Besteckklappern im Hintergrund und einem recht gut gefüllten Restaurant ist Konversation problemlos möglich. Und auch das Essen schmeckt prima.