Tag 120/57 – Overflow

Ich habe Meetings bislang nach Möglichkeit gemieden. Zwar gibt es Meetings, die enorm wichtig sind und an denen man auf jeden Fall teilnehmen muss. Aber das trifft eigentlich nur auf den kleinsten Teil der wöchentlichen Zusammenkünfte zu, die einen Tagesablauf empfindlich stören können. Bislang war das eigentlich ein Vorteil: Weil ich wegen meiner Hörbehinderung nicht an allen Meetings teilnahm, hatte ich deutlich mehr Zeit zum effizienten Arbeiten als meine Kollegen und musste die kreative Arbeit nicht nach jeweils einer Stunde unterbrechen. Ich war also schneller.

Heute hing ich fast den ganzen Tag am Telefon bzw. am Rechner, über den Telefonkonferenzen bei meinem Arbeitgeber laufen. Ein Meeting jagte das nächste – und alles auf Englisch. Anfangs kam ich noch halbwegs gut mit, aber spätestens am Nachmittag wurde es mir dann zu viel – Konzentration war nicht mehr möglich und ich verfolgte das Geschehen – wie früher – nur noch nebenbei. Zwischendurch riefen dann auch noch verschiedene Arbeitskollegen an. Diese Einzelgespräche konnte ich noch gut stemmen, aber die Meetings waren irgendwann einfach zu viel. Am Abend war ich dann wirklich fix und fertig.

Ich bin nach wie vor hörgeschädigt. Auch wenn man in normaler Face-to-Face-Kommunikation nicht mehr viel davon merkt, brauche ich immer noch mehr Konzentration beim Hören als eine gut hörende Person. Und wie bei jedem andere Mensch auch ist mein Konzentrationsvermögen limitiert. Diese Grenzen muss ich austesten und dann entsprechend reagieren: Ich habe den Kollegen am Abend gesagt, dass ich nach wie vor wichtige Entscheidungen per E-Mail brauche, weil ich nicht sicher sein kann, dass ich wirklich alles verstehe.

Obwohl ich nach Feierabend wirklich K.O. war, habe ich dann trotzdem noch zusammen mit ein paar hörgeschädigten Kollegen ein Konzert der SAP Bigband besucht, die hier in der Firmenzentrale aufgetreten sind. Und das war ein tolles Erlebnis! Ich habe als Schüler Posaune gespielt und war ein paar Jahre Teil der Schul-Bigband, mit der wir überwiegend Glenn Miller gespielt haben. Die damaligen Konzerte waren unvergessliche Erlebnisse, an die ich mich immer gerne erinnere. Auch dieses erste Live-Konzert mit Hörimplantaten wird mir sicherlich in Erinnerung bleiben. Der Sound war fantastisch, die Band hat eine tolle Performance hingelegt und ich konnte sogar die Ansagen des Bandleaders gut verstehen. Das war ein wirklich schöner Ausklang eines ansonsten sehr anstrengenden Tages und ich freue mich schon auf die nächsten Konzerte – vielleicht werde ich auch mal wieder ein klassisches Konzert besuchen.

Tag 119/56 – Awesome!

Seit gestern arbeite ich in einem neuen Team an einem neuen Projekt für meinen Arbeitgeber SAP. Ich werde häufig in verschiedenen Projekten eingesetzt und bin als User Experience Designer dabei dafür zuständig, dass die Software, die für den Kunden gebaut wird, verstanden wird und optimal zu bedienen ist. Häufig geht es um Verbesserungen, weil bestimmte Applikationen zu schwierig zu handhaben sind. Manchmal auch um die Entwicklung neuer Produkte. Die technischen Aspekte und die Programmierung sind für mich eher irrelevant. Der logische Aufbau der Benutzeroberflächen, eine gut verständliche Benennung von Buttons oder Hilfetexten und das Design der jeweiligen Interfaces sind die Faktoren, die ich beeinflussen kann.

Die Teams bei SAP sind fast immer international aufgestellt und dementsprechend ist die Arbeitssprache Englisch. Nur wenn ich direkt mit einem deutschsprachigen Kollegen kommuniziere, verwenden wir Deutsch; in Meetings wird fast immer Englisch gesprochen, weil eigentlich immer ein Kollege aus dem Ausland dabei ist, der Englisch besser versteht als Deutsch.

Bislang war das für mich sehr schwierig. Ich brauchte eigentlich immer einen Dolmetscher oder eine deutschsprachige Wiederholung des Gesagten und konnte kaum direkt mitdiskutieren. Zwar spreche ich theoretisch recht gut Englisch und das Lesen und Schreiben klappt problemlos. Ich habe längere Zeit nebenbei als Übersetzer gearbeitet und englische Produkt- und Webtexte ins Deutsche übersetzt; diese Arbeit macht mir viel Spaß. Aber das Verstehen von englischer Sprache war bislang quasi unmöglich. Das Lippenlesen funktioniert in anderen Sprachen nicht wirklich gut – ich habe keine Ahnung, warum. Die Wörter kenne ich, aber ich kann englischsprachiges Mundbild einfach nur sehr schlecht entziffern. Und mein Sprachverständnis war mit Hörgeräten schon im Deutschen schlecht; Englisch habe ich wenn überhaupt nur bruchstückhaft verstanden.

In dieser Woche war ich zum ersten Mal seit meiner zweiten Implantation in der SAP-Zentrale in Walldorf. Dort fand ein sogenannter Kick-Off statt: Das ist die in der Softwarebranche übliche Bezeichnung für ein Projektstart-Meeting, bei dem besprochen wird, wie man vorgeht und wer was bis wann und wie macht. Da auch in diesem Team neben einer spanischen Kollegen, die gut Deutsch spricht, ein Kollege aus Indien dabei ist, der Deutsch zwar ein bißchen versteht, aber kaum sprechen kann, fand dieses Kick-Off-Meeting also auf Englisch statt. Und weil ich mit dem indischen Kollegen eng zusammenarbeite, musste ich die letzten beiden Tage sehr viel auf Englisch kommunizieren.

Wie so vieles, was in den letzten drei Monaten passiert ist, war auch diese Situation überraschend: Ich habe im englischsprachigen Meeting mit 6 Personen fast jedes Wort verstanden – und das mit zwei Sprechern, die einen starken indischen bzw. spanischen Akzent in der Englischen Kommunikation haben. Ich habe die letzten zwei Tage lange und andauernd mit einem englischsprachigen Kollegen diskutiert, gescherzt und geschäkert und dabei bis kurz vor Feierabend wirklich gut verstanden. Irgendwann war dann der Akku leer – natürlich ist nach wie vor hohe Konzentration erforderlich. Aber im Gegensatz zu früher, als ich mich so häufig vergeblich angestrengt habe, hat diese Konzentration auch tolle Ergebnisse gebracht: Ich verstehe die englische Sprache immer besser und schon jetzt gut genug, um auch berufliche Konversation auf Englisch zu machen. That’s awesome!

Auch der Videoübertragung eines großen Meetings des SAP Vorstandes konnte ich übrigens gut folgen. Das reine Telefonieren auf Englisch ist derzeit noch undenkbar, aber das war mit der deutschen Sprache kurz nach der Erstanpassung auch eine große Hürde. Ich bin sicher, dass ich das irgendwann auch noch schaffen werde. Exercising makes the master, wie Westerwave sagen würde. An meiner Aussprache muss ich natürlich auch noch feilen – aber ich kann jetzt hören, wie es richtig klingt. Und verstehe Korrekturen meiner Kollegen.

Und wenn es auf Englisch richtig flüssig läuft, lerne ich wieder Französisch. Diese Sprache mag ich nämlich besonders gerne, auch wenn ich sie nur wenige Jahre in der Schule gelernt habe und nur über einen recht kleinen Grundwortschatz verfüge. Aber daran kann ich arbeiten.

Tag 117/54 – Training

Auch, wenn ich mit meinen Hörimplantaten hervorragend schon nach kurzer Zeit hervorragend hören kann, gibt es noch Einiges zu verbessern. Vor allem beim Verstehen bei Störgeräuschen und dem Verstehen englischer Sprache gibt es noch viel Potential. Wie trainiere ich das?

Die Trainings-Apps, die ich mir während der Erstanpassungswoche für mein erstes Cochlea-Implantat besorgt habe, nutze ich ehrlich gesagt gar nicht mehr, obwohl sie teilweise nicht schlecht sind. Ich habe heute noch eine weitere Hörtrainings-App auf mein Smartphone geladen, die insbesondere gut für das Training im Störschall ist: Schallquelle. Diese App gibt es leider nur für Android-Handys. Sie ist kostenlos, aber wenn man das volle Trainingsprogramm nutzen möchte, muss man 3,59 EUR bezahlen. Das ist verschmerzbar. Die App ist gut zu bedienen; leider gibt es nur ein Störgeräusch und man kann dieses nicht in der Lautstärke variieren. Da ich bei einem ersten Versuch fast alles verstanden habe, werde ich diese App nicht mehr nutzen. Für CI-Träger, die noch nicht so weit sind, ist das aus meiner Sicht eine sinnvolle Investition.

Mein Training ist der Alltag:

  • Ich höre nach wie vor sehr viel und sehr unterschiedliche Musik.
  • Ich versuche, täglich zu telefonieren: Nicht nur mit meinem Bluetooth-Set, das den Ton des Smartphones direkt in beide Soundprozessoren schickt, sondern manchmal auch einfach nur mit dem Telefon am rechten oder linken Ohr. Dazu ist ein bißchen Überwindung notwendig. Nach jahrelangem nicht-hören-können jetzt freiwillig auf das optimale, beidseitige Hörerlebnis zu verzichten und sich stattdessen freiwillig eine schwierige Situation einzulassen ist nicht wirklich einfach.
  • Ich schaue Abends häufiger fern und versuche, Filme auch ohne Untertitel zu verstehen. Das ist eine prima Störschall-Übung, weil bei Gesprächen in Filmen häufig Musik oder Alltagsgeräusche im Hintergrund zu hören sind.
  • Ich versuche so oft wie möglich, Englisch zu verstehen und schaue Nachrichten auf CNN oder BCC, englischsprachige Youtube-Videos auf dem Rechner oder Podcasts.
  • Wenn ich Freunde aus England oder den USA treffe, versuche ich, das Gespräch auf Englisch zu führen.
  • Beim Autofahren höre ich häufig Radio und versuche, Nachrichten, Verkehrsdurchsagen oder Ansagen zu verstehen.

Ganz wichtig ist, dass man sich Pausen gönnt. Manchmal schaue ich auch einfach einen Film mit Untertiteln, wenn ich mich entspannen möchte. Und freue mich dann darüber, wenn ich höre, dass etwas anders gesagt wurde, als die Untertitel anzeigen. Untertitel werden vereinfacht, damit man mit dem Lesen mitkommt – wenn man alles Wort für Wort anzeigen würde, wäre es zu viel Text.

Machmal höre ich auch ein paar Stunden gar nichts, weil ich Ruhe brauche. Manchmal nehme ich die Soundprozessoren ab, um meine Hörnerven zu regenerieren. Manchmal gehe ich nicht ans Telefon, weil ich nicht voll konzentrationsfähig sind. Und WhatsApp-Sprachnachrichten, die eigentlich ein gutes Training sind, höre ich manchmal erst nach einigen Stunden, wenn ich Zeit und Ruhe dafür habe.

Auch in Gruppen oder Meetings schalte ich mich nach wie vor manchmal für ein paar Minuten ab und steige aus Unterhaltungen aus, wenn es mir zu viel wird. Sonst nimmt irgendwann die Frustration überhand – und das wäre schade. Denn letztendlich ist jedes Hören und Verstehen für mich ein Riesengewinn und eine tolle Sache.

Tag 115/52 – Disco

Heute war ich das erste mal mit Hörimplantaten in einer Diskothek. Ich war während meiner Oberstufenzeit und zu Beginn meines Studiums häufig mit Freunden in Ruhrgebietclubs unterwegs, in denen Indiemusik gespielt wurde. Freitags ging es in Sigis Kalei in Essen. Samstags oft in die Zeche Bochum oder in das Bochumer Intershop. Ab und zu fuhren wir auch ins Raskolnikov oder ins Old Daddy in Oberhausen. Gespielt wurde dort Independent, Rock, Punk und Goth der 80er und 90er – Musikrichtungen, die ich bis heute bevorzugt höre.

Der erste Test mit Cochlea-Implantaten fand im Aladin in Bremen statt – zusammen mit der ErstBestenHälfte und Freunden. Und es gibt zwei schlechte Nachrichten und eine gute. Die gute zuerst: Es war besser als mit Hörgeräten; ich konnte mir bekannte Songs auf Anhieb erkennen und auch ein bißchen tanzen. Eher schlecht war, dass die Musik selbst nicht wirklich berauschend war – zu viel Pop und Techno-Gedöns für meinen Geschmack. Und: Meine Soundprozessoren waren mit der Lautstärke komplett überfordert; der Sound war insgesamt enttäuschend.

Meine Soundprozessoren arbeiten optimal im Lautstärkebereich zwischen 20 und 80 Dezibel. In einer Diskothek werden meistens 100 dB erreicht. Für mich hat das zur Folge, dass sich insbesondere höhere Töne und Gesang etwas verzerrt anhören. Zwar konnte ich das Problem etwas entschärfen, indem ich Lautstärke und Geräuschempfindlichkeit soweit herunter regelte wie möglich und mit meinen verschiedenen Hörprogrammen experimente. Allerdings kann ich diese Parameter nur in begrenztem Maß beeinflussen. Insgesamt war das Ergebnis doch ein bißchen frustrierend, wenn auch deutlich besser als mit Hörgeräten.

Ich werde bei der nächsten Einstellungssitzung meinen Audiologen fragen, ob man dieses Problem lösen kann – eventuell mit einem Hörprogramm für extrem hohe Lautstärken. Ansonsten bekomme ich auch bei Live-Konzerten direkt vor der Bühne dieselben Probleme und muss mir einen Platz im hinteren Bereich suchen, auf dem die Lautstärke nicht mehr ganz so hoch ist wie vorne. Das erste Live-Konzert auf einer Veranstaltung hier im Ort klang super – dort war ich recht weit hinten. Allerdings war die Lautstärke dort auch nicht so hoch wie bei einem Konzert mit namhaften Bands oder einem Open-Air-Festival.

Wirklich deprimiert bin ich nicht – irgendwann kommt man an eine Grenze und nach all den unvorstellbaren Hörerfolgen ist dieser kleine Dämpfer gut zu verkraften. Mal sehen, ob ich das Problem im nächsten Jahr in den Griff bekomme.

Tag 100/37 – Vom Jungen, der wieder hören konnte

Vor genau 100 Tagen, drei Tage nach meiner ersten Implantation, hörte ich zum ersten Mal elektrisch mit einem Hörimplantat – nach etwa 40 Jahren hochgradiger, beidseitiger und an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit, in denen ich mit Hörgeräten versorgt war. Dieser Tag ist ein Wendepunkt in meinem Leben, den ich in dieser Form nie für möglich gehalten hätte. Ich höre heute mit Cochlea-Implantaten besser als jemals zuvor während der langen Zeitspanne meiner Schwerhörigkeit.

Ich verstehe Sprache ohne das Lippenlesen. Ich kann telefonieren. Ich höre wieder Musik und kann wieder Klavier und Schlagzeug spielen. Ich verstehe die Witze meiner Freunde und Nachbarn beim geselligen Zusammensein. Ich brauche keine Wiederholungen bei jedem Gesagten mehr. Ich kann ins Kino gehen und der Handlung eines Filmes folgen – auch ohne Untertitel. Ich kann Diskussionen im Fernsehen folgen und Radio hören. Ich verstehe Lautsprecherdurchsagen an Bahnhöfen, in Flughäfen und auf öffentlichen Veranstaltungen. Ich kann wieder mit Kindern kommunizieren und hören, wie toll meine Kinder Musik machen. Ich kann mich am Fußball-Smalltalk der Fußballeltern beteiligen, wenn Junior I und Junior II Punktspiele haben. Ich traue mich, auch fremde Menschen anzusprechen und Small-Talk zu machen. Ich kann an Telefonkonferenzen teilnehmen und verstehe meine Arbeitskollegen. Ich bin nicht mehr genervt, wenn meine Kinder und die ErstBesteHälfte mich nach einem langen Arbeitstag vollquatschen. Ich höre, wenn das Auto merkwürdig klingt – und zwar bevor es explodiert. Ich verstehe Ärzte mit Mundschutz und die Preisansagen der Kassierer und Kassiererinnen beim Einkaufen. Ich kann mich in laufende Gespräche einschalten. Ich höre die Hausklingel, das Telefon, die Eieruhr am Ofen und die Geschirrspülmaschine, wenn sie fertig ist. Ich höre das Vogelzwitschern am Morgen und das Rascheln der Blätter im Herbst. Ich verstehe Navigationsansagen und Verkehrsmeldungen und kann mit der Sprachsteuerung meines Autos umgehen. Ich verstehe die Fangesänge im Fußballstadion und kann wieder tanzen. Ich verstehe Museumsführungen und kann mir Podcasts anhören. Und bin nicht mehr verloren, wenn ich vor einer Gegensprechanlage stehe oder auf das Herein vor einer Bürotür warte.

Ich bemerke erst jetzt, wie stark eingeschränkt ich eigentlich für den Großteil meines Lebens gewesen bin. In den letzten 40 Jahren habe ich viel kämpfen müssen und eigentlich alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Es waren gute Jahre und ich bin für jedes dankbar. Man kann auch mit schlechten Ohren oder Augen oder ohne Beine und mit eigentlich fast jeder Behinderung sehr viel aus seinem Leben machen. Aber es oftmals anstrengend.

Vielleicht hätte ich den Schritt hin zum elektrischen Ohr früher machen sollen. Wenn ich gewusst hätte, dass alles so gut läuft und dass ich so schnell wieder so viel hören und verstehen kann, hätte ich es vielleicht gemacht. Ja, ich habe viel verpasst. Wie gern hätte ich das Linkin Park-Konzert im letzten Jahr zusammen mit Junior I mit funktionierenden Ohren gehört. Oder seine Auftritte mit der Schulband. Oder richtig gehört, wie meine Kinder sprechen lernen. Aber ich hatte Angst vor der CI-Operation. Angst vor den Nebenwirkungen. Angst davor, mein Restgehör vollends zu verlieren. Nicht bei jedem Patienten funktioniert alles so gut und so schnell wie bei mir. Viele andere müssen lange kämpfen, bis sie mit einem Cochlea-Implantat hören und gut verstehen können. Manche schaffen es nie. Jede Hörschädigung und jede Hörbiographie ist anders und natürlich ist jede Operation dieses Ausmaßes mit Risiken verbunden. Aber ich lerne immer mehr Menschen kennen, die ebenso wie ich schnelle Erfolge erzielen können. Die Technik wird immer besser: Sowohl was die Funktionsweise der Prozessoren angeht als auch die Operationstechnik selber, die im Lauf der letzten Jahre aus einer ehemals mehrstündigen Operation eine Art Routineeingriff machen konnte.

Ich war vorher noch nicht bereit für diesen Schritt. Und auch die Technik war noch nicht so weit entwickelt wie heute. Vielleicht wäre es deshalb anders und nicht so gut gelaufen. Vielleicht wäre es schwieriger geworden, wenn ich nicht zu 100% hinter dieser Entscheidung gestanden hätte. Und als Freelancer wären zwei Monate Arbeitsausfall auch finanziell ein Problem geworden. Insofern bereue ich nicht wirklich etwas, sondern freue mich wahnsinnig darüber, dass ich den Mut gefunden habe, diesen Schritt zu machen – und dafür mit einem Hörwunder belohnt worden bin.

Ich hätte diesen Schritt nicht ohne die Erfahrungen vieler anderer gewagt, die ebenso wie ich ihre Geschichte aufgeschrieben haben. Dies hat mir enorm viel Mut gemacht und dies möchte ich mit diesem Blog gern weitergeben. Auch die vielen engagierten CI-Träger in den Facebook Selbsthilfegruppen und in den Selbsthilfevereinen haben enorm dabei geholfen, mir die Angst vor diesem Eingriff zu nehmen. Meine Arbeitskollegen und mein Arbeitgeber SAP haben mich optimal bei dieser Entscheidung unterstützt und einen mehrwöchigen Arbeitsausfall klaglos hingenommen. Und natürlich haben auch meine Freunde und meine Familie mir viel Kraft und Mut gegeben, diesen Schritt zu wagen und sich bestmöglich um mich gekümmert. Und nicht zuletzt haben die Menschen in Hannover, wo ich implantiert worden bin, hervorragende Arbeit geleistet: Von den Schwestern, Pflegern und Ärzten der Medizinischen Hochschule Hannover bis hin zu den Sekretärinnen, Audiologen und Pädagogen bei der Nachsorge im Deutschen Hörzentrum Hannover.

Manchmal muss man sich einfach trauen, etwas zu machen – auch wenn man eine große Angst davor hat. Ich danke allen, die mir diese Angst genommen haben. Und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog, das ich in unregelmäßigen Abständen weiterführen werde und aus dem ich auch ein Buch machen werde, anderen die Angst nehmen kann, diesen Schritt zu wagen.

Auch wenn ich in kurzer Zeit schon sehr weit gekommen bin: Es gibt noch viel zu entdecken. Ich möchte Englisch gut verstehen können. Und Französisch – eine Sprache, die ich besonders liebe. Ich möchte mein Hörvermögen im Störschall verbessern und irgendwann in der Lage sein, Telefonkonferenzen auch in Fremdsprachen zu führen. Es wird immer neue Ziele geben. Mit dem bislang Erreichten bin ich mehr als zufrieden und überaus dankbar dafür. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Bonus.

Ein Leben mit schlechtem oder auch ohne Gehör kann wundervoll sein. Aber aus jahrelanger Stille wieder in das hörende Leben eintauchen zu dürfen, ist eine einzigartige Erfahrung und ein wundervolles Geschenk.

Tag 99/36 – Entlassung

Heute ist schon der letzte Tag meiner Reha-Woche: Weil meine Hörerfolge so gut sind haben wir beschlossen, die Termine am Freitag zu canceln und schon heute die letzte Anpassung der Soundprozessoren und den abschließenden Hörtest zu machen. Bei der Anpassung wird noch einmal der rechte Soundprozessor nachjustiert. Die Lautstärken der verschiedenen Tonhöhen werden nochmals angeglichen und die Gesamtlautstärke rechts und links so angepasst, dass ich kaum noch einen Unterschied zwischen rechts und links wahrnehmen kann.

Dann folgt der abschließende Hörtest mit dem linken Ohr und anschließend mit beiden Soundprozessoren. Zahlen testen wir gar nicht mehr, weil ich hier problemlos 100% verstehe. Die anderen Tests laufen gut:

  • Bei Einsilbern verstehe ich rechts etwas schlechter als beim Abschlusstest der Anpassungswoche für das erste Implantat: 55% statt 65%. Das liegt eventuell daran, dass ich in der ersten Anpassungswoche sehr stark Konsonanten geübt habe und besser auf die Unterscheidungen von Wörtern wie Laus, Haus oder Maus konditioniert war. Links erziele ich hier 45% und beidseitig 65% – das entspricht in etwa dem Wert, den ich vor 2 Monaten auf dem rechten Ohr hatte.
  • Bei Sätzen bin ich rechts auch etwas schwächer geworden, links erreiche ich allerdings 89% und mit beiden Ohren sogar 96,22%. Das ist ein wahnsinnig guter Wert: Mit beiden elektrischen Ohren höre ich damit fast so gut wie eine normalhörende Person, wenn es keine Nebengeräusche gibt. Natürlich muss ich mich sehr konzentrieren, um diese Werte zu erreichen; im Alltag halte ich das keine 18 Stunden durch. Noch nicht…
  • Im Störschall verstehe ich mit beiden Ohren 44,33%. Auch das ist galaktisch – dass die Ohren separat nur auf 14-16% kommen lässt sich verschmerzen. Der Störschalltest ist enorm unangenehm: Das Störgeräusch ist laut und penetrant und die Abfolge der Sätze ist so schnell, dass man kaum mit dem Nachsprechen hinterherkommt. Das ist gewollt, damit die Probanden nicht beginnen, die nicht verstandenen Satzlücken zu kombinieren, sondern nur genau das wiedergeben, was sie gehört haben. Der Stress-Level ist dennoch sehr hoch und ich denke, dass ich mit mehr Pausen noch besser abschneiden würde. Gefühlt höre ich mehr als die 14-16% auf jedem Ohr. Bei einem Gesamtverständnis von über 44% kann man aber mehr als zufrieden sein.

Das ist auch die Meinung meiner Logopädin, die ebenso schwer beeindruckt ist wie die Ärztin beim abschließenden Untersuchungstermin. Ich bedanke mich noch einmal bei ihr für die hervorragende Arbeit, die Ärzte, Audiologen und Logopäden geleistet haben – und dann geht es nach Hause.

Auf der Fahrt nach Hause rufe ich  zwei Freunde und Arbeitskollegen an, mit denen ich bislang noch nicht telefoniert habe. Beide sind schwer beeindruckt und freuen sich unheimlich über dieses Hörwunder – anders kann man es kaum nennen. Und ich verstehe fast alles gut, trotz des Fahrgeräusches meines Autos. Am Abend ruft meine Schwester mich an und wir telefonieren geschlagene 60 Minuten problemlos. Und auch das Schwätzchen mit der Nachbarin bei Kerzenlicht ist angenehm zu verstehen – selbst nach dem dritten Glas Rotwein. Prosit!

Tag 98/35 – SpongeBob!

Heute vormittag steht wieder ein Hörtraining auf dem Programm. Nachdem wir eine Weile das Verstehen im Störgeräusch üben, soll ich mit dem neu implantierten linken Ohr telefonieren. Ich gehe also hinaus auf den Flur und führe ein kurzes, einohriges Gespräch mit meiner Audiologin – und verstehe sie einwandfrei. Damit hätte ich nicht gerechnet – auch wenn die Höreindrücke bislang wirklich gut waren, überrascht mich doch immer wieder, wie gut das Verstehen schon 4 Wochen nach der Operation ist.

Nach dem Hörtraining schaue ich noch bei der Hannoverschen Cochlea-Implant-Gesellschaft vorbei, die Mittwochs jeweils Informationsveranstaltungen im Deutschen Hörzentrum Hannover anbietet und sich für die Belange von Menschen mit Hörimplantaten einsetzt. Das ist immer eine schöne Gelegenheit, andere Menschen mit Hörimplantaten kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Heute treffe ich einen 84 Jahre alten frisch implantierten und sehr rüstigen älteren Herr, der seinen Soundprozessor erst seit wenigen Tagen trägt. Bei ihm ist der Erfolg nicht so groß wie bei mir, aber er hört schon ein wenig und ist insgesamt zufrieden.

Anschließend geht es zum Mittagessen und weil heute keine weiteren Termine anstehen fahre ich einen alten Schrauberfreund besuchen, den ich jahrelang nicht gesehen habe und der etwa anderthalb Autostunden von Hannover entfernt wohnt. Wir verleben einen sehr schönen Nachmittag und Abend miteinander, haben uns sehr viel zu erzählen und lachen sehr viel zusammen. Auch sein sechsjähriger Sohn ist sehr nett, und was besonders toll ist: Ich verstehe ihn ausgezeichnet.

Kinder zu verstehen ist für hörgeschädigte Menschen oft sehr schwierig, weil Kinder undeutlich und überbetont artikulieren und auch nicht unbedingt alles logisch ist, was aus ihrem Mund kommt. Das macht das Kombinieren sehr schwierig. Ich mag Kinder sehr gerne und fand es immer schade, dass ich mich schlecht mit ihnen unterhalten konnte. Die kleine Tochter einer guten Freundin, die sich im Kindergartenalter befindet, liess sich immer Zettel von ihrer Mutter schreiben, auf denen zum Beispiel “fang mich!” stand, wenn sie zu Besuch war, weil ich sie einfach zu schlecht verstanden habe. Heute haben wir aber viel Spaß zu dritt und ich brauche keine Zettel mehr. Später spielen wir ein paar Runden SpongeBob-MauMau zusammen. Das funktioniert wie normales MauMau – allerdings gibt es die “SpongeBob-Karte: Wenn diese hingelegt wird, müssen alle Spieler “SpongeBob!” rufen. Derjenige, der zuletzt ruft, muss eine Strafkarte ziehen. Auch das klappt gut und ich höre wirklich, wer als erster ruft. Früher hätte ich so etwas nicht spielen können, ohne jede Runde zu verlieren. Mit Hörimplantaten ist es kein Problem mehr.

Natürlich muss ich mich anschließend auch noch auf der Kinderspielkonsole von einem Grundschüler in die Schranken weisen lassen. Hören kann ich mittlerweile wirklich gut – Computerspielen werde ich vermutlich nie lernen. Es gibt Schlimmeres.

Tag 97/34 – Hörrest

Heute vormittag stand ein Hörtest auf dem Programm, bei dem meine natürlichen Hörreste gemessen werden, die nach der Implantation übrig geblieben sind. Ich habe auf beiden Ohren etwa 5 dB verloren, könnte also theoretisch auch mit Hörgeräten noch Geräusche wahrnehmen. Ausprobiert habe ich das noch nicht und ich werde es wohl auch nicht tun – das Hören mit dem Cochlear-Implantat ist so viel besser, dass ich mir über das “natürliche” Hören gar keine Gedanken mehr mache. Es ist schön, dass noch Restgehör da ist, aber anfangen kann ich damit nicht mehr viel.

Dieses Höraudiogramm zeigt meine Hörschwelle mit Hörimplantat (schwarze Linien) und ohne Hörimplantat (rote bzw. blaue Linie). Die Hörreste im mittleren und Hochtonbereich (links sind tiefe Frequenzen; rechts sind die hohen) lassen sich kaum noch messen, weil der Kopfhörer bei 110 Dezibel so stark vibriert, dass ich nicht mehr weiß, ob ich den Ton höre oder fühle.

Nach dem Hörtest habe ich Mittagspause; anschließend steht eine erneute Anpassung auf dem Programm, bei der wir nochmal etwas nachjustieren und die hohen Töne herunter regeln, weil ich Zischlaute doch recht stark überbetont höre. Das ist etwas unangenehm. Mein Ohr reagiert natürlich besonders empfindlich auf hohe Töne, weil diese jahrelang nicht mehr wahrgenommen wurden – deshalb ist es normal, dass hohe Töne insgesamt etwas lauter wahrgenommen werden als tiefe. Das wird ich aber nach einiger Zeit legen und bis dahin genieße ich es einfach, Konsonanten wie s k t ch und sch deutlich wahrzunehmen. Wenn der Höreindruck nach 3 oder 6 Monaten immer noch so empfindlich auf hohe Frequenzen reagiert, werden wir das noch ein wenig zurücknehmen.

Ich lasse mir auch noch einmal genau erklären, wie ich meine Hörprogramme mit der Fernbedienung so einstellen kann, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen die bestmögliche Performance liefern. Neben einer reinen Lautstärkeregulierung kann man bei meinen Soundprozessoren nämlich auch die Geräuschempfindlichkeit regeln – unabhängig vom gerade aktiven Hörprogramm. Die Soundprozessoren haben ein Klangfenster von 20 bis ca. 85 dB. In diesem Bereich wird am meisten verstärkt, weil sich Sprache in diesem Lautstärkebereich befindet. Mit der Empfindlichkeitsregelung kann ich das Klangfenster herunter- oder hochschieben: Also z.B. auf 15 bis 80 dB herunter regeln. Dann verstehe ich leise gesprochene Inhalte besser, die Performance im lauten Bereich wird aber schlechter. Dies kann zum Beispiel im Restaurant praktisch sein, wenn ich das drumherum Gesprochene ausblenden und mich mehr auf die Sprache der Person vor mir konzentrieren will. Der Effekt ist mit einem Audio-Zoom zu vergleichen: Ich hole den Sprecher damit näher an mich heran. Andersherum kann ich das Klangfenster auch nach oben verschieben, wenn ich zu viele laute Geräusche nah am Ohr habe und mich mehr auf die Umgebungsgeräusche konzentrieren will – zum Beispiel bei einem Vortrag.

Dann geht es zum Hörtraining. Ich habe eine andere Logopädin als beim letzten Mal, die aber auch sehr nett ist. In dieser Woche wird ausschließlich das linke Ohr trainiert werden; ich nehme den rechten Soundprozessor also ab. Meine Logopädin ist begeistert über meinen Hörerfolg; nachdem ich Zahlen bereits auf Anhieb zu 100% verstanden habe und auch Sätze klar und deutlich verstehe, beschließen wir, uns in dieser Woche vor allem auf das Hören im Störschall zu konzentrieren. Im Alltag ist man eher selten in Situationen, in denen es keine Hintergrundgeräusche gibt. Oftmals hat man Verkehrslärm oder andere sprechende Personen im selben Raum. Man kämpft mit laufenden Fernsehern, Fahrgeräuschen im Auto oder Zug, nerviger Musik, die aus Smartphones tönt, Staubsaugern, Geschirrspülmaschinen und vielem mehr. Das Hören im Störschall ist eine besonders große Herausforderung für hörgeschädigte Menschen und daran gilt es jetzt zu arbeiten. Ich muss dafür Sätze wiedergeben, die zusammen mit einem etwa 50 Dezibel lauten Störgeräusch hinterlegt sind. Das ist sehr schwierig, anstrengend und auch frustrierend – beim ersten Versuch lande ich bei mageren 9%. Da hatte ich mehr erwartet. Mal sehen, wie weit wir im Lauf der Woche noch kommen.

Am Abend kommt die ErstBesteHälfte zu Besuch und wir fahren zusammen zu einem indischen Restaurant, in dem ich die neuen Höreinstellungen und Erkenntnisse gleich direkt erproben kann. Und es funktioniert gut: Trotz Besteckklappern im Hintergrund und einem recht gut gefüllten Restaurant ist Konversation problemlos möglich. Und auch das Essen schmeckt prima.

Tag 96/33 – Erstanpassung, die Zweite

Heute startet die Erstanpassungswoche für mein neues Hörimplantat auf der linken Seite im Deutschen Hörzentrum Hannover. Ich bin nicht mehr ganz so aufgeregt wie vor der Erstanpassung für das rechte Implantat. Mein Hören ist jetzt schon hervorragend und ich kann mir kaum vorstellen, dass es noch besser wird. Auf der neuen, linken Seite nutze ich schon seit ein paar Tagen durchgehend das lauteste Programm und die unterschiedlichen Höreindrücke rechts und links haben sich in den letzten Tagen gut aneinander angeglichen.

Die Fahrt nach Hannover ist sehr anstrengend, weil die Autobahn wegen eines Staus verstopft ist und ich mich zwei Stunden lang über volle Landstraßen quälen muss. Immerhin bleibt dabei viel Zeit für Hörtraining durch Radio- und Musikhören im Auto und ich schaffe es mit nur kurzer Verspätung zum Hörzentrum.

Ich freue mich sehr, dass mich meine Audiologen vom letzten Mal wiederbetreut. Auch wenn sicherlich alle Audiologen und Audiologinnen im Deutschen Hörzentrum tolle Arbeit leisten: Wir sind ein gut eingespieltes Team und ich denke, dass dies durchaus ein Vorteil sein kann. Schon bei der ersten Sitzung wird der Soundprozessor der neuen, linken Seite nachjustiert. Die Lautstärke wird noch etwas angehoben und dann geht es wieder darum, die unterschiedlich hohen und tiefen Töne auf dieselbe Lautstärke zu bringen, damit ein möglichst homogenes Klangbild erzeugt werden kann. Dazu höre ich immer 3 oder vier unterschiedlich hohe bzw. tiefe Töne und muss angeben, welcher Ton lauter oder leiser ist als die anderen. Insbesondere bei hohen Tönen ist das gar nicht so einfach.

Die neue Einstellung funktioniert auf Anhieb sehr gut und ich verstehe auf Anhieb noch einen Tick besser. Auch die Höreindrücke zwischen rechts und links sind jetzt fast gleich und ich bemerke kaum noch einen Unterschied, wenn ich abwechselnd den rechten und den linken Soundprozessor ausschalte. Das dritte Hörprogramm, bei dem die Zoomfunktion der Mikrofone aufgehoben wird und die Soundprozessoren stattdessen “rundum” empfangen, lasse ich löschen – das habe ich nie wirklich benutzt. Stattdessen wird hier ein anderes Programm eingespielt, das insbesondere im Störschall besser funktionieren soll. Die Programmbelegungen für beide Soundprozessoren sind jetzt auch identisch, so dass ich beide Geräte mit einem Tastendruck auf Musik, Störschall oder eine alternative Signalverarbeitung einstellen kann.

Natürlich steht in dieser Woche das neu implantierte linke Ohr im Vordergrund. Am Ende der Woche werden wir allerdings auch das rechte Ohr noch einmal nachjustieren. Der für Anfang Dezember geplante Nachsorgetermin für das rechte Ohr wird gestrichen; stattdessen werden wir im Februar beide Seiten überprüfen und gegebenenfalls nachjustieren.

Nach der Einstellungssitzung geht es zum Arzt. Dieser Termin ist schnell bewältigt; beide Ohren werden angeschaut und die Wundheilung beider Narben läuft hervorragend. Da auch die Hörergebnisse sehr gut sind, gibt es hier kaum noch etwas zu besprechen. Anschließend schaue ich beim Hörakustiker im Hörzentrum vorbei, weil ich Probleme mit dem Sitz des Soundprozessors hinter dem linken Ohr habe. Vermutlich aufgrund der Operation sitzt der Hörprozessor nicht gerade am Ohr, sondern steht am unteren Ende stark nach außen ab und fällt häufig herunter, wenn ich mich vornüber beuge. Wir vereinbaren ein Termin für den nächsten Tag, bei dem ein Abdruck von meinem Ohr bzw. dem Bereich hinter dem Ohr gemacht werden soll, aus dem dann eine Silikonhalterung angefertigt wird, die zwischen dem Ohr und dem Soundprozessor liegend dafür sorgen soll, dass der Prozessor gerade sitzt. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie das funktionieren soll, aber werde mich mal überraschen lassen.

Danach schaue ich im Med-El Servicecenter vorbei, und dort wird das Problem auf einfachere Art und Weise gelöst: Es gibt einen Silikonhaken, den man auf den Soundprozessor aufziehen kann und der dafür sorgt, dass das Gerät gerade sitzt. Ich hatte dieses Teil zwar vorher schon im Zubehörkoffer, wusste aber nicht, dass mein Problem damit gelöst werden kann. Mit dem Haken sitzt der Soundprozessor einwandfrei gerade und ich werde keinen Abdruck vom Ohr mehr brauchen. Prima!

Dann geht es ins Hotel, wo ich mich ein bisschen ausruhe und Musik höre. Später am Abend fahre ich in eine urige Gaststätte, weil ich den ganzen Tag über kaum etwas gegessen und Heißhunger auf ein traditionelles Schnitzel habe. Ich versuche dort, den Gesprächen an den Nebentischen etwas zu folgen, bin aber irgendwie zu kaputt, um mich wirklich zu konzentrieren. Ab und zu muss man auch einfach mal abschalten können.

Tag 95/32 – Bohemian Rapsody

Ich habe es immer sehr bereut, dass ich Queen nie live gesehen habe. Natürlich habe ich in den 80ern schon Queen gehört – I want to break free und Radio Ga Ga gehören zu den unvergessenen Songs meiner Jugendzeit, in der ich jeden Mittwoch Mel Sondocks Hitparade hörte und Mixtapes erstellte, die dann auf meinem Walkman liefen. Ich benutzte dafür einen Aufsatz, der auf die Hörgeräte gesteckt wurde und konnte die Musik noch halbwegs gut hören. Das Band Aid Konzert von Bob Geldof im Jahre 1985 verfolgte ich natürlich vor dem Fernseher und der Auftritt von Queen gehörte sicherlich zu meinen persönlichen Highlights. Der Tod von Freddy Mercury 1991 war ein Schock und erst später fing ich an, auch die anderen und früheren Songs dieser genialen Band zu hören.

In meinem Blog habe ich schon mehrfach geschrieben, wie gerne ich ins Kino gehe und wie sehr ich mir wünsche, die Filme besser verstehen zu können, ohne vorher die Handlung auf Wikipedia zu lesen oder jahrelang darauf zu warten, dass der betreffende Film im Originalton mit Untertiteln gezeigt wird. Letzteres habe ich gerne gemacht, allerdings konnte ich dabei meine Jungs nicht mitnehmen, die noch zu jung sind, um Filme auf Englisch zu schauen und zu verstehen.

Heute habe ich mich das erste mal seit meiner Implatation ins Kino getraut – zusammen mit der ErstBesteHälfte und Junior I und II: Wir haben Bohemian Rhapsody angeschaut. Da ich die Geschichte von Queen etwas kenne, hatte ich keine Angst, der Handlung nicht folgen zu können. Da im Film außerdem viel Musik vorkommt und mir das Musikhören wieder viel Spaß macht war ich sicher, dass ich auch ohne gutes Sprachverständnis Spaß haben werde.

Was dann im Kino passierte habe ich nicht erwartet – und es hat mich schlichtweg umgehauen: Ich habe fast alle Dialoge verstanden. Nicht alles, nicht jedes Wort – insbesondere an Stellen, an denen Gespräche im Störgeräusch stattfinden oder bei Telefonaten im Film, wenn die sprechende Person nicht zu sehen war und man nur die Telefonstimme hörte, hatte ich Verständnisprobleme. Aber allen normalen Dialogen und der Handlung konnte ich hervorragend folgen – ich habe schätzungsweise 80 oder 90% klar und deutlich verstanden. Wow. Davon habe ich mein Leben lang geträumt und ich hätte nie gedacht, dass dies überhaupt wieder einmal möglich sein wird – und schon gar nicht drei Monate nach der ersten und einen Monat nach der zweiten Implantation. Den Jungs war es ein bißchen peinlich, dass ich zwischendurch von meinen Gefühlen überrannt wurde und mir das Heulen nicht verkneifen konnte. Und beim Verlassen des Kinosaals haben sich sicherlich einige Besucher gewundert, warum da ein Typ mit verheulten Augen aus dem Queen-Film kommt. Aber das war mir relativ egal – die Emotionen mussten einfach raus, sonst wäre ich geplatzt.

Es ist schwer zu beschreiben, was in solchen Momenten in einem vorgeht. Auch die Musik hörte sich natürlich auch fantastisch an und alles in allem war dies sicherlich der beste Kinobesuch meines Lebens. Das werde ich nie vergessen.

Ich werde bestimmt auch mal in Kinos sitzen, in denen ich wenig verstehe. Die Soundqualität im Kinosaal spielt wahrscheinlich eine große Rolle. Und es wird Filme geben, die mich hörakustisch überfordern werden – wenn es viel im Hintergrund kracht oder einfach zu viel geredet wird. Aber darauf bin ich vorbereitet. Und selbst wenn es beim nächsten Mal nur halb so gut wird wie heute, werde ich es unendlich genießen und mich über jedes Wort und jeden Dialog freuen, den ich verstehe. It’s a kind of magic.