Tag 86/23 – Gewackel

Die abschließende Untersuchung bei meinem HNO-Arzt stand heute auf dem Programm. Er freut sich sehr über meinen zweiten Hörerfolg und die Wunde ist hervorragend verheilt. Auf der rechten Seite sieht man nach knapp drei Monaten kaum noch etwas und links wird es bald ebenso sein. Auch der Bluterguss, den ich im Mittelohr wegen der Operation hatte, ist verschwunden. Damit bin ich offiziell wieder gesund und kann auch wieder arbeiten gehen.

Etwas Probleme bereitet mir aktuell der Sitz des Soundprozessors am linken Ohr. Auf der rechten Seite sitzt der Soundprozessor hervorragend. Er fällt nie herunter und ich habe bislang auch kein Ohrpassstück benötigt, um zu verhindern, dass ich das Teil verliere. Auf der linken Seite ist es etwas schwieriger: Vermutlich wegen der Operation ist die Hinterseite meines Ohres etwas uneben und der Sondprozessor liegt nicht gerade am Kopf an, sondern geht nach unten hin schräg vom Kopf ab. Wenn ich mich vornüber beuge, fällt er schnell vom Ohr herunter. Das nervt etwas – und es sieht links auch nicht so toll aus.

Abhilfe kann eventuell eine Art Silikonhalterung hinter dem Ohr schaffen, die zwischen Ohr und Soundprozessor geschoben wird und dafür sorgt, dass der Prozessor gerade sitzt. Ich werde während der Erstanpassung für das linke Ohr mal den Hörgeräteakustiker im Deutschen Hörzentrum fragen, ob er mir so etwas anfertigen kann. Eventuell kann auch ein Ohrpassstück helfen, den Sitz des Prozessors zu begradigen. Hier ist wohl noch etwas Feintuning notwendig. Wenn alles nichts hilft, kann auch eine plastische Operation durchgeführt werden, bei welcher der Bereich hinter dem Ohr begradigt wird. Das wäre dann allerdings die letzte Lösung – auf eine erneute Operation habe ich gerade nämlich wenig Lust.

Tag 85/22 – Quasselstrippe

Heute Abend habe ich 28 Minuten und 45 Sekunden mit meiner Schwester telefoniert und fast alles hervorragend verstanden. Es war noch nicht einmal anstrengend, sondern einfach nur toll. Meine ErstBesteHälfte muss sich jetzt daran gewöhnen, dass ihre ZweitBesteHälfe zuhause spricht, auch wenn sonst niemand im Raum ist. Das ist ungewohnt.

Zum Telefonieren nutze ich meistens die Teleschlinge, die ich mir um den Hals hänge und die per Bluetooth mit meinem Smartphone kommuniziert. Der Ton der Teleschlinge wird über Induktion in meine Soundprozessoren übertragen. Etwas nervig ist, dass ich vor einem Telefonat

  1. die Teleschlinge umhängen und einschalten muss. Allerdings trage ich das Ding sowieso meistens um den Hals.
  2. Das Telefon per Bluetooth damit verbinden muss. Da ich mehrere Bluetooth-Geräte nutze (zwei Smartphones, den TV-Sender und meine Laptops), kann es ein wenig dauern, bis die Verbindung zum richtigen Gerät steht.
  3. Die Soundprozessoren auf Teleschlingen-Empfang stellen muss. Dazu brauche ich die Fernbedienung, die natürlich immer dann unauffindbar ist, wenn ich sie gerade benötige.

Ich hoffe sehr, dass MED-EL es irgendwann schafft, eine direkt Verbindung zum Smartphone ohne Teleschlinge zu ermöglichen. Cochlear, der größte CI-Hersteller, bietet dieses Feature bereits in seinem aktuellsten HdO-Gerät, dem Nucleus 7, an. Das war mitunter ein Grund, warum ich ursprünglich eigentlich ein Implantat von Cochlear haben wollte. Allerdings gab es andere Gründe für MED-EL, die ich am Anfang meines Blogs ausführlich beschrieben habe. Ich denke, dass dieses Feature auch bei der nächsten Generätegeneration von MED-EL verfügbar sein wird. Andere Hersteller kommen für mich natürlich nicht in Frage, weil die Implantate selbst nur mit Soundprozessoren desselben Herstellers zusammenspielen. Um den Hersteller zu wechseln, müsste man eine Re-Implantierung durchführen; das macht man allerdings nur dann, wenn die Implantate defekt oder zu alt geworden sind, um mit aktuellen Geräten kompatibel zu sein. Man geht dabei von 20-30 Jahren aus. Was dann medizinisch möglich sein wird, kann man nur erahnen.

Ich freue mich einfach auf die nächsten 30 Jahre mit funktionierenden Ohren und hoffe, dass ich zum Telefonieren bald weniger Equipment benötigen werde.

Tag 83/20 – Hausarztbesuch

Nach einer CI-Operation hat man hinter dem Ohr ein Loch im Kopf, durch welche die Elektroden des Implantes ins Innenohr geführt werden. Dieses Loch bemerkt man nicht wirklich und es stört kein bißchen. Allerdings besteht deswegen und auch weil die Hörschnecke bei der Implantation geöffnet wird ein erhöhtes Risiko für eine Hirnhautentzündung, die zum Beispiel durch eine Mittelohrentzündung entstehen kann. Deshalb sollte man sich nach einer Implantation unbedingt gegen Pneumokokken und Hämophils Influenza Typ B impfen lassen. Die erste Impfung stand heute auf dem Programm. Den Termin hatte ich per Telefon vereinbart und er verlief schnell und problemlos.

Als CI-Träger ist man eigentlich kaum eingeschränkt. Ein paar Dinge muss man neben den eben erwähnten Impfungen aber trotzdem beachten:

  • Bei schweren Erkältungen, Grippe, Mittelohr- oder Nebenhöhlenentzündungen muss ich schnellstens zum Hausarzt. Da der Kopf ein bißchen offen ist, besteht hier ein erhöhtes Infektionsrisiko. Bislang bin ich nur dann zum Arzt gegangen, wenn es gar nicht mehr anders ging. In Zukunft muss ich etwas vorsichtiger sein.
  • Ich darf mindestens ein Jahr lang nicht tauchen. Das ist ein bißchen blöd, weil ich im Sommer meinen Basic Diver Tauchschein auf Korsika gemacht habe. Aber wenn man zwischen Hören und Tauchen wählen kann, fällt die Wahl eher leicht. Ein Jahr nach der Operation kann ich medizinisch überprüfen lassen, ob und wie tief ich weiterhin tauchen kann. Es wäre schön, wenn das noch geht. Wenn nicht: Auch kein Beinbruch.
  • Ich darf kein Boxen, Kickboxen oder ähnliche Kampfsportarten mehr lernen, bei denen Schläge auf den Kopf möglich sind. Auch Turmspringen ist eher ungeeignet. Da ich Höhenangst habe und mich sowieso ungern prügele, ist beides kein wirkliches Problem. Aufpassen muss ich bei allen Ballsportarten, bei denen der Ball mit hoher Geschwindigkeit an den Kopf prallen kann. Da ich ein furchtbar schlechter Fußballer bin und auch Handball nie wirklich gespielt habe, bin ich aber kaum eingeschränkt. Tennis ist hingegen kein Problem.
  • Flugreisen sind ab 6-8 Wochen nach der Operation kein Problem mehr. Leider gibt es sehr viele widersprüchliche Angaben dazu, ob man mit Hörimplantaten durch Sicherheitsschranken gehen darf oder nicht. Von Seiten meines Herstellers, MED-EL, gibt es keine diesbezüglichen Warnungen; es kann allerdings sein, dass der Körperscanner wegen der metallischen Implantate anschlägt.
  • MRT’s sind ein Problem. Bei einer Magnetresonanztherapie werden starke Magnetstrahlen durch den Körper geschickt. Da die Implantate selbst einen Magneten haben, wird ein MRT meines Kopfes um die Stellen herum, wo die Implantate eingebaut worden sind, ein blindes Feld zeigen. Das größere Problem ist allerdings, dass die Magnetstrahlen beim MRT die Implantate aus den Verankerungen reißen können. Es ist deshalb enorm wichtig, dass bei einem MRT ein versteifter Druckverband angelegt wird: Hierbei wird der Kopf fest bandagiert und es werden Keile zwischen Verband und der Stelle platziert, unter der die Implantate sitzen.
  • Als CI-Träger sollte ich auf Diathermie verzichten – eine Therapie ähnlich der Rotlichtbestrahlung, bei der Wärme mittels elektromagnetischer Strahlung in den Körper gespeist wird. Die magnetischen Schallwellen können das Implantat beschädigen.
  • Auch Neurostimulation, also die Stimulation von Nerven mittels Stromimpulsen, gehört zu den medizinischen Therapien, die ich nicht mehr in Anspruch nehmen kann. Einen Herzschrittmacher kann ich trotzdem verwenden, wenn ich ihn irgendwann einmal brauchen sollte.
  • Ich darf keine Elektroschocktherapie bekommen. Das finde ich ehrlich gesagt nicht weiter tragisch, sondern verbuche es eher als Pluspunkt.
  • Auch ionisierende Strahlentherapie, die beispielsweise bei Hirntumoren angewendet wird, darf bei mir in der Nähe des Implantates nicht angewandt werden. Ich hoffe, dass ich das sowieso nie brauchen werden.

Insgesamt sind das nur wenig Einschränkungen im Vergleich dafür, dass ich wieder hören kann. Ich muss künftig halt etwas besser auf mich aufpassen; allerdings bin ich sowieso sehr selten krank. Und das sollte auch in Zukunft so bleiben.

Tag 79/16 – Mund auf

Heute stand ein Zahnarzttermin auf dem Programm, weil ich eine Füllung verloren hatte. Ich habe keine Angst vor Zahnärzten, aber vor Ärzten mit Mundschutz, die ich mit Hörgeräten nie verstanden habe. Ich musste deshalb bei jedem Arzttermin darum bitten, den Mundschutz beim Sprechen abzunehmen. Das ist machbar, aber man fühlt sich natürlich schon sicherer, wenn man weiß, dass die Kauleiste des behandelnden Arztes hermetisch abgeriegelt ist. Mit meinen Implantaten gehört auch dieses Problem der Vergangenheit an: Ich verstehe die Anweisungen wie Mund auf oder zubeißen nämlich hervorragend.

Etwas Angst hatte ich vor den Hochfrequenztönen der Bohrer und Zahnreinigungsgeräte, weil meine Ohren auf sehr hohe Töne nach wie vor empfindlich reagieren. Das war allerdings kein Problem; es gab keine unangenehmen Geräusche auf den Hörnerven. Die Behandlung war durchweg unproblematisch und auch die herausgebrochene Füllung konnte problemlos repariert werden.

Im Februar steht der nächste Überprüfungstermin an – ich freue mich drauf.

Tag 77/14 – Untertitelfrei

Heute ist mein bestellter Bluetooth-Sender geliefert worden, mit dem ich den Ton meines Fernsehers direkt in auf die Teleschlinge speisen kann, die mit meinen Soundprozessoren verbunden ist. Der Bluetooth-Empfänger ist direkt an meinen Sat-Receiver angeschlossen. Weil dieser Receiver keinen Klinkenstecker für Kopfhörer hat, musste ich noch einen Scart-Adapter dazu bestellen, der auf der einen Seite einen Scart-Anschluss und auf der anderen Seite einen Klinkenstecker-Anschluss hat. Ich stöpsele also den Scart-Adapter in den Receiver, dann den Bluetooth-Sender in den Adapter und bekomme dann den Fernsehton via Teleschlinge direkt in die Soundprozessoren. Klingt kompliziert, ist aber gar nicht so schwierig und funktioniert super, nachdem ich den Bluetooth-Sender mit der Teleschlinge gekoppelt habe.

Das Tolle an diesem Setup ist, dass der Ton des Sat-Receivers sowohl auf den Fernseher als auch auf den Bluetooth-Sender gespielt wird. Es können also auch andere Personen im Raum den Fernseher hören und die Lautstärke des TV-Gerätes unabhängig von mir einstellen. Eine Lautstärkenveränderung am Sat-Receiver wirkt sich natürlich sowohl auf den Ton aus, der an das TV-Gerät übergeben wird, als auch auf den Ton, den ich über den Bluetooth-Empfänger bekomme. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil ich die Lautstärke meiner Soundprozessoren verändern kann und meine Mitschauer die Lautstärke des TV-Gerätes regulieren können. Damit wird für jeden die passende Lautstärke gefunden. Wenn ich Netflix schaue, kann ich die Teleschlinge übrigens direkt mit dem Apple TV verbinden, das Netflix auf das TV-Gerät bringt.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Den Ton des Fernsehgerätes habe ich immer relativ schlecht verstanden, obwohl es kein schlechtes Gerät ist. Aber mit dem Ton direkt in die Soundprozessoren verstehe ich fast jedes Wort. Ich schaue heute Abend drei Stunden alles Mögliche – Dokumentarsendungen, Reports, ein bißchen Polit-Talkshow und Extra3. Ohne Untertitel. Und komme gut mit. Selbst bei Parodien, die für hörgeschädigte Menschen generell schlecht zu verstehen sind, kann ich gut folgen. Ich verstehe selbst das Meiste, als in einer politischen Sendung die englische Originalstimme der Interviewpartnerin im Hintergrund mitläuft. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu schauen und zappe bis nachts um drei durch alle möglichen Sender. Vielleicht schaue ich den nächsten Tatort ohne Untertitel. Und vielleicht kann ich dann auch wirklich bald mal ins Kino und verstehe auch ohne Untertitel, was gesprochen wird.

Tag 76/13 – Terminvereinbarung

Heute habe ich zum ersten Mal in meinem Leben telefonisch einen Arzttermin vereinbart – bei meinem Hausarzt. Und alles gut verstanden. Das Vereinbaren von Terminen bei Ärzten, das Klären von Versicherungsfragen, Anrufe von Käufern, wenn ich etwas auf ebay verkauft habe oder bei Verkäufern, wenn ich etwas kaufen wollte, war mit Hörgeräten nur mit Hilfe meiner ErstBestenHälfte oder Junior I oder II möglich. Ich habe am Telefon auch mit Einsatz von technischen Hilfsmitteln kein Wort verstehen können. Das wird jetzt einfacher. Ich habe immer noch große Angst, Telefonate zu führen, weil es für mich total ungewohnt ist. Ich werde sicherlich auch nicht immer alles verstehen können – wenn die Verbindung schlecht ist oder der Gesprächspartner undeutlich spricht, wird es nicht gehen. Aber wie bei so Vielem im Leben gilt: Man muß sich einfach trauen. Wenn man hinfällt, steht man wieder auf und versucht es erneut. Ich weiß jetzt, dass ich nur noch manchmal hinfallen werde. Und das ist ein wirklich wundervolles Gefühl.

Tag 75/12 – Klavier

Ich komme aus einer sehr musikbegeisterten Familie mütterlichseits. Mein Großvater, der schon vor meiner Geburt starb, war Berufsmusiker – Kapellmeister, wie es damals hieß. Sein Sohn, mein Onkel, war ebenfalls Berufsmusiker: Fagottist an der Hamburger Philharmonie. Bei uns zuhause lief sehr viel klassische Musik und ich habe die klassischen Stücke, die auf dem Plattenspieler liefen, noch heute im Ohr. Auch meine Mutter spielte Klavier und brachte mir und auch meiner jüngeren Schwester, die ebenfalls sehr gerne und viel Musik macht, schon im Grundschulalter die ersten Melodien bei. Den Klavierunterricht hielt ich nicht wirklich lange durch: Das Spielen nach Noten war nie wirklich mein Ding. Stattdessen spielte ich lieber nach Gehör und war schon als Kind in der Lage, Melodien und auch Musikstücke nach dem Hören nachzuspielen. Nach der Grundschulzeit kam Posaune hinzu, die ich im evangelischen Blasorchester lernte. Wir spielten dort überwiegend modernere Kirchenlieder und nach den offiziellen Übungsstunden sassen wir oft mit einer kleineren Gruppe zusammen und spielten Märsche, bis die Lippen bluteten. Ich bin beileibe kein Fan von Marschmusik, aber das Spielen machte immer großen Spaß. Im Teenageralter trafen wir uns dann auch oft privat und spielten Jazz zusammen. Auch in der Schule war ich Teil eines großartigen Schulorchesters und einer Big Band. Unvergessen geblieben sind eine Aufführung von Verdis Triumphmarsch aus AIDA, meine erste Konzertaufführung, und ein Weihnachtskonzert, in dem wir das Halleluja von Händel in einer großen Kirche in Münster aufführten. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich an diesen beeindruckenden Moment denke. Auch die Big Band-Auftritte machten enormen Spaß – wir spielten vor allem Stücke von Glenn Miller, den ich heute noch sehr gerne mag, wenn auch selten höre.

Auch nach meinem Schulwechsel in die Oberstufe einer Schule für Hörgeschädigte machte ich weiter Musik. Ich war auch dort Teil einer Schulband mit Lehrern und Schülern. Wir spielten vor allem bekannte Evergreens aus den 60er und 70er Jahren. Im Internat hatten wir ein Klavier im Aufenthaltsraum und saß dort oft am Abend und verarbeitete Liebeskummer oder anderen Frust mit dem Spielen von Popballaden. Nach dem Abitur stellte ich das Musik machen ein. Mein Ohren waren zu schlecht, um weiter Posaune zu spielen – ein Instrument, bei dem ein sehr gutes Gehör enorm wichtig ist. Auch das Klavierspielen machte nicht mehr wirklich Spaß, weil ich nicht mehr hören konnte, wenn ich falsch spiele. Dennoch hatten wir immer ein Klavier im Haus, an dem Junior I ebenso wie ich schon sehr früh seine ersten musikalischen Schritte machte. Das musikalische Talent war ihm schon früh anzumerken und etwa ab dem 8. Lebensjahr nahm er dann Klavierunterricht und hatte schon kurz darauf seine ersten Auftritte im Rahmen des alljährlichen Musikschulkonzertes, bei dem er selbstgeschriebene Songs präsentierte – komplett ohne Lampenfieber. Ebenso wie ich spielt Junior I ungern nach Noten, dafür aber außergewöhnlich gut nach Gehör. Auch für ihn ist das Klavier ein Ventil, wenn er Frust hat oder das WLAN-Kontigent für die Spielkonsole aufgebraucht ist. Neben dem Klavier kam vor zwei Jahren auch noch E-Gitarre hinzu und auch hier zeigte sich schnell ein großes Talent, das er als Mitglied einer Schulband einsetzen konnte. Nebenbei spielt er auch noch Schlagzeug, allerdings ohne Unterricht. Hier schaut er sich die Dinge ab, die ich oder sein jüngerer Bruder im Unterricht gelernt haben und setzt es oftmals besser um als ich selbst.

Als Elternteil macht einen so etwas natürlich enorm stolz. Und es ist schön zu sehen, dass das musikalische Talent der Familie auf ihn übergegangen ist. So richtig hören konnte ich jedoch nie wirklich, was er spielt. Ich war immer ein kleines bißchen traurig darüber, dass er relativ wenig klassische Stücke im Repertoire hat und fast ausschließlich Pop und Rock spielt und hatte die Befürchtung, dass die technische Fertigkeit darunter leiden wird. Heute allerdings habe ich ihm zum ersten Mal mit zwei Implantaten, von denen auch das linke immer besser funktioniert, richtig beim Spielen zugehört. Und ich war beeindruckt und ergriffen, weil das, was er dort auf die Tasten zauberte, weit über das hinausging, was ich erwartet hatte. Dass ich so etwas jetzt wahrnehmen kann, ist vielleicht eines der schönsten Geschenke, die mir die Hörimplantate machen können. Ich bemerke jeden Tag und besonders in solchen Momenten, wie viel mir in den letzten Jahren beim Hören entgangen ist. Auch wenn ich es immer toll fand, wie gerne und motiviert Junior I am Klavier gespielt hat: Es richtig hören zu können ist schon eine andere Hausnummer. Ich freue mich sehr auf das, was er in Zukunft noch alles am Klavier und an der E-Gitarre machen wird.

Tag 73/10 – Goth

Nach einem kurzen Schlaf fahre ich heute mit der ErstBestenHälfte ins südliche Niedersachsen, weil wir dort einen interessanten Gebrauchtwagen gesehen haben, der den Familienvolvo ersetzen soll. Es sind etwa zweieinhalb Stunden Fahrt und Hälfte der Strecke ist sehr schön, weil es gut eine Stunde lang mitten durch das Weserbergland geht. Die ErstBesteöHälfte fährt und ich schlafe ein wenig im Auto. Wir machen eine kurze Frühstückspause in einem kleinen Dorf etwa 30 Kilometer von Hameln entfernt. Nach der Gebrauchtwagenbesichtigung wollen wir uns noch Hameln oder Hildesheim anschauen und ich spreche zwei Damen beim Bäcker an und frage sie, welche Stadt ihrer Meinung nach schöner ist. Beide sind sehr nett und bei der zweiten Person entwickelt sich dann ein nettes Gespräch, während wir draußen sitzen und Kaffee trinken und ich erfahre viel über ihr Leben.

Früher, mit Hörgeräten, habe ich so etwas weitgehend vermieden. Ich habe fremde Menschen nur dann angesprochen, wenn es dringend notwendig war – zum Beispiel um nach dem Weg zu fragen. Jetzt quatsche ich nahezu jeden an, wenn es eine Gelegenheit gibt und freue mich jedesmal über belangloses Small-Talk. Auch später, beim Autohändler, schnacke ich eine Weile mit dem Verkäufer über Fahrzeuge, die Gegend, den Abgasskandal und dies und das, bevor wir letztendlich das Auto für die EBH kaufen, nachdem der Verkäufer mir tatsächlich etwas im Preis entgegengekommen ist. Vielleicht wollte er einfach nur, dass ich aufhöre zu reden…

Anschließend fahren wir nach Hameln. Ich war noch nie in der Rattenfängerstadt und wir sind überrascht, wie schön es dort ist: Eine gemütliche historische Altstadt mit vielen Einkaufsmöglichkeiten, netten Verkäuferinnen, mit denen ich wieder schnacke und darüber hinaus findet an diesem Wochenende ein Gothic-Festival mit viel Musik und einem Mittelalter- und Gothic-Markt statt. Leider hat eine meiner Lieblingsbands, Fields of the Nephilim, bereits am Vorabend gespielt – sonst wären wir wohl noch in die Konzerthalle gegangen. Aber man kann nicht alles haben. Auch auf der Straße und auf dem Mittelaltermarkt spielen ein paar unbekanntere Bands und der Sound ist fantastisch – es macht wirklich großen Spaß, zuzuhören. Wir sehen viele abenteuerlich kostümierte Menschen und genießen diesen herrlichen Spätsommertag an der Weser sehr. Ich war selber lange in der Gothic-Szene aktiv, höre diese Musik immer noch gerne und mag auch die Subkultur insgesamt sehr gerne. Die Menschen sehen zwar alle sehr bedrohlich aus mit ihren düsteren Kostümierungen, aber die Stimmung ist immer gut und alle sind sehr friedlich und haben ihren Spaß.

Zwischendurch gehen wir essen und ich bin etwas genervt von den drei kleinen Kindern am Nebentisch, die einen Höllenlärm mit Besteck, Tellern und sonstigen Gegenständen veranstalten, die andauernd auf den Tisch gehauen werden. Ich mag Kinder sehr gerne und habe auch überhaupt kein Problem mit Kinderlärm, aber machmal wird es einfach zu viel. Eine Unterhaltung ist schwierig und ich bin froh, als der Nachbartisch endlich leer ist.

Am Abend geht es dann gemütlich nach Hause. Im Auto Musik, weil wir beide etwas müde sind, und zuhause kommt dann noch eine Nachbarin vorbei und wir unterhalten uns eine Weile im Kerzenschein. Auch etwas, was mit Hörgeräten niemals möglich gewesen wäre.

Tag 72/9 – Hamburg

Heute fahre ich nach Hamburg, weil Junior II zusammen mit einem Schulfreund an einer Kinder-Schulung bei SAP teilnimmt, die im Rahmen der Hamburger Code Week stattfindet. Bei diesem Einsteiger-Kurs möchte er lernen, wie man Spiele programmiert. Ich versuche immer, meine Kinder dazu zu bringen, Computer nicht nur zu nutzen, sondern sich auch ein bißchen damit zu beschäftigen, wie sie funktionieren. Zumindest bei Junior II funktioniert das wirklich gut. Junior I ist mit dem Musikmachen am Laptop weitgehend ausgelastet und komponiert dort Songs – auch das ist eine tolle Sache.

Schön ist, dass wir drei – Junior II, sein Schulfreund und ich – uns auf der Fahrt gut unterhalten können. Zwar wird auch viel Musik gehört, aber die peinlichen Momente, die ich früher oft hatte, wenn ich Freunde meiner Kinder transportiert habe und sie mit der Kommunikation mit einem hörgeschädigten Vater überfordert waren, sind Vergangenheit. Meine Kinder freut das sehr – eine Peinlichkeit weniger. In der Pubertät gibt es nicht Wichtigeres als das Vermeiden von Peinlichkeiten und Eltern sind ja schlechthin das Peinlichste überhaupt.

Im Büro angekommen liefere ich die Kinder ab und mache ich einen kleinen Abstecher in meine Abteilung, wo ich drei frühere Arbeitskollegen und -kolleginnen treffe, mit denen ich zwei Jahre sehr gerne zusammengearbeitet habe. Die Freunde ist sehr groß und wir haben uns viel zu erzählen. Alle sind begeistert über meinen Hörerfolg und ich genieße es sehr, mal wieder unter Arbeitskollegen zu sein. Insgesamt bin ich in diesem Jahr wegen der Operationen ja viel ausgefallen. Ich glaube, ich war in meinem gesamten Berufsleben noch nicht so viel krankgeschrieben wie in diesem zweiten Halbjahr 2018. Das Arbeiten fehlt mir ziemlich und ich freue mich sehr darauf, Ende des Jahres oder eventuell auch erst im nächsten Jahr wieder richtig einzusteigen und mit mein neues Hörvermögen auch beruflich einsetzen zu können.

Anschließend treffe ich eine Freundin und Freelancerin, mit der ich als Freiberufler lange und gerne zusammengearbeitet habe. Wir sitzen etwa drei Stunden an der schönen Außenalster, genießen den wunderbaren Spätsommer und haben uns viel zu erzählen, weil wir uns viel zu lange nicht gesehen haben. Ich glaube, ich muss während des gesamten Nachmittags nur einmal nachfragen, weil ich etwas nicht verstanden habe. Alles andere verstehe ich einwandfrei. Um die Windgeräusche am Seeufer zu reduzieren, trage ich eine Beanie-Mütze – das funktioniert super.

Dann geht es zurück nach Hause mit einem Zwischenstopp bei McDonalds. Das Drive-In meide ich nach wie vor, weil das ein frustrierendes Hörerlebnis ist und drinnen wird per Bestellsäule bestellt – das geht schneller. Später am Abend noch ein wenig Small Talk mit Nachbarn auf der Terrasse und dann ist ein weiterer schöner Hörtag zu Ende.

Tag 71/8 – Übersetzungshilfe

Was ich gar nicht kann: Verhandeln. Ich meine nicht zwischenmenschliche Dinge – darin bin ich eigentlich ganz ok. Aber sobald es um Geschäftliches geht, muss ich passen. Es gibt vermutlich niemanden, der weniger Nachlass beim Autokauf oder bessere Preise beim Verkauf von Gegenständen aushandeln kann, als ich. Vielleicht sollte ich daraus ein Geschäftsmodell entwickeln: Wenn Firmen pleite gehen sollen: Stellt mich als Sales Manager ein. Spätestens nach 12 Monaten sind die Einkaufskosten so hoch und die Verkaufskosten so niedrig, dass Insolvenz angemeldet werden kann. Deal?

Da unser Familienauto den Geist aufgegeben hat, muss ein neuer Gebrauchtwagen her. Wir haben uns bereits einige Fahrzeuge angeschaut und letztendlich haben wir nichts gekauft, weil ich die Verkäufer einfach nicht dazu bewegen konnte, sich auch nur minimal im Preis nach unten zu bewegen. Vielleicht bin ich einfach zu nett oder das Gegenteil – ich weiß einfach nicht, wie man günstige Preise bekommt. Das ist in solche Situationen ärgerlich, aber da ich nicht ständig größere Dinge kaufe oder verkaufe, kann ich gut damit leben. Man kann nicht alles können.

Eine Hörschädigung ist beim Aushandeln von Preisen natürlich kein Vorteil. In solchen Verkaufsgesprächen muss man gut hören. Man muss wissen, wann man einlenken muss und wann man hartnäckig sein kann. Man muss den Gegenüber kommunikativ lesen können. Man muss merken, wann Ende der Fahnenstange ist und in welchem Moment es Sinn machen kann, weiter zu bohren. Ich bin eigentlich der Alptraum aller Autoverkäufer, weil es für mich nur den Angebotspreis und einen letzten Preis gibt, den ich direkt erfahren will. Der Weg vom ersten zum zweiten Preis ist mir zu beschwerlich.

Dennoch rufe ich heute mehrere Autohändler an, die Modelle verkaufen, die für uns interessant sind. Und alle diese Gespräche laufen gut – ich verstehe fast alles, muss ein oder zweimal nachhaken aber insgesamt klappt es viel besser, als ich erwartet habe. Natürlich bekomme ich auch mit Implantaten nicht die Angebote, die ich mir wünsche. Dafür gibt es leider kein Programm im Soundprozessor. Aber alles andere klappt prima. Letztendlich vereinbare ich einen Besichtigungstermin am Samstag im Weserbergland. Weitgehend alleine. Ich bin stolz wie Oskar.

Beim Telefonieren ist meistens noch die ErstBesteHälfte dabei, um einzuspringen, wenn ich etwas gar nicht verstehe. Ich bemerke heute, dass ich ins Schleudern komme, wenn ich mich weg vom Gesprächspartner am Telefon und hin zur EBH wende: Sobald ich versuche, von ihrem Mundbild abzulesen, was gesagt wurde, fehlt die Konzentration auf das Gehörte komplett und ich schmiere am Telefon ab. Die Hilfestellung wird zum Bremsblock. Das ist ein bißchen wie bei Untertitelungen im Fernsehen: Sobald ich die Untertitel lese hat mein Gehirn nicht mehr ausreichend Ressourcen, um sich voll auf das Gesprochene zu konzentrieren.  Oder es wird schlagartig zu faul.

Ich werde mich in Zukunft am Telefon selber durchschlagen müssen. Lieber ein- oder zweimal rückfragen, als auf das Hilfestellungs-Gleis wechseln. Natürlich ist es immer gut, eine Nothaltestelle parat zu haben, die im schlimmsten Fall übernehmen kann. Aber vermutlich werde ich diese Nothaltestelle, meine übersetzende ErstBesteHälfte, in Zukunft gar nicht mehr brauchen.