Tag 252/190 – Nachtexpress

Heute habe ich wieder eine lange Fahrt vor mir: Vom SAP Hauptquartier in Walldorf geht es zurück nach Hause. Auf dem Weg dahin statte ich meiner jüngeren Schwester Liane einen Besuch ab. Wie auch ich selbst, ist meine Schwester sehr musikalisch und hat eigentlich immer schon Musik gemacht. Seit einigen Jahren ist sie mit ihrem Saxophon Mitglied einer Band namens Nachtexpress, die im bergischen Land bei regionalen Veranstaltungen mit Evergreens für gute Stimmung sorgt.

Wie schon an anderer Stelle in diesem Blog beschrieben, habe ich als Kind und Jugendlicher selber in einer Schulband gespielt – ebenso in einem Schulorchester, in einer Schul-Big-Band und im Posaunenchor unserer evangelischen Gemeinde. Das Musizieren mit anderen hat mir immer sehr viel Spaß gemacht und ich habe dies in all den Jahren, in denen mein Gehör zu schlecht war, um dies fortzuführen, sehr vermisst.

Kurz vor Weihnachten hatte ich meine Schwester darum gebeten, mir einen Traum zu verwirklichen: Ich möchte gern wieder einmal mit einer Band spielen und ausprobieren, ob dies mit meinen Cochlea-Implantaten funktioniert. Dieser Traum soll heute wahr werden: Die Bandmitglieder des Nachtexpresses erklärten sich sofort bereit, dies zu unterstützen. Also bin ich auf dem Weg ins Bergische Land, um dort im Proberaum ’99 Luftballons’ am Schlagzeug mit dem Nachtexpress zu spielen. Und meine Schwester wird dazu singen.

Ich habe für dieses Arrangement lange geübt. ’99 Luftballons’ ist am Schlagzeug recht schwierig zu spielen, weil der Refrain sehr schnell gespielt wird und das Schlagzeug dazu 16tel-Noten spielt. Dazu kommt, dass das Schlagzeug erst nach der ersten Strophe einsetzt und nicht, wie bei den meisten Songs, den Takt vorgibt. Ich werde dieses Stück sicher nicht perfekt herunterspielen können, aber es geht mir vielmehr darum auszuprobieren, ob ich mit meinem elektrischen Ohr überhaupt in der Lage bin, zusammen mit anderen Musikern in einer Band zu spielen.

Schon auf der Fahrt nach Wiehl bin ich wirklich aufgeregt. Die Wiedersehensfreude, als ich dort ankomme, ist wie immer sehr groß und ich werde herzlich von den Bandmitgliedern des Nachtexpress begrüßt. Einige kenne ich schon von früheren Geburtstagsfeiern meiner Schwester. Die Probe ist in vollem Gange; heute stellt sich eine neue Sängerin vor. Ich setze mich in eine Ecke und schaue der Truppe zu. Alle haben sehr viel Spaß an der Musik – das spürt man mit jedem Takt. Natürlich beobachte ich den Schlagzeuger besonders. Er spielt hervorragend – je länger ich ihm zuschaue, desto kleiner und schüchterner werde ich auf meinem Stuhl. Ich spiele selbst ja erst seit 3 Jahren, und auch wenn ich durchaus talentiert bin und recht schnell lerne, bin ich noch meilenweit von solch einer semi-professionellen Spielweise entfernt.

Dann folgt eine kurze Spielpause. Wir trinken zusammen ein Bier und die Stimmung ist super entspannt. Dann ist es soweit. Ich stelle mich kurz vor, erkläre, was es mit meinen Ohren auf sich hat, bedanke mich im Voraus dafür, dass die Band diese Aktion unterstützt und setze mich ans Schlagzeug, das ein wenig anders aufgebaut ist, als mein Drum-Set zu hause. Ich bin wirklich enorm nervös und mein Pulsschlag rennt schneller als der Beat bei 99 Luftballons. Aber egal – es gibt jetzt kein Zurück.

Die Musik setzt ein, Liane beginnt zu singen, ich warte meinen Einsatz ab und dann geht es los. Und: Es funktioniert. Vor Aufregung verliere ich direkt einen meiner Sticks. Aber ich kann den Takt halbwegs halten. Ab und zu brauche ich ein paar visuelle Hinweise, weil das Schlagzeug doch recht laut ist und die anderen Instrumente übertönt. Ich spiele ohne zusätzliches Equipment und ohne Kopfhörer; das ist nicht einfach, aber es geht. Ich merke schnell, dass es ist deutlich schwieriger ist, mit Menschen zusammenzuspielen, als mit einem Lautsprecher, aus dem der Originalsong tönt. Denn jede Band spielt ein Stück etwas anders und ich habe hier nicht das Original-Schlagzeug mit im Ohr, das mir zuhause hilft, den Beat sauber zu spielen. Alles ist halt etwas holprig, aber:

Es funktioniert! Auch wenn meine Performance insgesamt ziemlich unterirdisch und alles andere als auftrittsreif ist: Wegen der Aufregung, dem ungewohnten Schlagzeug-Setup, weil ich noch nie mit diesen Menschen zusammen Musik gemacht habe und nicht aufeinander eingespielt sind. Und auch weil auch meine Schwester so aufgeregt ist, dass sich ein paar Fehler in ihren Gesang einschleichen – was ich selber allerdings gar nicht bemerke.

Dann ist das Stück vorbei. Der Nachtexpress applaudiert und meine Schwester und ich fallen uns überglücklich in die Arme und können uns ein paar Tränen nicht verkneifen. Wer hätte gedacht, dass so etwas jemals wieder möglich sein wird. Mit entsprechendem Equipment und einem aufeinander eingespielten Team – und vor allem mit einem einfacher zu spielenden Song – kann ich wieder Musik mit anderen machen. Alle Bandmitglieder freuen sich enorm mit mir und ich werde herzlich eingeladen, jederzeit wieder vorbeizukommen. Was für ein tolles Erlebnis!

Dann fahre ich glücklich zurück nach Hause. Dass ich in all der Aufregung meine Tasche mit dem Hörequipment im Proberaum vergesse, ist etwas ärgerlich, aber die bekomme ein paar Tage per Post hinterhergeschickt.

Meinen herzlichen Dank nochmal an die tolle Truppe vom Nachtexpress für dieses einmalige Geschenk – ihr seid super!

Tag 251/189 – Gruppenarbeit

Heute findet der zweite Tag unseres Teamtreffens statt. Es wird vor allem in kleinen Gruppen an verschiedenen Unterthemen gearbeitet, die für unsere Arbeit relevant sind. Die Gruppen bestehen meistens aus 4-6 Personen und verteilen sich in einem großen Meetingraum.

Diese Konstellation ist für hörgeschädigte Menschen ein echtes Worst-Case-Szenario, denn die Geräuschkulisse im Gruppenarbeitsraum ist enorm hoch und es wird innerhalb der Gruppen viel diskutiert. Zwar habe ich auch vor meiner Implantation an solchen Veranstaltungen teilgenommen, konnte allerdings nur sehr eingeschränkt mitarbeiten und war nach kurzer Zeit völlig k.o.. Das ist jetzt anders.

Damit ich gut verstehe, schalte ich alle Tischmikrofone im Raum stumm und lege ein eingeschaltetes Table-Mic in die Mitte der Gruppenrunde. Und das klappt ausgezeichnet. Ich bin das erste Mal überhaupt wirklich drin im Geschehen, kann meine Ideen einbringen und mit meinen Gruppenteilnehmern diskutieren.

Natürlich ist es nach wie vor anstrengend und ohne volle Konzentration geht es nicht. Allerdings zahlt sich dieser Einsatz jetzt auch aus und die Motivation, sich anzustrengen, ist weitaus höher.

Am Ende dieses 2-tägigen Workshops bin ich trotzdem ausgepowert, aber glücklich. Was früher eine unangenehme Situation war, ist jetzt ein spannendes Erlebnis. Dass dies einmal wieder so möglich sein wird , habe ich vor einem halben Jahr nicht im Traum gedacht.

Tag 250/188 – Meditation

Heute findet das zweitägige Team-Offsite des Designteams bei SAP statt, dem ich angehöre. Wir machen so etwas einmal im Jahr und besprechen dort zwei Tage lang außerhalb unseres Büros Designthemen, tauschen uns über Erfolge, Herausforderungen und Schwierigkeiten aus und verbringen meist auch einen Abend zusammen. Neben rein fachlichen Themen geht es auch oftmals um Soft-Skills – also soziale Fähigkeiten, Teambuilding und Konfliktlösung.

Das Offsite beginnt am Dienstagvormittag mit einem Achtsamkeits-Seminar. Achtsamkeit ist ein Begriff, dem aktuell immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Und das ist eigentlich auch schon das Thema, um das es geht: Sich selbst, seine Tasks und auch seine Gegenüber aufmerksam zu behandeln, sich nicht ablenken zu lassen und 100% bei dem zu sein, was man gerade tut oder mit wem man es gerade tut.

Um optimal verstehen zu können, hänge ich dem Seminarleiter mein Phonak Select Mikrofon um und verteile zusätzlich ein paar von meinen Phonak Table Mics im Raum, damit ich auch die Redebeiträge meiner Arbeitskollegen gut verstehen kann. Und das funktioniert hervorragend. Ich verstehe jedes Wort und kann dem Geschehen nahezu ohne Einschränkungen folgen.

Damit wir uns alle gut entspannen, wird nach der Einführung ein Bodyscan gemacht. Das ist eine Form der Meditation, bei der man auf einer Yogamatte liegt, die Anweisungen des Mediators befolgt und seinen Körper peu a peu entspannt.

Mit Hörgeräten konnte ich eine solche Art der Meditation oder Körperentspannung nicht mitmachen. Ich brauchte das Mundbild des Sprechers oder der Sprecherin, um das Gesagte zu verstehen und musste mich stark darauf konzentrieren, alles mitzubekommen. Ich konnte mich also weder hinlegen noch die Augen schließen. Dabei kann man sich nicht wirklich entspannen, denn sämtliche Konzentration wird für das Hören und Verstehen benötigt.

Die Cochlea-Implantate eröffnen mir auch hier eine neue Welt: Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich liegen, die Augen schließen und verstehen, ohne dass ich mich konzentrieren muss. Das ist eine wundervolle Erfahrung, die mich sehr beeindruckt – und entspannt.

Auch der weitere Verlauf des Offsites macht sehr viel Spaß. Meine Tischmikrofone und der Roger Select sind im Dauereinsatz, da wir insgesamt ca. 20 Personen sind und in einem sehr großen Raum mit U-förmiger Tischanordnung sitzen. Die Mikrofone funktionieren derart, dass alle Mikrofone miteinander gekoppelt sind. Die Tischmikrofone schalten sich automatisch stumm, sobald das Sprechermikrofon – der Roger Select – aktiv wird. Und schalten sich wieder ein, wenn die sprechende Person verstummt und die Zuhörer beginnen zu sprechen. Darüber hinaus kann ich die Mikrofonanlage auch mit einer Fernbedienung steuern: Lautstärke und Empfangsradius können je nach Bedarf geändert werden.

Beachten muss man, dass der oder die vortragende Person nach einem Vortrag das Mikrofon ausstellt und mir zurückgibt – und nicht etwa damit in die Kaffeeecke verschwindet, wo sie über die langweiligen Kursteilnehmer lästert, oder auf die Toilette. Denn die Reichweite der Mikrofone, die direkt in meine Soundprozessoren funken, beträgt ca. 15 Meter. Ich bekomme als auch dann vieles noch mit, wenn das Mikrofon samt Sprecher/In im Nebenraum oder im stillen Örtchen verschwindet. Was durchaus unangenehm sein kann – für beide Seiten…

Am Abend schauen wir dann noch gemeinsam einen sehr interessanten Dokumentarfilm über Mitarbeiterführung und ich verstehe auch hier recht gut, obwohl die Akustik über den Beamer im Präsentationsraum nicht so toll ist. Auch die anschließende Diskussion über den Film ist sehr spannend und macht viel Spaß.

Abends bin ich natürlich groggy, aber glücklich. Eine so aktive Teilnahme an einer so langen Veranstaltung wäre für mich früher undenkbar gewesen. Und jetzt macht es richtig Spaß.

Tag 247/185 – Kopfhörer

Dieses Wochenende verbringe ich bei einem sehr guten Freund in Zürich. Da ich in der Woche davor und auch danach aus beruflichen Gründen in Walldorf sein muss, die Strecke von Walldorf nach Zürich deutlich kürzer ist als nach Hause und Gregor und ich uns wegen der großen Entfernung sowieso zu selten sehen, nutze ich die Gelegenheit und fahre gen Süden statt Norden.

Die Wiedersehensfreude ist groß und wir haben uns wie immer viel zu erzählen. Und es ist alles so viel einfacher als früher – ich verstehe auch den Schweizer Dialekt mittlerweile wirklich gut, kann mich flüssig mit Gregors bezaubernden Töchtern unterhalten und auch als am Freitag Abend ein weiterer gemeinsamer Freund dazu stößt, der ebenfalls in Zürich wohnt, kann ich an der gemeinsamen Unterhaltung nahezu ohne Einschränkung teilnehmen. Früher war das schwieriger – ich brauchte hier häufig Wiederholungen, musste den Diskussionsfluss anhalten und es war alles sehr anstrengend. Wir quatschen bis spät in die Nacht, trinken guten Wein und genießen unser Wiedersehen.

Am Samstag vormittag fahren zusammen wir in die Zürcher Innenstadt – meine schweizerischen Freunde müssen einige Dinge erledigen und ich bummele in dieser Zeit mit den Kindern durch die Einkaufsstadt. Wir landen in einem sehr schönen Kaufhaus, in dem es viele interessante Dinge zu bestaunen gibt. Natürlich zieht es uns auch in die Elektronikabteilung, wo Spielkonsolen, Fernseher, die neuesten Smartphones und viele andere Dinge angeschaut werden.

Die Kinder haben vor allem viel Spaß an einem Stand mit Kopfhörern und hören sich dort die aktuellen Charts an. Quasi zum Spaß stülpe auch ich mir einen sehr hochwertigen On-ear-Kopfhörer von Bose über die Prozessoren, der ausreichend große Hörmuscheln hat – und bin total überrascht und beeindruckt, wie gut die Musik damit klingt. Ich bin vorher nicht einmal ansatzweise auf die Idee gekommen, einen Kopfhörer auf meine Soundprozessoren zu setzen. Zum Musikhören nutzte ich bisher die Batteriehülsen mit den eingebauten Audiokabeln, die ich direkt mit dem Smartphone verbinde – die Musik geht dann direkt in die Soundprozessoren. Das hört sich super an, allerdings stören die Kabel hinter den Ohren doch etwas. Die Hörqualität mit diesen hochwertigen Kopfhörern ist allerdings fast noch besser; die Bässe klingen fetter und auch das Tragegefühl ist trotz der Soundprozessoren, die etwas zwischen Ohrmuschel und Kopfhörermuschel eingeklemmt sind, wirklich gut.

Ich werde mir jetzt unbedingt einen guten Kopfhörer bestellen. Die Handhabung ist deutlich einfacher als das Wechseln der Batteriehülsen und das Anbringen der Kabel, der Sound ist besser und einen Bluetooth-fähigen Kopfhörer kann ich auch mit meinem beruflich genutzten iPhone verwenden, das leider keinen Kopfhörereingang mehr hat.

Am Abend geht es nach Luzern, wo ich einen weiteren Freund besuche, den ich sehr lange nicht mehr gesehen habe. Wir verleben einen sehr schönen Abend mit einem tollen Essen, haben uns sehr viel zu erzählen und auch hier ist es erstaunlich, wie einfach die Kommunikation geworden ist.

Dies fällt mir auch am Sonntag aus, als ich – zurück bei meinen Freunden in Zürich – draußen mit den Kindern Fußball spiele. Andere Kinder aus der Nachbarschaft gesellen sich schnell dazu, natürlich werde ich sofort gefragt, was ich denn hinter dem Ohr bzw. am Kopf habe und ich verstehe auch in dieser Situation hervorragend und kann flüssig mit den Kindern kommunizieren. Das ging früher gar nicht, denn Kinder sprechen in der Regel nicht sehr deutlich und sind mit schwierigen Kommunikationssituationen, in denen ein Erwachsener gar nichts versteht, schnell überfordert.

Auch am Sonntagabend gibt es noch viel zu erzählen und zu besprechen und am Montag fahre ich dann glücklich, gut erholt und kein bißchen erschöpft vom ganzen Zuhören zurück nach Walldorf.

Tag 239/177 – Escape Room

Und schon wieder geht es ins Kino. Dieses mal eher zufällig: Ich treffe mich mit Junior I, der sein einwöchiges Praktikum in einem Hamburger Tonstudio heute beendet hat, in der Innenstadt. Nach einem schönen Vater-und-Sohn-Feierabendshopping kommen wir auf dem Weg zum Auto am einem Hamburger Kinopalast vorbei und beschließen spontan, in die gerade startende Filmvorführung von Escape Room zu gehen – einem US-Amerikanischen Horrorfilm.

Ein spontaner Kinobesuch war mit Hörgeräten bislang undenkbar – zumindest dann, wenn ich die Handlung verstehen musste. Kinobesuche mussten zumindest einen oder zwei Tage im Voraus geplant werden. Denn Filme mit Untertiteln laufen nur selten und meist auch nur in Programmkinos. Blockbuster findet man dort eher selten und Junior I ist noch nicht besonders an Arthouse-Kino interessiert. Filme ohne Untertitel habe ich nur geschaut, wenn ich mir die Handlung vorher durchlesen konnte – was das Kinoerlebnis twas langweilig macht, weil man das Ende des Filmes schon kennt.

Es ist total toll, jetzt einfach mal spontan ins Kino gehen zu können. Auch heute habe ich fast alle Dialoge verstanden; nur ein Sprecher war etwas schwierig zu verstehen. Mit manchen Stimmen habe ich nach wie vor Probleme. Der Handlung konnte ich aber insgesamt gut folgen; wie erwartet war diese auch nicht allzu anspruchsvoll. Trotzdem hat es großen Spaß gemacht. Es muss nicht immer Arthouse sein; auch gut gemachtes Popkornkino kann Spaß machen. Vor allem dann, wenn es spontan möglich ist. Auch das ist ein Stück neue Lebensqualität, die ich jetzt sehr genieße.

Tag 238/176 – König der Löwen

Zu meinem Geburtstag habe ich von meiner Familie Karten für einen Besuch im Hamburger Musical “König der Löwen” geschenkt bekommen. Obwohl ich jahrelang in unmittelbarer Nähe der Musical-Location gearbeitet habe, die gegenüber den Landungsbrücken auf der anderen Seite der Elbe liegt, habe ich es leider nie geschafft, mir dieses Musical anzuschauen. Jetzt, mit neuen, elektrischen Ohren, freue ich mich umso mehr darauf, den König der Löwen zusammen mit Junior I und II endlich einmal live zu erleben.

Schon am Morgen nehme ich beide Pubertiere nach Hamburg mit – Junior I muss zum Praktikum am Stadtrand und Junior II absolviert seinen Zukunftstag im Hamburger SAP Büro. Am späten Nachmittag fahren wir zusammen zur Musical-Halle, setzen mit dem Boot zu den Landungsbrücken über, essen dort ein Fischbrötchen und sind dann rechtzeitig vor Veranstaltungsbeginn am Eingang.

Ich war bislang erst einmal in meinem Leben in einem Musical: Ende der 70er Jahre in ‘Peter und der Wolf’ in Münster. Danach habe ich Musicals nur noch im Fernsehen gesehen, obwohl ich seit 2000 in der “Musicalstadt” Hamburg arbeite. Einerseits deshalb, weil ich generell kein großer Musical-Fan bin. Zum anderen deshalb, weil das Verstehen von Songtexten für Hörgeschädigte eine enorme Herausforderung ist. Die normale Wort- und Satzbetonung ist bei einem Song im Normalfall stark verändert, was das Verstehen sehr schwierig macht. Dementsprechend ist auch das Lippen-Ablesen deutlich schwieriger als sonst. Die Entfernung zur Bühne ist meistens auch so groß, dass ich bei Musicals oder Opern und generell allen Veranstaltungen, bei denen das Geschehen nicht zusätzlich per Großbildmonitor übertragen wird, nichts verstehen kann. Und selbst dann, wenn Bildschirme vorhanden sind – was bei Konzerten und Comedy-Veranstaltungen ja mittlerweile die Regel ist: Ich gehe nicht auf eine Live-Veranstaltung, um dort auf einen Bildschirm zu schauen. Das ist langweilig. Live heißt für mich, das “echte” Geschehen auf der Bühne zu beobachten. Deshalb filme ich auch generell keine Veranstaltungen auf dem Handy ab. Ich werde nie verstehen, warum Menschen 100 Euro oder mehr ausgeben und auf eine Veranstaltung fahren, um dann ihr Handy in die Luft zu halten und das Bühnengeschehen auf einem kleinen Handydisplay zu beobachten.

Unsere Plätze sind schön mittig, allerdings sehr weit oben. Zwar sind wir deshalb weit entfernt vom Geschehen auf der Bühne, haben dafür aber einen guten Überblick über das gesamte Geschehen, das mich schon nach kurzer Zeit sehr in den Bann zieht: Die hervorragend arrangierte Bühnentechnik und Beleuchtung, die herrlich phantasievoll gestalteten Kostüme und die tolle Musik: Das ist wirklich beeindruckend. Das Hören ist allerdings schwierig: Die Akustik ist bei weitem nicht so gut wie im Kino und ich verstehe nur etwa 50% des Gesprochenen und sehr wenig vom Gesang. Das ist weniger als ich erwartet habe, aber dennoch deutlich mehr als mit Hörgeräten möglich gewesen wäre. Da ich die Handlung kenne, kann ich dem Geschehen trotzdem gut folgen und es genießen; ich bin also keineswegs enttäuscht.

Schön ist auch der kleine Small-Talk während der Pause mit zwei reizenden älteren Damen aus Österreich, die zu Besuch in Deutschland sind und sich sehr über meine gut erzogenen Kinder freuen. Kein Hörfehler übrigens – außerhalb der eigenen vier Wände benehmen sich die Pubertiere meistens ganz toll. Schön, dass man als Elternteil nicht alles falsch gemacht hat.

Tag 237/175 – Happy Birthday

Heute ist mein erster Geburtstag mit Cochlea-Implantaten. Wie jedes Jahr bekomme ich viele Glückwünsche per WhatsApp, E-Mail, über Xing und LinkedIn und natürlich über Facebook.

Neu ist dieses Jahr, dass ich ein paar Geburtstagsanrufe bekomme. Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass ich nach 30 Jahren wieder telefonieren kann und freue mich sehr über jedes Gratulationsgespräch.

Mein nächster Geburtstag steht übrigens am 3. August an – dann werde ich den Geburtstag meiner elektrischen Ohren feiern.

Tag 233/171 – Wir sind keine Bots!

Junior II, der kürzlich seinen 13. Geburtstag gefeiert hat, interessiert sich neuerdings sehr für Politik. Als politisch interessierter Mensch finde ich das natürlich toll und unterstütze es nach Kräften – auch wenn es durchaus etwas anstrengend sein kann, wenn die gesamte Woche über am heimatlichen Esstisch neue YouTube-Videos zu den Themen ‘FridaysForFuture’ und ‘Upload-Filter’ rauf- und runter rezitiert werden. Aber das gefällt mir deutlich besser, als über die neueste YouTube-Kompilation der spektakulärsten Autounfälle in Sibirien zu diskutieren. Also gebe ich mein Bestes.

Dazu gehört auch, dass ich Junior II heute zur Demonstration gegen §13 nach Köln fahre und mit ihm teilnehme. Köln deshalb, weil wir davon ausgehen, dass der Protest dort größer sein wird als in Hamburg. Außerdem können wir das Wochenende dazu nutzen, Freunde und Verwandte zu besuchen. Also wird ein tolles Demo-Schild gebastelt, das Auto gepackt und dann geht es ab nach Köln.

Ich bin während meiner Oberstufen- und Studienzeit politisch sehr aktiv und häufig auf Demonstrationen gewesen. Mit der Bezirksschulvertretung, der ich während meiner Oberstufenzeit angehörte, organisierte ich auch einige Demonstrationen mit und trat teilweise auch als Redner auf. Leider habe ich die Beiträge anderer Redner nie wirklich verstanden. Noch frustrierender war, dass ich auch die Parolen, die im Demonstrationszug gerufen wurden, nie wirklich verstanden habe und deshalb eher stiller Mitläufer war.

Als wir in Köln am Neumarkt ankommen, ist der Platz bereits gut gefüllt. Das Schild meines Juniors kommt gut an. Wir stehen recht weit vorne am LKW, auf dessen Ladefläche die Organisatoren stehen und kurze Zeit später die Demonstration eröffnen. Die Geräuschkulisse ist inmitten der Menschenmenge natürlich recht hoch; trotzdem verstehe etwa zwei Drittel der Ansagen und Junior II muss nur wenig übersetzen.

Dann laufen wir los. Und als nach kurzer Zeit die ersten Parolen aus dem Zug gebrüllt werden, verstehe ich spätestens nach der zweiten Wiederholung, was gerufen wird und kann einstimmen.

Wir sind keine Bots! (dies bezieht sich auf die Aussagen von Politikern, dass die Proteste gegen diese Urheberrechtsreform, unter anderem die Petition mit über 4,7 Millionen Unterschriften, nicht von realen Personen gesammelt wurden, sondern dass es sich dabei um Bots handelt – also Programme, die automatisch Unterschriften erzeugen).

Wir sagen Nein – zu Artikel 13! (der Protest auf seine einfachste Form gebracht. Artikel 13 heißt mittlerweile übrigens Artikel 17).

Trallali und Trallala – Filter sind für Kaffee da! (quasi der Mario Barth der Demonstrationsparolen. Allerdings lustiger…)

Nie wieder CDU! (es geht doch immer noch simpler. Allerdings prognostiziere ich der CDU in naher Zukunft ein Generationsproblem. Jungen Wählern das Internet einzuschränken, in welcher Form auch immer, ist vermutlich das Dümmste, was eine Partei machen kann, um junge Wählerstimmen zu gewinnen.)

Demonstrationsparolen müssen nicht unbedingt anspruchsvoll sein; uns beiden macht das Einstimmen in das Gebrüll richtig Spaß. Eine Demonstration soll schließlich laut sein, damit sie wahrgenommen wird. Und vor allem: Trotz des Straßenlärms uns des Gebrülls um mich herum kann ich mich gut mit Junior II unterhalten. Die Geräuschdämpfung der Soundprozessoren meiner Hörimplantate funktioniert mal wieder hervorragend. Mit Hörgeräten hätte ich inmitten des ganzen Lärms kaum ein Wort verstanden; mit meinen Hörimplantaten fühle ich mich so gut wie gar nicht eingeschränkt und bin einfach voll dabei.

Bei der Abschlusskundgebung am Heumarkt kommen wir mit dem hinteren Teil des Demonstrationszuges an. Die Teilnehmerzahlen schwanken übrigens zwischen 4.000 (Polizei) und 12.000 (Veranstalter); ich selbst schätze mal, dass etwa 7-8000 Menschen in Köln unterwegs waren. Da der Heumarkt schon voll ist, sitzen wir weit entfernt vom der Bühne, auf der jetzt die Abschlusskundgebung startet. Und auch hier verstehe ich bei den meisten Sprechern fast jedes Wort und kann den Beiträgen folgen. Zwei Beiträge verstehe ich fast gar nicht: Eine Vortragende spricht viel zu schnell (auch Junior II hat hier allerdings Probleme, zu folgen) und ein weiterer Sprecher nuschelt stark (auch hier versteht Junior II nicht jedes Wort).

Dann geht es erschöpft aber zufrieden Richtung Heimat. Junior II ist glücklich, weil seine erste Demonstration wirklich toll und vor allem friedlich war, ich bin froh, weil ich so viel verstanden habe und wenn jetzt noch diese unglaublich schwachsinnige Reform des Urheberrechts abgewendet wird, können wir richtig zufrieden sein.

Hier eine ganz einfache Erklärung, welche Gefahr durch das neue Urheberrechtsgesetz und die darin geforderten Uploadfilter droht-
Hier mal ein Beispiel, welche Auswirkungen dies bei einem konkreten Beispiel hätte

Sehr zu diesem Thema zu empfehlen ist auch Enno Parks Beitrag im t3n-Magazin: https://t3n.de/news/artikel-17-urheberrecht-uploadfilter-1152419

Tag 231/171 – The Green Book

Seit meinem ersten Kinobesuch mit Cochlea-Implantaten vor etwa drei Monaten war ich nicht mehr im Kino. Zum Einen liefen in der letzten Zeit kaum Filme, die mich wirklich interessierten. Zum Anderen habe ich mich einfach nicht getraut, wieder ins Kino zu gehen, weil ich Angst hatte, den großartigen Hörerfolg von damals nicht wiederholen zu können.

Vielleicht wird es in einem anderen Kino mit einer anderen Akustik nicht so gut funktionieren? Vielleicht verstehe ich andere Stimmen im Film nicht so gut? Obwohl mein Hörweg bislang enorm erfolgreich verläuft habe ich ein bißchen Angst vor Enttäuschungen. Und die wird es geben: Ich muss noch viel ausprobieren und es wird sicherlich noch einige Rückschläge geben. Das ist eigentlich auch kein Problem, aber ich gehe zu gerne ins Kino um hinterher enttäuscht wieder rauszukommen.

Die meisten Filme, die mich derzeit interessieren, laufen derzeit interessanter Weise als Originalversion mit Untertiteln. Früher hätte ich mich darüber gefreut, weil dies für mich die einzige Möglichkeit war, einen Kinofilm zu verstehen. Ich werde auch künftig in untertitelte Filme gehen, weil ich Programmkinos sehr gerne mag und auch gerne Filme im Originalton sehe. Allerdings verstehe ich noch nicht so gut Englisch, dass ich einem englischsprachigen Film folgen kann und auch die ErstBesteHälfte hätte daran weniger Spaß.

Auf Deutsch lasse ich es heute aber einfach drauf ankommen: Ich möchte mit der ErstBestenHälfte in “The Green Book” – den Film, der den diesjährigen Oscar für den besten Film gewonnen hat. Er erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen dem afroamerikanischen Pianisten Don Shirley und seinem Italo-amerikanischen Chauffeur, Bodyguard und Freund Tony Lip. Der Film läuft über zwei Stunden und ist das, was meine Kinder einen “Laberfilm” nennen würden: es wird viel geredet und die Handlung ist eigentlich nur über die Dialoge erfassbar.

Es ist schwierig, die eigenen Hörerwartungen an diesen Abend herunter zu schrauben. Meine Mindesterwartung ist, dem Film inhaltlich gut folgen zu können – mehr erwarte ich eigentlich nicht. Weniger aber auch nicht – über zwei Stunden einen Film anzuschauen, dem ich nicht folgen kann, wäre kein Vergnügen.

Schon bei den Werbespots am Anfang bemerke ich allerdings, dass ich gut verstehe. Das macht Hoffnung, auch wenn es wieder einmal frustrierend ist, sich anzuhören, wie einfallslos und flach die Dialoge in deutschen Werbespots sind.

Der Film selbst: Wunderschön. Absolut empfehlenswert. Ich verstehe fast jedes Wort – und das 131 volle Minuten lang. Natürlich muss ich mich voll konzentrieren, aber im Gegensatz zu früheren Kinobesuchen mit Hörgeräten lohnt sich die Anstrengung, weil ich nahezu alles verstehe – wirklich jedes Wort. Damit habe ich – wieder einmal – nicht gerechnet.

Der nächste Kinobesuch kann kommen. Ich werde dann mal die Akustik in meinem Lieblings-Programmkino in Hamburg ausprobieren und berichten.

Implantastisch

Ich habe im August und im Oktober 2018 nach 40 Jahren an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit zwei Cochlea Implantate bekommen und berichte in diesem Blog über meine Erfahrungen damit und meinen Höralltag.

Vom ersten Tag an habe ich mit dem Implantat sehr gut hören können und sehr schnell unglaubliche Hörerlebnisse gefeiert. Mein Leben hat sich dadurch sehr verändert.

Ein so rascher und durchschlagender Erfolg nach einer Implantierung ist nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Ich habe keine Erklärung dafür, warum es bei mir so schnell und so gut funktioniert hat, nehme dieses Wunder nach 40 Jahren Pech mit den Ohren aber gerne an.

In den meisten Fällen dauert es deutlich länger, bis ein Patient mit einem CI Sprache gut verstehen oder Musik hören kann. Der Erfolg hängt sehr stark von verschiedenen Faktoren ab und ist mit harter Arbeit verbunden. Entscheiden ist vor allem die Hörbiographie des Patienten: Wer schon im frühen Kindesalter nichts gehört hat, der wird auch mit einem Cochlea Implantat sehr wahrscheinlich einen langen und schwierigen Weg vor sich haben. Je länger ein Ohr nichts gehört hat, desto länger wird es dauern, bis es mit einem Hörimplantat hören und verstehen kann.

Aufgrund der vielen Erfahrungsberichte anderer CI-Patienten hatte ich mir vor meiner ersten Operation als Ziel gesetzt, 6 Monate nach der Implantation Sprache verstehen und nach einem Jahr wieder Musik hören zu können. Dieses Ziel ist realistisch. Dass ich bereits nach einem halben Tag soweit war, ist ein medizinisches Wunder.

Ich hoffe, mit diesem Blog anderen Hörgeschädigten ein bißchen die Angst vor einer CI-Operation nehmen zu können. Die weitaus meisten Träger eines Hörimplantates bereuen ihre Entscheidung nicht und hören damit deutlich besser als vorher. So schnell wie bei mir geht es bei den wenigsten.

Und hier beginnt meine Geschichte.