Tag 13 – Service & Smalltalk

Heute stand eine echte Hörfeuerprobe auf dem Programm. Ich bin früh nach Hamburg gefahren, um beim Reifenservice neue Reifen auf meinen Firmenwagen aufziehen zu lassen. Anschließend stand ein Ölwechsel-Termin bei Skoda an und bis zur Abholung wollte ich ein paar Arbeitskollegen in Hamburg treffen.

Auf dem Weg nach Hamburg höre ich erst Musik, dann springt eine Verkehrsdurchsage an. Ich verstehe etwa die Hälfte und schalte die Nachrichten ein. Hier verstehe ich zwar etwas weniger, aber einzelne Sätze und Wörter kommen schon gut an. Verkehrsdurchsagen folgen einem recht einfachen syntaktischen Muster und ich kann gut erahnen, was gesagt wird:

Auf der [Name der Autobahn] [n] Kilometer [Stau/zähflüssiger Verkehr] wegen [einer Baustelle/eines Unfalls]

Das ist einfach. Nachrichten sind schwieriger, weil hier alles möglich ist – vor allem seit Donald Trump Präsident der USA ist – eine Meldung wie

Donald Trump beriet sich heute mit Paris Hilton über die Farbgestaltung der Schutzmauer, welche die US-Amerikanische Space-Force zwischen Erde und Mond errichten will. Die Finanzierung soll durch das galaktische Imperium erfolgen

kann man auch mit Top-Implantaten nur schwer verstehen (siehe auch Tag 5 – Traumdeutung). Ich kann aber zumindest einigen tagesaktuellen Meldungen gut folgen, z.B. als es über den tragischen Brückeneinsturz in Genua geht.

Service-Termine, wo auch immer, sind für normalhörende Menschen eigentlich keine besondere Herausforderung – deutsche Amtsstuben mal ausgenommen. Mit einer Hörschädigung kann so etwas schnell sehr anstrengend werden. Denn die Gesprächspartner kennen mich nicht und sind nicht auf Kommunikation mit einer hörbehinderten Person eingestellt. Einige sprechen undeutlich oder haben ein schlechtes Mundbild; oftmals gibt es laute Hintergrundgeräusche und Rückfragen, die man verstehen muss und nicht kombinieren kann – wie zum Beispiel die Frage nach alternativen Reifengrößen oder Herstellern oder technische Erläuterungen. Ich gehe damit locker um und bin bislang überall lebend wieder herausgekommen. Es ist halt nur manchmal recht anstrengend.

Beim Reifenservice verstehe ich alles. Nichts muss wiederholt werden. Auch bei der Abgabe meines Fahrzeugs in der Werkstatt eine halbe Stunde später komme ich mit nur einer Wiederholung aus – bei drei verschiedenen Gesprächspartnern (Empfang, Service-Mitarbeiter, Ersatzwagen-Herausgabe). Das ist ein Spitzenwert – mit Hörgeräten hätte ich hier an jeder Station mindestens 3-4 mal nachfragen müssen. Nach der Abgabe meines Fahrzeuges traue ich mir noch ein Beratungsgespräch zu einem Hybridfahrzeug zu, weil mich Elektromobilität sehr interessiert. Auch das ist ein begeisterndes Erlebnis, denn ich verstehe fast jedes Wort – auch bei einer kurzen Probefahrt durch Hamburg. Verbale Kommunikation macht mir allmählich richtig Spaß.

Später treffe ich einen Freund und früheren Arbeitskollegen zum Kaffee, den ich lange nicht gesehen habe. Maik gehört zu der Sorte von Menschen, die eine fantastische Artikulation haben und für hörgeschädigte Menschen hervorragend zu verstehen sind. Wir unterhalten uns etwa eine Stunde draußen in der Hamburger City und trotz des Umgebungslärms verstehe ich ausgezeichnet und muss eigentlich gar nicht mehr kombinieren. Und das mit einem elektrischen Ohr nach 13 Tagen anstatt zweier Hörgeräte, an die ich 40 Jahre lang gewöhnt war. Und der Kaffee, ein portugiesischer Galao, war auch lecker.

Anschließend geht es zum nächsten Kaffee mit einem weiteren alten Freund und Arbeitskollegen, der nicht nur ein schlechtes Mundbild hat, sondern auch einen leichten englischen Akzent – ein echter akustischer Worst Case für hörgeschädigte Menschen. Wir kennen uns schon sehr lange und ich habe David schon immer schlecht verstanden – er schätzt etwa 50%, ich würde eher auf 30% tippen. Der Rest war Kombination, Wiederholungen und im Notfall: Aufschreiben. Oder einfach mal die Fresse halten und den Kaffee genießen. Davon kann heute keine Rede sein – ich verstehe auch hier fast jedes Wort. In etwa 45 Minuten Unterhaltung sind vielleicht zwei oder drei Wiederholungen notwendig. Das ist ein Riesenerfolg und wir beide freuen uns sehr darüber und auf die nächsten gemeinsamen Kaffeepausen  – dann vielleicht sogar auf Englisch.

Im Normalfall bräuchte ich nach zwei solchen Gesprächen erst einmal eine lange Hörpause, weil ich mich mit Hörgeräten 100% konzentrieren muss. Für mich gab es bislang keine lockeren Unterhaltungen – jede Kommunikation war Schwerstarbeit. Ich vergleiche dies gern mit dem Zuhören einer fremden Sprache, die man nicht flüssig beherrscht. Man versteht einzelne Wörter und auch worum es geht, muss aber recht viele Vokabel- und Verständnislücken durch Kombination vervollständigen. Das ist anstrengend. Small Talk kenne ich nicht – für mich war bislang jede Gesprächssituation Hard Talk. Das wird jetzt deutlich einfacher.

Also treffe ich anschließend noch einen Freund und Arbeitskollegen und wir gehen gemeinsam eine Kleinigkeit essen. Auch Patrick gehört nicht zur Sorte der Top-Artikulierer, aber auch ihn verstehe ich deutlich besser als vorher. Im Restaurant komme ich ein wenig an meine Grenzen, weil die ganze Zeit lautes Geschirr- und Besteckgeklapper im Hintergrund zu hören ist und muss ein wenig häufiger nachfragen als bei den beiden vorherigen Gesprächen, aber insgesamt ist auch dieses Essen ein schöner Erfolg. Draußen auf der Straße verstehe ich wieder deutlich besser – den Straßenlärm dämpft der Soundprozessor deutlich besser als Küchengeräusche. Ich hoffe, dass man dies bei der Erstanpassung in den Griff bekommt.

Besonders schön ist, dass mir immer mehr Menschen sagen, dass ich deutlicher spreche, seit ich das Cochlea-Implantat habe. Der einfache Grund dafür ist, dass ich mit Implantat Konsonanten höre. Mit Hörgeräten habe ich zwar M und N noch wahrgenommen, aber kein S oder SCH oder CH oder K – auch nicht, wenn ich selbst gesprochen habe. Ich höre mich selbst viel besser sprechen und gebe mir deshalb auch mehr Mühe, deutlich zu reden.

Die anschließende Fahrzeugabholung  beim V.A.G.-Servicebetrieb läuft problemlos – abgesehen davon, dass es trotz Termins mal wieder nicht geschafft wurde, einen Ölwechsel innerhalb von 8 Stunden durchzuführen. Sorry, Jungs: Euer Laden arbeitet so gut wie mein Ohr hört. Ohne Implantat.  Ich führe deshalb ein längeres, energisches und verärgerter Gespräch am Empfangstresen, verstehe auch hier jedes Wort, freue mich sehr, mache ein böse Gesicht und fahre nach Hause.

Dort angekommen geht es erst einmal zum Entspannen auf die Couch und der Soundprozessor bekommt eine Pause. Erst nachts um eins wache ich wieder auf – der Tag war wunderbar, aber dennoch sehr, sehr anstrengend.

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