Tag 70/7 – Gesellschaft

Auch am nächsten Morgen wird viel gesprochen. Gegen Mittag verabschiede ich mich und besuche anschließend einen guten Freund, der im selben Ort wohnt. Natürlich ist auch dieser Besuch mit sehr vielen Gesprächen verbunden. Am Nachmittag schauen wir zusammen eine Folge einer Netflix-Serie – ohne Untertitel. Ich kenne diese Episode bereits und kann deshalb auch ohne die Untertitelung gut folgen. Anschließend geht es nach Hause. Da der Tag doch sehr anstrengend war, wird im Auto überwiegend Musik gehört. Irgendwann ist man halt auch mit Implantaten müde und braucht eine Kommunikationsauszeit.

Später am Abend besuchen wir noch Nachbarn und Freunde, die gestern Geburtstag hatten. Ich bin hörmäßig wieder fit und unterhalte mich lange mit der ZweitBestenHälfte des Geburtstagskindes, den ich schon länger kenne. Bislang hatten wir nie viel gesprochen, weil ich ihn nicht so gut verstehe. Ich kenne viele Menschen in meinem persönlichen Umkreis, die ich gerne mag, aber mit denen ich sehr wenig spreche, weil die Kommunikation bislang so schwierig war. Man trifft sich meistens in der Gruppe und ich sitze dann dabei, trinke mit und führe einige, wenige und kurze Einzelgespräche mit Personen, die ich gut verstehe. Ich bin diese Situation gewöhnt und die Menschen um mich herum sind daran gewöhnt, dass ich am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, ohne aktiv zu kommunizieren. Das ist schwer zu erklären und schwer vorstellbar, aber kannte es bislang nicht anders. Jetzt, mit den Implantaten, ist es anders – ich bin aktiv dabei. Ich verstehe fast jede Person gut. Ich kann mich in laufende Gespräche einschalten.

Vor allem haben meine Mitmenschen weniger Angst, mir Fragen zu stellen, die ich womöglich nicht verstehe und die mehrmals wiederholt werden können. Wenn man etwas einmal nicht versteht, ist das kein Problem. Wenn man es beim zweiten Mal nicht versteht, wird die Situation potentiell schwieriger – der Gesprächspartner versucht dann meistens, lauter zu sprechen. Wenn man es auch beim dritten Mal nicht versteht, wird die Situation unangenehm. Der Gesprächspartner weiß nicht mehr, was er machen und wie er sprechen soll. Je nach Verzweiflungsgrad antworte ich dann einfach mit Ja oder Hmm oder Ok, damit sich die Situation auflöst. Und hoffe, dass keine weiteren Fragen mehr kommen. In den meisten Fällen lässt der Gesprächspartner dann ab und wendet sich nach einer kurzen Zeitspanne, um nicht unhöflich zu wirken, anderen Gesprächspartnern zu. Oder ich gehe auf die Toilette, um die Situation auf diese Art und Weise zu lösen.

Ich habe viele Strategien parat, um mit solchen Situationen, die für mich bislang Alltag waren, umzugehen. Ich bin ein Meister darin, Menschen zuzuhören, ohne auch nur ein einziges Wort zu verstehen. Vor allem Menschen, die gerne und viel reden, bekommen das im Normalfall gar nicht mit. Wenn Fragen gestellt werden, kann man meistens mit einer nichtssagenden Floskel antworten: Mhmm. Ok. Rhetorische Fragen erkennt man gut daran, dass die Betonung am Satzende nach oben geht. Denken die wirklich, ich bin so blöd? Bei solchen Intonationen antworte ich immer mit natürlich nicht oder ne echt? oder schüttele einfach ungläubig den Kopf. Es gibt viele Tricks, die einem Gegenüber zeigen, dass man dem Gespräch folgt. Richtig gefährlich sind nur Rückfragen, die man richtig beantworten muss. In diesem Fall heisst es dann sorry, aber die Frage habe ich jetzt nicht mehr verstanden. Normalerweise wird bei der Wiederholung dann so weit ausgeführt, dass man vernünftig antworten kann.

Das schlimmste, aber wirklich allerschlimmste, was man einem hörgeschädigten Menschen antun kann, ist die Frage Was hast Du verstanden? oder Was habe ich gesagt? Bitte überprüft niemals, wieviel ein Mensch mit Hörbehinderung versteht. Ich verstehe oft einzelne Wörter nicht oder Sätze, aber der Sinn des Gesagten erschließt sich mir nach einer Weile, wenn ich das Verstandene kombinieren kann. Ich frage nicht bei jedem Wort nach. Ich frage dann nach, wenn ich merke, dass ich den Faden verliere und gar nicht mehr in das Verstehen hineinkomme. Das kann manchmal auch erst nach 3 oder vier Sätzen der Fall sein, wenn ich bemerke, dass der kombinierte Zusammenhang keinen Sinn mehr ergibt. Man braucht erstaunlich wenig, um den Sinn eines Satzes zu verstehen. Gerade bei gesprochener Sprache gibt es viele Wiederholungen, viele Ähems und naja und ändere Füllwörter. Kommunikation ist für Hörgeschädigte ein Kampf. Die Frage was habe ich gesagt? ist eine vorgehaltene Pistole, die einen schachmatt setzt. Und selbst falsches- oder Nichtverstehen ist einfacher zu handhaben als eine Situation, in der sich herausstellt, dass man eben nicht alles verstanden hat. Der Sprecher interpretiert dies als Desinteresse an seinem Gesagten. Der Hörgeschädigte ist nicht desinteressiert, sondern kämpft die ganze Zeit mit Verstehensfetzen, die er zusammensetzen muss.

All diese Probleme gehören für mich weitgehend der Vergangenheit an. Ich erlebe kaum noch Situationen, in denen ich so wenig verstehe wie vorher. Merkwürdigerweise hatte ich immer etwas Angst davor, gut verstehen zu können und dennoch nicht in der Lage zu sein, nettes Small Talk zu machen. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Kind ein Außenseiter war und, unabhängig von meine schlechten Hören, schlecht mit anderen Kindern kommunizieren konnte. Ich habe die falschen Witze gemacht, über das Falsche gelacht und war einfach höllisch uncool, wie meine Kinder heute sagen würden. Ich habe keinen Anschluß gefunden, weil ich die kommunikativen Codes meiner gleichaltrigen Umwelt nicht entschlüsseln konnte. Ich habe keine Ahnung, woran das gelegen hat. Jeder kennt Menschen, die einfach sonderbar kommunizieren, die gern das Falsche sagen, die falschen Witze zum falschen Zeitpunkt machen und einfach nicht in eine Gesprächsrunde hineinkommen. Ich glaube, das es sich dabei nicht um Soziopathen handelt, wie man vielleicht glaubt, sondern um Menschen, die einfach Schwierigkeiten damit haben, kommunikative Codes zu entschlüsseln, die man braucht, um zu wissen, wie man mitreden kann, ohne aufzufallen.

Ich bin froh, dass ich diese Probleme jetzt nicht mehr habe. Es macht mir viel mehr Spaß, in geselliger Runde zu sitzen, mich zu unterhalten, neue Menschen kennenzulernen und bereits bekannte Menschen besser kennenzulernen. Es ist nicht mehr so anstrengend. Natürlich muss ich mich noch konzentrieren, aber es ist weitaus weniger anstrengend als vorher und ich bekomme einfach viel mehr mit. Und bin mittendrin, statt nur dabei.

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