Tag 323/261 – Hurricane, Freitag

An diesem Wochenende findet in meinem Heimatort das alljährliche Hurricane-Festival statt – mit knapp 70.000 Besuchern eins der größten Open-Air-Musikfestivals in Norddeutschland. Das Festivalgelände, der Eichenring, ist nur wenige Kilometer von der Ortschaft entfernt. Normalerweise finden hier Sandbahnrennen statt; einmal im Jahr wird allerdings der Ausnahmezustand ausgerufen, wenn Tausende von Jugendlichen und Erwachsenen nach Scheeßel pilgern und auf den umliegenden Camping-Wiesen und auf dem Festivalgelände drei Tage lang Party machen und bis zu 100 Bands auf drei Bühnen feiern.

Ich war bislang zweimal dort – 2012 mit meiner ErstBestenHälfte. Es war ein wundervolles Wochenende und insbesondere die Auftritte von The Cure, New Order, Katzenjammer und Kakkmaddafakka sind mir unvergesslich geblieben. 2017 besuchte ich das Festival mit Junior, der damals 13 Jahre alt und schon sehr musikinteressiert war. Und dies war das vielleicht beste Festival aller Zeiten: Mit Blink 182, Green Day und Linkin Park, die in Scheeßel eins ihrer letzten Konzerte in Deutschland gaben, bevor sich ihr Leadsänger Chester Bennington das Leben nahm, waren drei meiner absoluten Lieblingsbands vor Ort. Wir waren bei allen drei Konzerten im vorderen Front-Stage-Bereich, also ganz nah an der Bühne, und nicht nur für Junior I war dies ein unvergessliches Erlebnis.

Das Hören auf Festivals war mit Hörgeräten immer schwierig. Natürlich ist die Lautstärke hoch genug, um die Musik zu HÖREN, aber meine Hörgeräte waren natürlich stark darauf ausgerichtet, Sprache zu verstehen und Störgeräusche zu unterdrücken – wie zum Beispiel ein Schlagzeug. Hohe Töne habe ich auch mit Hörgeräten nicht gehört. Wahrgenommen habe ich die Beats, den Bass und meistens hat es eine Minute gedauert, bis ich einen Song erkannt habe – manchmal auch gar nicht. Die Klangqualität war einfach enorm schlecht, aber dennoch bin ich gern auf Konzerte gegangen, habe die Atmosphäre genossen und versucht, so viel wie möglich akustisch aufzuschnappen. Ich war es nicht anders gewohnt und habe versucht, einfach das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen.

Der erste Test auf einem Open-Air vor wenigen Tagen verlief sehr positiv – in ausreichend Entfernung zu den Lautsprecherboxen konnte ich die Musik hervorragend hören. Ich bin gespannt, wie das auf dem Hurricane-Festival funktioniert. Hier wird es um Einiges lauter sein als auf dem kleinen Höpen-Air in Schneverdingen und ich habe ein wenig Angst, dass die Musik auch in etwas Entfernung von der Bühne Verzerrungen hervorrufen wird. Ich habe lange überlegt, wie ich den lauten Schall etwas dämpfen kann – zum Beispiel indem ich die Mikrofonabdeckungen mit Filz oder einem Stück Stoff beklebe. Letztendlich ist die Angst davor, den Soundprozessor zu beschädigen, zu groß. Ich nehme stattdessen eine Bandana, ein Sport-Kopftuch wie es Tennisspieler manchmal tragen, und ein Beanie – eine dünne Stoffmütze – mit zum Festivalgelände. Ich hoffe, dass beide Teile ausreichen, um den Schall etwas zu dämpfen – und die Prozessoren außerdem vor Spritzwasser oder Bier, das gelegentlich in die Menge geschleudert wird, schützen.

Freitag nachmittag geht es dann los – ich fahre mit Junior II zum Bahnhof, von dort aus laufen wir etwa drei Kilometer zum Festivalgelände und dann sind wir mitten im Getümmel. Das Wetter ist fantastisch, was eher überraschend ist, denn das Hurricane-Festival macht seinem Namen meistens alle Ehre – Regen, Gewitter und Unwetter gehören normalerweise fest zum Programm. Dieses Jahr wird es über die gesamten drei Tage lang trocken bleiben – und teilweise richtig heiß.

Ich kenne relativ wenig Bands, die dieses Jahr auftreten. Die Toten Hosen sind natürlich gesetzt, ebenso wie The Cure und die Foo Fighters, die am Sonntag Abend als Hauptact auf der Bühne stehen werden. Allerdings habe ich mir in den letzten Tagen einiges der auftretenden Bands angehört und unser Spielplan ist gut gefüllt. Dazwischen wollen wir uns einfach überraschen lassen. Das ist das Schöne an Festivals: Man hört auch mal andere Musik und entdeckt mitunter Künstler, die man vorher gar nicht auf dem Programm hatte.

Die erste Band, die wir uns anhören wollen, ist eine linke Pop-Band namens Betontod. Wir haben gute Plätze, etwa 20 Meter hinter der Bühne, direkt vor der Sicherheitsabsperrung zum Front Stage-Bereich und ich bin sehr gespannt, ob meine elektronischen Ohren gut mitmachen und wie weit oder nah ich von der Bühne stehen muss, um keine akustischen Verzerrungen wahrzunehmen. Bei den ersten drei Songs experimentiere ich wieder viel mit meiner Fernbedienung, bis ich eine Einstellung gefunden habe, die wirklich gut klingt. Zusammen mit dem Beanie auf dem Kopf ist der Sound: Fantastisch! Es klingt total klasse, keine Verzerrungen, ich höre die Instrumente heraus, verstehe die Texte teilweise und kann das erste Konzert ohne jegliche Einschränkungen genießen. So ein Wahnsinn – damit habe ich, mal wieder, nicht gerechnet.

Der Auftritt von Betontod ist super – auch Junior II hat sehr viel Spaß, das Publikum tobt und anschließend holen wir uns erst einmal frisches Wasser, einen kleinen Snack und beobachten aus der Ferne, wie das Bühnenbild für die nächste Band namens Enter Shikari aufgebaut wird. Den Namen habe ich noch nie gehört und auch Junior II kennt sie nicht – irgendwie zieht uns das Bühnenoutfit, das im Stil der 60er Jahre gehalten ist, aber magisch an und wir stellen uns wieder an die Absperrung, an der wir vorher auch standen. Und auch dieses Konzert ist genial. Die Musik ist recht hart – ein wenig Punk, ein wenig Postcore, ein wenig Metal – aber die Show ist wirklich genial, der Frontman gibt einfach alles, der Sound ist fantastisch und wir haben sehr viel Spaß.

Anschließend tritt Papa Roach auf – die kenne ich bereits und möchte sie unbedingt hören. Wir bleiben als direkt an unserem sehr guten Platz, und auch dieses Konzert ist einfach nur genial – tolle Musik, das Publikum ist kurz vorm Ausflippen und ich könnte mir die Jungs noch stundenlang anhören. Allerdings habe hier erste Probleme mit meinen Soundprozessoren, die zu feucht geworden sind. Obwohl mein Kopftuch sehr dünn und luftdurchlässig ist, staut sich darunter die Wärme und Feuchtigkeit des Schweißes, der mir über den Kopf läuft – bei knapp 30 Grad inmitten einer hüpfenden Menschenmenge auch kein Wunder – und die Prozessoren setzen alle 10 Minuten aus. Auch das Beanie bringt keine Besserung. Mir bleibt nichts anders übrig, als die Kopfbedeckung komplett abzunehmen und zu hoffen, dass mir kein Bierbecher gegen den Kopf und die Ohren fliegt. Die Sonne trocknet die Geräte schneller als gedacht und ich kann immerhin den weitaus größten Teil des Konzertes mit beiden Ohren genießen.

Sehr genieße ich auch die Gespräche mit den Menschen um uns herum. Ich werde oft wegen meiner Implantate angesprochen, aber auch einfach so und lerne ein paar richtig nette Leute jeden Alters kennen. Die Stimmung beim Hurricane war schon immer sehr entspannt und man findet sehr schnell Kontakt zu anderen Besuchern. Bei meinen früheren Besuchen habe ich mir das immer etwas verkniffen, weil ich einfach zu schlecht verstanden habe. Auch mit der Security, die im abgesperrten Sicherheitsdurchgang vor uns steht, habe ich einige nette Gespräche. Das macht richtig Spaß!

Auch der nächste Auftritt – eine australische Death Metal Band namens Parkway Drive, die ich auch noch nicht kannte – ist bombastisch und im Nachhinein eins der besten Live-Konzerte, die ich je gesehen habe. Eine grandiose Bühnenshow, tolle Musik, teilweise gemischt mit klassischen Instrumenten, und dazu höre ich diesmal ohne Aussetzer, weil es langsam auch dunkel und etwas kühler wird – was für ein Erlebnis. Die Stunde Spielzeit geht viel zu schnell um und danach dröhnen unsere Ohren ein wenig, aber Junior II und ich sind restlos begeistert.

Später am Abend schauen wir uns dann noch die Toten Hosen an, die wir beide sehr gern mögen und auch dieses Konzert ist klasse. Parkway Drive war heute aber nicht zu toppen. Und dann geht es müde, aber sehr glücklich nach Hause. Ich freue mich wahnsinnig auf die nächsten beiden Tage und überhaupt auf jedes kommende Festival – dass dies mit dem Hören so gut klappt, habe ich wirklich nicht erwartet.

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