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Tag 14 – Soul

Nach dem vollen gestrigen Tag war heute wieder Erholungsmodus angesagt: Schlafen, schreiben, Musik hören. Als mich die traurige Nachricht vom Tode der großartigen Aretha Franklin erreichte, habe ich natürlich direkt Spotify angeschmissen und mir viele ihrer Songs angehört. Soul klingt mit Cochlea-Implantat prima, weil es einerseits eine sehr gesangsbetonte Musikrichtung ist (im Gegensatz zu Death Metal oder der Hintergrundmusik in Pornofilmen). Der Soundprozessor ist natürlich vor allem für das Verstehen von Sprache programmiert und kommt deshalb besonders gut mit gut hörbarem Gesang klar. Außerdem ist diese Musikrichtig relativ ruhig und nicht überinstrumentalisiert – zwar kommen viele unterschiedliche Instrumente zum Einsatz, die ich mittlerweile auch ganz gut heraushören kann, aber selten alle zusammen auf Anschlag. Genereller Tipp für CI-Träger: Nicht mit Speed Metal anfangen, das ist schwierig. Soul ist definitiv ein besserer Start.

Beim Musikhören versuche ich herauszufinden, ob ich mit dem Cochlea-Implantat das Timbre von Aretha Franklins Stimme überhaupt heraushören kann. Auf Anhieb klappt das nicht. Im Duett mit Annie Lennox bei Sisters are doing it for themselves kann ich allerdings recht schnell die beiden Stimmen unterscheiden und höre, wer von beiden singt. Nach ein paar Songs hat sich der Soundprozessor dann besser an Aretha Franklins Stimme gewöhnt und sie klingt fast genauso, wie ich sie von früher in Erinnerung habe. Mit einem gesunden Ohr hört sich das natürlich viel besser an und ich weiß nicht, ob ich auch mit Cochlea-Implantat jemals in der Lage sein werde, solche stimmliche Feinheiten herauszuhören, die dazu führen, dass man beim Hören eine Gänsehaut bekommt. Das wäre natürlich ein Bonus. Genießen kann ich Musik schon jetzt besser, als ich jemals gedacht habe.

Ich werde momentan oft gefragt, ob ich es bereue, dass ich die Operation nicht früher gemacht habe. Das ist eine schwierige Frage. Natürlich – wenn ich vor 10 Jahren gewußt hätte, dass es so gut klappt, hätte ich es auf jeden Fall gemacht. Wenn die Operationstechnik vor 10 Jahren so weit gewesen wäre, dass die Operation so schnell über die Bühne geht, hätte ich es auf jeden Fall gemacht. Wenn die Soundprozessoren damals so gut gewesen wären, dass ich auf Anhieb so gut gehört hätte wie jetzt, hätte ich es auf jeden Fall gemacht. Aber ich war damals einfach noch nicht soweit. Auch wenn das Leben mit einer schweren Hörbehinderung nicht einfach ist, war ich daran gewöhnt und habe versucht, das Beste draus zu machen. Und das hat sehr gut geklappt – beruflich als auch privat. Mein Leidensdruck war vor 10 Jahren einfach noch nicht so groß und als Freiberufler wäre es auch finanziell schwierig gewesen, über einen längeren Zeitraum auszufallen. Außerdem hatte ich einfach Angst. Wenn einem als Kind bei einer Mandeloperation die Ohren versaut werden ist es nicht so einfach, sich wieder ins Krankenhaus zu bewegen und an sich herum schrauben zu lassen – so etwas bleibt hängen. Und dann kämpft der Kopf gegen den Bauch und der Verstand gegen die Seele.

In diesem Sommer war der Zeitpunkt jetzt einfach da – nach vielen Recherchen und Gesprächen und Grübeleien. Ich denke zwar manchmal daran, wie viel mehr ich im Job und zu Hause mitbekommen hätte, wenn ich schon vor 10 Jahren so “gut” gehört hätte wie jetzt – vor allem was das Aufwachsen der eigenen Kinder betrifft. Man verpasst ja doch so einiges bei ihrer sprachlichen Sozialisation wie z.B. amüsante Wortschöpfungen oder philosophische Weisheiten aus Kindermund. Vieles habe ich von meiner ErstBestenHälfte übersetzt bekommen; live ist es natürlich besser. Trotzdem ist diese Entscheidung für mich zum richtigen Zeitpunkt gefallen und es ist müßig darüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn ich schon vor 5 oder 10 oder 15 Jahren diesen Schritt gewagt hätte. Ich habe es jetzt getan und funktioniert hervorragend. Und ich freue mich auf die Zukunft mit Cochlea-Implantat. Das ist das Einzige, was zählt.

Tag 13 – Service & Smalltalk

Heute stand eine echte Hörfeuerprobe auf dem Programm. Ich bin früh nach Hamburg gefahren, um beim Reifenservice neue Reifen auf meinen Firmenwagen aufziehen zu lassen. Anschließend stand ein Ölwechsel-Termin bei Skoda an und bis zur Abholung wollte ich ein paar Arbeitskollegen in Hamburg treffen.

Auf dem Weg nach Hamburg höre ich erst Musik, dann springt eine Verkehrsdurchsage an. Ich verstehe etwa die Hälfte und schalte die Nachrichten ein. Hier verstehe ich zwar etwas weniger, aber einzelne Sätze und Wörter kommen schon gut an. Verkehrsdurchsagen folgen einem recht einfachen syntaktischen Muster und ich kann gut erahnen, was gesagt wird:

Auf der [Name der Autobahn] [n] Kilometer [Stau/zähflüssiger Verkehr] wegen [einer Baustelle/eines Unfalls]

Das ist einfach. Nachrichten sind schwieriger, weil hier alles möglich ist – vor allem seit Donald Trump Präsident der USA ist – eine Meldung wie

Donald Trump beriet sich heute mit Paris Hilton über die Farbgestaltung der Schutzmauer, welche die US-Amerikanische Space-Force zwischen Erde und Mond errichten will. Die Finanzierung soll durch das galaktische Imperium erfolgen

kann man auch mit Top-Implantaten nur schwer verstehen (siehe auch Tag 5 – Traumdeutung). Ich kann aber zumindest einigen tagesaktuellen Meldungen gut folgen, z.B. als es über den tragischen Brückeneinsturz in Genua geht.

Service-Termine, wo auch immer, sind für normalhörende Menschen eigentlich keine besondere Herausforderung – deutsche Amtsstuben mal ausgenommen. Mit einer Hörschädigung kann so etwas schnell sehr anstrengend werden. Denn die Gesprächspartner kennen mich nicht und sind nicht auf Kommunikation mit einer hörbehinderten Person eingestellt. Einige sprechen undeutlich oder haben ein schlechtes Mundbild; oftmals gibt es laute Hintergrundgeräusche und Rückfragen, die man verstehen muss und nicht kombinieren kann – wie zum Beispiel die Frage nach alternativen Reifengrößen oder Herstellern oder technische Erläuterungen. Ich gehe damit locker um und bin bislang überall lebend wieder herausgekommen. Es ist halt nur manchmal recht anstrengend.

Beim Reifenservice verstehe ich alles. Nichts muss wiederholt werden. Auch bei der Abgabe meines Fahrzeugs in der Werkstatt eine halbe Stunde später komme ich mit nur einer Wiederholung aus – bei drei verschiedenen Gesprächspartnern (Empfang, Service-Mitarbeiter, Ersatzwagen-Herausgabe). Das ist ein Spitzenwert – mit Hörgeräten hätte ich hier an jeder Station mindestens 3-4 mal nachfragen müssen. Nach der Abgabe meines Fahrzeuges traue ich mir noch ein Beratungsgespräch zu einem Hybridfahrzeug zu, weil mich Elektromobilität sehr interessiert. Auch das ist ein begeisterndes Erlebnis, denn ich verstehe fast jedes Wort – auch bei einer kurzen Probefahrt durch Hamburg. Verbale Kommunikation macht mir allmählich richtig Spaß.

Später treffe ich einen Freund und früheren Arbeitskollegen zum Kaffee, den ich lange nicht gesehen habe. Maik gehört zu der Sorte von Menschen, die eine fantastische Artikulation haben und für hörgeschädigte Menschen hervorragend zu verstehen sind. Wir unterhalten uns etwa eine Stunde draußen in der Hamburger City und trotz des Umgebungslärms verstehe ich ausgezeichnet und muss eigentlich gar nicht mehr kombinieren. Und das mit einem elektrischen Ohr nach 13 Tagen anstatt zweier Hörgeräte, an die ich 40 Jahre lang gewöhnt war. Und der Kaffee, ein portugiesischer Galao, war auch lecker.

Anschließend geht es zum nächsten Kaffee mit einem weiteren alten Freund und Arbeitskollegen, der nicht nur ein schlechtes Mundbild hat, sondern auch einen leichten englischen Akzent – ein echter akustischer Worst Case für hörgeschädigte Menschen. Wir kennen uns schon sehr lange und ich habe David schon immer schlecht verstanden – er schätzt etwa 50%, ich würde eher auf 30% tippen. Der Rest war Kombination, Wiederholungen und im Notfall: Aufschreiben. Oder einfach mal die Fresse halten und den Kaffee genießen. Davon kann heute keine Rede sein – ich verstehe auch hier fast jedes Wort. In etwa 45 Minuten Unterhaltung sind vielleicht zwei oder drei Wiederholungen notwendig. Das ist ein Riesenerfolg und wir beide freuen uns sehr darüber und auf die nächsten gemeinsamen Kaffeepausen  – dann vielleicht sogar auf Englisch.

Im Normalfall bräuchte ich nach zwei solchen Gesprächen erst einmal eine lange Hörpause, weil ich mich mit Hörgeräten 100% konzentrieren muss. Für mich gab es bislang keine lockeren Unterhaltungen – jede Kommunikation war Schwerstarbeit. Ich vergleiche dies gern mit dem Zuhören einer fremden Sprache, die man nicht flüssig beherrscht. Man versteht einzelne Wörter und auch worum es geht, muss aber recht viele Vokabel- und Verständnislücken durch Kombination vervollständigen. Das ist anstrengend. Small Talk kenne ich nicht – für mich war bislang jede Gesprächssituation Hard Talk. Das wird jetzt deutlich einfacher.

Also treffe ich anschließend noch einen Freund und Arbeitskollegen und wir gehen gemeinsam eine Kleinigkeit essen. Auch Patrick gehört nicht zur Sorte der Top-Artikulierer, aber auch ihn verstehe ich deutlich besser als vorher. Im Restaurant komme ich ein wenig an meine Grenzen, weil die ganze Zeit lautes Geschirr- und Besteckgeklapper im Hintergrund zu hören ist und muss ein wenig häufiger nachfragen als bei den beiden vorherigen Gesprächen, aber insgesamt ist auch dieses Essen ein schöner Erfolg. Draußen auf der Straße verstehe ich wieder deutlich besser – den Straßenlärm dämpft der Soundprozessor deutlich besser als Küchengeräusche. Ich hoffe, dass man dies bei der Erstanpassung in den Griff bekommt.

Besonders schön ist, dass mir immer mehr Menschen sagen, dass ich deutlicher spreche, seit ich das Cochlea-Implantat habe. Der einfache Grund dafür ist, dass ich mit Implantat Konsonanten höre. Mit Hörgeräten habe ich zwar M und N noch wahrgenommen, aber kein S oder SCH oder CH oder K – auch nicht, wenn ich selbst gesprochen habe. Ich höre mich selbst viel besser sprechen und gebe mir deshalb auch mehr Mühe, deutlich zu reden.

Die anschließende Fahrzeugabholung  beim V.A.G.-Servicebetrieb läuft problemlos – abgesehen davon, dass es trotz Termins mal wieder nicht geschafft wurde, einen Ölwechsel innerhalb von 8 Stunden durchzuführen. Sorry, Jungs: Euer Laden arbeitet so gut wie mein Ohr hört. Ohne Implantat.  Ich führe deshalb ein längeres, energisches und verärgerter Gespräch am Empfangstresen, verstehe auch hier jedes Wort, freue mich sehr, mache ein böse Gesicht und fahre nach Hause.

Dort angekommen geht es erst einmal zum Entspannen auf die Couch und der Soundprozessor bekommt eine Pause. Erst nachts um eins wache ich wieder auf – der Tag war wunderbar, aber dennoch sehr, sehr anstrengend.

Tag 12 – Timeout

Heute habe ich nichts gemacht. Nada. Niente. Zero. Ich brauchte nach den Aufregungen der ganzen letzten Tage einfach mal ein Timeout. Wenn man ein Cochlea-Implantat bekommt ist es wichtig, auf sich selber zu hören und einfach mal einen Gang herunter zu schalten, wenn der Sprit alle ist. Ein paar Dinge gibt es trotzdem zu erwähnen, denn ganz ohne Musik geht es mit Implantat nicht mehr:

Schlagzeug spielen geht immer besser. Ich habe ein bisschen mit der Fernbedienung experimentiert, den Soundprozessor leise gestellt und die Geräuschempfindlichkeit soweit wie möglich herunter geregelt. Mit dieser Einstellung hört sich das Schlagzeug richtig gut an. Ich kann sogar erste Songs zur Musik spielen, wenn ich das Smartphone an die Aktivbox anschließe und voll auf Anschlag gehe. Mit Rücksicht auf die Nachbarn werde ich nicht weiter exzessiv daran arbeiten sondern warten, bis ich nach der Erstanpassung die Umgebungsgeräusche des Soundprozessors stumm stellen kann, wenn ein Audiokabel angeschlossen ist.

Am Klavier habe ich ein wenig mit meiner Stimme experimentiert und versucht, Töne zu treffen. Das klappt halbwegs gut. Als Kind habe ich gerne und viel gesungen und auch als Teenager gerne am Klavier Pop-Balladen gespielt und dazu gesungen. Zwar ist meine Stimme nach knapp 40 Jahren mit Hörgeräten ziemlich eingerostet und ich treffe nicht jeden Ton, aber ich höre, wenn meine Stimme nicht zur angeschlagenen Klaviernote passt. Das war mit Hörgeräten nicht möglich. Vor ca. neun Jahren habe ich im Rahmen meines Westerwave-Comedyprojektes in einem Tonstudio versucht, einen Westerwave-Song einzuspielen. Das klappte gar nicht; ich war nicht in der Lage, die Töne auch nur halbwegs zu treffen. Ein Pavarotti wird aus mir auch mit Implantaten nie werden, aber es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass ich mich vielleicht schon bald wieder am Klavier gesanglich begleiten kann.

Tag 11 – Wireless

Heute früh wurden die Fäden der Operationsnarbe gezogen. Das tat nur ein kleines bisschen weh und die Wunde heilt ausgezeichnet. Am Mittwoch darf ich erstmals wieder komplett duschen und meinen Kopf rasieren. Darauf freue ich mich sehr. Und noch etwas anderes ist erfreulich:

Das Aufgerufen werden in Wartezimmern ist für hörgeschädigte Menschen eine unangenehme Situation. Es gibt im grob zusammengefasst drei Szenarien:

  1. Das Business Class-Szenario: Das Praxispersonal kommt ins Wartezimmer und ruft mich persönlich auf.
  2. Das Economic Class-Szenario: Ich werde erst aufgerufen, höre es nicht, und irgendwann steht eine Arzthelferin armwedelnd und hyperventilierend vor mir.
  3. Das Ryanair-Szenario: Ich werde aufgerufen, höre es nicht, aber merke irgendwann, dass alle wartenden Patienten sich umsehen und niemand aufsteht. Dann marschiere ich los und frage, ob ich aufgerufen worden bin.

Mit dem Cochlea-Implantat kommt eine neue Variante hinzu: Ich höre durch die geschlossene Tür des Arztzimmers, dass mein HNO-Arzt mich aufruft. Zwar bin ich erst so überrascht, dass trotzdem ein Husch-Husch-Signal vom Tresen kommt, aber ich habe es tatsächlich gehört und es klang wie mein Name. Das ist großartig.

Am Vormittag übe ich ein wenig mit meinen Hörtraining-Apps. Was leider noch nicht klappt, ist das Verstehen von englischen Sätzen. In der Übung geht es darum, nach dem Anhören einer kurzen Geschichte auf Englisch, bei der auch der Sprecher gezeigt wird, Fragen zum Inhalt zu beantworten. Ich kann hier nur raten – dieses Hörziel wird noch viel Übung brauchen. Ich glaube aber, dass ich Gesprächen mit englischen Gesprächspartnern, die ich selber steuere, folgen kann. Am Mittwoch treffe ich einen Arbeitskollegen aus Manchester, mit dem ich das mal ausprobieren werde.

Gesprächsführung ist für hörgeschädigte Menschen sehr wichtig, damit die Verstehenslücken optimal durch Mundablesen und Kombinieren gefüllt werden können. Ich muss wissen, worum es geht, sonst kann ich einer Unterhaltung nicht folgen. Das kann dazu führen, dass hörgeschädigte Menschen manchmal etwas gesprächsdominant wirken; dies ist allerdings die einzig mögliche Hörstrategie. Dazu gehört auch ein Unterbrechen der Sprecher, wenn man den Faden verliert und einen Rettungsanker braucht – oder aber in einer Gruppe gar nicht mitbekommt, dass jemand spricht oder gerade dazu angesetzt hat. Das ist manchmal etwas unangenehm. Ich mag es gar nicht, wenn man anderen ins Wort fällt. Meine Umgebung kennt das Problem und ist darauf eingestellt. Ich hoffe trotzdem, dass ich mit den Cochlea-Implantaten zu einem harmonischeren Gesprächspartner werde.

Und dann wieder Musik. Ich höre heute vor allem unbekannte Songs von Bands, die ich gerne mag. Die musikalische Entwicklung von U2 habe ich zum Beispiel nach The Joshua Tree, für mich eins der schönsten Alben aller Zeiten, nicht wirklich weiterverfolgen können; lediglich Numb ist mir geläufig. Außerdem höre ich mir Bands aus den 90ern an, bei denen ich immer das Gefühl hatte, dass ihre Musik mir gut gefällt, wie z.B. Pearl Jam oder die Stone Temple Pilots. Das meiste gefällt mir wirklich gut und ich freue mich drauf, noch sehr viel Neues zu entdecken. Die Kabelverbindung vom Soundprozessor zum Smartphone nervt auf Dauer ziemlich. Das Tragen von Kopfhörern mit Kabel bin ich nicht gewohnt. Ich hoffe sehr, dass Med-El bald eine kabellose Lösung auf den Markt bringt, die ein direkte Bluethooth-Verbindung mit dem Smartphone ermöglicht. Cochlear, der größte CI-Hersteller, ist seit dem Frühjahr schon so weit.

Später wage ich mich an das erste Hörspiel, nachdem ich bei der Suche nach dem Soundtrack des ersten Star Wars Teils auf Spotify aus Versehen das Hörspiel anklicke anstatt der Filmmusik. Ich verstehe hier erstaunlich gut – etwa 50 % aller Wörter kommen klar an. Möge die Hörmacht mit mir sein.

Meine ErstBesteHälfte schickt mir später auf dem Rückweg von einer weiter entfernt lebenden Freundin eine Sprachnachricht auf WhatsApp, die ich zu ca. 70 % verstehe. Und ich schicke meine erste Sprachnachricht zurück. Ist eigentlich praktisch – als überzeugter Chatter habe ich das noch nie gemacht. Chatten war für mich immer sehr wichtig. Meine Internet-Ausbildung habe ich in den 90er Jahren im Chat bekommen – im Internet Relay Chat zu einer Zeit, als fast nur Computerexperten dort aktiv waren. Viele meiner Freunde habe ich im Chat kennengelernt und später persönlich getroffen und es war fast immer eine tolle Erfahrung. Auch die ErstBesteHälfte habe ich im Chat kennengelernt – ich fühle mich in diesem Medium einfach sehr wohl, weil ich gerne schreibe und dort kein Handicap habe. Wenn das Verstehen weiter so viel Fortschritte macht, wird für mich etwas Neues hinzukommen.

Neu ist auch, dass das Telefon-Symbol meines Smartphones erstmals auf dem Startbildschirm ist – diese Funktion habe ich bislang nie gebraucht und werde jetzt erst einmal lernen, wie man ein modernes Telefon benutzt.

Tag 10 – Extra Tomato

Heute habe ich es wieder ruhig angehen lassen und die Garage aufgeräumt. Zwischendurch immer wieder Training mit den Hörtrainings-Apps von Asklepios (Deutsch) und Heroes (Englisch). Bei der deutschsprachigen App habe ich mittlerweile bei den meisten Übungen Trefferquoten von 80-100%; allerdings ist der Umfang der Übungen recht eingeschränkt. Der Fortschritt der zweiten Woche ist deutlich sichtbar:

   
KW 31                             KW 32

 

Heroes ist umfangreicher und macht etwas mehr Spaß, weil es auch ein paar Übungen mit Spielcharakter gibt. Die Bestellungen an der Burger-Kasse kann ich bereits zum Beispiel zu 80-90 % richtig erkennen und auch verschiedene Küchengeräusche identifiziere ich in dieser Größenordnung.

Über weitere Tipps zu Hörtraining-Apps würde ich mich sehr freuen.

Am Abend höre ich zum ersten Mal das Piepsen des Ofen-Timers. Die Pizza wird also künftig nicht mehr ganz so kross sein.

Tag 9 – Von Sternschnuppen, Schnarchnasen und Cyborgs

Nach einem guten Schlaf geht es zum Bäcker, um Frühstücksbrötchen zu kaufen. Ich gehöre zur Sorte der unentschlossenen Brötchenkäufer, die Bäckereifachverkäuferinnen an den Rand des Wahnsinns treiben können, weil sie nicht einfach 10 Brötchen bestellen, sondern sich von der Auslage überfordern lassen. Dann doch lieber ein Weltmeisterbrötchen statt eines klassischen Mehrkorns und doch lieber ein Mohnbrötchen weniger und dafür ein vegan-laktosefreies Dinkelroggen mehr und eigentlich könnten es auch 10 statt 8 Brötchen sein… liebe Bäckereifachverkäuferinnen der Welt: Ich will Euch wirklich nicht ärgern, aber das überfordert mich. Brötchen kaufen kann damit zu einer echten kommunikativen Herausforderung für Hörgeschädigte werden, weil es entsprechend viele Rückfragen gibt. Mit Cochlea-Implantat ist das wesentlich einfacher – ich brauchte keine Wiederholungen und habe auch den Preis verstanden. Und die Bäckereifachverkäuferin braucht keine Kaffeepause zur Erholung.

Ein schöner Start in den Tag, den ich ansonsten mit Ausmisten und Aufräumen verbringe. Zwischendurch übe ich ein wenig mit meinen Hörtrainings-Apps (siehe Links) und erziele nach ein paar Minuten auf Anhieb gute Ergebnisse. Bestimmte Konsonanten und Vokale funktionieren nach wie vor nicht gut – ich verstehe zum Beispiel sehr gut den Unterschied zwischen Cat und Mat oder Tap und Map, aber Mail oder Hail verstehe ich sehr schlecht während andererseits Snail und Snake sehr gut zu verstehen sind. Ich bin gespannt, inwieweit die Erstanpassung in der ersten Septemberwoche hier korrigierend eingreifen kann.

Am Abend ist ein Nacht-Picknick bei Freunden angesagt; wir wollen gemeinsam Sternschnuppen schauen, die sich für heute Nacht angekündigt haben. Für Hörgeschädigte ist so etwas deutlich weniger romantisch als für nicht hörgeschädigte Menschen, denn es fehlt etwas, was zum Verstehen für mich bislang enorm wichtig ist: Licht. Ich benötige ein deutlich sichtbares Mundbild zum Verstehen. Ich liebe es zwar, mit Freunden Abends bei Kerzenschein zu sitzen, aber ich verstehe dann kein Wort, sondern muss die Gesprächspartner anleuchten. Wer auf US-Cops und nächtliche Verkehrskontrollen steht, findet das sicher romantisch – im Normfall fall dämpft es aber die Stimmung. Ich kann mich auch im Bett nicht ohne Festbeleuchtung mit der ErstBestenHälfte unterhalten. Ich brauche zum Verstehen Licht.

Der Abend ist trotzdem ein toller Erfolg. Wir sind sechs Personen; in der Dämmerung kann ich den Gesprächen zwar nicht flüssig, aber halbwegs folgen. Natürlich erfordert dies volle Konzentration und ich brauche zwischendurch Hörpausen, in denen ich aus dem Gespräch aussteige. Als es dunkler wird, setze ich zum ersten Mal seit neun Tagen mein Hörgerät auf der linken Seite ein, um ein bißchen Hörhilfe auf der anderen Ohrseite zu erhalten – und bin schockiert. Wie konnte ich damit hören? Alles klingt total dumpf und unscharf und ich kann kein einziges Wort mehr verstehen, nachdem ich den Soundprozessor ausschalte. Es fühlt sich unangenehm an. Mit dem Implantat hingegen klingt alles glasklar und deutlich. Mein Gehirn hat sich schon nach neun Tagen komplett auf das CI eingestellt und kann und will mit dem alten Hören nicht mehr viel anfangen. Spätestens jetzt ist mir klar, dass ich auch auf der linken Seite ein Cochlea-Implantat haben möchte – und zwar schnellstmöglich.

Später schlafe ich im Dunkeln auf der Picknickdecke kurz ein. Als ich wach werde, höre ich die ErstBesteHälfte Du Schnarchnase sagen. Im Dunkeln. Ohne Mundbild.

Wir sitzen danach noch lange auf der Terrasse und ich bemerke, dass ich einem Gespräch mit sechs Personen noch nicht folgen kann – die Themen und die Sprecher springen zu schnell hin und her. Dennoch verstehe ich immer wieder Wörter und Satzfetzen und kann ein paarmal in eine laufende Diskussion einsteigen. Auch das war mit Hörgerät nie möglich: Verstehen ohne vorher zu wissen, worum es geht. Gegen ein Uhr sind wir nur noch zu viert und das macht die Situation deutlich entspannter. Wir diskutieren fast zwei Stunden angeregt über philosophische Fragen bei Implantaten, mit denen sich vor allem Enno Park intensiv beschäftigt. Enno, ein deutscher Journalist und Informatiker, der selber beidseitig mit Cochlea-Implantaten versorgt ist, hat den Verein Cyborgs e.V. ins Leben gerufen, der sich für die Rechte implantierter Menschen und unter anderem dafür einsetzt, dass Implantat-Träger selbst an die Codes und Schnittstellen ihrer Geräte heran dürfen, um zum Beispiel Einstellungen zu verändern oder Zubehör dafür zu entwerfen. Das ist ein spannendes und kontroverses Thema und dementsprechend ist auch unsere Diskussion sehr anregend und interessant.

Besonders interessant ist: Ich verstehe jedes Wort. Und das nach einem langen Tag. Und ich habe drei Sternschnuppen am Himmel gesehen. Was will man mehr.

Tag 8 – Drums & Honors

Heute habe ich mich bei Prof. Dr. Lenarz, dem Leiter der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover, für die hervorragende Betreuung und Durchführung der Operation bedankt. Ich war anfangs skeptisch bei der Auswahl der Klink, weil ich vereinzelt negative Kritik über die Beratung dort gelesen habe – die MHH ist sehr groß und führt sehr viele Cochlea-Implantationen durch, was eine straffe Organisation erfordert. Der Ablauf dort ist perfekt durchorganisiert und man durchläuft in den zwei Tagen vor der OP jede Menge Voruntersuchungen, was natürlich anstrengend ist. Ich habe mich allerdings nie gehetzt gefühlt und an jeder Station waren die behandelnden Ärzte und PflegerInnen durchweg freundlich und haben mir alle Fragen ausführlich beantwortet.

Dank der Zusammenarbeit mit dem nebenan liegenden Deutschen Hörzentrum ist auch ausreichend Zeit gewesen, sich über die verschiedenen Implantat-Hersteller zu informieren, die Geräte anzuschauen und ‘anzuprobieren’. Natürlich kann man vorher nicht ausprobieren, wie die verschiedenen Prozessoren klingen, aber die Passform, Haptik und das Bauchgefühl sind ebenfalls wichtige Entscheidungsfaktoren – ein gutes Sprachverständnis ist mit allen dort angebotenen Produkten möglich. Die Beratung im Hörzentrum war sehr umfangreich und ich wurde auch nicht zu einem bestimmten Produkt hin gedrängt oder überredet.

Ausschlaggebend für die Entscheidung war letztendlich die große Erfahrung, die das HNO-Team der MHH mit Implantationen hat. Da ich im Krankenhaus durch einen Kunstfehler schwerhörig geworden bin, hatte ich große Angst vor diesem Eingriff und mir war wichtig, dass die behandelnden Ärzte viel Erfahrung bei dieser Operation haben. Sicherlich gibt es viele weitere gute Kliniken in Deutschland und ich kenne viele Erfahrungsberichte von CI-Trägern, die auch anderswo sehr zufrieden gewesen sind. Ich kann nur das beurteilen, was ich selbst erlebt habe – und das war der beste Krankenhausaufenthalt meines Lebens.

Ich schlafe immer besser und bin heute spät aufgestanden, weil ich gestern Nacht lange Konzerte auf YouTube geschaut habe. Und habe mich dann ans Schlagzeug gesetzt. Ich habe seit zwei Jahren Schlagzeugunterricht, weil dies das einzige Instrument ist, das ich mit Hörgeräten noch gut hören kann – und weil ich es sowieso schon immer toll fand. Leider kann ich nur solo spielen und nicht mit Musik, weil Drumschläge für Hörgeräte und auch Soundprozessoren ein Worst Case sind. Normalerweise versuchen die Geräte ja laute Knallgeräusche zu unterdrücken und sind auf das Verstehen von Sprache optimiert. Das führt dazu, dass ich beim Drummen keine Umgebungsgeräusche mehr wahrnehme und auch Musik, die entweder direkt ins Hörgerät oder in eine sehr laute Aktivbox geleitet wird, nicht mehr sauber höre und deshalb dem Takt nicht folgen kann. Ich habe hier alles Mögliche versucht: Mit Vibrationsmetronomen, Musik-Visualisierungs-Apps, die den Takt als visuelles Muster wiedergeben, Schlagzeugdämpfern und verschiedenen Hörprogrammen – bisher ohne Erfolg.

Mit dem Cochlea-Implantat geht das deutlich besser. Ich kann das erste Mal zumindest ruhigen Songs problemlos im Takt folgen, auch wenn die Musik nicht mehr gut klingt, wenn das Schlagzeug dröhnt. Das ist ein Riesenerfolg – ich hatte erwartet, dass der Soundprozessor in so einer Extremsituation auch kapituliert. Leider kann ich die Umgebungsgeräusche nicht stumm stellen, wenn der Soundprozessor direkt ans Smartphone angeschlossen ist; das sollte man bei der Erstanpassung aber ändern können. Insgesamt bin ich optimistisch, dass ich mit einem entsprechenden Setup irgendwann Schlagzeug zu Musik spielen kann. Mit dem Audiologen habe ich bei der Frühanpassung bereits besprochen, dass ich eine Trommel mit zur Erstanpassung mitnehme.

Abends schaue ich mit der Familie “The Greatest Showman” auf DVD – die Musik höre ich wirklich gut und es macht Spaß, aber es wird noch viel Arbeit brauchen, bis ich ohne Untertitel Filme schauen kann. Als großer Filmfan hoffe ich, dass ich irgendwann ins Kino gehen und das Gerede verstehen kann – das wäre fantastisch.

Tag 7 – Oma strickt blaue Strümpfe

Ich lache sehr gern und bin seit meiner Jugend ein großer Fan von Kleinkunst und Comedy. Einige meiner Leser wissen vielleicht, dass ich selbst vor einiger Zeit mit ‘Westerwave – no one can reach me the water‘ ein recht erfolgreiches Online-Comedy-Projekt am Start hatte, das ich nach dem Tod von Guido Westerwelle eingestellt habe. Während meiner Studienzeit habe ich jahrelang begeistert das Comedy Arts Festival in Moers besucht, das damals noch unter freiem Himmel stattfand und auch heute noch gehe ich gern auf Kleinkunstfestivals wie z.B. La Strada in Bremen. Ich habe eine große Vorliebe für Clowns, Jongleure (ich jongliere selber auch mit Bällen, Keulen, Fackeln und Diabolos), Kabarett und gute Komiker wie z.B. Loriot oder John Cleese, den ich wahnsinnig gern auf seiner finalen Tour live erlebt hätte, wenn ich ihn verstehen würde. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal auf eine Comedy-Live-Veranstaltung gehen und dabei Spaß haben kann.

Für das Zuschauen von Jongleuren oder Pantomimen braucht man im Normalfall keine Ohren, aber alle Künstler, die mit Sprache arbeiten, sind für hörgeschädigte Menschen eine echte Herausforderung – es ist anstrengend, soll aber eigentlich entspannend sein. Ich habe mir in den letzten Jahren deshalb wenig Comedy angeschaut – zum Beispiel Extra-3, das komplett untertitelt ist und ab und zu immer wieder mal Oliver Kalkofes Mattscheibe – denn Kalkofe spricht enorm deutlich und hat ein hervorragendes Mundbild.

Ich erzähle dies alles, weil ich heute auf dem Laptop Comedy geschaut habe – ohne Untertitel. Und das funktioniert schon wirklich gut – wenn es auch nach wie vor große Konzentration erfordert. Nico Semsrott gefällt mir gut, Rüdiger Hoffmann ist auch toll zu verstehen – er spricht ja sehr langsam. Mario Barth (aus Rücksicht auf meine Leser ohne Link) ist so furchtbar flach, wie ich immer dachte und die meisten anderen Künstler, die derzeit mit Stand-Up-Comedy-Programmen über das TV flimmern, sind so lustig wie ein Hörtest mit Nadel durchs Trommelfell. Das bringt mich auf die Idee, eine Liste der Dinge zu machen, für ich auf keinen Fall hören möchte:

  • Mario Barth. Von vorne und von hinten  – hahahahaha!
  • Erbrechen. Hörte ich am Tag nach der Erstanpassung beim Bettnachbarn. Muss nicht sein.
  • Sämtliche Reden von Alexander Gauland und seinen Minions. Siehe “Erbrechen”. Ich hoffe, es gibt keinen Link dazu.
  • Alle Sätze, die mit “ein Youtuber…” beginnen. Sorry, Junior II – es ist wundervoll, Deine Stimme zu hören, aber ich finde selbst Dein Schnarchen interessanter.
  • Nasse Füsse in Crocs. Ich hoffe, mein Audiologe kann das rausfiltern.
  • Chipstüten. Kartoffelchips gehören in eine Schale oder verboten.

Diese Liste wird noch erweitert – allzu viel habe ich ja noch nicht gehört.

Nach dem Comedy-Vormittag mache ich erste Versuche Englisch zu verstehen. In meinem Beruf läuft die Kommunikation überwiegend auf Englisch und das Verstehen dieser Sprache, die ich schriftlich sehr gut beherrsche, ist eines meiner großen Hörziele. Allerdings ist es gar nicht so einfach Videos zu finden, auf denen Englisch gesprochen wird, bei denen der Sprecher langsam und deutlich spricht und die sein Mundbild zeigen. Die ersten Versuche mit der Tonight Show von Jimmy Fallon sind zwar eher ernüchternd, aber immerhin verstehe ich einzelne Worte und kann mir erstmals vorstellen, dass verbale Kommunikation auf Englisch möglich ist, wenn mein Gegenüber langsam und deutlich spricht und ich weiß, worum es geht. Das wäre schon ein Riesenschritt nach vorne. Wer Tipps für Videos hat, auf denen man gut verständliches Englisch sieht, möglichst männlich, Alltagsthemen und kein Fachchinesisch, kann mir gern eine E-Mail schicken.

Später lade ich mir eine englischsprachige Hörtraining-App auf mein Smartphone – Hearoes. Die Resultate sind deutlich besser als erwartet – vor allem verbessert sich das Verstehen schon in kurzer Zeit enorm. Die Übungen sind teilweise wirklich anspruchsvoll – es gilt zum Beispiel herauszuhören, ob Rat, Bat, Hat, Map oder Nap gesprochen wird. Ich übe damit eine halbe Stunde und erreiche einmal 10 von 10 Punkten; im Normalfall verstehe ich 80% richtig. Interessanterweise sind die Ergebnisse fast doppelt so gut, wenn eine Männerstimme spricht – mit Frauen habe ich es gerade nicht so. Mario Barth würde sich jetzt vermutlich totlachen…

Am Nachmittag kommt eine Freundin aus der Nachbarschaft vorbei und freut sich riesig. Dann besuche ich noch meinen Tennispartner und auch er ist ziemlich beeindruckt. Ich verstehe ihn wirklich gut, selbst als er testweise “Oma strickt blaue Strümpfe” sagt um herauszufinden, ob ich wirklich so gut höre. Das wäre vorher nie möglich gewesen – ohne passenden Kontext war ich selbst mit Mundbild aufgeschmissen. Denn das Lippenablesen funktioniert selbst bei Power-Lippenablesern nur dann, wenn man halbwegs weiß worum es geht – wie viele lustige “Bad-Lipreading-Videos” auf Youtube zeigen – wie zum Beispiel von Mark Zuckerbergs Anhörung. Auch Donald Trumps Treffen mit Kim Jong-Un ist wirklich herrlich gemacht- und die Untertitel passen perfekt zum Mundbild.

Am frühen Abend bin ich dann k.o. und das elektronische Ohr macht erst einmal Pause. Insgesamt merke ich heute, dass mir der ruhige Tag gestern sehr gut getan hat. Es ist grade nicht so einfach, die richtige Balance zwischen meinem akustischen Entdeckerdurst und meiner körperlichen und mentalen Leistungsfähigkeit zu finden. Alles ist immer noch sehr aufregend und ich muss mich selber manchmal bremsen.

Spät am Abend schaue ich ein komplettes Konzert der Red Hot Chilli Peppers auf  Youtube. Ich freue mich wahnsinnig auf das erste Live-Konzert mit Implantat.

Tag 6 – Langsam fahren

Ich habe heute etwas besser geschlafen. Morgens lasse ich das elektronische Ohr erst einmal aus, bis ich richtig wach bin und fahre dann zu meinem Hausarzt, der sich sehr über die bisher erzielten Erfolge freut.

Das Autofahren genieße ich so sehr, dass ich durchweg langsam fahre. Das gab es noch nie. Ich höre meine Spotify-Listen, versuche auch Radio zu hören aber das klappt noch nicht wirklich gut. Ebenfalls schwierig ist das Anhören von What’s App Textnachrichten der ErstBestenHälfte (EBH) über Android Auto und die Freisprechanlage. Denn ich wusste bislang nicht, dass nicht nur der Nachrichtentext vorgelesen wird, sondern dass davor und danach Hinweise gegeben werden:

“X hat geschrieben: [Nachricht] Blablabla”.

So wird aus einem einfachen “OK” eine echte Hörherausforderung.

Der Tag verläuft sonst eher hörpassiv; ich schreibe dieses Blog und habe das elektronische Ohr dabei überwiegend aus. Manchmal ist es wirklich praktisch, wenn man seine Ohren abstellen kann.

Die Batterien des Soudprozessors halten leider nicht so lange wie gedacht. Ich komme damit ein- bis eineinhalb Tage aus; dann muss ich wechseln. Wie die Akkus sich im Alltag schlagen, wird sich erst noch zeigen. Mit den Laufzeitangaben bei Hörgeräten und Soundprozessoren ist es ein bißchen wie mit Abgaswerten bei Autos: Theoretisch möglich, aber praktisch nahezu unerreichbar. Die Messzielgruppe ist vermutlich im Durchschnitt 75 Jahre alt und schläft täglich 12 Stunden. Ein Power-User, der das elektronische Ohr 18 Stunden aktiv nutzt, verbraucht wahrscheinlich das Doppelte des angegebenen Wertes.

Abends schaue ich zum zweiten Mal mit dem elektrischen Ohr TV, bin aber zu müde, um Verstehen zu üben. TV wird erst dann interessant, wenn ich Zubehör habe, das den Ton direkt ins elektronische Ohr überträgt. “Falling Down” ist trotzdem immer wieder klasse.

Tag 5 – Traumdeutung

Ich schlafe nach wie vor schlecht und wache sehr früh auf, weil ich ein überzeugter Rechtsschläfer bin und auf der linken Seite nur schlecht Ruhe finde. Der Kopf tut nach dem Aufstehen weh und ist verspannt, wenn ich liege. Es scheint ungefähr eine Stunde zu dauern, bis sich meine Physiognomie wieder auf die aufrechte Stellung eingestellt hat und ich mich mich wohl fühle und das elektronische Ohr aufsetze. Das Hörgerät des linken Ohres bleibt auch heute draußen.

Den Morgen widme ich Spotify und erstelle Playlists mit meinen Lieblingssongs aus den 80ern und meinen Indie-Favoriten. Die ErstBesteHälfte (EBH) steht ein wenig später verschlafen hinter mir und will mir ihren nächtlichen Traum erzählen. Traumerzählungen sind für Hörgeschädigte ein echter Worst-Case, denn es ist alles möglich und die bekannten, logischen Erzählmuster funktionieren hier nicht mehr, was Kombinieren nahezu unmöglich macht. “Erst saß ich im Auto und fuhr in den Kühlschrank und dann tauchte Herr Meier auf und spielte “Another Brick in the Wall” auf einem himmelblauen Kitchen-Aid-Toaster”. Wer das auf Anhieb versteht, hat in der Kategorie “Hörgeschädigt” eigentlich nichts mehr zu suchen. Kleiner Tipp für die Hersteller von Hörtest-Apps: Zusätzlich zu den Kategorien Einfach/Mittel/Schwer noch die Schwierigkeitsstufe “Ehefrau erzählt Traum” einbauen – und dann einfach beliebige Wortkombinationen bilden und miteinander verknüpfen.

Den Vormittag lasse ich ansonsten ruhig angehen und kümmere mich um Schriftkram, ein wenig Haushalt und das Bewässern der Pflanzen, die unter der andauernden Trockenheit stark leiden. Ich merke schnell, dass ich körperlich noch nicht wirklich belastbar bin und auch ohne Hörtraining rasch abbaue. Nach einer Stunde Hörpause versuche ich dann zum ersten Mal seit vielleicht 30 Jahren, meine Mutter anzurufen. Leider ist sie nicht erreichbar, aber ich verstehe tatsächlich die Durchsage am Telefon “der gewünschte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal”. Danach kommt Kauderwelsch, was sich hinterher als englische Version dieser Durchsage herausstellt. Das überfordert mich natürlich. Noch…

Am Nachmittag steht ein Termin bei meinem Hörgeräteakustiker an, um mein bisher genutztes Ohrpassstück rechts an die Größe des Soundprozessors anzupassen, damit ich bei der Erstanpassung testen kann, ob die Hybridfunktion nutzbar ist, die zusätzlich zur elektronischen Übertragung an das Hörimplantat tiefe Töne wie ein Hörgerät in die Hörmuschel sendet. Auch dieser Termin ist toll: Ich verstehe meinen Akustiker auf Anhieb deutlich besser als mit Hörgeräten. Er freut sich sehr über meinen Erfolg und gibt mir wertvolle Tipps für die Beantragung von Zubehör, das ich im Beruf brauchen werde, mit auf den Weg  – wie z.B. Richt- oder Raummikrofone für ein besseres Hörverständnis in Meetings.

Anschließend steht noch ein kurzer Besuch im Uhrenladen an. Die Verkäuferin verstehe ich ohne Mundablesen nicht und muss Sie auf Gesichtskontakt hinweisen – dann ist das Verständnis aber prima. Auch beim Bäcker, wo ich mir anschließend einen Latte gönne, verstehe ich nicht so gut, sondern muss den Preis an der Kasse ablesen. Vielleicht liegt es an der Hitze heute oder an der undeutlichen Artikulation der Verkäuferin. Auch im Fahrradladen, wo ich zusammen mit Junior I Zubehör besorge, verstehe ich kein Wort. Auch wenn mein Sohn mir sagt, dass selbst er den Fahrradmenschen sehr schlecht verstanden hat sind die heutigen Einkaufserlebnisse nach den ganzen euphorischen Begebnissen der letzten Tage ein bißchen frustrierend. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu schnell zu viel erwarte.

Als ich später zuhause im Garten sitze, fällt mir ein Geräusch auf, das meine EBH als Vogelzwitschern identifiziert. Ich höre tatsächlich Vogelzwitschern. Das klingt übrigens viel schöner als feierabendreife Bäckereifachverkäuferinnen mit Akzent. Ebenso schön ist es, die Stimme meiner EBH am Telefon zu hören. Wir versuchen ein erstes Telefonat und ich verstehe kurze Sätze und einzelne Wörter gut; bei längeren Sätzen und wenn ich nicht weiß, worum es geht, stoße ich schnell an meine Grenzen.

Am frühen Abend versuche ich dann erneut, meine Mutter anzurufen. Meine EBH hört das Gespräch mit, um dolmetschen zu können, wenn es gar nicht mehr geht. Meine Erwartungen sind sehr niedrig, aber es ist einen Versuch wert. Tatsächlich verstehe ich am Anfang einfache Sätze und Antworten, so lange ich das Gespräch führe. Meine Mutter ist sehr ergriffen und kann es kaum fassen. Ich baue beim Gespräch allerdings sehr schnell ab und am Ende geht es wieder nur mit dolmetschender Ehefrau – aber insgesamt ist das ein toller Erfolg und ich habe das sichere Gefühl, irgendwann wieder halbwegs telefonieren zu können. Einen Job bei der Telekom-Hotline werde ich natürlich auch mit zwei Implantaten nicht machen können. Es gibt Schlimmeres.

Anschließend rufe ich noch einen sehr guten Freund an, der nicht über die Implantation informiert war und den ich überraschen möchte. Zu Beginn des Gespräches bemerkt er nicht, was an der Situation ungewöhnlich ist. Erst als ich ihn frage, wann wir zum letzten Mal telefoniert haben, wird er stutzig und begreift, dass tatsächlich ich am anderen Ende bin und ihn zumindest teilweise auch ohne dolmetschende Hilfe verstehe. Das ist auf der einen Seite zwar etwas ernüchternd, weil ich ich davon ausgegangen bin, dass er die Fassung verliert, wenn ich ihn verstehe, aber andererseits eigentlich schön, denn es zeigt mir, dass meine Umgebung mich eigentlich gar nicht als hörbehindert wahrnimmt, auch wenn sie alles dreimal sagen muss.

Am Abend bin ich richtig k.o. Das elektronische Ohr bleibt bis zum Schlafen gehen draußen. Ich brauche Ruhe.