{"id":92,"date":"2018-08-04T18:10:32","date_gmt":"2018-08-04T16:10:32","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=92"},"modified":"2019-08-06T08:48:20","modified_gmt":"2019-08-06T06:48:20","slug":"tag-2-cloqs-gehoeren-verboten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=92","title":{"rendered":"Tag 2 &#8211; Clogs geh\u00f6ren verboten"},"content":{"rendered":"<p>Nach nur wenig Schlaf traue mich erst nicht, das elektrische Ohr einzuschalten, weil ich Angst habe, dass der gestrige Tag nur ein verr\u00fcckter Traum war. Aber es funktioniert immer noch. Das H\u00f6rger\u00e4t bleibt auch heute den ganzen Tag drau\u00dfen. Mittlerweile bin ich an einen Fensterplatz gewechselt und genie\u00dfe die sch\u00f6ne Aussicht auf das hochsommerliche Hannover.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re die Schwester im T\u00fcrrahmen sprechen, etwa 4 Meter entfernt, und verstehe einzelne W\u00f6rter. Ich verstehe meinen Bettnachbarn, der heute entlassen wird, zum ersten Mal richtig. Am Anfang h\u00f6rt sich wieder alles sehr Micky Maus-m\u00e4\u00dfig an; nach ein paar Minuten werden die Stimmen zunehmend nat\u00fcrlicher. Ich packe meine Sachen und bin kurz darauf entlassen und warte auf meine Familie &#8211; die ErstBesteH\u00e4lfte (EBH) und Junior I kommen mich abholen.<\/p>\n<p>Die Clogs meiner EBH sind die H\u00f6lle. Ich werde diese Schuhe verbieten lassen oder verbrennen. Der Parkautomat in drei Meter Entfernung gibt Kleingeld zur\u00fcck. \u00dcberall unterhalten sich Menschen und ich schnappe Wortfetzen auf. Es ist der pure Wahnsinn.<\/p>\n<p>Im Auto mache ich Musik an. Der Wagen hat eine Soundanlage von Canton, die nicht nur einen hervorragenden Klang sondern auch ordentlich Bass bietet. Die Kombination aus der Musik, die ich per Implantat h\u00f6re und dem gef\u00fchlten Bass im Auto ist ein Musikerlebnis, das den gestrigen Abend nochmal bei weitem \u00fcbertrifft. Ich kann es nicht beschreiben, es h\u00f6rt sich einfach nur unfassbar toll an. Ich hoffe, dass diese Fahrt nie endet und freue mich jetzt schon auf die n\u00e4chsten berufsbedingten Fahrten nach Walldorf.<\/p>\n<p>Wir fahren erst einmal ins Einkaufzentrum, um einen Doppelstecker zu kaufen, mit dem ich sowohl den Soundprozessor als auch die Kopfh\u00f6rer meiner EBH an mein Handy verbinden kann. Sie kann damit meine Telefonate mith\u00f6ren und bei Bedarf dolmetschend eingreifen. Die Ger\u00e4uschkulisse im Einkaufszentrum ist angenehm ruhig &#8211; das H\u00f6rger\u00e4t liefert hier einen undurchdringlichen Brei von Ger\u00e4uschen und Rauschen, was sehr anstrengend ist. Ich lasse mich bei Saturn beraten und verstehe den Preis des gew\u00fcnschten Adapters.<\/p>\n<p>Wieder im Auto rufe ich Junior II \u00fcber die Freisprechanlage an und verstehe erneut einige W\u00f6rter und sehr kurze S\u00e4tze. Ich bemerke aber auch, dass ich schnell m\u00fcde werde und brauche eine H\u00f6rpause. Auf dem Weg nach Hause l\u00e4uft wieder Musik. Interessanterweise sind manche Stimmen nach wie vor sehr &#8222;Micky Maus-m\u00e4\u00dfig&#8220; &#8211; die Stimme von Freddy Mercury h\u00f6rt sich \u00fcberwiegend furchtbar an. Bei vielen anderen Songs nehme ich die Stimmen allerdings deutlich nat\u00fcrlicher wahr. Bislang habe ich noch keinen Song geh\u00f6rt, der mich von der Instrumentierung her \u00fcberfordert hat.<\/p>\n<p>Unterwegs holen wir bei unserem Stammimbiss noch D\u00f6ner f\u00fcr alle. Ich verstehe auch hier den Preis auf Anhieb. Das ist etwas, was das Leben sehr erleichtert, denn wenn man einen Preis nicht versteht und etwas Falsches best\u00e4tigt, wird die Situation oft ein bisschen peinlich und man hat das Gef\u00fchl, das Gegen\u00fcber glaube man wolle \u00fcber den Preis diskutieren.<\/p>\n<p>Zuhause angekommen f\u00e4llt mir dann Junior II um den Hals. Die Kinder sind sehr neugierig und probieren alle m\u00f6glichen Ger\u00e4usche aus wie z.B. Pfeifen, Fingerschnippen, Kratzen mit dem Besteck und vieles andere mehr. Harte Ger\u00e4usche wie Klackern und Knallen sind noch \u00fcberproportional laut, Stimmen dagegen eher leise. Ich nutze mittlerweile \u00fcberwiegend das lauteste Programm des Soundprozessors &#8211; die Programmbelegung wurde mit verschiedenen Lautst\u00e4rkestufen belegt &#8211; und fahre die Ger\u00e4uschempflindlichkeit etwas runter, weil Klackern und Scheppern sonst zu laut ist.<\/p>\n<p>Nach der Begr\u00fc\u00dfung setze ich mich ans Klavier. Und merke, dass einige Tasten verstimmt sind. Ich konnte mit H\u00f6rger\u00e4t T\u00f6ne nur mit 2-3 Tonabst\u00e4nden voneinander unterscheiden. Und jetzt merke ich auf Anhieb, welche Tasten verstimmt sind &#8211; Junior I best\u00e4tigt dies. Dann ein Test mit Gitarre &#8211; auch hier h\u00f6re ich, dass die Saiten verstimmt sind. Und dann teste ich mein Schlagzeug, das ich seit 2 Jahren spiele. Anfangs h\u00f6ren sich alle Drums gleich an &#8211; Snare, H\u00e4ngetoms, Stand-Tom und sogar die Bassdrum. Nachdem ich aber ein paar Minuten die unterschiedlichen Drums abwechselnd geschlagen habe, kristallisieren sich H\u00f6runterschiede heraus &#8211; nach ca. 10 Minuten sind dann klare Unterscheidungen h\u00f6rbar. Die Becken h\u00f6ren sich von Anfang an wundervoll an &#8211; die H\u00f6rger\u00e4te haben hier nur ein Scheppern \u00fcbertragen. Mit Impantat kann ich die Tonh\u00f6hen der Becken klar voneinander unterscheiden.<\/p>\n<p>Junior I an der Gitarre und ich am Schlagzeug versuchen eine erste vorsichtige Session. Und zum ersten Mal \u00fcberhaupt kann ich mit den Drums den Takt zu seinen Gitarrenakkorden spielen und rutsche nur ein wenig aus dem Takt heraus.<\/p>\n<p>Abends kommen die ersten Nachbarn zum Feiern und ich kann zum ersten Mal in den 11 Jahren, in denen ich hier wohne, ein Gespr\u00e4ch im Dunkeln verfolgen. Ich verstehe nicht alles und auch nur dann, wenn der Sprecher oder die Sprecherin direkt zu mir spricht und nicht zu weit entfernt sitzt. Zur\u00fcckhaltende Personen verstehe ich schlechter als Emotionsb\u00fcndel. Erdnussflips machen einen Heidenl\u00e4rm &#8211; ich werde das Zeug nicht mehr essen. Neben dem besseren H\u00f6ren kommt dann noch eine Gewichtsabnahme hinzu. Das Leben ist sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach nur wenig Schlaf traue mich erst nicht, das elektrische Ohr einzuschalten, weil ich Angst habe, dass der gestrige Tag nur ein verr\u00fcckter Traum war. Aber es funktioniert immer noch. 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