{"id":785,"date":"2018-11-09T15:05:48","date_gmt":"2018-11-09T13:05:48","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=785"},"modified":"2018-11-13T16:45:15","modified_gmt":"2018-11-13T14:45:15","slug":"tag-100-37-vom-jungen-der-wieder-hoeren-konnte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=785","title":{"rendered":"Tag 100\/37 &#8211; Vom Jungen, der wieder h\u00f6ren konnte"},"content":{"rendered":"<p>Vor genau 100 Tagen, drei Tage nach meiner ersten Implantation, h\u00f6rte ich zum ersten Mal elektrisch mit einem H\u00f6rimplantat &#8211; nach etwa 40 Jahren hochgradiger, beidseitiger und an Taubheit grenzender Schwerh\u00f6rigkeit, in denen ich mit H\u00f6rger\u00e4ten versorgt war. Dieser Tag ist ein Wendepunkt in meinem Leben, den ich in dieser Form nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Ich h\u00f6re heute mit Cochlea-Implantaten besser als jemals zuvor w\u00e4hrend der langen Zeitspanne meiner Schwerh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Ich verstehe Sprache ohne das Lippenlesen. Ich kann telefonieren. Ich h\u00f6re wieder Musik und kann wieder Klavier und Schlagzeug spielen. Ich verstehe die Witze meiner Freunde und Nachbarn beim geselligen Zusammensein. Ich brauche keine Wiederholungen bei jedem Gesagten mehr. Ich kann ins Kino gehen und der Handlung eines Filmes folgen &#8211; auch ohne Untertitel. Ich kann Diskussionen im Fernsehen folgen und Radio h\u00f6ren. Ich verstehe Lautsprecherdurchsagen an Bahnh\u00f6fen, in Flugh\u00e4fen und auf \u00f6ffentlichen Veranstaltungen. Ich kann wieder mit Kindern kommunizieren und h\u00f6ren, wie toll meine Kinder Musik machen. Ich kann mich am Fu\u00dfball-Smalltalk der Fu\u00dfballeltern beteiligen, wenn Junior I und Junior II Punktspiele haben. Ich traue mich, auch fremde Menschen anzusprechen und Small-Talk zu machen. Ich kann an Telefonkonferenzen teilnehmen und verstehe meine Arbeitskollegen. Ich bin nicht mehr genervt, wenn meine Kinder und die ErstBesteH\u00e4lfte mich nach einem langen Arbeitstag vollquatschen. Ich h\u00f6re, wenn das Auto merkw\u00fcrdig klingt &#8211; und zwar bevor es explodiert. Ich verstehe \u00c4rzte mit Mundschutz und die Preisansagen der Kassierer und Kassiererinnen beim Einkaufen. Ich kann mich in laufende Gespr\u00e4che einschalten. Ich h\u00f6re die Hausklingel, das Telefon, die Eieruhr am Ofen und die Geschirrsp\u00fclmaschine, wenn sie fertig ist. Ich h\u00f6re das Vogelzwitschern am Morgen und das Rascheln der Bl\u00e4tter im Herbst. Ich verstehe Navigationsansagen und Verkehrsmeldungen und kann mit der Sprachsteuerung meines Autos umgehen. Ich verstehe die Fanges\u00e4nge im Fu\u00dfballstadion und kann wieder tanzen. Ich verstehe Museumsf\u00fchrungen und kann mir Podcasts anh\u00f6ren.\u00a0Und bin nicht mehr verloren, wenn ich vor einer Gegensprechanlage stehe oder auf das <em>Herein<\/em> vor einer B\u00fcrot\u00fcr warte.<\/p>\n<p>Ich bemerke erst jetzt, wie stark eingeschr\u00e4nkt ich eigentlich f\u00fcr den Gro\u00dfteil meines Lebens gewesen bin. In den letzten 40 Jahren habe ich viel k\u00e4mpfen m\u00fcssen und eigentlich alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Es waren gute Jahre und ich bin f\u00fcr jedes dankbar. Man kann auch mit schlechten Ohren oder Augen oder ohne Beine und mit eigentlich fast jeder Behinderung sehr viel aus seinem Leben machen. Aber es oftmals anstrengend.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte ich den Schritt hin zum elektrischen Ohr fr\u00fcher machen sollen. Wenn ich gewusst h\u00e4tte, dass alles so gut l\u00e4uft und dass ich so schnell wieder so viel h\u00f6ren und verstehen kann, h\u00e4tte ich es vielleicht gemacht. Ja, ich habe viel verpasst. Wie gern h\u00e4tte ich das Linkin Park-Konzert im letzten Jahr zusammen mit Junior I mit funktionierenden Ohren geh\u00f6rt. Oder seine Auftritte mit der Schulband. Oder richtig geh\u00f6rt, wie meine Kinder sprechen lernen. Aber ich hatte Angst vor der CI-Operation. Angst vor den Nebenwirkungen. Angst davor, mein Restgeh\u00f6r vollends zu verlieren. Nicht bei jedem Patienten funktioniert alles so gut und so schnell wie bei mir. Viele andere m\u00fcssen lange k\u00e4mpfen, bis sie mit einem Cochlea-Implantat h\u00f6ren und gut verstehen k\u00f6nnen. Manche schaffen es nie. Jede H\u00f6rsch\u00e4digung und jede H\u00f6rbiographie ist anders und nat\u00fcrlich ist jede Operation dieses Ausma\u00dfes mit Risiken verbunden. Aber ich lerne immer mehr Menschen kennen, die ebenso wie ich schnelle Erfolge erzielen k\u00f6nnen. Die Technik wird immer besser: Sowohl was die Funktionsweise der Prozessoren angeht als auch die Operationstechnik selber, die im Lauf der letzten Jahre aus einer ehemals mehrst\u00fcndigen Operation eine Art Routineeingriff machen konnte.<\/p>\n<p>Ich war vorher noch nicht bereit f\u00fcr diesen Schritt. Und auch die Technik war noch nicht so weit entwickelt wie heute. Vielleicht w\u00e4re es deshalb anders und nicht so gut gelaufen. Vielleicht w\u00e4re es schwieriger geworden, wenn ich nicht zu 100% hinter dieser Entscheidung gestanden h\u00e4tte. Und als Freelancer w\u00e4ren zwei Monate Arbeitsausfall auch finanziell ein Problem geworden. Insofern bereue ich nicht wirklich etwas, sondern freue mich wahnsinnig dar\u00fcber, dass ich den Mut gefunden habe, diesen Schritt zu machen &#8211; und daf\u00fcr mit einem H\u00f6rwunder belohnt worden bin.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte diesen Schritt nicht ohne die Erfahrungen vieler anderer gewagt, die ebenso wie ich ihre Geschichte aufgeschrieben haben. Dies hat mir enorm viel Mut gemacht und dies m\u00f6chte ich mit diesem Blog gern weitergeben. Auch die vielen engagierten CI-Tr\u00e4ger in den Facebook Selbsthilfegruppen und in den Selbsthilfevereinen haben enorm dabei geholfen, mir die Angst vor diesem Eingriff zu nehmen. Meine Arbeitskollegen und mein Arbeitgeber SAP haben mich optimal bei dieser Entscheidung unterst\u00fctzt und einen mehrw\u00f6chigen Arbeitsausfall klaglos hingenommen. Und nat\u00fcrlich haben auch meine Freunde und meine Familie mir viel Kraft und Mut gegeben, diesen Schritt zu wagen und sich bestm\u00f6glich um mich gek\u00fcmmert. Und nicht zuletzt haben die Menschen in Hannover, wo ich implantiert worden bin, hervorragende Arbeit geleistet: Von den Schwestern, Pflegern und \u00c4rzten der Medizinischen Hochschule Hannover bis hin zu den Sekret\u00e4rinnen, Audiologen und P\u00e4dagogen bei der Nachsorge im Deutschen H\u00f6rzentrum Hannover.<\/p>\n<p>Manchmal muss man sich einfach trauen, etwas zu machen &#8211; auch wenn man eine gro\u00dfe Angst davor hat. Ich danke allen, die mir diese Angst genommen haben. Und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog, das ich in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden weiterf\u00fchren werde und aus dem ich auch ein Buch machen werde, anderen die Angst nehmen kann, diesen Schritt zu wagen.<\/p>\n<p>Auch wenn ich in kurzer Zeit schon sehr weit gekommen bin: Es gibt noch viel zu entdecken. Ich m\u00f6chte Englisch gut verstehen k\u00f6nnen. Und Franz\u00f6sisch &#8211; eine Sprache, die ich besonders liebe. Ich m\u00f6chte mein H\u00f6rverm\u00f6gen im St\u00f6rschall verbessern und irgendwann in der Lage sein, Telefonkonferenzen auch in Fremdsprachen zu f\u00fchren. Es wird immer neue Ziele geben. Mit dem bislang Erreichten bin ich mehr als zufrieden und \u00fcberaus dankbar daf\u00fcr. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Bonus.<\/p>\n<p>Ein Leben mit schlechtem oder auch ohne Geh\u00f6r kann wundervoll sein. Aber aus jahrelanger Stille wieder in das h\u00f6rende Leben eintauchen zu d\u00fcrfen, ist eine einzigartige Erfahrung und ein wundervolles Geschenk.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/11\/WhatsApp-Image-2018-11-13-at-15.44.01.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-799 \" src=\"http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/11\/WhatsApp-Image-2018-11-13-at-15.44.01-169x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"336\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor genau 100 Tagen, drei Tage nach meiner ersten Implantation, h\u00f6rte ich zum ersten Mal elektrisch mit einem H\u00f6rimplantat &#8211; nach etwa 40 Jahren hochgradiger, beidseitiger und an Taubheit grenzender Schwerh\u00f6rigkeit, in denen ich mit H\u00f6rger\u00e4ten versorgt war. Dieser Tag ist ein Wendepunkt in meinem Leben, den ich in dieser Form nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-785","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/785","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=785"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/785\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":800,"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/785\/revisions\/800"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/implantastisch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}