{"id":702,"date":"2018-10-10T14:15:47","date_gmt":"2018-10-10T12:15:47","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=702"},"modified":"2018-10-15T14:46:24","modified_gmt":"2018-10-15T12:46:24","slug":"tag-70-7-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=702","title":{"rendered":"Tag 70\/7 &#8211; Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Auch am n\u00e4chsten Morgen wird viel gesprochen. Gegen Mittag verabschiede ich mich und besuche anschlie\u00dfend einen guten Freund, der im selben Ort wohnt. Nat\u00fcrlich ist auch dieser Besuch mit sehr vielen Gespr\u00e4chen verbunden. Am Nachmittag schauen wir zusammen eine Folge einer Netflix-Serie &#8211; ohne Untertitel. Ich kenne diese Episode bereits und kann deshalb auch ohne die Untertitelung gut folgen. Anschlie\u00dfend geht es nach Hause. Da der Tag doch sehr anstrengend war, wird im Auto \u00fcberwiegend Musik geh\u00f6rt. Irgendwann ist man halt auch mit Implantaten m\u00fcde und braucht eine Kommunikationsauszeit.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Abend besuchen wir noch Nachbarn und Freunde, die gestern Geburtstag hatten. Ich bin h\u00f6rm\u00e4\u00dfig wieder fit und unterhalte mich lange mit der ZweitBestenH\u00e4lfte des Geburtstagskindes, den ich schon l\u00e4nger kenne. Bislang hatten wir nie viel gesprochen, weil ich ihn nicht so gut verstehe. Ich kenne viele Menschen in meinem pers\u00f6nlichen Umkreis, die ich gerne mag, aber mit denen ich sehr wenig spreche, weil die Kommunikation bislang so schwierig war. Man trifft sich meistens in der Gruppe und ich sitze dann dabei, trinke mit und f\u00fchre einige, wenige und kurze Einzelgespr\u00e4che mit Personen, die ich gut verstehe. Ich bin diese Situation gew\u00f6hnt und die Menschen um mich herum sind daran gew\u00f6hnt, dass ich am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, ohne aktiv zu kommunizieren. Das ist schwer zu erkl\u00e4ren und schwer vorstellbar, aber kannte es bislang nicht anders. Jetzt, mit den Implantaten, ist es anders &#8211; ich bin aktiv dabei. Ich verstehe fast jede Person gut. Ich kann mich in laufende Gespr\u00e4che einschalten.<\/p>\n<p>Vor allem haben meine Mitmenschen weniger Angst, mir Fragen zu stellen, die ich wom\u00f6glich nicht verstehe und die mehrmals wiederholt werden k\u00f6nnen. Wenn man etwas einmal nicht versteht, ist das kein Problem. Wenn man es beim zweiten Mal nicht versteht, wird die Situation potentiell schwieriger &#8211; der Gespr\u00e4chspartner versucht dann meistens, lauter zu sprechen. Wenn man es auch beim dritten Mal nicht versteht, wird die Situation unangenehm. Der Gespr\u00e4chspartner wei\u00df nicht mehr, was er machen und wie er sprechen soll. Je nach Verzweiflungsgrad antworte ich dann einfach mit <em>Ja<\/em> oder <em>Hmm<\/em> oder <em>Ok<\/em>, damit sich die Situation aufl\u00f6st. Und hoffe, dass keine weiteren Fragen mehr kommen. In den meisten F\u00e4llen l\u00e4sst der Gespr\u00e4chspartner dann ab und wendet sich nach einer kurzen Zeitspanne, um nicht unh\u00f6flich zu wirken, anderen Gespr\u00e4chspartnern zu. Oder ich gehe auf die Toilette, um die Situation auf diese Art und Weise zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Ich habe viele Strategien parat, um mit solchen Situationen, die f\u00fcr mich bislang Alltag waren, umzugehen. Ich bin ein Meister darin, Menschen zuzuh\u00f6ren, ohne auch nur ein einziges Wort zu verstehen. Vor allem Menschen, die gerne und viel reden, bekommen das im Normalfall gar nicht mit. Wenn Fragen gestellt werden, kann man meistens mit einer nichtssagenden Floskel antworten: <em>Mhmm. Ok.<\/em> Rhetorische Fragen erkennt man gut daran, dass die Betonung am Satzende nach oben geht. <em>Denken die wirklich,\u00a0<strong>ich bin so bl\u00f6d<\/strong>? <\/em>Bei solchen Intonationen antworte ich immer mit <em>nat\u00fcrlich nicht<\/em> oder <em>ne echt?<\/em> oder sch\u00fcttele einfach ungl\u00e4ubig den Kopf. Es gibt viele Tricks, die einem Gegen\u00fcber zeigen, dass man dem Gespr\u00e4ch folgt. Richtig gef\u00e4hrlich sind nur R\u00fcckfragen, die man richtig beantworten muss. In diesem Fall heisst es dann <em>sorry, aber die Frage habe ich jetzt nicht mehr verstanden<\/em>. Normalerweise wird bei der Wiederholung dann so weit ausgef\u00fchrt, dass man vern\u00fcnftig antworten kann.<\/p>\n<p>Das schlimmste, aber wirklich allerschlimmste, was man einem h\u00f6rgesch\u00e4digten Menschen antun kann, ist die Frage <em>Was hast Du verstanden?<\/em>\u00a0oder <em>Was habe ich gesagt?\u00a0<\/em>Bitte \u00fcberpr\u00fcft niemals, wieviel ein Mensch mit H\u00f6rbehinderung versteht. Ich verstehe oft einzelne W\u00f6rter nicht oder S\u00e4tze, aber der Sinn des Gesagten erschlie\u00dft sich mir nach einer Weile, wenn ich das Verstandene kombinieren kann. Ich frage nicht bei jedem Wort nach. Ich frage dann nach, wenn ich merke, dass ich den Faden verliere und gar nicht mehr in das Verstehen hineinkomme. Das kann manchmal auch erst nach 3 oder vier S\u00e4tzen der Fall sein, wenn ich bemerke, dass der kombinierte Zusammenhang keinen Sinn mehr ergibt.\u00a0<del>Man<\/del> braucht <del>erstaunlich<\/del> wenig, um <del>den<\/del> Sinn ein<del>es<\/del> Satzes <del>zu <\/del>verstehen. Gerade bei gesprochener Sprache gibt es viele Wiederholungen, viele <em>\u00c4hems<\/em> und <em>naja<\/em>\u00a0und \u00e4ndere F\u00fcllw\u00f6rter. Kommunikation ist f\u00fcr H\u00f6rgesch\u00e4digte ein Kampf. Die Frage <em>was habe ich gesagt?<\/em>\u00a0ist eine vorgehaltene Pistole, die einen schachmatt setzt. Und selbst falsches- oder Nichtverstehen ist einfacher zu handhaben als eine Situation, in der sich herausstellt, dass man eben nicht alles verstanden hat. Der Sprecher interpretiert dies als Desinteresse an seinem Gesagten. Der H\u00f6rgesch\u00e4digte ist nicht desinteressiert, sondern k\u00e4mpft die ganze Zeit mit Verstehensfetzen, die er zusammensetzen muss.<\/p>\n<p>All diese Probleme geh\u00f6ren f\u00fcr mich weitgehend der Vergangenheit an. Ich erlebe kaum noch Situationen, in denen ich so wenig verstehe wie vorher. Merkw\u00fcrdigerweise hatte ich immer etwas Angst davor, gut verstehen zu k\u00f6nnen und dennoch nicht in der Lage zu sein, nettes Small Talk zu machen. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Kind ein Au\u00dfenseiter war und, unabh\u00e4ngig von meine schlechten H\u00f6ren, schlecht mit anderen Kindern kommunizieren konnte. Ich habe die falschen Witze gemacht, \u00fcber das Falsche gelacht und war einfach h\u00f6llisch uncool, wie meine Kinder heute sagen w\u00fcrden. Ich habe keinen Anschlu\u00df gefunden, weil ich die kommunikativen Codes meiner gleichaltrigen Umwelt nicht entschl\u00fcsseln konnte. Ich habe keine Ahnung, woran das gelegen hat. Jeder kennt Menschen, die einfach sonderbar kommunizieren, die gern das Falsche sagen, die falschen Witze zum falschen Zeitpunkt machen und einfach nicht in eine Gespr\u00e4chsrunde hineinkommen. Ich glaube, das es sich dabei nicht um Soziopathen handelt, wie man vielleicht glaubt, sondern um Menschen, die einfach Schwierigkeiten damit haben, kommunikative Codes zu entschl\u00fcsseln, die man braucht, um zu wissen, wie man mitreden kann, ohne aufzufallen.<\/p>\n<p>Ich bin froh, dass ich diese Probleme jetzt nicht mehr habe. Es macht mir viel mehr Spa\u00df, in geselliger Runde zu sitzen, mich zu unterhalten, neue Menschen kennenzulernen und bereits bekannte Menschen besser kennenzulernen. Es ist nicht mehr so anstrengend. Nat\u00fcrlich muss ich mich noch konzentrieren, aber es ist weitaus weniger anstrengend als vorher und ich bekomme einfach viel mehr mit. Und bin mittendrin, statt nur dabei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch am n\u00e4chsten Morgen wird viel gesprochen. Gegen Mittag verabschiede ich mich und besuche anschlie\u00dfend einen guten Freund, der im selben Ort wohnt. Nat\u00fcrlich ist auch dieser Besuch mit sehr vielen Gespr\u00e4chen verbunden. Am Nachmittag schauen wir zusammen eine Folge einer Netflix-Serie &#8211; ohne Untertitel. 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