{"id":693,"date":"2018-10-09T12:38:10","date_gmt":"2018-10-09T10:38:10","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=693"},"modified":"2018-10-15T14:15:41","modified_gmt":"2018-10-15T12:15:41","slug":"tag-69-6-goodbye","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=693","title":{"rendered":"Tag 69\/6 &#8211; Goodbye"},"content":{"rendered":"<p>Heute muss ich zu einer Beerdigung. Der Mann einer Schulfreundin, mit der ich immer noch sehr eng befreundet bin, ist in der letzten Woche \u00fcberraschend an Krebs gestorben. Meine ErstBesteH\u00e4lfte f\u00e4hrt mit, weil ich die Tour \u00fcber 300 Kilometer jeweils hin und zur\u00fcck inklusive der Beerdigung selbst noch nicht schaffe &#8211; das ist zu viel so kurz nach der Operation.<\/p>\n<p>Auf der Fahrt bemerken meine ErstBesteH\u00e4lfte und ich, wie ungewohnt es f\u00fcr uns ist, sich im Auto zu unterhalten. Ich bin bislang ein sehr stiller Fahrer oder Beifahrer gewesen und habe immer nur dann kommuniziert, wenn es wichtig war: <em>Wo m\u00fcssen wir lang? Wie fahren wir? Wir brauchen eine Pause. Die Musik gef\u00e4llt mir nicht. Kannst Du bitte langsamer fahren. Schaumal, das Kennzeichen ist lustig. Was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Sonnenuntergang!<\/em> Ich habe beim Fahren nur dann verstanden, wenn ich meinen Gespr\u00e4chspartner angeschaut habe. Und meinen Gespr\u00e4chspartner nur dann, wenn ich von seinen Lippen ablesen konnte. Mitfahrer auf den R\u00fccksitzen konnte ich nur verstehen, wenn ich den R\u00fcckspiegel auf ihr Gesicht gelenkt habe. In den 90er Jahren, in denen ich oft Mitfahrer \u00fcber die Mitfahrzentrale mitgenommen habe, wenn ich beispielsweise meine Schwestern in Berlin besucht habe, habe ich gleich zu Beginn der Fahrt darauf hingewiesen, dass Kommunikation mit mir nicht ohne weiteres m\u00f6glich ist. Das ist f\u00fcr viele Menschen ungewohnt; aber man gew\u00f6hnt sich an alles. F\u00fcr uns und insbesondere f\u00fcr die ErstBesteH\u00e4lfte ist es jetzt ungewohnt, dass sie auf dem Beifahrersitz nicht abschalten kann, sondern dass ich Gespr\u00e4che beginne. Das ist einerseits toll, aber andererseits auch eine komplett neue Situation, auf die wir uns erst einmal einstellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Am Zielort setze ich die EBH in der Stadt ab und fahre zur Wohnung meiner Freundin. Bis zur Beerdigung sind noch zwei Stunden Zeit und wir nutzen diese, um das unvorstellbare Geschehen der letzten Tage zu besprechen. In dieser Situation hilft es sehr, dass ich mit meinen Implantaten fl\u00fcssig verstehen kann. Gerade in Situationen, die emotional sehr nahe gehen, ist es sehr schwierig, wenn man alles zwei- oder dreimal wiederholen und deutlich sprechen muss. Weinende Menschen habe ich immer sehr schlecht bis gar nicht verstanden. Lachende \u00fcbrigens auch nicht: Jegliche Emotion, die das Sprechen beeintr\u00e4chtigt, ist f\u00fcr h\u00f6rgesch\u00e4digte Menschen ein echtes Handicap. Ich w\u00e4re \u00fcbrigens sehr gern Kinderpsychologe geworden &#8211; das war einer meiner ersten ersthaften Berufsw\u00fcnsche. Aber auch wenn ich glaube, dass man auch mit Handicap fast alles erreichen kann, w\u00e4re dies wohl eine sehr schwierige Konstellation geworden. Denn Kinder sprechen per se meistens undeutlich und Kinder, die ein psychologisches Problem haben, haben keine Ressourcen daf\u00fcr, enorm deutlich zu artikulieren. Bevor ich Kinderpsychologe werden wollte, wollte ich \u00fcbrigens Fernfahrer werden. Das habe ich aber auch nicht gemacht, weil ich keinen Funk verstehen kann.<\/p>\n<p>Die Beerdigung selbst ist unspektakul\u00e4r, so sch\u00f6n, wie eine Beerdigung eben sein kann und nat\u00fcrlich tieftraurig. Bei der Trauerrede verstehe ich nicht alles, weil die Konzentration schwer f\u00e4llt und die Rednerin recht weit entfernt steht &#8211; aber dennoch viel mehr als mit H\u00f6rger\u00e4ten. Reden habe ich bislang nie verstanden und das hat mich immer sehr ge\u00e4rgert. Weder auf Beerdigungen noch auf Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten &#8211; man ist in solchen gesellschaftlichen Situationen au\u00dfen vor, zumal man sich auf einer Beerdigung oder bei einer Hochzeitsrede als Gast auch nicht einfach direkt vor den Redner setzen kann. Manchmal ist es m\u00f6glich, das Redemanuskript zu bekommen &#8211; vorher oder hinterher. Aber das gemeinschaftliche Gef\u00fchl, dieser Moment, in dem Dinge eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl Personen bewegt und zum Lachen oder Nachdenken bringt, erfasst einen nicht, wenn man nicht versteht, was gesagt wird.<\/p>\n<p>Der Rest des Tages ist Reden und vor allem Zuh\u00f6ren. Fr\u00fcher h\u00e4tte mich so etwas sehr angestrengt und ich w\u00e4re sp\u00e4testens am Nachmittag nicht mehr aufnahmef\u00e4hig gewesen. Heute, mit beiden Implantaten im Kopf, kann ich zuh\u00f6ren und Trost spenden bis in die Nacht. Letztendlich \u00fcbernachte ich vor Ort und die ErstBesteH\u00e4lfte schl\u00e4ft bei einer Freundin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute muss ich zu einer Beerdigung. Der Mann einer Schulfreundin, mit der ich immer noch sehr eng befreundet bin, ist in der letzten Woche \u00fcberraschend an Krebs gestorben. 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