{"id":625,"date":"2018-09-30T13:06:14","date_gmt":"2018-09-30T11:06:14","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=625"},"modified":"2018-10-01T20:37:05","modified_gmt":"2018-10-01T18:37:05","slug":"tag-55-60-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=625","title":{"rendered":"Tag 55-60 &#8211; Alltag"},"content":{"rendered":"<p>Mein H\u00f6rimplantat ist in den letzten Tagen mehr und mehr allt\u00e4glich geworden. Das ist einerseits gut, weil es ein Teil von mir geworden ist, das nicht mehr auff\u00e4llt. Ich habe mich daran gew\u00f6hnt. Ich setze die Spule an die richtige Stelle am Kopf, ohne nachdenken oder justieren zu m\u00fcssen. Ich greife nicht mehr ins Ohr, wenn ich den Soundprozessor ablegen will, wie ich es jahrzehntelang mit den Ohrpassst\u00fccken meiner H\u00f6rger\u00e4ten gemacht habe. Ich habe mich daran gew\u00f6hnt, die Fernbedienung f\u00fcr den Soundprozessor immer dabei zu haben. Und ich freue mich dennoch \u00fcber jeden kleinen und gro\u00dfen H\u00f6rerfolg. In dieser Woche f\u00e4llt mir dazu spontan ein:<\/p>\n<ul>\n<li>Songtexte verstehen: Klappt allerdings nur bei deutschen Songs, die ich gut kenne.<\/li>\n<li>Videos auch ohne Untertitel verstehen: Einen tollen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/video\/2018-09\/5838907765001\/deutschland-spricht-sascha-lobo-warum-man-nicht-mit-allen-sprechen-sollte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vortrag von Sascha Lobo<\/a> zum Thema &#8222;Deutschland spricht&#8220; habe ich auch ohne Lippenablesen verstanden. Und zwar deshalb, weil Mundbild und Ton nicht 100%ig synchron waren. Erst wollte ich das Video deshalb nicht weiterschauen, habe mich dann aber doch entschieden es zu versuchen &#8211; und es hat gut geklappt.<\/li>\n<li>Ein Videochat mit einem guten Freund und Arbeitskollegen &#8211; auch hier ohne synchrones Lippenablesen, weil die Verbindung nicht gut genug war. Dennoch haben wir fast eine halbe Stunde gesprochen und ich habe fast alles mitbekommen.<\/li>\n<li>Zwei Werkstatt-Termine samt Beratungsgespr\u00e4ch wegen eines Gebrauchtwagenkaufes. Auch hier: Alles verstanden, kaum Nachfragen notwendig.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Andererseits kommen immer weniger neue Erfolge hinzu und die Euphorie der ersten Tage und Wochen verfliegt. Man gew\u00f6hnt sich schnell an eine stark aufsteigende Erfolgskurve und daran, jeden Tag neue \u00fcberraschende H\u00f6rerfolge zu feiern. Vieles wird schnell selbstverst\u00e4ndlich und manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich ein wenig \u00e4rgere, wenn ich zum Beispiel die Eieruhr nicht h\u00f6re oder jemanden nicht auf Anhieb gut verstehe. Man wird schnell erfolgsverw\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Trotz Cochlea-Implantat werde ich immer schlechter h\u00f6ren als andere. Ich werde in gr\u00f6\u00dferen Gespr\u00e4chsrunden immer Schwierigkeiten haben, allen Gespr\u00e4chen zu folgen. Ich werde schlecht verstehen, wenn ich m\u00fcde oder erk\u00e4ltet bin. Ich verstehe Englisch immer noch nicht so gut, wie ich es m\u00f6chte und kann immer noch keinen Filmen ohne Untertitel folgen. Ich muss mich nach wie vor sehr konzentrieren, um gut h\u00f6ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und es gibt Tage, wo das Implantat nervt. Es gibt Tage, wo mich die Spule am Kopf nervt und das Kabel daran und der Soundprozessor, der doch um Einiges gr\u00f6\u00dfer ist, als ein H\u00f6rger\u00e4t. Mich st\u00f6rt auch, dass die Narbe hinter dem Ohr immer noch gut sichtbar ist und etwas verschwurbelt aussieht. Das wird sich allerdings noch legen &#8211; in einem Jahr etwa wird man nur noch einen kleinen Silberstreif sehen. Auch das Implantat selbst sieht man bei mir im Kopf. Denn es wird nicht komplett in den Knopfknochen gefr\u00e4st, sondern nur der tiefere Teil, so dass die etwa 1-Euro-gro\u00dfe Rundung am Kopf, in welcher der Magnet liegt, gut sichtbar ist. Wenn Haare dar\u00fcber wachsen, f\u00e4llt das nicht auf; bei meiner Vollglatze ist es nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Ich habe noch viel Arbeit vor mir. Ich m\u00fcsste mehr gezielte H\u00f6rtrainings machen und mir und meinem elektronischen Ohr vor allem mehr zutrauen. Ich telefoniere zum Beispiel immer noch viel zu selten, obwohl es eigentlich immer recht gut klappt. Ich kann mir in Gespr\u00e4chen nur schwer abgew\u00f6hnen, auf das Mundbild meines Gegen\u00fcbers zu achten &#8211; anstatt ihm oder ihr in die Augen zu schauen. Ich bin zu faul, die Untertitel beim Fernsehen abzuschalten und zu versuchen, Sendungen auch ohne Untertitelung zu verstehen. Ich will zu schnell zu viel und sto\u00dfe momentan h\u00e4ufig an meine Grenzen, denn nat\u00fcrlich sind auch meine Ressourcen begrenzt und man braucht ab und zu einfach auch mal eine Pause.<\/p>\n<p>Vor allem hole ich gerade ein bi\u00dfchen Luft f\u00fcr die Implantation meines linken Ohres in der n\u00e4chsten Woche. Am Montag geht es wieder in die Medizinische Hochschule Hannover und voraussichtlich am Dienstag wird das zweite Ohr implantiert. Ich bin nerv\u00f6s und habe wieder etwas Angst vor der Operation. Ich \u00fcberlege, ob nicht auch ein Ohr ausreichend ist &#8211; immerhin h\u00f6re ich damit viel besser, als ich es mit H\u00f6rger\u00e4ten je konnte. Ich habe Angst, mein Gl\u00fcck \u00fcberzustrapazieren. Ich habe auf dem rechten Ohr derart schnelle Erfolge erzielt, dass ich mir kaum vorstellen kann, auf der linken Seite ein \u00e4hnliches Erfolgserlebnis zu erfahren. Und ich bin gerade froh, dass die rechte Seite gut verheilt ist und ich wieder gut schlafen und Sport treiben kann &#8211; das wird ab n\u00e4chste Woche erst einmal wieder nicht gehen.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn es nur halb so gut funktionieren wird, werde ich damit deutlich mehr als im Moment h\u00f6ren. Denn mein linkes Ohr liegt seit der ersten Implantation brach. Das H\u00f6rger\u00e4t trage ich gar nicht mehr, weil das Sprachverstehen im Vergleich zum Cochea-Implantat einfach nur unterirdisch schlecht ist. Es kann also nur besser werden. Und das wird es.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein H\u00f6rimplantat ist in den letzten Tagen mehr und mehr allt\u00e4glich geworden. Das ist einerseits gut, weil es ein Teil von mir geworden ist, das nicht mehr auff\u00e4llt. Ich habe mich daran gew\u00f6hnt. Ich setze die Spule an die richtige Stelle am Kopf, ohne nachdenken oder justieren zu m\u00fcssen. 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