{"id":557,"date":"2018-09-19T14:15:09","date_gmt":"2018-09-19T12:15:09","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=557"},"modified":"2018-09-21T16:07:29","modified_gmt":"2018-09-21T14:07:29","slug":"tag-49-black-box","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=557","title":{"rendered":"Tag 49 &#8211; Black Box"},"content":{"rendered":"<p>Heute besuche ich nach Feierabend einen Freund und Arbeitskollegen, der ebenfalls auf beiden Ohren hochgradig schwerh\u00f6rig ist und vor drei Wochen auch sein erstes H\u00f6rimplantat bekommen hat. Sein implantiertes Ohr war schon kurz nach Geburt taub und wurde erst sp\u00e4ter mit H\u00f6rger\u00e4ten versorgt. Wie bei vielen anderen Cochlea-Implantat Tr\u00e4gern, die ich kenne, funktioniert das H\u00f6rimplantat bei ihm nicht so schnell so gut wie bei mir. Zwar h\u00f6rt er deutlich mehr Ger\u00e4usche als mit H\u00f6rger\u00e4t, aber die Verarbeitung und Kodierung der Ger\u00e4usche im Gehirn l\u00e4uft bei ihm noch nicht so gut und ohne das H\u00f6rger\u00e4t auf der anderen Seite k\u00f6nnte ich mit ihm nicht kommunizieren.<\/p>\n<p>Auch wenn die meisten Cochlea-Implantat-Tr\u00e4ger, die ich in der letzten Zeit kennengelernt habe, zumindest nach einiger Zeit zufrieden mit ihrem H\u00f6rimplantat sind, funktioniert es nicht bei allen gleich gut und gleich schnell. Es gibt viele Faktoren, die f\u00fcr den Erfolg entscheidend sind:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>die Art der H\u00f6rsch\u00e4digung<\/strong>: H\u00f6rsch\u00e4digung hei\u00dft nicht oder nur in den seltensten F\u00e4llen, dass man <em>leiser<\/em> h\u00f6rt. Manche Menschen, wie ich zum Beispiel, h\u00f6ren hohe T\u00f6ne deutlich schlechter als tiefe T\u00f6ne. Bei anderen ist es genau anders herum. Wiederum andere h\u00f6ren im Frequenzbereich, in dem Sprach liegt, besonders schlecht. Das sind T\u00f6ne, die im Frequenzbereich zwischen 200 und 4000 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hertz_(Einheit)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hertz<\/a> liegen. Manche h\u00f6ren schlecht wegen eines Tinnitus, bei dem man im Ohr Ger\u00e4usche h\u00f6rt, die nicht von au\u00dfen erzeugt werden. Es gibt sogar F\u00e4lle von H\u00f6rsch\u00e4digung, bei denen Menschen manche Frequenzen deutlich lauter h\u00f6ren als normal. Jede H\u00f6rsch\u00e4digung ist individuell anders und deshalb reagiert jeder Mensch anders auf ein H\u00f6rimplantat.Dazu kommt: H\u00f6rsch\u00e4digung kann ihre Ursachen im Innen- oder Mittelohr haben. Bei einem defekten Mittelohr k\u00f6nnen Mittelohrimplantate helfen. Bei Innenohrschwerh\u00f6rigkeit kann ein Cochlea-Impantat helfen, wenn der H\u00f6rnerv intakt ist. In diesem Fall sind meist die Haarzellen defekt sein, die den Schall, der in die H\u00f6rschnecke gelangt, auf den H\u00f6rnerv weiterleiten. Wenn die H\u00f6rnerven nicht funktionieren, kann ein Cochlea-Implantat nicht helfen. Mittlerweile gibt es aber sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hirnstamm-Implantat\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hirnstammimplantate<\/a>, bei denen der Schall \u00fcber ein \u00e4hnliches Equipment wie beim Cochlea-Implantat direkt in den Hirnstamm geleitet wird.<\/li>\n<li><strong>die H\u00f6rbiographie<\/strong>: Es gibt Menschen, die h\u00f6ren wegen eines Unfalles oder eines H\u00f6rsturzes von einen Tag auf den anderen nicht mehr. Andere werden langsam schwerh\u00f6rig. Manche sind von Geburt an schwerh\u00f6rig oder geh\u00f6rlos, andere werden erst nach dem Spracherwerb h\u00f6rgesch\u00e4digt. Manche werden von Beginn der H\u00f6rbehinderung an optimal mit H\u00f6rger\u00e4ten versorgt, andere h\u00f6ren l\u00e4ngere Zeit nichts oder tragen nie H\u00f6rger\u00e4te. Generell kann man sagen, dass ein H\u00f6rimplantat dann gute H\u00f6rergebnisse erm\u00f6glicht, wenn ein normaler Spracherwerb m\u00f6glich war. Wenn ein Kind von Geburt an geh\u00f6rlos ist und nie Sprache h\u00f6rt, wird das Gehirn nicht auf das Kodieren von Sprache programmiert und kann sp\u00e4ter in den meisten F\u00e4llen nichts mit gesprochener Sprache anfangen, auch wenn die T\u00f6ne generell wahrgenommen werden k\u00f6nnen. Deshalb wird empfohlen, geh\u00f6rlose Kinder m\u00f6glichst fr\u00fch zu implantieren, damit dieser Spracherwerb m\u00f6glich ist.<\/li>\n<li><strong>die pers\u00f6nliche Konstitution<\/strong>: Es gibt Menschen, die lernen generell schneller oder langsamer als andere. Elektronisches H\u00f6ren ist eine Herausforderung f\u00fcr das Gehirn. Je flexibler und leistungsf\u00e4higer dieses Organ ist, umso besser sind die Voraussetzungen f\u00fcr ein gutes H\u00f6ren mit H\u00f6rimplantat.<\/li>\n<li><strong>die psychische Konstitution<\/strong>: Ich denke, dass jemand, der positiv eingestellt ist, besser mit einem H\u00f6rimplantat zurecht kommen wird als jemand, der eher negativ dazu steht. Bei der ersten Anpassung war ich froh, dass ich Stimmen geh\u00f6rt habe, auch wenn sie sich anfangs furchtbar angeh\u00f6rt haben. Wenn der am Anfang furchtbare Sound die Freunde \u00fcber das H\u00f6ren der Stimmen \u00fcberwiegt ist es sicherlich schwieriger, sich mit dem CI anzufreunden und die n\u00e4chsten Schritte zu machen.<\/li>\n<li><strong>die Operation<\/strong>: Innenohrimplantate werden mittlerweile zwar immer h\u00e4ufiger und an vielen Kliniken eingesetzt, aber sie sind dennoch ein recht gro\u00dfer Eingriff in den menschlichen K\u00f6rper. Die Liste der m\u00f6glichen Nebenwirkungen ist lang. Der Erfolg der Operation h\u00e4ngt unter anderem davon ab, wie tief die Elektrode ins Ohr geschoben werden kann und wie nah sie am H\u00f6rnerv platziert ist.<\/li>\n<li><strong>die Nachsorge<\/strong>: Das Einstellen eines H\u00f6rimplantates bzw. des dazugeh\u00f6rigen Soundprozessors ist nicht einfach. Je besser die audiologische Nachsorge ist und je besser der Ingenieur den Soundprozessor einstellen und das Feedback des Patienten verarbeiten kann, desto gr\u00f6\u00dfer wird der H\u00f6rerfolg. Und nat\u00fcrlich muss auch der Patient selbst hart arbeiten und das H\u00f6ren trainieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist also sehr schwierig, den Erfolg vorauszusagen. Jedes H\u00f6rimplantat funktioniert bei jedem Menschen anders, weil jeder Mensch mit seiner H\u00f6rsch\u00e4digung individuell anders ist. Was bei einem super klappt, kann beim anderen \u00fcberhaupt nicht funktionieren. Im Normalfall setzt man eine Dauer von circa 6 Monaten voraus, bis ein Patient mit einem H\u00f6rimplantat gut Sprache verstehen kann. Ich lerne allerdings immer mehr Personen kennen, die das deutlich schneller schaffen. Dass es bei mir so schnell funktioniert hat, ist vielleicht ein kleines Wunder &#8211; mir sind nur wenige F\u00e4lle bekannt, die einen derart schnellen Erfolg erzielen konnten. Ich kenne allerdings auch kaum sp\u00e4tertaubte Menschen mit H\u00f6rimplantat, die damit nicht zufrieden sind &#8211; also Menschen, die einen normalen Spracherwerb hatten und immer mit H\u00f6rger\u00e4ten versorgt waren. Fast alle h\u00f6ren damit nach ein paar Monaten deutlich besser als mit dem H\u00f6rger\u00e4t.<\/p>\n<p>Von Geburt an geh\u00f6rlose Menschen, die sp\u00e4ter mit einem Cochlea-Implantat versorgt worden sind, haben damit oft Probleme und k\u00f6nnen kaum Sprache verstehen. H\u00f6rimplantate wurden zuerst bei dieser Gruppe eingesetzt; die fr\u00fchen Implantate hatten noch einen richtigen Stecker im Kopf, der sich oft entz\u00fcndete. Dies ist ein Grund, warum von Geburt an geh\u00f6rlose Menschen oft negativ gegen\u00fcber Cochlea-Implantaten eingestellt sind. Dazu kommt, dass Geh\u00f6rlose nicht nur in Deutschland lange f\u00fcr die Anerkennung der Geb\u00e4rdensprache k\u00e4mpfen mussten. Es wurde lange Zeit versucht, Geh\u00f6rlose lautsprachlich zu erziehen und die Geb\u00e4rdensprache zu unterdr\u00fccken. Dementsprechend existiert in dieser Gruppe eine gro\u00dfe Angst vor allen Bem\u00fchungen, Geh\u00f6rlose wieder &#8222;h\u00f6rend&#8220; zu machen. Ich kann das nachvollziehen und denke nicht, dass ein H\u00f6rimplantat f\u00fcr jeden die optimale L\u00f6sung ist. Letztendlich muss es jeder f\u00fcr sich selbst entscheiden. Ein H\u00f6rimplantat ist keine L\u00f6sung f\u00fcr jeden H\u00f6rgesch\u00e4digten. F\u00fcr viele Menschen und auch f\u00fcr mich ist es allerdings eine Offenbarung.<\/p>\n<p>Leider sind die Diskussionsfronten bei diesem Thema teilweise sehr verh\u00e4rtet. Einerseits wird ein H\u00f6rimplantat als Allheilmittel angepriesen, andererseits verteufelt. Das ist schade. Es w\u00e4re einfacher, wenn man die Entscheidungen anderer Menschen akzeptieren und nicht versuchen w\u00fcrde, sie von seinem pers\u00f6nlichen Weg zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Schwierig ist es, wenn es um die Versorgung von neugeborenen Menschen mit H\u00f6rsch\u00e4digung geht, deren geh\u00f6rlose Eltern eine Implantation ablehnen. Sofern die Chancen gut sind, dass ein solches Kind mit einem Cochlea-Implantat Sprache erlernen und verstehen kann, ist eine Implantation aus meiner Sicht absolut notwendig und sollte in jedem Fall durchgef\u00fchrt werden. Auch wenn ich die Geh\u00f6rlosen-Kultur w\u00e4hrend meiner Schulzeit kennen- und sch\u00e4tzen gelernt habe und Geb\u00e4rdensprache weitaus leistungsf\u00e4higer ist, als viele Menschen denken, sollte man keinem Kind die Chance verbauen, mit Lautsprache aufzuwachsen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute besuche ich nach Feierabend einen Freund und Arbeitskollegen, der ebenfalls auf beiden Ohren hochgradig schwerh\u00f6rig ist und vor drei Wochen auch sein erstes H\u00f6rimplantat bekommen hat. Sein implantiertes Ohr war schon kurz nach Geburt taub und wurde erst sp\u00e4ter mit H\u00f6rger\u00e4ten versorgt. 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