{"id":474,"date":"2018-09-06T23:59:48","date_gmt":"2018-09-06T21:59:48","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=474"},"modified":"2019-07-09T12:40:00","modified_gmt":"2019-07-09T10:40:00","slug":"tag-36-telefon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=474","title":{"rendered":"Tag 36 &#8211; Telefon"},"content":{"rendered":"<p>Heute vormittag steht kein Termin im Deutschen H\u00f6rzentrum auf dem Plan. Ich schlafe also mal wieder richtig aus, fr\u00fchst\u00fccke in Ruhe und mache dann noch ein paar H\u00f6r\u00fcbungen mit Minimalpaaren. Das sind W\u00f6rter, die bis auf einen Buchstaben identisch sind &#8211; <em>Wein\/Bein, Bier\/Hier, Laden\/Lagen<\/em>. Das ist nach wie vor die schwierigste \u00dcbung, aber ich verstehe hier mittlerweile etwa 70 &#8211; 80%. Wenn teilweise auch erst nach mehrfachem Anh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das Mittagessen lasse ich wegen des opulenten Fr\u00fchst\u00fccks ausfallen und um 13 Uhr steht der n\u00e4chste Anpassungstermin auf dem Plan. Das zweite Programm mit der parallelen Kodierungsstrategie, bei der mehrere Elektroden gleichzeitig angespielt werden, setzen wir einen Tick lauter, weil es trotz gleicher Lautst\u00e4rke leiser klingt als die separate Anspielung der Elektroden. Generell geht man davon aus, dass man erst nach 4 Wochen beurteilen kann, ob ein H\u00f6rprogramm besser funktioniert als das andere. Der Fokus liegt erst einmal auf der Standardkodierung und ich werde nach ca. 4 Wochen die alternative Kodierungsstrategie f\u00fcr einen mehrw\u00f6chigen Zeitraum testen.<\/p>\n<p>Es ist \u00fcbrigens falsch anzunehmen, dass mehr Elektroden automatisch ein besseres H\u00f6ren erm\u00f6glichen. Theoretisch k\u00f6nnte man ein Implantat mit 100 Elektroden best\u00fccken &#8211; aber der H\u00f6rnerv kann nicht so gezielt mit Strom stimuliert werden, dass dies Sinn machen w\u00fcrde. Jede Elektrode meines Implantates deckt einen gewissen Frequenzbereich ab und kann deshalb auch unterschiedliche T\u00f6ne generieren &#8211; bei mir sind es ca. 250. Im schnellen Zusammenspiel aller 12 Elektroden meines Implantates entsteht dann ein Soundbild, das sich f\u00fcr mich gut und nat\u00fcrlich anh\u00f6rt &#8211; und wesentlich besser ist als das Klangbild der H\u00f6rger\u00e4te.<\/p>\n<p>Ich habe in einem fr\u00fcheren Beitrag schon geschrieben, dass es sehr schwierig ist, die verschiedenen H\u00f6rprogramme, Kodierungsstrategien und Einstellungen miteinander zu vergleichen. Man kann auch kaum allgemeine Aussagen dazu machen, welches Programm besser oder schlechter ist &#8211; weder bei einem Produkt noch bei einem Vergleich verschiedener Implantate. Denn jeder h\u00f6rgesch\u00e4digte Mensch h\u00f6rt anders schlecht. Was bei einem gut funktioniert, kann beim anderen schlechter sein. Dazu kommt, dass man selbst keine verschiedenen Implantate ausprobieren kann. Man entscheidet sich f\u00fcr eines und dieses bleibt dann im Kopf drin. Es gibt also keine objektive Vergleichsm\u00f6glichkeit f\u00fcr verschiedene Produkte. Dass man lange braucht, um sich an ein H\u00f6rprogramm zu gew\u00f6hnen, ist ein weiteres Problem bei der Beurteilung der Leistungsf\u00e4higkeit verschiedener Produkte und Einstellungen. Letztendlich verl\u00e4sst man sich auf die Erfahrung der Audiologen, Langzeitstudien, die CI-Tr\u00e4ger mit jeweils einem Implantat beobachten und das Bauchgef\u00fchl des Patienten.<\/p>\n<p>Wir experimentieren noch ein wenig mit verschiedenen Einstellungsm\u00f6glichkeiten beim zweiten, parallel geschalteten Programm und haben dann f\u00fcr den Anfang alles durchprobiert, was derzeit m\u00f6glich ist. Ich habe morgen noch einen Termin f\u00fcr den Fall, dass mir heute im Lauf des Tages noch etwas auff\u00e4llt, denke aber, dass ich mit den aktuellen Einstellungen erst einmal gut fahre. Besonders toll bei der Anpassung war, dass ich wirklich alle Fragen beantwortet bekommen habe. Mich interessiert die Technik sehr und ich versuche zu verstehen, was genau in meinem Ohr passiert. Auch wenn ich nicht alles verstehe, weil Physik nicht mein bevorzugtes Steckenpferd ist und einiges nicht nachvollziehen kann, wei\u00df ich jetzt doch deutlich genauer, wie Implantat und Soundprozessor zusammen arbeiten.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend geht es wieder zum H\u00f6rtraining. Wir machen ein paar \u00dcbungen mit Minimalpaaren und ich werde morgen ein paar Wortlisten mit auf den Weg bekommen, mit denen ich zuhause weiter \u00fcben kann. Dann steht ein erstes Telefongespr\u00e4ch auf der Agenda. Ich habe gro\u00dfe Angst vor der Telefonsituation, weil Telefonieren f\u00fcr mich schon seit circa 20 Jahren nicht mehr m\u00f6glich ist und ich mich mit dem H\u00f6rer am Ohr immer hilflos f\u00fchle. F\u00fcr das erste Gespr\u00e4ch bekomme ich einen Gespr\u00e4chsleitfaden, der ein Telefonat mit einer Arztpraxis simuliert, in der es um eine Terminvereinbarung f\u00fcr ein EKG geht. Meine Rolle ist der Patient; meine Logop\u00e4din wird die Sprechstundenhilfe \u00fcbernehmen und geht daf\u00fcr in einen Nebenraum. Ich schlie\u00dfe mein Smartphone mit dem Audiokabel an den Soundprozessor an und warte auf das Klingeln, dann nehme ich das Gespr\u00e4ch an.<\/p>\n<p>Und ich verstehe ALLES. Bei zwei Antworten muss ich einmal nachhaken. Die Gespr\u00e4chslautst\u00e4rke ist normal und auch die Sprechgeschwindigkeit meiner Logop\u00e4din ist relativ normal, vielleicht etwas langsamer. Nat\u00fcrlich spricht sie sehr deutlich, aber ich h\u00e4tte nicht im Traum gedacht, dass ich \u00fcberhaupt einmal wieder so gut telefonieren kann. Und schon gar nicht so schnell. Ein Riesenerfolg, der mich wirklich \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Direkt nach der Sitzung rufe ich meine ErstBesteH\u00e4lfte an und wir f\u00fchren das erste richtige Telefonat \u00fcberhaupt. Ich verstehe sie sehr gut und auch wenn ich ein paarmal nachfragen muss sind wir beide so ger\u00fchrt, dass wir kaum wissen, was wir sagen sollen. Wer h\u00e4tte das gedacht. Telefonieren klappt nach knapp 5 Wochen mit Cochlea-Implantat und 4 Tage nach der ersten Erstanpassungs-Sitzung.\u00a0Ich brauche ein paar Minuten, um das zu verarbeiten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Nachmittag steht eine vom Deutschen H\u00f6rzentrum organisierte Museumsf\u00fchrung im <a href=\"https:\/\/www.hannover.de\/Museum-August-Kestner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Museum August Kestner<\/a> auf dem Programm. An dieser F\u00fchrung nimmt auch eine weitere CI-Patientin teil, die ich gestern im Deutschen H\u00f6rzentrum kennengelernt habe. Bei der Museumsf\u00fchrung soll die Telespulenfunktion getestet werden, die bei vielen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen angeboten wird. Der Sound der vortragenden Person wird dabei per Induktion in den Soundprozessor geleitet; man braucht daf\u00fcr nur einen Empf\u00e4nger, der um den Hals geh\u00e4ngt wird. Leider funktioniert die \u00dcbertragung bei mir nicht; ich werde morgen den Med-El-Service im H\u00f6rzentrum dazu befragen. Dennoch nehme ich an der F\u00fchrung teil. Es geht um alt\u00e4gyptische Kultur und Kunst und ich verstehe jedes Wort der Museumsf\u00fchrerin. Ohne Lippenlesen geht es noch nicht, aber ich kann tats\u00e4chlich eine Stunde lang einem Vortrag folgen, ohne dabei zu erm\u00fcden und hinterher k.o. zu sein. Auch das ist ein toller Erfolg.<\/p>\n<p>Nach der Museumsf\u00fchrung, die \u00fcbrigens hochinteressant war, treffe ich noch eine ehemalige Mitpatientin, die ich w\u00e4hrend meines Krankenhausaufenthaltes vor 4 Wochen kennengelernt habe. Auch sie ist etwas schwerh\u00f6rig und wurde im Mittelohr operiert. Wir unterhalten uns knapp vier Stunden lang in einer wirklich lauten Caf\u00e9- und sp\u00e4ter Restaurantumgebung und auch wenn ich am Ende etwas m\u00fcde werde, verstehe ich auch hier fast jedes Wort, obwohl das Besteckgeklapper neben meinem Ohr wirklich furchtbar laut ist.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Tag. Telefonieren. Museumsf\u00fchrung. Caf\u00e9gespr\u00e4che. Und das alles mit einem seit 5 Wochen elektrisch h\u00f6renden Ohr. Wahnsinn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vormittag steht kein Termin im Deutschen H\u00f6rzentrum auf dem Plan. 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