{"id":463,"date":"2018-09-05T11:08:03","date_gmt":"2018-09-05T09:08:03","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=463"},"modified":"2018-09-21T15:22:50","modified_gmt":"2018-09-21T13:22:50","slug":"tag-35-schau-mir-in-die-augen-kleines","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=463","title":{"rendered":"Tag 35 &#8211; Schau mir in die Augen, Kleines"},"content":{"rendered":"<p>Ein voller H\u00f6rtag! Er beginnt mit einer weiteren technischen Sitzung bei meinem Audiologen. Die hohen Frequenzen werden noch ein klein wenig abgeregelt, um den Zischeffekt bei scharfen Konsonanten und Knisterger\u00e4uschen zu verringern. Das ist ein schwieriger Balanceakt &#8211; einerseits will man nat\u00fcrlich komfortabel und so <em>normal<\/em>\u00a0wie m\u00f6glich h\u00f6ren, ohne dass bestimmte Frequenzen hervorstechen. Andererseits will man so viel wie m\u00f6glich h\u00f6ren. F\u00fcr mich sind insbesondere diese hohen Frequenzen, Konsonanten wie <em>S<\/em>, <em>Ch<\/em>, <em>SCH<\/em>, <em>K<\/em>, <em>P<\/em> oder <em>F<\/em> ein tolles H\u00f6rerlebnis, weil dieser Lautbereich von den H\u00f6rger\u00e4ten nicht abgedeckt werden konnte. Im Hochtonbereich h\u00f6re ich besonders schlecht und selbst mit einer H\u00f6rverst\u00e4rkung von 80 Dezibel konnten die H\u00f6rger\u00e4te diese Frequenzen nicht h\u00f6rbar machen. Ich habe diese T\u00f6ne also Jahrzehnte lang nicht geh\u00f6rt und die Freude dar\u00fcber, dass ich sie wieder wahrnehmen kann, ist weitaus gr\u00f6\u00dfer als das Zischen, das sich ein bi\u00dfchen wie eine \u00dcbersteuerung eines Verst\u00e4rkers anh\u00f6rt, bei dem die H\u00f6hen zu stark eingestellt sind. Ich gehe auch davon aus, dass ich mich erst einmal wieder an diese hohen Frequenzen gew\u00f6hnen muss und dass mein Gehirn die gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige \u00fcbersteuerte H\u00f6henwiedergabe irgendwann ausblendet. Momentan ist das alles neu und auf neue Dinge achtet das Gehirn besonders stark.<\/p>\n<p>Es wird eine weitere Messung gemacht, bei der ich die Lautst\u00e4rke der einzelnen Elektroden nicht mehr nacheinander separat auf einer Skala von <em>sehr leise<\/em>\u00a0bis <em>sehr laut<\/em>\u00a0einsch\u00e4tze, sondern es werden f\u00fcnf verschiedene T\u00f6ne unterschiedlicher Tonh\u00f6he nacheinander abgespielt. Meine Aufgabe besteht darin, die Lautst\u00e4rke dieser f\u00fcnf T\u00f6ne zu vergleichen und auf einen identischen Level zu bringen. Das ist bei unterschiedlichen Tonh\u00f6hen gar nicht so einfach. Das Endergebnis dieser Einstellung gef\u00e4llt mir allerdings weniger gut &#8211; der Sound ist etwas dumpfer und weniger klar und ich habe das Gef\u00fchl, damit etwas schlechter zu verstehen. Also kehren wir wieder zu den vorherigen Einstellungen zur\u00fcck, mit denen ich von Anfang an gut gefahren bin und justieren die H\u00f6hen noch ein klein wenig herunter.<\/p>\n<p>Generell ist es sehr schwierig, auf Anhieb oder in kurzer Zeit zu entscheiden, mit welcher Einstellung man am besten h\u00f6rt. Man braucht Zeit, um sich an ein neues H\u00f6rgef\u00fchl zu gew\u00f6hnen. Das kann Wochen oder sogar Monate dauern &#8211; und dies macht die Einstellung von H\u00f6rger\u00e4ten oder auch Soundprozessoren so schwierig. Auch Alltagssituationen lassen sich im Labor nur bedingt nachstellen. Letztendlich ist das Bauchgef\u00fchl sehr wichtig &#8211; man muss sich mit dem H\u00f6rprogramm wohlf\u00fchlen und es akzeptieren. Manche Dinge oder Einstellungsparameter werde ich voraussichtlich erst nach mehrmonatiger Eingew\u00f6hnungszeit ausprobieren und beurteilen k\u00f6nnen, wenn mein Gehirn sich noch etwas besser an das Implantat gew\u00f6hnt hat. Der Plan ist also, es generell bei den Grundeinstellungen zu lassen, die wir gestern zusammen festgelegt haben und damit weiter zu experimentieren. Die alternative Kodierungsstrategie wird dann in 3 oder 6 Monaten nochmal ein Thema werden.<\/p>\n<p>Vom Tisch ist erst einmal das Thema <em>Hybridversorgung<\/em>. Der Soundprozessor ist gleichzeitig auch ein H\u00f6rger\u00e4t und kann kombiniert verwendet werden &#8211; die hohen T\u00f6ne werden ins Implantat geschickt und die tiefen wie beim H\u00f6rger\u00e4t ins Ohr geleitet. Mein H\u00f6rverm\u00f6gen war schon vor der Implantation so schlecht, dass ich hier kaum einen Vorteil erzielen werde. Durch die Operation wird das Resth\u00f6rverm\u00f6gen in der Regel um weitere 10 bis 15 Dezibel verschlechtert, so dass ein Erfolg hier sehr unwahrscheinlich ist. Und es kann bis zu 6 Monate dauern, bis das vorhandene Restgeh\u00f6r sich nach der Operation wieder regeneriert. Ich vermisse das Ohrpassst\u00fcck und den Schall im Ohr auch nicht wirklich und beschlie\u00dfe, dieses Thema erst einmal abzuhaken. Das H\u00f6ren rein \u00fcber den Soundprozessor ist hervorragend und ich brauche aktuell keine weitere Baustelle, die das Thema mit geringer Erfolgsaussicht noch weiter verkompliziert.<\/p>\n<p>Nach dieser Anpassungssitzung gibt es eine Informationsveranstaltung der <a href=\"https:\/\/www.hcig.de\/startseite\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hannoverschen Cochlear-Implant-Gesellschaft e.V<\/a>. Dies ist eine Selbsthilfegruppe von CI-Tr\u00e4gern, die sich um Belange implantierter Menschen k\u00fcmmert. Ich lerne ein paar sehr nette Menschen kennen, die ebenfalls vor kurzem implantiert worden sind und bekomme einige wertvolle Tipps von Hellmuth, der die Veranstaltung leitet. Es geht um H\u00f6rerfolge, Tipps im Umgang mit der B\u00fcrokratie und auch einfach darum, sich ein bi\u00dfchen auszutauschen, was gut tut &#8211; auch wenn ich mich ein bi\u00dfchen wie ein Alien f\u00fchle, weil mein rapider H\u00f6rerfolg wirklich sehr au\u00dfergew\u00f6hnlich ist. Man bekommt fast ein schlechtes Gewissen gegen\u00fcber anderen Implantat-Tr\u00e4gern, die weitaus mehr mit dem CI zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p>Direkt nach dem Mittagessen findet dann eine weitere H\u00f6rtrainigssession bei meiner Logop\u00e4din, statt. Ich hatte bei den gestrigen H\u00f6rtrainings, die ich am Nachmittag mit den H\u00f6rtrainigs-Apps durchgef\u00fchrt habe, aufgeschrieben, mit welchen W\u00f6rtern oder Buchstabenkonstellationen ich Probleme habe. Es sind \u00fcberwiegend weiche Konsonanten mit darauffolgenden dunklen Vokalen, die schwierig zu verstehen sind: <em>Mango, Maracuja, Melone<\/em> aber auch W\u00f6rter wie <em>Potsdam, Oldenburg<\/em> oder <em>Maurer<\/em> bereiten mir noch Probleme. Auch die Unterscheidung zwischen <em>d, b<\/em> und <em>g<\/em> ist schwierig &#8211; l<em>aden, laben, lagen<\/em>. Ich habe hier noch viel Arbeit vor mir; die Erfolgsaussichten sind aber sehr gut. Toll ist, dass ich auch schon ganze S\u00e4tze ohne Mundbild verstehe und kurze Geschichten, die mir vorgelesen werden. Ich h\u00e4tte vor der Implantation nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass dies \u00fcberhaupt irgendwann einmal m\u00f6glich sein wird. Nat\u00fcrlich muss ich mich noch sehr konzentrieren und ich werde nie <em>normal<\/em> h\u00f6ren k\u00f6nnen. Aber die Verbesserung im Vergleich zu den H\u00f6rger\u00e4ten ist immens und meine Lebensqualit\u00e4t ist schon nach f\u00fcnf Wochen mit dem CI eine ganz andere Liga.<\/p>\n<p>Ich werde meinen Gespr\u00e4chspartnern jetzt auch endlich in die Augen schauen k\u00f6nnen. Stark h\u00f6rgesch\u00e4digte Menschen sind meistens auf das Lippenlesen angewiesen und schauen dem Gegen\u00fcber in Gespr\u00e4chen deshalb nicht in die Augen, sondern auf den Mund, was die Kommunikationssituation etwas unpers\u00f6nlicher macht. In die Augen habe ich Menschen eigentlich nur dann geschaut, wenn ich selber gesprochen habe &#8211; oder wenn ein Blick mehr sagen sollte als 1000 Worte. Meine Umgebung ist daran gew\u00f6hnt, aber generell reagiert man eher etwas konfus, wenn es keinen Augenkontakt zum Zuh\u00f6rer gibt. F\u00fcr mich ist jetzt das direkte Gespr\u00e4ch mit Augenkontakt beim Zuh\u00f6ren ungew\u00f6hnlich &#8211; die Situation wirkt auf mich besonders intim und ich habe ein bi\u00dfchen das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde ich beim Zuh\u00f6ren flirten. Ich werde meine Logop\u00e4din morgen besser mal fragen, ob ich zu lange oder zu intensiv in ihre Augen geschaut habe &#8211; vor dem Hintergrund der #metoo-Debatte kann man mit so etwas ja nicht vorsichtig genug sein.<\/p>\n<p>Nach dem H\u00f6rtraining gibt es im Deutschen H\u00f6rzentrum eine Informationsveranstaltung zu technischem Zubeh\u00f6r. Es gibt Richt- und Tischmikrofone f\u00fcr Meetings, Lichtblitzanlagen f\u00fcr T\u00fcr und Telefon inklusive Rauchmeldern und noch vieles mehr. Lichtwecker mag ich pers\u00f6nlich nicht &#8211; diese Teile blitzen beim Alarm mit hoher Lichtintensit\u00e4t und ich tr\u00e4ume kurz vor dem Aufwachen dann immer, dass ich fotografiert werde, was ich direkt am Morgen gar nicht mag. Also benutze ich einen Vibrationswecker, der unter dem Kopfkissen liegt. Das klappt prima. Die Rauchmelder werden direkt beantragt: Das Deutsche H\u00f6rzentrum stellt die Verordnung direkt aus und der technische Berater k\u00fcmmert sich dann um die Weiterleitung zur Krankenkasse. F\u00fcr das berufliche Equipment, das insgesamt etwa 10.000 Euro kosten wird, wird das Integrationsamt aufkommen. Dazu schreibe ich mehr, wenn die Ger\u00e4te im Einsatz sind.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend bin ich k.o. Es geht es zur\u00fcck ins Hotel und ich lege mich f\u00fcr ein paar Stunden aufs implantierte Ohr. Dann wird noch ein bi\u00dfchen Blog geschrieben und gegen 23 Uhr drehe ich noch eine kleine Runde durch das n\u00e4chtliche Hannover, tanke das Auto an einer Nachttankstelle und freue mich dar\u00fcber, dass ich die unfreundliche Tankstellenfrau, die per Kopfh\u00f6rer und Mikrofon durch die geschlossene T\u00fcr kommuniziert, gut verstehe. Vor lauter Freude schicke ich sie gleich dreimal durch den Laden, um etwas Schokolade zu besorgen. Ach, und eine kleine T\u00fcte Chips. Und Cola brauche ich noch, sorry, vergessen.\u00a0Verstehen kann Spa\u00df machen und ein bi\u00dfchen Bewegung schadet auch schlecht gelaunten Tankstellenfrauen nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein voller H\u00f6rtag! Er beginnt mit einer weiteren technischen Sitzung bei meinem Audiologen. Die hohen Frequenzen werden noch ein klein wenig abgeregelt, um den Zischeffekt bei scharfen Konsonanten und Knisterger\u00e4uschen zu verringern. Das ist ein schwieriger Balanceakt &#8211; einerseits will man nat\u00fcrlich komfortabel und so normal\u00a0wie m\u00f6glich h\u00f6ren, ohne dass bestimmte Frequenzen hervorstechen. 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