{"id":322,"date":"2018-08-23T23:29:44","date_gmt":"2018-08-23T21:29:44","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=322"},"modified":"2018-09-21T15:26:48","modified_gmt":"2018-09-21T13:26:48","slug":"tag-21-smalltalk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=322","title":{"rendered":"Tag 21 &#8211; Smalltalk"},"content":{"rendered":"<p>Momentan vergeht kein Tag ohne sch\u00f6ne Erlebnisse. So viele Dinge sind einfacher geworden, weil ich einfach mehr verstehe. Es ist nicht so, dass ich mein Leben mit H\u00f6rger\u00e4ten als schwer empfunden habe. Nat\u00fcrlich macht so ein Handicap vieles schwieriger. Nat\u00fcrlich gibt es Momente, in denen man seine Ohren verflucht. Aber letztendlich ging es mir immer gut damit &#8211; ich habe einen tollen Job, eine tolle Familie, viele Freunde, ein sch\u00f6nes Zuhause und Spa\u00df am Leben. Meine Mutter sagte mir fr\u00fcher immer: Was uns nicht umbringt, macht uns st\u00e4rker. Diese St\u00e4rke sieht man nicht immer auf den ersten Blick: Man sieht den Rollstuhl vor der Treppe, den Blindenstock am Gehsteig, das H\u00f6rger\u00e4t oder die k\u00f6rperliche Fehlbildung. Man sieht aber nicht (oder nur bei Menschen, die man sehr gut kennt) das Positive, das ein Leben mit so einem Handicap mit sich bringt: Die F\u00e4higkeit, damit umzugehen und trotz allem gl\u00fccklich zu sein. Das klappt nat\u00fcrlich nicht bei jedem &#8211; aber das ist bei Menschen ohne Handicap nicht anders.<\/p>\n<p>Schwerh\u00f6rigkeit hat neben der H\u00f6rbeeintr\u00e4chtigung selbst zwei gro\u00dfe Nachteile gegen\u00fcber anderen Behinderungen: Zum Einen sieht man die Beeintr\u00e4chtigung nicht. Man sieht vielleicht ein H\u00f6rger\u00e4t oder Cochlea-Implantat, aber im Vergleich zu einem Rollstuhl oder anderen deutlich sichtbareren k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen wiegt dies auf den ersten Blick nicht so schwer. <em>Du kannst ja alles &#8211; die H\u00f6rger\u00e4te sind doch so klein<\/em>. Ich kann fast alles, das stimmt. Aber was ich schlecht kann, ist verbale zwischenmenschliche Kommunikation. Ich verstehe andere Menschen schlecht. Auch damit kann man ein tolles Leben f\u00fchren, aber es schr\u00e4nkt viel mehr ein, als man gemeinhin glaubt. Denn Verst\u00e4ndigung ist die Basis des sozialen Zusammenlebens.<\/p>\n<p>Ich habe Freunde, die im Rollstuhl sitzen &#8211; keiner von ihnen w\u00fcrde mit mir tauschen wollen. Auch blinde Menschen, die ich im Lauf meines Lebens kennengelernt haben, w\u00fcrden niemals mit mir tauschen wollen. Ich mit ihnen allerdings auch nicht &#8211; denn im Endeffekt lernt jeder, mit seinem pers\u00f6nlichen Handicap klarzukommen. Und man kann die Vor- und Nachteile verschiedener Behinderungen nicht vergleichen oder gegeneinander aufrechnen.<\/p>\n<p>Zum Anderen kann man sich schlecht oder nur gar nicht vorstellen. Man kann sich vorstellen, nicht zu laufen und im Rollstuhl zu sitzen. Man kann die Augen schlie\u00dfen und sich vorstellen, blind zu sein. Man kann humpeln oder versuchen, sich nur mit einem Arm ein Brot zu schmieren. Man kann sich vorstellen, zu leise zu h\u00f6ren. Aber man kann sich nicht wirklich vorstellen wie es ist, schlecht zu verstehen. Man h\u00f6rt bestimmte Frequenzen nicht. Ich habe zum Beispiel keine Konsonanten geh\u00f6rt. Die Sprachqualit\u00e4t ist immer schlecht. Man muss sich unglaublich konzentrieren, um selbst einfache Gespr\u00e4che zu f\u00fchren. Ich verbildliche h\u00f6rgesch\u00e4digtes H\u00f6ren gerne so:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Stell Dir vor, Du sitzt an einem\u00a0Tisch mit 10 Personen, die sich in einer Sprache verst\u00e4ndigen, die Du nur ein kleines bi\u00dfchen beherrschst. Von drau\u00dfen dringt lauter Baustellenl\u00e4rm an Dein Ohr. Du hast 24 Stunden nicht geschlafen und Dein Konzentrationsverm\u00f6gen ist ersch\u00f6pft. Deine Ohren sind verstopft.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Das ist in etwa mein Alltag mit H\u00f6rger\u00e4ten. Mit Cochlea-Implantat w\u00fcrde ich es am Tag 21 so beschreiben:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u00a0<em>Stell Dir vor, Du sitzt an einem\u00a0Tisch mit 10 Personen, die sich in Deiner Muttersprache verst\u00e4ndigen, aber etwas leise sprechen. Drau\u00dfen ist ein bi\u00dfchen Verkehrsl\u00e4rm. Du hast einen normalen Arbeitstag hinter Dir und muss Dich etwas konzentrieren.<\/em><\/p>\n<p>Der heutige Vormittag ist ausgef\u00fcllt mit Vorbereitungen f\u00fcr meine Geburtstags- und Implantationsparty am Samstag. Am Nachmittag fahre ich nach Hamburg, um bei einem alten Arbeitskollegen einen h\u00f6henverstellbaren Schreibtisch abzuholen, den ich wegen des Umzugs seines Arbeitgebers sehr g\u00fcnstig erwerben kann. Junior I kommt zur Unterst\u00fctzung mit und wir haben eine tolle Unterhaltung im Auto, in der es mal wieder um Musik geht: Wir gehen gemeinsam meine Playlist f\u00fcr die Party durch. Und um den Bl\u00f6dsinn, den ich in meiner Jugendzeit und auch danach angestellt habe. Ein unersch\u00f6pfliches Thema&#8230;<\/p>\n<p>Bei der Abholung freue ich mich sehr, meinen ehemaligen Kollegen wiederzusehen und treffe noch einen weiteren alten Arbeitskollegen, mit dem ich Anfang der 00er Jahre zusammen bei meinem ersten Arbeitgeber angestellt war. Ich verstehe beide deutlich besser als mit H\u00f6rger\u00e4ten und genie\u00dfe ein kurzes, berufliches Smalltalk. Dann geht es zur\u00fcck nach Hause.<\/p>\n<p>Am Abend kommt ein Arbeitskollege von SAP zu Besuch, der mit seiner Familie auf Urlaubsr\u00fcckreise von Skandinavien nach Baden-W\u00fcrttemberg ist, ebenfalls sehr schlecht h\u00f6rt und in dieser Woche auch ein Cochlea-Implantat bekommt. Auch seine Frau tr\u00e4gt auf einem Ohr ein CI und auf dem anderen ein H\u00f6rger\u00e4t. Es tut immer gut, sich mit anderen &#8218;Betroffenen&#8216; zu unterhalten und wir verbringen einen wunderbaren Abend und darauf folgenden Morgen und freuen uns sehr auf das n\u00e4chste Wiedersehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Momentan vergeht kein Tag ohne sch\u00f6ne Erlebnisse. So viele Dinge sind einfacher geworden, weil ich einfach mehr verstehe. Es ist nicht so, dass ich mein Leben mit H\u00f6rger\u00e4ten als schwer empfunden habe. 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