{"id":302,"date":"2018-08-19T12:21:44","date_gmt":"2018-08-19T10:21:44","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=302"},"modified":"2018-08-21T16:21:19","modified_gmt":"2018-08-21T14:21:19","slug":"tag-17-copilot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=302","title":{"rendered":"Tag 17 &#8211; Copilot"},"content":{"rendered":"<p>Nach einer kurzen Nachtruhe ging es heute zur\u00fcck nach Hause. Auf dem Heimweg brachte ich noch eine Freundin meines Gastgebers nach Hause, die auf meiner R\u00fcckreiseroute wohnt\u00a0 &#8211; und wir konnten uns fast die ganze Strecke gut unterhalten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/0c14928f-7573-4288-8df2-c4641bcb98ca.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-309 size-medium\" src=\"http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/0c14928f-7573-4288-8df2-c4641bcb98ca-e1534847499353-162x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"162\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/0c14928f-7573-4288-8df2-c4641bcb98ca-e1534847499353-162x300.jpeg 162w, https:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/0c14928f-7573-4288-8df2-c4641bcb98ca-e1534847499353-768x1425.jpeg 768w, https:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/0c14928f-7573-4288-8df2-c4641bcb98ca-e1534847499353-552x1024.jpeg 552w, https:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/0c14928f-7573-4288-8df2-c4641bcb98ca-e1534847499353.jpeg 776w\" sizes=\"auto, (max-width: 162px) 100vw, 162px\" \/><\/a>Unterhaltungen im Auto sind f\u00fcr mich und auch viele andere h\u00f6rgesch\u00e4digte Menschen eine echte Herausforderung &#8211; egal ob man selber f\u00e4hrt oder Beifahrer ist. Einerseits wegen der Umgebungsger\u00e4usche, die Kommunikation schwierig machen, weil H\u00f6rger\u00e4te nicht halbwegs so gut in der Lage sind wie das menschliche Ohr, all das herunter zu pegeln, was\u00a0 man nicht h\u00f6ren will. Andererseits deshalb, weil ich von den Lippen ablesen muss. Das bedeutet, dass man als Fahrer den Beifahrer anschauen muss, wenn er spricht. F\u00fcr die Verkehrssicherheit ist dies suboptimal &#8211; und damit auch f\u00fcr den Blutdruck der Person auf dem Beifahrersitz, die nat\u00fcrlich nerv\u00f6s wird, wenn der Fahrer nicht nach vorne schaut. Und dann selber nach vorne schaut, weil die meisten Menschen gerne kurz vorher wissen m\u00f6chten, wann und wie sie sterben. Der Fahrer versteht in diesem Moment noch weniger, weil das Mundbild nicht frontal sichtbar ist und so wird die gesamte Kommunikation zu einem echten Nervenkitzel.<\/p>\n<p>Wenn die Rollen vertauscht sind, ist es etwas einfacher, aber das Problem besteht dann umgekehrt: Die fahrende Person wei\u00df, dass sie mich als Beifahrer anschauen muss, damit ich verstehe. Ich werde nat\u00fcrlich auch nerv\u00f6s, wenn die Person am Lenkrad nicht nach vorne schaut, weil die meisten Menschen auch nicht gew\u00f6hnt sind, sich mit h\u00f6rgesch\u00e4digten Personen im Fahrzeug zu unterhalten. Und auch ich\u00a0m\u00f6chte ganz gern wissen, wann der Airbag ausl\u00f6st &#8211; und schaue deshalb selbst nach vorne und verstehe nichts mehr. Das Ganze ist ein bi\u00dfchen wie dieses Spiel &#8218;Wer traut sich zuerst, wegzugucken&#8216;. Entspanntes Unterhalten ist dabei nur schwer m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Meine Freunde kennen diese Situation und sind es gew\u00f6hnt, Unterhaltungen im Auto auf ein Minimum zu reduzieren. Das ist sehr ungewohnt. Vor allem die Anhalter und Mitfahrer, die ich in den 90er Jahren oft \u00fcber Mitfahrzentralen mitgenommen habe, waren h\u00e4ufig verunsichert, weil ich einfach nur gefahren bin und kein Interesse an Small Talk zeigte. Man denkt in so einer Situation als Anhalter vermutlich an amerikanische Horrorfilme, in denen Serienm\u00f6rder und Psychopathen Anhalter einsammeln und dann wortlos in ein leer stehendes Geb\u00e4ude chauffieren. Ich habe es nach M\u00f6glichkeit vermieden, die Leute durch irres Grinsen oder Gekicher noch mehr zu verunsichern und dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt, dass wir uns entweder unterhalten oder dass sie sicher ans Ziel kommen. Die meisten fanden die letzte Option attraktiver. Die wenigen F\u00e4lle, die einfach nicht in der Lage sind, in Gesellschaft einfach mal 2 Stunden den Rand zu halten, wurden sp\u00e4testens dann still, nachdem ich sie (nat\u00fcrlich auf freier Autobahnstrecke) etwa 10 Sekunden intensiv angeschaute und dabei beschleunigte. Im Angesicht des Todes werden auch notorische Dauerredner auf einmal ganz still.<\/p>\n<p>Um meine Leser nicht nerv\u00f6s zu machen: Ich habe in 32 Jahren Autofahren mit Fahrleistungen von bis zu 50.000 km pro Jahr noch keinen ernsten Unfall gehabt &#8211; lediglich zwei Motorradunf\u00e4lle, die nichts mit einem beeintr\u00e4chtigten Geh\u00f6r, zu tun hatten. Denn im Zweifelsfall war mir mein Leben und das meiner Passagiere immer wichtiger als zu verstehen, warum Freundin 1 zu Freundin 2 gesagt hat, dass Freundin 3 Freundin 4 nicht mehr mag, weil Freundin 5 gesehen hat, dass Freundin 3 zusammen mit Freundin 6 \u00fcber Freundin 5 gel\u00e4stert hat.<\/p>\n<p>Und: wenn ein Sinnesorgan dauerhaft beeintr\u00e4chtigt ist und seine Aufgaben nicht mehr ordentlich wahrnehmen kann, \u00fcbernehmen andere Sinnesorgane einen Teil dieser Arbeit. In meinem Fall hei\u00dft das, dass meine Augen etwas leistungsf\u00e4higer sind. Ich schaue zwar nicht sch\u00e4rfer oder weiter und kann leider auch nicht durch Kleidung hindurchschauen, aber ich habe ein etwas breiteres Blickfeld als die meisten nicht h\u00f6rgesch\u00e4digten Menschen und nehme deshalb im Verkehr schneller wahr, wenn jemand von rechts oder links kommt. Ich hatte deshalb auch lange die Auflage im F\u00fchrerschein, dass ich nur Fahrzeuge mit rechtem Au\u00dfenspiegel fahren darf, um meine Beeintr\u00e4chtigung auszugleichen. Denn\u00a0bis in die 90er Jahre waren rechte Au\u00dfenspiegel bei vielen Fahrzeugen tats\u00e4chlich eine Sonderausstattung.<\/p>\n<p>Interessanterweise ist auch mein Geruchsorgan sehr sensitiv. Ich wache schnell auf, wenn Rauch oder Essenger\u00fcche ins Schlafzimmer ziehen und habe ein au\u00dferordentliches olfaktorisches Ged\u00e4chnis. Das hilft im Verkehr aber nicht wirklich &#8211; wenn ich den Brandgeruch wahrnehme, ist es zum Bremsen vermutlich zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Jedenfalls: Der Blutdruck meiner Beifahrerin bleibt w\u00e4hrend der etwa einst\u00fcndigen Fahrt im gr\u00fcnen Bereich. Wir k\u00f6nnen uns gut unterhalten und ich muss zwar immer noch ab und zu auf ihren Mund schauen oder das Gespr\u00e4ch pausieren lassen, wenn der Verkehr meine volle Aufmerksamkeit erfordert, aber im Vergleich zu meiner Zeit mit H\u00f6rger\u00e4ten ist das deutlich komfortabler. Und ich freue mich auf den Tag, an dem ich die Blicke zur Seite gar nicht mehr brauche.<\/p>\n<p>Nachdem mein Fahrgast zu Hause abgeliefert ist, besuche ich noch kurz meine Mutter, die in der N\u00e4he wohnt und sich wahnsinnig dar\u00fcber freut, dass ihr Sohnemann wieder besser h\u00f6ren kann. F\u00fcr Eltern ist eine Krankheit oder Behinderung eines Kindes meistens viel schlimmer als f\u00fcr einen selbst. Ich hatte w\u00e4hrend meiner Pubert\u00e4t nat\u00fcrlich schwer mit dem immer schlechter werdenden Geh\u00f6r zu k\u00e4mpfen und es gab immer wieder Momente, wo ich meine Ohren verflucht habe. Aber man muss irgendwann lernen, mit seinem Handicap umzugehen und nicht mehr st\u00e4ndig dar\u00fcber nachzudenken. Es ist ein Teil eines selbst und man muss es akzeptieren anstatt dagegen zu k\u00e4mpfen &#8211; sonst geht man unter.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Eltern ist es viel schwieriger damit klarzukommen, wenn das eigene Kind eine Krankheit oder Behinderung hat &#8211; denn man m\u00f6chte nat\u00fcrlich, dass es den Menschen besonders gut geht, die man am meisten liebt, dass sie &#8218;gesund&#8216; sind und wenig Probleme haben. Meine Eltern haben lange gegen meine Schwerh\u00f6rigkeit gek\u00e4mpft und ich bin jahrelang auf einer medizinischen Odyssee unterwegs gewesen: HNO-\u00c4rzte, Neurologen, Psychologen, Hom\u00f6opathen, Heilpraktiker, Wunderheiler: Es wurde alles versucht und nichts unversucht gelassen. Jeder m\u00f6gliche Strohhalm wurde ergriffen, um gegen das schlechte H\u00f6ren zu k\u00e4mpfen. Ich hatte irgendwann genug davon, weil es mir wichtiger war, mit der H\u00f6rbeeintr\u00e4chtigung klar zu kommen, als erfolglos dagegen zu k\u00e4mpfen. Und habe dann nicht mehr auf meine Copiloten geh\u00f6rt, sondern auf mich selbst.<\/p>\n<p>Letztendlich kann man auch mit schlechtem oder gar keinem Geh\u00f6r ein tolles und erf\u00fclltes Leben f\u00fchren &#8211; oder ohne Augen oder Beine oder mit anderen Krankheiten oder Behinderungen. Wichtig ist, dass man sich selbst akzeptiert &#8211; mit allen Beeintr\u00e4chtigungen. Und versucht, das Beste draus zu machen. Ich w\u00e4re ohne meine H\u00f6rsch\u00e4digung vermutlich ein ganz anderer Mensch geworden; sie ist ein wichtiger Teil von mir, der mich gepr\u00e4gt hat und durch den ich viel gelernt habe. Und das ist gut so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer kurzen Nachtruhe ging es heute zur\u00fcck nach Hause. 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