{"id":200,"date":"2018-08-13T09:22:00","date_gmt":"2018-08-13T07:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=200"},"modified":"2018-09-21T15:15:36","modified_gmt":"2018-09-21T13:15:36","slug":"tag-11-wireless","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/implantastisch.de\/?p=200","title":{"rendered":"Tag 11 &#8211; Wireless"},"content":{"rendered":"<p>Heute fr\u00fch wurden die F\u00e4den der Operationsnarbe gezogen. Das tat nur ein kleines bisschen weh und die Wunde heilt ausgezeichnet. Am Mittwoch darf ich erstmals wieder komplett duschen und meinen Kopf rasieren. Darauf freue ich mich sehr. Und noch etwas anderes ist erfreulich:<\/p>\n<p>Das Aufgerufen werden in Wartezimmern ist f\u00fcr h\u00f6rgesch\u00e4digte Menschen eine unangenehme Situation. Es gibt im grob zusammengefasst drei Szenarien:<\/p>\n<ol>\n<li><em>Das Business Class-Szenario<\/em>: Das Praxispersonal kommt ins Wartezimmer und ruft mich pers\u00f6nlich auf.<\/li>\n<li><em>Das Economic Class-Szenario<\/em>: Ich werde erst aufgerufen, h\u00f6re es nicht, und irgendwann steht eine Arzthelferin armwedelnd und hyperventilierend vor mir.<\/li>\n<li><em>Das Ryanair-Szenario<\/em>: Ich werde aufgerufen, h\u00f6re es nicht, aber merke irgendwann, dass alle wartenden Patienten sich umsehen und niemand aufsteht. Dann marschiere ich los und frage, ob ich aufgerufen worden bin.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Mit dem Cochlea-Implantat kommt eine neue Variante hinzu: Ich h\u00f6re durch die geschlossene T\u00fcr des Arztzimmers, dass mein HNO-Arzt mich aufruft. Zwar bin ich erst so \u00fcberrascht, dass trotzdem ein Husch-Husch-Signal vom Tresen kommt, aber ich habe es tats\u00e4chlich geh\u00f6rt und es klang wie mein Name. Das ist gro\u00dfartig.<\/p>\n<p>Am Vormittag \u00fcbe ich ein wenig mit meinen H\u00f6rtraining-Apps. Was leider noch nicht klappt, ist das Verstehen von englischen S\u00e4tzen. In der \u00dcbung geht es darum, nach dem Anh\u00f6ren einer kurzen Geschichte auf Englisch, bei der auch der Sprecher gezeigt wird, Fragen zum Inhalt zu beantworten. Ich kann hier nur raten &#8211; dieses H\u00f6rziel wird noch viel \u00dcbung brauchen. Ich glaube aber, dass ich Gespr\u00e4chen mit englischen Gespr\u00e4chspartnern, die ich selber steuere, folgen kann. Am Mittwoch treffe ich einen Arbeitskollegen aus Manchester, mit dem ich das mal ausprobieren werde.<\/p>\n<p>Gespr\u00e4chsf\u00fchrung ist f\u00fcr h\u00f6rgesch\u00e4digte Menschen sehr wichtig, damit die Verstehensl\u00fccken optimal durch Mundablesen und Kombinieren gef\u00fcllt werden k\u00f6nnen. Ich muss wissen, worum es geht, sonst kann ich einer Unterhaltung nicht folgen. Das kann dazu f\u00fchren, dass h\u00f6rgesch\u00e4digte Menschen manchmal etwas gespr\u00e4chsdominant wirken; dies ist allerdings die einzig m\u00f6gliche H\u00f6rstrategie. Dazu geh\u00f6rt auch ein Unterbrechen der Sprecher, wenn man den Faden verliert und einen Rettungsanker braucht &#8211; oder aber in einer Gruppe gar nicht mitbekommt, dass jemand spricht oder gerade dazu angesetzt hat. Das ist manchmal etwas unangenehm. Ich mag es gar nicht, wenn man anderen ins Wort f\u00e4llt. Meine Umgebung kennt das Problem und ist darauf eingestellt. Ich hoffe trotzdem, dass ich mit den Cochlea-Implantaten zu einem harmonischeren Gespr\u00e4chspartner werde.<\/p>\n<p>Und dann wieder Musik. Ich h\u00f6re heute vor allem unbekannte Songs von Bands, die ich gerne mag. Die musikalische Entwicklung von <em>U2<\/em> habe ich zum Beispiel nach <em>The Joshua Tree<\/em>, f\u00fcr mich eins der sch\u00f6nsten Alben aller Zeiten, nicht wirklich weiterverfolgen k\u00f6nnen; lediglich <em>Numb<\/em> ist mir gel\u00e4ufig. Au\u00dferdem h\u00f6re ich mir Bands aus den 90ern an, bei denen ich immer das Gef\u00fchl hatte, dass ihre Musik mir gut gef\u00e4llt, wie z.B. <em>Pearl Jam<\/em>\u00a0oder die\u00a0<em>Stone Temple Pilots<\/em>. Das meiste gef\u00e4llt mir wirklich gut und ich freue mich drauf, noch sehr viel Neues zu entdecken. Die Kabelverbindung vom Soundprozessor zum Smartphone nervt auf Dauer ziemlich. Das Tragen von Kopfh\u00f6rern mit Kabel bin ich nicht gewohnt. Ich hoffe sehr, dass Med-El bald eine kabellose L\u00f6sung auf den Markt bringt, die ein direkte Bluethooth-Verbindung mit dem Smartphone erm\u00f6glicht. Cochlear, der gr\u00f6\u00dfte CI-Hersteller, ist seit dem Fr\u00fchjahr schon so weit.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wage ich mich an das erste H\u00f6rspiel, nachdem ich bei der Suche nach dem Soundtrack des ersten <em>Star Wars<\/em> Teils auf Spotify aus Versehen das H\u00f6rspiel anklicke anstatt der Filmmusik. Ich verstehe hier erstaunlich gut &#8211; etwa 50 % aller W\u00f6rter kommen klar an. M\u00f6ge die H\u00f6rmacht mit mir sein.<\/p>\n<p>Meine ErstBesteH\u00e4lfte schickt mir sp\u00e4ter auf dem R\u00fcckweg von einer weiter entfernt lebenden Freundin eine Sprachnachricht auf WhatsApp, die ich zu ca. 70 % verstehe. Und ich schicke meine erste Sprachnachricht zur\u00fcck. Ist eigentlich praktisch &#8211; als \u00fcberzeugter Chatter habe ich das noch nie gemacht. Chatten war f\u00fcr mich immer sehr wichtig. Meine Internet-Ausbildung habe ich in den 90er Jahren im Chat bekommen &#8211; im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internet_Relay_Chat\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Internet Relay Chat<\/a> zu einer Zeit, als fast nur Computerexperten dort aktiv waren. Viele meiner Freunde habe ich im Chat kennengelernt und sp\u00e4ter pers\u00f6nlich getroffen und es war fast immer eine tolle Erfahrung. Auch die ErstBesteH\u00e4lfte habe ich im Chat kennengelernt &#8211; ich f\u00fchle mich in diesem Medium einfach sehr wohl, weil ich gerne schreibe und dort kein Handicap habe. Wenn das Verstehen weiter so viel Fortschritte macht, wird f\u00fcr mich etwas Neues hinzukommen.<\/p>\n<p>Neu ist auch, dass das Telefon-Symbol meines Smartphones erstmals auf dem Startbildschirm ist &#8211; diese Funktion habe ich bislang nie gebraucht und werde jetzt erst einmal lernen, wie man ein modernes Telefon benutzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute fr\u00fch wurden die F\u00e4den der Operationsnarbe gezogen. Das tat nur ein kleines bisschen weh und die Wunde heilt ausgezeichnet. Am Mittwoch darf ich erstmals wieder komplett duschen und meinen Kopf rasieren. Darauf freue ich mich sehr. Und noch etwas anderes ist erfreulich: Das Aufgerufen werden in Wartezimmern ist f\u00fcr h\u00f6rgesch\u00e4digte Menschen eine unangenehme Situation. 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