{"id":20,"date":"2018-07-29T14:11:02","date_gmt":"2018-07-29T12:11:02","guid":{"rendered":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=20"},"modified":"2018-09-21T15:18:30","modified_gmt":"2018-09-21T13:18:30","slug":"vom-jungen-der-nicht-hoeren-wollte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/implantastisch.de\/?p=20","title":{"rendered":"Vom Jungen, der nicht mehr h\u00f6ren konnte"},"content":{"rendered":"<p>Der Junge, der am Anfang dieser Geschichte sehr gut h\u00f6ren konnte, verbrachte die ersten vier Jahre seines Lebens im Paradies. Er war das erste Kind eines gut situierten Elternpaars, das ein sorgenfreies Leben in einem westf\u00e4lischen Dorf f\u00fchrte und sich sehr auf die Ankunft des Jungen gefreut hatte. Sein Geh\u00f6r funktionierte einwandfrei und es gab weder Sorgen noch Streit, weder b\u00f6se Worte noch dunkle Wolken am Himmel. Zu Beginn des f\u00fcnften Lebensjahres brach dann ein Unwetter \u00fcber das kleine Paradies herein.<\/p>\n<p>In das Leben des Jungen, der nicht mehr h\u00f6ren konnte, traten nicht nur eine Schwester, sondern drei \u00e4ltere Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters ein. Die Halbgeschwister waren davon genauso wenig begeistert wie der Junge selbst und seine Mutter. Der Vater war allerdings der Meinung, dass das Paradies, in dem der Junge, der nicht h\u00f6ren konnte, aufwuchs, ein besserer Ort daf\u00fcr sei, seine ersten drei Kinder aufzuziehen. Und jeglicher Widerstand gegen diesen Plan wurde mit k\u00f6rperlicher und verbaler Gewalt durchgesetzt.<\/p>\n<p>Der Junge, der bis zu diesem Zeitpunkt nur Dinge geh\u00f6rt hatte, die man gerne h\u00f6rt, lernte nun andere T\u00f6ne kennen. Das Gebr\u00fcll eines Vaters, der auf einmal eine ganz andere Seite seines Wesens zeigte als das, was der Junge kannte. Das Geschrei einer Halbschwester, die vor seinen Augen geschlagen wird. Das Flitschen eines G\u00fcrtels, der aus der Hose gezogen wird und sein Klatschen auf nackter Haut. Wimmern aus dem Keller. Der Junge, der dies nicht h\u00f6ren wollte, sa\u00df in der Ecke und hielt sich die Ohren zu. Und wurde krank.<\/p>\n<p>Husten. Schnupfen. R\u00f6teln. Masern. Mumps. Halsweh. Aber der Junge h\u00f6rte immer noch gut. Zwei Jahre sp\u00e4ter dann das Entfernen der Mandeln und Polypen, die vom Hausarzt als Hauptverursacher f\u00fcr die Anf\u00e4lligkeit des Jungen ausgemacht wurden. Der Eingriff verlief nicht wie geplant, sondern es gab Komplikationen. Der Junge, der eigentlich nur nicht mehr h\u00f6ren wollte, lag lange im Krankenhaus. Und erholte sich nur langsam. Bei der Nachuntersuchung wurde eine leichte Innenohrschwerh\u00f6rigkeit festgestellt. Die \u00c4rzte sagten, das sei kein Grund zur Sorge. Das gibt sich schon wieder. Vier Jahre sp\u00e4ter war aus dem Jungen, der sehr gut h\u00f6ren konnte, ein Junge geworden, der fast gar nichts mehr h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Die Eltern gingen mit dem Jungen, der nicht mehr h\u00f6ren konnte, zum H\u00f6rger\u00e4teakustiker. Und dann auf eine medizinische Odyssee. HNO-Experten. Neurologen. Psychologen. Chiropraktiker. Heilpraktiker. Hom\u00f6opathen. Wunderheiler. Doch der Junge h\u00f6rte immer weniger. Und gew\u00f6hnte sich daran. Er wechselte auf eine Sonderschule f\u00fcr H\u00f6rgesch\u00e4digte, machte die mittlere Reife, Abitur und studierte anschlie\u00dfend Kommunikationswissenschaft. Er kaufte sich einen Computer, lernte das Internet kennen und begann nach seinem Studium Benutzeroberfl\u00e4chen f\u00fcr Websites und Software zu entwerfen. Er heiratete eine nette Frau, die h\u00f6ren konnte, bekam zwei Kinder und arbeitete viele Jahre erfolgreich als Angestellter und auch Freiberufler. Dies war m\u00f6glich, weil der Junge, der nicht mehr h\u00f6ren konnte, sein Geh\u00f6r langsam verlor und deshalb au\u00dfergew\u00f6hnlich gut von den Lippen ablesen konnte.<\/p>\n<p>Dennoch war der Junge, der nicht mehr h\u00f6ren konnte, nicht zufrieden. Ihm fehlte die Musik. Das Unterhalten bei Kerzenlicht im Dunkeln. Das Verstehen von Witzen in Gesellschaft. Das Mit-Dabei-Sein statt nur dabei zu sitzen. Das Verstehen von Englisch und Franz\u00f6sisch. Das Telefonieren. Die M\u00f6glichkeit, sich in Meetings Geh\u00f6r zu verschaffen und mitzudiskutieren. Das politische Engagement. Gespr\u00e4che, ohne sich dabei voll konzentrieren zu m\u00fcssen. Radio h\u00f6ren. Kino ohne Untertitel. Konferenzen, Kabarett und Kleinkunst. Empfehlungen im Restaurant. Lautsprecherdurchsagen. Klavierspielen. Entspannt zuh\u00f6ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Junge, der nicht mehr h\u00f6ren konnte, \u00fcberlegte lange, ob ein Cochlea-Implantat eine L\u00f6sung sein k\u00f6nnte. Er hatte gro\u00dfe Angst vor diesem Eingriff, weil er seit der Mandeloperation panische Angst bekam, wenn er in einen Operationssaal geschoben wurde. Und weil er sich nicht ganz sicher war, ob seine Ohren mit Hilfe eines Cochlea-Implantats &#8211; auch CI genannt &#8211; \u00a0wirklich wieder h\u00f6ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die vielen positiven Erfahrungsberichte von CI-Tr\u00e4gern einerseits und eine gro\u00dfe H\u00f6rm\u00fcdigkeit andererseits gaben dem Jungen, der nicht mehr h\u00f6ren konnte, schlie\u00dflich genug Mut, um sich an einen Experten f\u00fcr Cochlea-Implantate zu wenden. Am 30. Juli begab sich der Junge, der nicht mehr h\u00f6ren konnte, in die Obhut der Medizinischen Hochschule Hannover. Mit diesem Tag beginnt auch dieser Blog.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_6330.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-32 size-large\" src=\"http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_6330-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"956\" height=\"717\" srcset=\"http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_6330-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_6330-300x225.jpg 300w, http:\/\/implantastisch.de\/wp-8a8a1-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_6330-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 956px) 100vw, 956px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Junge, der am Anfang dieser Geschichte sehr gut h\u00f6ren konnte, verbrachte die ersten vier Jahre seines Lebens im Paradies. 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