Kategorie: Allgemein

Tag 25 – Indianer

Heute habe ich es nach dem feierintensiven Wochenende etwas ruhiger angehen lassen. Am Vormittag saß ich am Schreibtisch; kurz nach Mittag kam unser Hauszimmermann vorbei, um das Garagentor zu richten. Auch er freute sich sehr darüber, dass er mir alles nicht mehr dreimal sagen muss – das Verstehen klappte ausgezeichnet und ich musste trotz Handwerker-Fachbegriffen nur ein- oder zweimal nachfragen.

Etwas später klingelt eine Nachbarin. Ich höre tatsächlich  zum ersten Mal unsere Hausklingel, während ich im Büro sitze. Das ist klasse – jetzt werden Pakete auch wieder häufiger direkt bei uns landen und ich erschrecke nicht mehr, weil auf einmal ein Nachbar hinter mir im Büro steht. Unsere Türen sind in den Sommermonaten tagsüber immer offen und wenn niemand aufs Klingeln reagiert, dürfen Nachbarn und Freunde auch einfach herein kommen und sich bemerkbar machen. Trotzdem erschrecke ich oft, wenn jemand ich in Gedanken am Schreibtisch oder am Werktisch in der Garage stehe und plötzlich hinter mir steht – auch wenn es die eigenen Familienmitglieder sind. Als hörgeschädigter Mensch bewegen sich alle Personen um einen herum lautlos wie Indianer im Morgengrauen. Ich höre auch Abends nicht, wenn ein Kind die Treppe herunterkommt. Gottseidank sind die Ohren meiner ErstBestenHälfte gut und sie kann bei herannahenden schlaflosen Kindern im Notfall auf “wir gucken Tatort” umschalten. Wenn ich alleine bin geht das aber nicht – ich muss immer damit rechnen, dass auf einmal jemand vor mir steht. Auch dies wird mit Hörimplantat jetzt hoffentlich etwas entspannter.

Auch schön: Ich habe heute den Toaster hochschnellen gehört. Mein Toastbrotverbrauch ist unverhältnismässig hoch, weil ich oft Brote in den Toaster lege und mich dann wieder an den Rechner setze – und den Toaster vergesse. Heute habe ich tatsächlich gehört, dass der Toast fertig war. Ich kann demnächst auch Eieruhren am E-Herd verwenden – auch das macht das Leben ein bißchen einfacher.

Am Nachmittag habe ich noch die für die Party ausgeliehenen Gläser zum Partyservice zurückgebracht. Die Gläser waren in Getränkekisten verstaut und das Klirren im Auto war die Hölle – es hörte sich bei jeder Bodenwelle so an, als würde hinten alles zerschellen. Klirr-, Klacker- und Zischgeräusche sind nach wie vor sehr laut und ich werde Gläsertransporte künftig nach Möglichkeit vermeiden.

Zum Elternabend von Junior II bin ich dann nicht mehr gegangen – ich war noch zu k.o. vom Wochenende. Das mache ich lieber, wenn meine Ohren ausgeruht sind und das elektrische Ohr feineingestellt ist.

 

 

 

Tag 24 – Lemminge

Das war eine kurze Nacht nach der rauschenden Party gestern Abend – aber fünf Stunden Schlaf müssen ausreichen, weil es viel aufzuräumen gibt. Dank der tatkräftigen Hilfe meiner Nachbarn und übernachtenden Gäste ist das Partychaos schnell beseitigt. Den Rest des Nachmittags verbringe ich Fußball schauend auf der Couch – ein bißchen chillen, wie Junior I gerne sagt, darf heute ruhig mal sein.

Am frühen Abend bringe ich meine Schwester zum Zug. Ich bin knapp 12 Jahre täglich von Scheeßel nach Hamburg gependelt – 50 Minuten Fahrzeit im meist pünktlichen Metronom, der zwischen Bremen und Hamburg fährt. Bei der Auswahl unseres Wohnortes war uns wichtig, dass wir eine gute Zugverbindung haben, denn morgens mit dem Auto nach Hamburg zu fahren ist recht anstrengend und stauintensiv. Man gewöhnt sich schnell an die Fahrerei und kann morgens noch ein bißchen im Zug dösen und Abends auf der Rückfahrt noch ein bißchen offline arbeiten.

Nicht gewöhnt habe ich mich an Verspätungen, Zugausfälle, Gleiswechsel und umsortierte Wagenreihungen in Fernzügen. Falls wirklich einmal ein ICE pünktlich von Hamburg nach München fährt, bei dem die Wagenreihung wie vorgesehen ist und man nicht den gesamten Bahnsteig entlang sprinten muss, um in die richtige Zughälfte zu gelangen, wird ein Chor von Engeln im Bahnhofsdach erscheinen, Hosianna rufen, alle Menschen im Bahnhof werden sich werden vor Freude weinend in den Armen liegen und selbst die Informationsschalterbeamten werden sich ein Lächeln nicht verkneifen können. Vermutlich bricht dann der Zentralcomputer des Hauptbahnhofes zusammen, weil dieser Fall noch nicht programmiert wurde. Aber der Zug steht richtig.

Für Menschen mit einer Hörbehinderung sind Fern- und auch Pendelreisen mit der Deutschen Bahn eine Herausforderung, denn ich verstand bislang keine Zugdurchsagen. Die Wagenreihung wird auf größeren Bahnhöfen zwar meistens auf den Informationsbildschirmen am Bahnsteig angezeigt, wobei man aber nie weiß, ob es die geplante oder die tatsächliche Anordnung der Waggons ist, und auch die Verspätung sieht man häufig dort, aber oftmals gibt es spontane Änderungen, die nicht visuell angezeigt werden. Als reisender Hörgeschädigter hat man hier zwei Optionen:

Entweder versucht man einen der wild umher hastenden Mitreisenden anzuhalten und zu fragen, was los ist. Das ist aber ein bißchen wie das Blocken beim American Football, weil jeder möglichst schnell woanders hin will, bevor der Scheißzug losfährt. Schlimmstenfalls wird mal also von unzerstörbaren Koffern umgecheckt und kann froh sein, wenn man anstatt im gewünschten Zug nicht der Notfallambulanz landet.

Oder aber man macht es wie Lemminge und läuft einfach der Masse hinterher. Das ist allerdings dann schwierig, wenn nicht alle Mitreisenden alle auf denselben Zug warten – oftmals stehen ja noch Leute dort, die eigentlich schon vor 2 Stunden losfahren wollten und gelegentlich findet man auch ein paar bemitleidenswerte Reisende, die tatsächlich davon ausgehen, dass er Zug zur angegebenen Zeit in der angegebenen Reihenfolge vom angegebenen Gleis abfährt. Arme Anfänger – der Profi steht in Hamburg auf halber Höhe der Treppe zum Bahnsteig, so dass er sowohl die Informationsbildschirme am Gleis als auch die zentrale Informationstafel im Bahnhof gut erkennen kann und dabei nicht umgerannt wird. Schlimmstenfalls hastet man also der falschen Meute hinterher und landet statt in Paderborn statt Bremen – dann ist der Tag endgültig gelaufen.

Das ist aber alles Kleinkram gegen das zweitgrößte Problem hörgeschädigter Bahnreisender: ICE-Zugfahrten mit gefühlter Überschallgeschwindigkeit in Regionalbahnhöfen. Davor wird per Durchsage gewarnt. Wenn man die nicht mitbekommt, weil der Zug von hinten naht und zu nah am Gleis steht, kann es übel enden. Ich bin deshalb auf Regionalbahnhöfen dran zu erkennen, dass ich mich sicherheitshalber in der Mitte des Bahnsteiges an einer Laterne festklemme. Meine Sicherheit ist mir wichtiger als der Ruf, schon Morgens besoffen auf den Zug zu warten.

Das absolute Katastrophenhighlight für hörgeschädigte Menschen beim Bahnreisen sind allerdings Zugtoiletten. Natürlich versucht man als zivilisierter Mensch, diese nach Möglichkeit zu umgehen und sich vor oder nach der Fahrt zu entleeren. Manchmal geht es aber nicht anders. Die Toiletten im Metronom sind für Deutsche Bahnverhältnisse sehr sauber; das ist wirklich okay. Schwierig wird es aber dann, wenn man gerade auf dem Scheißhaus sitzt und der Zugbegleiter klopft und nach einer Fahrkarte ruft, was man wegen des Zuggeratters als Hörgeschädigter aber nicht hört. Ein nicht reagierender Toilettenreisender ist für Zugbegleiter ein potentieller Schwarzfahrer. Potentielle Schwarzfahrer muss man erwischen – also wird die Toilettentür dann mit dem Generalschlüssel geöffnet. Das kann peinlich sein, wenn man sich zum Beispiel gerade den Hintern abwischt. Ich habe mir deshalb angewöhnt, die Tür in Metronom-Zugtoiletten mit dem rechten Fuß zu blockieren (linke Toiletten gibt es dort nicht, warum auch immer) und den linken als Gegenstütze an der Zugtoilettenwand zu platzieren. Damit ist man halbwegs abgesichert gegen rabiate Zugbegleiter; es gibt allerdings durchaus ergonomischere Darmentleerungspositionen.

Das alles wird jetzt etwas einfacher, denn: Ich habe tatsächlich die Durchsagen am Bahnhofsgleis verstanden. Sowohl die Warnung von der ICE-Zugdurchfahrt als auch die angekündigte 5-minütige Verspätung mit Gleiswechsel. Ich habe mich wohl noch nie so sehr über eine Verspätung gefreut und werde jetzt vielleicht auch so lange wieder Bahn fahren, bis ich alle Durchsagen kenne. Dann wird es langweilig.

Abends sitzen wir wieder mit den Nachbarn zum Restegrillen zusammen. Ich bin wegen des kurzen Schlafs und dem Aufräumen ziemlich k.o. und folge der Unterhaltung nur am Rande. Später kommt mein Tennispartner noch vorbei und wir unterhalten uns etwa 30 Minuten lang richtig gut, betrachten den wunderbaren aufgehenden roten Vollmond und kurz danach geht es ins Bett. Ich brauche Schlaf und hoffe, dass ich nicht von Zugbegleitern träume.

Mond über Scheeßel

Tag 23 – Party

Eigentlich feiere ich heute zwei Geburtstage – meinen eigenen und den meines elektronischen Ohrs. Mein 50. Geburtstag war schon Ende März; ich habe allerdings ein paar Monate gebraucht, um dieses biblische Alter zu verkraften. Das ist zwar eigentlich Blödsinn, aber bei manchen Dingen reagiert man halt etwas irrational. Letztendlich geht es mir gut und ich freue mich sehr auf die Feier, bei der etwa 70 Personen erwartet werden: Familie, Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen.

Der Vor- und Nachmittag sind voll ausgefüllt mit Aufbauarbeiten. Leider ist das Wetter bescheiden und es schüttet wie aus Eimern – das erste Mal seit knapp 5 Monaten in Norddeutschland. Perfektes Timing. Gottseidank packen meine Nachbarn toll mit an und wir sind am Nachmittag auch für Hagel, Schnee und Orkane gerüstet. Am frühen Abend verzieht sich der Regen dann wieder und es bleibt trocken, wenn auch etwas kalt.

Gegen 18 Uhr treffen die ersten Gäste ein. Die meisten habe ich seit meiner Implantation nicht gesehen und es fließen vor allem bei der Familie viele Freundentränen, weil alles so viel besser geklappt hat als erwartet. Der Rest des Abends ist einfach nur wunderbar. Die glückliche Stimmung, die in der Luft liegt, ist unbeschreiblich. Ich unterhalte mich bis morgens um halb vier mit kleinen Pausen, genieße jedes Gespräch und verstehe fast alles – auch nach dem ersten Bier, dem zweiten White Russian und dem dritten Rotwein. Das Essen ist ein voller Erfolg – meine Gäste haben ein gigantisches Buffett auf die Beine gestellt und die Landjugend hat freundlicherweise einen Riesengrill zur Verfügung gestellt, der unsere Gäste mit Steaks und Würstchen versorgt.

Ab Mitternacht bin ich dann überwiegend in der Disko zu finden, die wir in der Garage aufgebaut haben und tanze mir die Seele aus dem Leib. Musik hört sich nach wie vor gigantisch an und ich höre selbst dann nicht auf, als meine Nachbarn ihre Lieblingspartykracher auflegen – ich bin ja eigentlich kein Freund von Helene Fischer und Konsorten, aber heute Abend ist mir alles egal. Zwischendurch übernehme ich das Zepter bei der Songauswahl und hotte zusammen mit alten Freunden zu den wunderbaren Songs der 80er und 90er Jahre ab, die wir schon damals in der Internatsdisko in der Dauerschleife hatten. Und fühle mich wieder wie 17 – nur mit besserem Gehör.

Die Stimmung ist wirklich wundervoll, weil sich alle so sehr über meinen Hörerfolg freuen und ich glaube, das ist die beste Party meines Lebens – und ich habe wirklich viele Parties erlebt. Erst gegen halb 5 Uhr morgens verabschieden sich die letzten Gäste und nach etwas Aufräumarbeit geht es dann geschafft aber glücklich ins Bett. Was für ein wunderbarer Abend!!!

Tag 22 – Genörgel

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit meinem ebenfalls schwerhörigen Arbeitskollegen, der gestern Abend mit seiner Familie zu Besuch gekommen ist, stehen heute diverse Besorgungen und Vorbereitungen für die morgige Geburtstags- und Implantatsparty an. Den größten Teil des Tages verbringe ich deshalb mit Aufräumarbeiten und Saubermachen; zwischendurch hole ich Rotwein im örtlichen Supermarkt und freue mich dort über eine tolle Beratung, bei der ich alles hervorragend verstehe. Der Wein erweist sich im Nachhinein als echter Volltreffer – ein 2017er Doppio Passo aus dem italienischen Salento. Herzlichen Dank auch an Edeka24.de, die es nicht geschafft haben, meine ursprüngliche Bestellung innerhalb einer Woche auszuliefern. Hier bestelle ich nie wieder.

Von Med-El, der Herstellerfirma meines Hörimplantates, wurde heute die Teleschlinge geliefert, die es mir ermöglicht, mein Smartphone oder meinen Computer ohne direkte Kabelverbindung zum Soundprozessor via Bluetooth zu verbinden. Diese Teleschlinge war übrigens ein Geschenk von Med-El zur Erstimplantation. Ich freue mich sehr darüber, weil das Kabel am Soundprozessor doch recht kurz ist und beim Musikhören stört, wenn das Smartphone in der Hosentasche steckt. Leider ist die Klangqualität über Bluetooth nicht annähernd so gut wie mit der direkten Übertragung per Kabel. Die kabellose Musik hört sich in etwa so an, wie ich es mir vor der Implantation vorgestellt habe: Ein sehr scheppernder Klang, keine tiefen Töne und es ist damit nicht wirklich möglich, Musik zu genießen. Ich hoffe, dass man dies im Rahmen der Feinanpassung in der kommenden Woche verbessern kann. Wenn nicht, muss ich eben Musik mit Kabel hören.

[Update, 29.08.2018] Ein paar Tage später habe ich herausgefunden, dass die Soundqualität der Teleschlinge nur dann schlecht ist, wenn die Lautstärke sehr hoch ist – sie übersteuert dann. Im normalen Lautstärkebereich hört sich alles prima an. 

Ich bin neulich gefragt worden, ob denn einfach ALLES gut sei und ob mich gar nichts nervt. Natürlich gibt es Dinge, die nicht so toll sind – aber im Endeffekt höre ich mit Hörimplantat so viel besser als vorher, dass mir diese Kleinigkeiten relativ egal sind. Da wir in Deutschland aber gerne meckern, hier trotzdem mal eine Liste der Dinge, die keine Begeisterungsstürme entfachen:

  • Der schlechte Schlaf in den ersten 14 Tagen nach der OP, weil ich nicht auf rechts schlafen konnte. Mittlerweile geht das besser.
  • Meine Narbe ist knapp über dem Ohr recht deutlich sichtbar. Sie wird vom Soundprozessor aber gut verdeckt. Hinter dem Ohr ist aber nur sehr wenig zu sehen. Ich werde in den nächsten Tagen mal eine Bilderstrecke der Narbenentwicklung posten.
  • Schwitzen hat in den ersten 18 Tagen zu Juckreiz um die Narbe herum geführt. Dies ist jetzt aber vorbei.
  • Klapper-, Klacker- und Zischgeräusche sind immer noch recht laut; Stimmen dafür manchmal zu leise. Insgesamt fahre ich den Soundprozessor fast ausschließlich auf der höchsten Lautstärkestufe.
  • Wenn ich Schlagzeug spiele, hören sich Stimmen danach für einen kurzen Zeitraum wieder an wie Micky-Maus. Nach 5-10 Minuten hört sich aber alles wieder wie gewohnt an.
  • Das Mikrofon des Soundprozessors hat einen kleineren Wahrnehmungsradius als mein Hörgerät. Ich höre von der Seite deutlich leiser als von vorne. Insgesamt aber immer noch besser als mit Hörgerät.
  • Die Soundqualität der Teleschlinge ist miserabel.
  • Die Batterien halten deutlich weniger lang als erwartet – die Herstellerangaben von 3 Tagen sind selbst mit hochwertigen Superpower-Batterien bei mir nicht möglich. Im Normalfall halten die Batterien ein- bis anderthalb Tage.
  • Ich warte immer noch auf die Akkus, die ich bestellt habe. Die Batterien waren recht schnell leer, ich musste hier meine Vorräte für die Hörgeräte verbrauchen und eine Packung nachkaufen. Med-El hat aber heute neue Batterien geliefert.
  • Ich hätte gern einen Programmschalter und eine Lautstärkeregelung am Soundprozessor. Dieser kann nur über die Fernbedienung bedient werden, die ich ab und zu zuhause vergesse.
  • Der Soundprozessor stellt sich nach dem Ausschalten nicht wieder auf die Standardeinstellung zurück. Das ist lästig – denn ich wechsele im Lauf des Tages oft in das lauteste Programm oder steigere die Lautstärke. Wenn ich den Soundprozessor dann am nächsten Morgen aufsetze und vergesse, ihn manuell auf die Standardeinstellung zu setzen, habe ich keine Reserven mehr für später.

Das war es auch schon. Und wie gesagt: Insgesamt ärgern mich all diese Kleinigkeiten nicht wirklich, weil das Hören mit Implantat so toll ist, dass gerade alles andere ziemlich unwichtig ist. Selbst wenn einige dieser Probleme bestehen bleiben, würde ich diesen Schritt immer wieder wagen.

Soundprozessor mit Spule und Aufsatz mit integriertem Audiokabel. Unten sieht man die Teleschlinge für den Bluetooth-Connect zum Smartphone oder Computer.

 

Tag 21 – Smalltalk

Momentan vergeht kein Tag ohne schöne Erlebnisse. So viele Dinge sind einfacher geworden, weil ich einfach mehr verstehe. Es ist nicht so, dass ich mein Leben mit Hörgeräten als schwer empfunden habe. Natürlich macht so ein Handicap vieles schwieriger. Natürlich gibt es Momente, in denen man seine Ohren verflucht. Aber letztendlich ging es mir immer gut damit – ich habe einen tollen Job, eine tolle Familie, viele Freunde, ein schönes Zuhause und Spaß am Leben. Meine Mutter sagte mir früher immer: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Diese Stärke sieht man nicht immer auf den ersten Blick: Man sieht den Rollstuhl vor der Treppe, den Blindenstock am Gehsteig, das Hörgerät oder die körperliche Fehlbildung. Man sieht aber nicht (oder nur bei Menschen, die man sehr gut kennt) das Positive, das ein Leben mit so einem Handicap mit sich bringt: Die Fähigkeit, damit umzugehen und trotz allem glücklich zu sein. Das klappt natürlich nicht bei jedem – aber das ist bei Menschen ohne Handicap nicht anders.

Schwerhörigkeit hat neben der Hörbeeinträchtigung selbst zwei große Nachteile gegenüber anderen Behinderungen: Zum Einen sieht man die Beeinträchtigung nicht. Man sieht vielleicht ein Hörgerät oder Cochlea-Implantat, aber im Vergleich zu einem Rollstuhl oder anderen deutlich sichtbareren körperlichen Einschränkungen wiegt dies auf den ersten Blick nicht so schwer. Du kannst ja alles – die Hörgeräte sind doch so klein. Ich kann fast alles, das stimmt. Aber was ich schlecht kann, ist verbale zwischenmenschliche Kommunikation. Ich verstehe andere Menschen schlecht. Auch damit kann man ein tolles Leben führen, aber es schränkt viel mehr ein, als man gemeinhin glaubt. Denn Verständigung ist die Basis des sozialen Zusammenlebens.

Ich habe Freunde, die im Rollstuhl sitzen – keiner von ihnen würde mit mir tauschen wollen. Auch blinde Menschen, die ich im Lauf meines Lebens kennengelernt haben, würden niemals mit mir tauschen wollen. Ich mit ihnen allerdings auch nicht – denn im Endeffekt lernt jeder, mit seinem persönlichen Handicap klarzukommen. Und man kann die Vor- und Nachteile verschiedener Behinderungen nicht vergleichen oder gegeneinander aufrechnen.

Zum Anderen kann man sich schlecht oder nur gar nicht vorstellen. Man kann sich vorstellen, nicht zu laufen und im Rollstuhl zu sitzen. Man kann die Augen schließen und sich vorstellen, blind zu sein. Man kann humpeln oder versuchen, sich nur mit einem Arm ein Brot zu schmieren. Man kann sich vorstellen, zu leise zu hören. Aber man kann sich nicht wirklich vorstellen wie es ist, schlecht zu verstehen. Man hört bestimmte Frequenzen nicht. Ich habe zum Beispiel keine Konsonanten gehört. Die Sprachqualität ist immer schlecht. Man muss sich unglaublich konzentrieren, um selbst einfache Gespräche zu führen. Ich verbildliche hörgeschädigtes Hören gerne so:

Stell Dir vor, Du sitzt an einem Tisch mit 10 Personen, die sich in einer Sprache verständigen, die Du nur ein kleines bißchen beherrschst. Von draußen dringt lauter Baustellenlärm an Dein Ohr. Du hast 24 Stunden nicht geschlafen und Dein Konzentrationsvermögen ist erschöpft. Deine Ohren sind verstopft. 

Das ist in etwa mein Alltag mit Hörgeräten. Mit Cochlea-Implantat würde ich es am Tag 21 so beschreiben:

 Stell Dir vor, Du sitzt an einem Tisch mit 10 Personen, die sich in Deiner Muttersprache verständigen, aber etwas leise sprechen. Draußen ist ein bißchen Verkehrslärm. Du hast einen normalen Arbeitstag hinter Dir und muss Dich etwas konzentrieren.

Der heutige Vormittag ist ausgefüllt mit Vorbereitungen für meine Geburtstags- und Implantationsparty am Samstag. Am Nachmittag fahre ich nach Hamburg, um bei einem alten Arbeitskollegen einen höhenverstellbaren Schreibtisch abzuholen, den ich wegen des Umzugs seines Arbeitgebers sehr günstig erwerben kann. Junior I kommt zur Unterstützung mit und wir haben eine tolle Unterhaltung im Auto, in der es mal wieder um Musik geht: Wir gehen gemeinsam meine Playlist für die Party durch. Und um den Blödsinn, den ich in meiner Jugendzeit und auch danach angestellt habe. Ein unerschöpfliches Thema…

Bei der Abholung freue ich mich sehr, meinen ehemaligen Kollegen wiederzusehen und treffe noch einen weiteren alten Arbeitskollegen, mit dem ich Anfang der 00er Jahre zusammen bei meinem ersten Arbeitgeber angestellt war. Ich verstehe beide deutlich besser als mit Hörgeräten und genieße ein kurzes, berufliches Smalltalk. Dann geht es zurück nach Hause.

Am Abend kommt ein Arbeitskollege von SAP zu Besuch, der mit seiner Familie auf Urlaubsrückreise von Skandinavien nach Baden-Württemberg ist, ebenfalls sehr schlecht hört und in dieser Woche auch ein Cochlea-Implantat bekommt. Auch seine Frau trägt auf einem Ohr ein CI und auf dem anderen ein Hörgerät. Es tut immer gut, sich mit anderen ‘Betroffenen’ zu unterhalten und wir verbringen einen wunderbaren Abend und darauf folgenden Morgen und freuen uns sehr auf das nächste Wiedersehen.

Tag 20 – Blauer Anzug

Der Tag beginnt mit einem Arztbesuch, weil Junior I ein wenig kränkelt. Arzttermine sind für hörgeschädigte Menschen aus mehreren Gründen oftmals schwierig. Man muss alles verstehen und kann wenig kombinieren, wenn es um Krankheiten und medizinische Fachbegriffe geht. Dreimal oder zweimal täglich? Herz oder Schmerz? Darm oder Magen? Zäpfchen oder Tablette? Es kann unangenehm enden, wenn man diese Begriffe verwechselt.

Dazu kommt, dass man Anweisungen oft nicht versteht, wenn man das Mundbild des Arztes nicht sieht – das Abhören der Lunge am Rücken wird damit zu einem Geduldsspiel. Besonders schwierig ist es beim Augenarzt, weil man dort während der Untersuchung nicht von den Lippen ablesen kann. Auch bei Darmspiegelungen ist es nicht so einfach, frontal mit dem Arzt zu sprechen, wenn gefühlte drei Meter Schlauch im Hintern stecken. Bei Operationen muss man die Hörgeräte herausnehmen, bevor es losgeht und ist dem medizinischen Team dann recht hilflos ausgeliefert. Und vor Zahnarztterminen graut es mir nur deshalb, weil ich Menschen, die einen Mundschutz tragen, überhaupt nicht verstehen kann.

Junior I hat eine leichte Halsentzündung und seine Hausärztin ist hocherfreut, dass die Kommunikation mit mir deutlich einfach ist als vorher, wie sie selber sagt. Das ist eigentlich der schönste “Nebeneffekt” bei der ganzen Sache mit dem Hörimplantat: Alle Menschen, die mir zu tun haben, freuen sich riesig und ich habe das Gefühl, das Implantat überträgt nicht nur elektrische Impulse sondern sondert auch eine Art Glückshormon ab, das meine Gesprächspartner glücklich macht. Tolle Erfindung!

Den überwiegenden Rest des Tages verbringe ich arbeitend und Musik hörend am Computer. Ein schönes Erlebnis habe ich am Abend, als mir die Erstbestehälfte eine Sprachnachricht per WhatsApp verschickt, die ich bis auf ein Wort nach mehrmaligem Hören verstehe:

Dein Vater hat mich angerufen und gefragt, ob Zarah Dir seinen blauen oder schwarzen Anzug gegeben hat. 

Bis auf ‘schwarzen’ habe ich tatsächlich alles verstanden. Ohne Lippen abzulesen.

Abends schaue ich noch etwas Fernsehen und verstehe auch hier immer besser. Auf meinem Fernsehgerät laufen Untertitel immer mit, wenn sie verfügbar sind. Wenn das der Fall ist, schaue ich automatisch hin und lese mit. Das kann ich gar nicht abstellen. Eigentlich wollte ich die Untertitel als zusätzliche Hilfe weiterlaufen lassen und versuchen, das Gesprochene zu verstehen. Das klappt so aber nicht. Ich werde in den nächsten Tagen mal ausprobieren, die Tagesschau ohne Untertitel zu schauen. Zwar verstehe ich dann sicherlich nicht alles, aber für mein Hörtraining scheint das der bessere Weg zu sein.

Tag 19 – Elternabend

Elternabende gehörten bislang nicht zu meinen bevorzugten Hobbies – ebenso wie berufliche Meetings, Darmspiegelungstermine und Vorladungen beim Finanzamt. Wenn mehr als vier Personen quasi unfreiwillig zusammensitzen und kommunizieren geht es oftmals weniger um Inhalte, sondern mehr um das, was Kommunikationswissenschaftler als Beziehungsebene der Kommunikation bezeichnen: Man will seine Position und Rolle gegenüber anderen manifestieren. Das führ dann dazu, dass aus 4 Tagesordnungspunkten, die man eigentlich in jeweils 10 Minuten abhandeln könnte, ein aus psychologischer und soziologischer Sicht hochinteressanter Gesprächsabend wird. Rein hörakustisch ist das weniger interessant; gut ist immerhin, dass ich auch mit Hörgeräten alles mitbekommen habe, weil es mindestens fünf mal von jemand anderem wiederholt wird.

Spaß beiseite: Trotzdem war der Elternabend der Fußballmannschaft von Junior II ein schönes Erlebnis. Ich habe nämlich fast alles fünf mal mitbekommen – und das bei einer Gruppe von etwa 20 Personen, die teilweise sehr weit weg saßen. Ich werde künftig wohl verstärkt auf Elternabende gehen müssen, weil das Argument “ich höre dort nichts” nicht mehr zieht. Die ErstBesteHälfte freut sich schon auf mehr freie Abende und ich freue mich auch ein bißchen darauf, aktiver am Vereins- und Schulleben meiner Kinder teilnehmen zu können.

Tag 18 – Mails and Drums

Heute habe ich das erste Mal seit der OP wieder gearbeitet – erst einmal im Home-Office, was bei meinem Arbeitgeber problemlos möglich ist.

Nach einer langjährigen Freiberuflichkeit als Digitalkonzepter und Texter arbeite ich seit knapp drei Jahren als User Experience Designer bei SAP und beschäftige mich dort – vereinfacht gesagt – mit der Konzeption von Benutzeroberflächen und der Optimierung der Benutzerführung, damit Software und Apps leicht verständlich sind und gut bedient werden können. In den Teams, in denen ich aktiv bin, arbeiten vor allem Entwickler, deren Aufgabe es ist, die Software zu programmieren und Projektmanager, die sich um die Steuerung der Projekte kümmern. Dementsprechend wird viel besprochen, diskutiert und abgestimmt und Zeit in Meetings verbracht, die wir meistens über Videokonferenz abhalten.

Das ist mit einer Hörschädigung nicht einfach. Ich arbeite schon immer ohne Telefon, weil ich ohne Mundbild bislang so gut wie nichts verstanden habe. Bei Videokonferenzen kann ich bislang nur folgen, wenn Video und Audio verzögerungsfrei und in guter Qualität übertragen werden und man die Sprecher sieht. Wenn Ton und Bild nicht hundertprozentig synchron sind, klappt das Lippenablesen nicht mehr. In Meetings mit größeren Gruppen brauche ich dolmetschende Unterstützung, die normalerweise von Kollegen geleistet wird.

Kommunikation auf Englisch ist für mich ebenfalls schwierig. Zwar schreibe und lese ich fließend Englisch, aber es ist schwierig, eine Fremdsprache zu sprechen, wenn man nicht selber genau hört, wie die verschiedenen Worte korrekt ausgesprochen werden. Mein gesprochenes Englisch hat deshalb einen etwas stärkeren deutschen Akzent als üblich. Trotzdem werde ich eigentlich gut verstanden – außer in den Niederlanden, warum auch immer. Das Verstehen von gesprochenem Englisch ist ebenfalls schwierig. Denn wenn man nicht weiß, wie ein Wort genau ausgesprochen wird oder eine falsche Vorstellung davon hat, versteht man es im Gespräch nicht mehr gut.

Ich kompensiere diese Nachteile durch den Einsatz von E-Mails, auf die ich sehr schnell antworte und Chatprogrammen wie z.B. Slack. Wenn ich im Büro bin gehe ich ins nächste Zimmer, anstatt den Telefonhörer in die Hand zu nehmen. Ich frage häufiger zurück, ob dies oder jenes korrekt verstanden wurde und gebe gerne kurze Zusammenfassungen des Verstandenen,  damit mein Gegenüber weiß, dass ich auf dem richtigen Gleis bin. Bei Meetings lege ich darauf Wert, dass Protokolle angefertigt werden. Überflüssige Meetings versuche ich nach Möglichkeit zu vermeiden. Und habe damit mehr Zeit zum Arbeiten.

Bislang hat das bei allen Stationen in meiner beruflichen Karriere sehr gut geklappt. Ich habe für Großunternehmen und mittelständige Firmen gearbeitet; für große Digitalagenturen und Start-Ups. Fast überall hatte ich das Glück, sehr hilfsbereite Kollegen zu haben, die viel Rücksicht auf mich genommen haben und wussten, dass sie sich trotz der schwierigen Kommunikation darauf verlassen können, dass ich gute Arbeit abliefere. Das funktioniert nur, wenn man offen mit seiner Hörbehinderung umgeht, aktiv auf die Mitmenschen zugeht, die Angst vor Rückfragen nimmt und vor allem auch in kritischen Situationen seinen Humor bewahrt. Manchmal ist es einfach komisch, wenn ich etwas völlig falsch verstehe und es dann ist es auch okay, über die Situation zu lachen.

Heute habe ich vor allem E-Mails abgearbeitet und quasi testweise an einem für mich nicht wirklich wichtigen Meeting teilgenommen, bei dem ich aber noch nicht genug verstehen konnte. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg und ob ich überhaupt irgendwann reinen Telefonkonferenzen folgen kann, weiß ich nicht. Das ist allerdings auch kein Ziel, das ich mir gesetzt habe. Wenn ich in der Lage sein werde, Videokonferenzen gut folgen zu können und vielleicht auch einfachere Telefonate mit Kollegen führen kann, bin ich mehr als zufrieden. Alles weitere ist ein Bonus.

Am Abend hatte ich dann die erste Schlagzeugstunde mit Implantat. Seit zwei Jahren spiele ich aktiv Schlagzeug und habe alle zwei Wochen Unterricht – und habe sehr viel Spaß daran (siehe auch Tag 8 – Drums & Honors). Die heutige Session war ein voller Erfolg – obwohl ich die letzten 5 Wochen Urlaubsbedingt und auch wegen der Implantat-Operation kaum gespielt habe. Ich weiß mittlerweile, mit welcher Einstellung der Soundprozessor beim Drummen am besten fährt: Lautstärke etwa 1/3 reduziert und Geräuschempfindlichkeit soweit heruntergedämpft wie möglich. Mit dieser Einstellung kann ich meinem Schlagzeuglehrer deutlich besser beim gemeinsamen Spielen folgen. Ich höre mittlerweile auch, wenn Schläge nicht völlig synchron sind – wie zum Beispiel Bassdrum und Hi-Hat. Ich höre, welches Becken gespielt wird – das war mit Hörgeräten nur ein Scheppern, egal was ich angeschlagen habe. Ich höre, ob das Hi-Hat offen oder geschlossen ist. Und als wir mit einem neuen Song beginnen – Sunday Bloody Sunday von U2 – stelle ich beim Hören des Songs über die Soundanlage fest, dass ich heraushöre, welches Becken gespielt wird. Es ist damit viel einfacher, Songs nachzuspielen und das Drummen macht insgesamt deutlich mehr Spaß.

Was ich bei der Erstanpassung in zwei Wochen unbedingt erfragen muss ist, ob ich meine Ohren mit dem Implantat überfordern kann. Können zu laute Töne die Hörnerven schädigen? Ist zu laute Musik mit Implantat schädlich? Wie merke ich, dass es zu laut wird? Kann dauerhaftes Schlagzeugspielen den Hörnerv überfordern? Mein Mittelohr ist ja ausgeschaltet und ich habe kein normales Hörempfinden mehr – auch wenn sich mit Implantat alles viel normaler anhört, als es mit dem Hörgerät der Fall war.

Es gibt noch viel zu lernen, zu entdecken, und zu hören. Ich freue mich drauf!

Tag 17 – Copilot

Nach einer kurzen Nachtruhe ging es heute zurück nach Hause. Auf dem Heimweg brachte ich noch eine Freundin meines Gastgebers nach Hause, die auf meiner Rückreiseroute wohnt  – und wir konnten uns fast die ganze Strecke gut unterhalten.

Unterhaltungen im Auto sind für mich und auch viele andere hörgeschädigte Menschen eine echte Herausforderung – egal ob man selber fährt oder Beifahrer ist. Einerseits wegen der Umgebungsgeräusche, die Kommunikation schwierig machen, weil Hörgeräte nicht halbwegs so gut in der Lage sind wie das menschliche Ohr, all das herunter zu pegeln, was  man nicht hören will. Andererseits deshalb, weil ich von den Lippen ablesen muss. Das bedeutet, dass man als Fahrer den Beifahrer anschauen muss, wenn er spricht. Für die Verkehrssicherheit ist dies suboptimal – und damit auch für den Blutdruck der Person auf dem Beifahrersitz, die natürlich nervös wird, wenn der Fahrer nicht nach vorne schaut. Und dann selber nach vorne schaut, weil die meisten Menschen gerne kurz vorher wissen möchten, wann und wie sie sterben. Der Fahrer versteht in diesem Moment noch weniger, weil das Mundbild nicht frontal sichtbar ist und so wird die gesamte Kommunikation zu einem echten Nervenkitzel.

Wenn die Rollen vertauscht sind, ist es etwas einfacher, aber das Problem besteht dann umgekehrt: Die fahrende Person weiß, dass sie mich als Beifahrer anschauen muss, damit ich verstehe. Ich werde natürlich auch nervös, wenn die Person am Lenkrad nicht nach vorne schaut, weil die meisten Menschen auch nicht gewöhnt sind, sich mit hörgeschädigten Personen im Fahrzeug zu unterhalten. Und auch ich möchte ganz gern wissen, wann der Airbag auslöst – und schaue deshalb selbst nach vorne und verstehe nichts mehr. Das Ganze ist ein bißchen wie dieses Spiel ‘Wer traut sich zuerst, wegzugucken’. Entspanntes Unterhalten ist dabei nur schwer möglich.

Meine Freunde kennen diese Situation und sind es gewöhnt, Unterhaltungen im Auto auf ein Minimum zu reduzieren. Das ist sehr ungewohnt. Vor allem die Anhalter und Mitfahrer, die ich in den 90er Jahren oft über Mitfahrzentralen mitgenommen habe, waren häufig verunsichert, weil ich einfach nur gefahren bin und kein Interesse an Small Talk zeigte. Man denkt in so einer Situation als Anhalter vermutlich an amerikanische Horrorfilme, in denen Serienmörder und Psychopathen Anhalter einsammeln und dann wortlos in ein leer stehendes Gebäude chauffieren. Ich habe es nach Möglichkeit vermieden, die Leute durch irres Grinsen oder Gekicher noch mehr zu verunsichern und darüber aufgeklärt, dass wir uns entweder unterhalten oder dass sie sicher ans Ziel kommen. Die meisten fanden die letzte Option attraktiver. Die wenigen Fälle, die einfach nicht in der Lage sind, in Gesellschaft einfach mal 2 Stunden den Rand zu halten, wurden spätestens dann still, nachdem ich sie (natürlich auf freier Autobahnstrecke) etwa 10 Sekunden intensiv angeschaute und dabei beschleunigte. Im Angesicht des Todes werden auch notorische Dauerredner auf einmal ganz still.

Um meine Leser nicht nervös zu machen: Ich habe in 32 Jahren Autofahren mit Fahrleistungen von bis zu 50.000 km pro Jahr noch keinen ernsten Unfall gehabt – lediglich zwei Motorradunfälle, die nichts mit einem beeinträchtigten Gehör, zu tun hatten. Denn im Zweifelsfall war mir mein Leben und das meiner Passagiere immer wichtiger als zu verstehen, warum Freundin 1 zu Freundin 2 gesagt hat, dass Freundin 3 Freundin 4 nicht mehr mag, weil Freundin 5 gesehen hat, dass Freundin 3 zusammen mit Freundin 6 über Freundin 5 gelästert hat.

Und: wenn ein Sinnesorgan dauerhaft beeinträchtigt ist und seine Aufgaben nicht mehr ordentlich wahrnehmen kann, übernehmen andere Sinnesorgane einen Teil dieser Arbeit. In meinem Fall heißt das, dass meine Augen etwas leistungsfähiger sind. Ich schaue zwar nicht schärfer oder weiter und kann leider auch nicht durch Kleidung hindurchschauen, aber ich habe ein etwas breiteres Blickfeld als die meisten nicht hörgeschädigten Menschen und nehme deshalb im Verkehr schneller wahr, wenn jemand von rechts oder links kommt. Ich hatte deshalb auch lange die Auflage im Führerschein, dass ich nur Fahrzeuge mit rechtem Außenspiegel fahren darf, um meine Beeinträchtigung auszugleichen. Denn bis in die 90er Jahre waren rechte Außenspiegel bei vielen Fahrzeugen tatsächlich eine Sonderausstattung.

Interessanterweise ist auch mein Geruchsorgan sehr sensitiv. Ich wache schnell auf, wenn Rauch oder Essengerüche ins Schlafzimmer ziehen und habe ein außerordentliches olfaktorisches Gedächnis. Das hilft im Verkehr aber nicht wirklich – wenn ich den Brandgeruch wahrnehme, ist es zum Bremsen vermutlich zu spät.

Jedenfalls: Der Blutdruck meiner Beifahrerin bleibt während der etwa einstündigen Fahrt im grünen Bereich. Wir können uns gut unterhalten und ich muss zwar immer noch ab und zu auf ihren Mund schauen oder das Gespräch pausieren lassen, wenn der Verkehr meine volle Aufmerksamkeit erfordert, aber im Vergleich zu meiner Zeit mit Hörgeräten ist das deutlich komfortabler. Und ich freue mich auf den Tag, an dem ich die Blicke zur Seite gar nicht mehr brauche.

Nachdem mein Fahrgast zu Hause abgeliefert ist, besuche ich noch kurz meine Mutter, die in der Nähe wohnt und sich wahnsinnig darüber freut, dass ihr Sohnemann wieder besser hören kann. Für Eltern ist eine Krankheit oder Behinderung eines Kindes meistens viel schlimmer als für einen selbst. Ich hatte während meiner Pubertät natürlich schwer mit dem immer schlechter werdenden Gehör zu kämpfen und es gab immer wieder Momente, wo ich meine Ohren verflucht habe. Aber man muss irgendwann lernen, mit seinem Handicap umzugehen und nicht mehr ständig darüber nachzudenken. Es ist ein Teil eines selbst und man muss es akzeptieren anstatt dagegen zu kämpfen – sonst geht man unter.

Für viele Eltern ist es viel schwieriger damit klarzukommen, wenn das eigene Kind eine Krankheit oder Behinderung hat – denn man möchte natürlich, dass es den Menschen besonders gut geht, die man am meisten liebt, dass sie ‘gesund’ sind und wenig Probleme haben. Meine Eltern haben lange gegen meine Schwerhörigkeit gekämpft und ich bin jahrelang auf einer medizinischen Odyssee unterwegs gewesen: HNO-Ärzte, Neurologen, Psychologen, Homöopathen, Heilpraktiker, Wunderheiler: Es wurde alles versucht und nichts unversucht gelassen. Jeder mögliche Strohhalm wurde ergriffen, um gegen das schlechte Hören zu kämpfen. Ich hatte irgendwann genug davon, weil es mir wichtiger war, mit der Hörbeeinträchtigung klar zu kommen, als erfolglos dagegen zu kämpfen. Und habe dann nicht mehr auf meine Copiloten gehört, sondern auf mich selbst.

Letztendlich kann man auch mit schlechtem oder gar keinem Gehör ein tolles und erfülltes Leben führen – oder ohne Augen oder Beine oder mit anderen Krankheiten oder Behinderungen. Wichtig ist, dass man sich selbst akzeptiert – mit allen Beeinträchtigungen. Und versucht, das Beste draus zu machen. Ich wäre ohne meine Hörschädigung vermutlich ein ganz anderer Mensch geworden; sie ist ein wichtiger Teil von mir, der mich geprägt hat und durch den ich viel gelernt habe. Und das ist gut so.

Tag 16 – Völlig losgelöst

Heute war ich zur 50. Geburtstagsparty eines Schulfreundes im Ruhrgebiet eingeladen. Vorher standen noch Fußballspiele von Junior II und Junior I auf dem Programm. Wie auch schon am letzten Wochenende konnte ich hier einige nette Ballgespräche mit den Fußballeltern führen, nachdem ich mir eine Mütze aufsetzte, weil recht starker Wind war und die Windgeräusche in den Mikrophonen des Soundprozessors doch recht laut waren. Ich mag Wind sehr gerne. Beim Hören mit Hörgerät oder mit Implantat-Soundprozessor kann er allerdings sehr stören. Leider gibt es keine Wuschelmikrophone für Hörgeräte. Haare können diese womöglich ersetzen – und sehen bei den meisten Menschen auch etwas besser aus. Als erblich bedingter Vollglatzenträger ist man hier deutlich im Nachteil.

Am Nachmittag fuhr ich dann los und genoß drei Stunden lang den hervorragenden Sound meiner Canton-Soundanlage in Verbindung mit meinem Hörimplantat. Ein schöner Nebeneffekt des elektronischen Hörens: Staus stören mich nicht mehr wirklich. Ich kann dann nämlich länger Musik hören.

Die Party selbst war ein wundervoller Abend und Erfolg. Ich traf einige Freunde aus meiner Schulzeit wieder, die ich viel zu lange nicht gesehen hatte und ein paar ehemalige Lehrer. Und lernte ein paar sehr sympathische neue Menschen kennen.

Ich bin eigentlich ein geselliger Mensch, aber das eingeschränkte Hören führte im Lauf der Jahre dazu, dass ich eher ungern auf Parties gegangen bin, weil ich einfach kaum etwas verstanden habe und mich nicht wirklich gut unterhalten konnte. Parties sind für Hörgeräte ein Worst Case, weil im Normalfall viele Menschen auf recht engem Raum durcheinander sprechen und das Hörgerät im Gegensatz zu einem gesunden menschlichen Ohr die unwichtigen Sprachgeräusche nicht dämpfen kann. Außerdem wechseln die Themen und Gesprächspartner häufig und meistens läuft Musik, was das Zuhören zur Schwerstarbeit macht. Ich brauche dementsprechend viele Hörpause und halte selten länger als ein paar Stunden durch.

Heute Abend habe ich mich von 7 Uhr Abends bis 4 Uhr morgens durchgehend unterhalten und viele anregende und lustige Gespräche geführt – selbst beim schlechtem Licht und bei Gesprächspartnern mit Akzent. Spät am Abend war die Konzentration dann zwar etwas schwächer, aber ingesamt habe ich mich noch nie so lange so gut unterhalten.

Und dazwischen habe ich das erste Mal seit vielleicht 30 Jahren wieder getanzt. Ich war während meiner Oberstufen- und Studienzeit sehr häufig in Clubs und Diskotheken im Ruhrgebiet unterwegs. Mittwochs ging es in Siggi’s Kalei in Essen – einen kleinen Indie-Club, in dem meine Liebe zu Goth-Musik und EBM entstand, die bis heute angehalten hat. Freitags ins Old Daddy in Duisburg. Samstags in die Zeche Bochum, ins Raskolnikov in Oberhausen oder ins Intershop im Bochumer Bermuda-Dreieck. Ich kannte so ziemlich jede Indie-Disco im Ruhrgebiet und stand oft Stunden auf der Tanzfläche, um den Alltagsstress abzuschütteln. Während meiner Internatszeit absolvierte ich sogar einen Tanzkurs, was viel Spaß gemacht hat. Besonders beim Jive hatten ich und meine damalige Tanzpartnerin Daniela viel Spaß und wollten gar nicht mehr aufhören.

In den letzten 25 Jahren habe ich kaum noch getanzt. Wenn man die Musik nur rudimentär hört, die Songs nicht erkennt und sich voll darauf konzentrieren muss, den Takt wahrzunehmen, kann man nicht loslassen und das Tanzen genießen. Meistens habe ich mir andere Personen auf der Tanzfläche ausgesucht, die sich gut bewegt haben und mir quasi als visuelles Metronom dienten, damit ich nicht komplett verloren bin.

Heute Abend habe ich das erste Mal seit vielleicht 25 Jahren Musik gehört und dazu getanzt – im Takt, ohne Konzentration, ohne visuelles Metronom und ohne Frustration. Völlig frei und völlig losgelöst – ein unbeschreiblich wundervoller und befreiender Moment, der in der Top 5 Liste meiner Hörimplantat-Erlebnisse einen Stammplatz haben wird. Wer mich demnächst auf Parties sucht: Ich stehe nicht mehr am Biertresen, sondern bin mittendrin. Nur wenn Helene Fischer gespielt wird, bleibt wahrscheinlich alles beim Alten.