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Tag 3 – Musik und Barbecue

Ich habe schlecht geschlafen, denn ich finde einfach keine komfortable Schlafposition. Alles in mir will sich auf die rechte Seite legen – das ist aber nicht wirklich ratsam. Also schlafe ich nur stundenweise, bin tagsüber aber dennoch fit – die Euphorie wirkt wie ein Aufputschmittel.

Essen ist laut. Vor allem mit zwei Kindern. Und anstrengend, wenn man alles über neueste Apps, Youtuber, Youtube-Fails, Bayern München und Verschwörungstheorien verstehen will. Ich will aktuell niemanden enttäuschen und die Kinder freuen sich riesig, mir endlich mehr erzählen zu können. Ich hoffe aber sehr, dass es mittelfristig noch andere Themen am Tisch geben wird. Meine ErstBesteHälfte, die sich das seit Jahren anhören muss, tut mir ein bisschen leid.

Ansonsten lasse ich es heute erst einmal ruhig angehen. Mittags lege ich mich wieder auf das linke Ohr, am Nachmittag grillen wir Burger mit den Nachbarn. Ich verstehe auch hierbei viel mehr als sonst – selbst bei Sprechern, die ein schwieriges Mundbild haben. Allerdings ist es schwierig, vier Tage nach einer OP einen fetten Burger zu essen, weil die Kauleiste noch nicht wieder soweit aufgeht, wie ich es gewohnt bin. Also werden es Burger light.

Nach dem Grillen lege ich mich ins Bett und höre Musik über die Bose-Bluetooth-Box. Das Erlebnis ist ähnlich beeindruckend wie im Auto – die hohen und mittleren Töne werden vom Implantat klar wiedergegeben und der Bass liegt auf meinem Bauch. Ich höre alle bekannten und auch erste unbekannte Songs und genieße es unendlich. Mit der Bose-Box experimentiere ich dann, wie gut das Richtungshören funktioniert – und das ist etwas frustrierend, weil ich nur dann wirklich “gut” höre, wenn die Box sich in gerader Linie vor dem Soundprozessor befindet. Sobald ich sie zur Seite bewege, werden mittlere und höhere Töne leiser. Ich hoffe, dass man dies in den Feineinstellungen noch optimieren kann.

Was mich auch nervt: Meine eigene Stimme kommt mit ein wenig Verzögerung im Ohr an – wie ein Echo. Das ist verwirrend. Allerdings höre ich mich selber klar und deutlich und merke bei jedem Satz, wie undeutlich meine Aussprache war. Schon am gestrigen Abend meinte eine Nachbarin zu mir, dass ich wesentlich deutlicher spreche. Das ist ein toller Nebeneffekt, mit dem ich so schnell auch nicht gerechnet habe.

Und noch etwas, das am Anfang nicht gut funktioniert: Fernsehen. Hier verstehe ich sehr schlecht – vermutlich wegen der Entfernung zum TV. Dieses Problem wird sich mit entsprechendem Zubehör aber noch lösen lassen. Ich schaue generell sehr wenig fern – insofern ist das jetzt nichts, was meine Stimmung dämpfen kann.

Auch Klavierspielen ist noch schwierig –  ich höre zwar hohe Töne enorm deutlich, die mittleren und tiefen aber noch nicht wirklich gut. Dennoch ist es weitaus besser als mit Hörgeräten und das ist letztendlich das, was zählt.

Ich werde sicherlich noch einige Rückschläge erleben. Manches wird nicht funktionieren, aber anderes dafür umso besser. Darauf werde ich mich fokussieren – dann sind auch Enttäuschungen kein Grund, den Kopf hängen zu lassen.

Tag 2 – Clogs gehören verboten

Nach nur wenig Schlaf traue mich erst nicht, das elektrische Ohr einzuschalten, weil ich Angst habe, dass der gestrige Tag nur ein verrückter Traum war. Aber es funktioniert immer noch. Das Hörgerät bleibt auch heute den ganzen Tag draußen. Mittlerweile bin ich an einen Fensterplatz gewechselt und genieße die schöne Aussicht auf das hochsommerliche Hannover.

Ich höre die Schwester im Türrahmen sprechen, etwa 4 Meter entfernt, und verstehe einzelne Wörter. Ich verstehe meinen Bettnachbarn, der heute entlassen wird, zum ersten Mal richtig. Am Anfang hört sich wieder alles sehr Micky Maus-mäßig an; nach ein paar Minuten werden die Stimmen zunehmend natürlicher. Ich packe meine Sachen und bin kurz darauf entlassen und warte auf meine Familie – die ErstBesteHälfte (EBH) und Junior I kommen mich abholen.

Die Clogs meiner EBH sind die Hölle. Ich werde diese Schuhe verbieten lassen oder verbrennen. Der Parkautomat in drei Meter Entfernung gibt Kleingeld zurück. Überall unterhalten sich Menschen und ich schnappe Wortfetzen auf. Es ist der pure Wahnsinn.

Im Auto mache ich Musik an. Der Wagen hat eine Soundanlage von Canton, die nicht nur einen hervorragenden Klang sondern auch ordentlich Bass bietet. Die Kombination aus der Musik, die ich per Implantat höre und dem gefühlten Bass im Auto ist ein Musikerlebnis, das den gestrigen Abend nochmal bei weitem übertrifft. Ich kann es nicht beschreiben, es hört sich einfach nur unfassbar toll an. Ich hoffe, dass diese Fahrt nie endet und freue mich jetzt schon auf die nächsten berufsbedingten Fahrten nach Walldorf.

Wir fahren erst einmal ins Einkaufzentrum, um einen Doppelstecker zu kaufen, mit dem ich sowohl den Soundprozessor als auch die Kopfhörer meiner EBH an mein Handy verbinden kann. Sie kann damit meine Telefonate mithören und bei Bedarf dolmetschend eingreifen. Die Geräuschkulisse im Einkaufszentrum ist angenehm ruhig – das Hörgerät liefert hier einen undurchdringlichen Brei von Geräuschen und Rauschen, was sehr anstrengend ist. Ich lasse mich bei Saturn beraten und verstehe den Preis des gewünschten Adapters.

Wieder im Auto rufe ich Junior II über die Freisprechanlage an und verstehe erneut einige Wörter und sehr kurze Sätze. Ich bemerke aber auch, dass ich schnell müde werde und brauche eine Hörpause. Auf dem Weg nach Hause läuft wieder Musik. Interessanterweise sind manche Stimmen nach wie vor sehr “Micky Maus-mäßig” – die Stimme von Freddy Mercury hört sich überwiegend furchtbar an. Bei vielen anderen Songs nehme ich die Stimmen allerdings deutlich natürlicher wahr. Bislang habe ich noch keinen Song gehört, der mich von der Instrumentierung her überfordert hat.

Unterwegs holen wir bei unserem Stammimbiss noch Döner für alle. Ich verstehe auch hier den Preis auf Anhieb. Das ist etwas, was das Leben sehr erleichtert, denn wenn man einen Preis nicht versteht und etwas Falsches bestätigt, wird die Situation oft ein bisschen peinlich und man hat das Gefühl, das Gegenüber glaube man wolle über den Preis diskutieren.

Zuhause angekommen fällt mir dann Junior II um den Hals. Die Kinder sind sehr neugierig und probieren alle möglichen Geräusche aus wie z.B. Pfeifen, Fingerschnippen, Kratzen mit dem Besteck und vieles andere mehr. Harte Geräusche wie Klackern und Knallen sind noch überproportional laut, Stimmen dagegen eher leise. Ich nutze mittlerweile überwiegend das lauteste Programm des Soundprozessors – die Programmbelegung wurde mit verschiedenen Lautstärkestufen belegt – und fahre die Geräuschempflindlichkeit etwas runter, weil Klackern und Scheppern sonst zu laut ist.

Nach der Begrüßung setze ich mich ans Klavier. Und merke, dass einige Tasten verstimmt sind. Ich konnte mit Hörgerät Töne nur mit 2-3 Tonabständen voneinander unterscheiden. Und jetzt merke ich auf Anhieb, welche Tasten verstimmt sind – Junior I bestätigt dies. Dann ein Test mit Gitarre – auch hier höre ich, dass die Saiten verstimmt sind. Und dann teste ich mein Schlagzeug, das ich seit 2 Jahren spiele. Anfangs hören sich alle Drums gleich an – Snare, Hängetoms, Stand-Tom und sogar die Bassdrum. Nachdem ich aber ein paar Minuten die unterschiedlichen Drums abwechselnd geschlagen habe, kristallisieren sich Hörunterschiede heraus – nach ca. 10 Minuten sind dann klare Unterscheidungen hörbar. Die Becken hören sich von Anfang an wundervoll an – die Hörgeräte haben hier nur ein Scheppern übertragen. Mit Impantat kann ich die Tonhöhen der Becken klar voneinander unterscheiden.

Junior I an der Gitarre und ich am Schlagzeug versuchen eine erste vorsichtige Session. Und zum ersten Mal überhaupt kann ich mit den Drums den Takt zu seinen Gitarrenakkorden spielen und rutsche nur ein wenig aus dem Takt heraus.

Abends kommen die ersten Nachbarn zum Feiern und ich kann zum ersten Mal in den 11 Jahren, in denen ich hier wohne, ein Gespräch im Dunkeln verfolgen. Ich verstehe nicht alles und auch nur dann, wenn der Sprecher oder die Sprecherin direkt zu mir spricht und nicht zu weit entfernt sitzt. Zurückhaltende Personen verstehe ich schlechter als Emotionsbündel. Erdnussflips machen einen Heidenlärm – ich werde das Zeug nicht mehr essen. Neben dem besseren Hören kommt dann noch eine Gewichtsabnahme hinzu. Das Leben ist schön.

 

Tag X – Es funkt!

Erst seit kurzem wird in der Medizinischen Hochschule Hannover eine Frühanpassung des Cochlea-Implantats bzw. des Soundprozessors schon 2-3 Tage nach der Operation angeboten, wenn die operationsbedingte Schwellung bis dahin soweit zurückgegangen ist, dass die Spule am Kopf ausreichenden Kontakt zum darunter platzierten Implantat herstellen kann. Vorteil dieser Frühanpassung ist, dass man sich bis zur Erstanpassung, die ca. 3-4 Wochen nach der Operation stattfindet, bereits an die ersten Höreindrücke gewöhnt und damit bessere Anpassungserfolge erzielen kann. Man kann sich das Ganze so vorstellen, als baut man ein Mischpult auf einem Konzert auf, setzt es auf die Werkseinstellungen, schließt alle Kabel an und testet, ob die Töne durchkommen. Das war es. Keine individuelle Einstellung, keine Aussteuerung der verschiedenen Instrumente, kein Soundmanagement. Dies wird erst in 3-4 Wochen bei der fünftägigen Erstanpassung durchgeführt.

Die Frühanpassung ist um 9 Uhr angesetzt. Meine ErstBesteHälfte (EBH) ist rechtzeitig vor Ort, um diesen Moment mit mir zusammen zu erleben. Ich bin aufgeregter, als es den Anschein hat. Und ich erwarte eigentlich gar nichts – außer Töne oder überhaupt irgendwelche Geräusche wahrzunehmen, die mir zeigen, dass das Implantat funktioniert. Aber dann kommt alles ganz anders.

Der Kontakt zum Implantat ist gut, nachdem der sympathische Audiologe einen stärkeren Magneten eingefügt hat. Noch befindet sich als Folge der Operation etwas Flüssigkeit zwischen Implantat und der darüber liegenden Haut, was aber kein Problem ist.

Als der Soundprozessor eingeschaltet wird, höre ich zuerst Pieptöne im Ohr und bin unendlich erleichtert, dass ich überhaupt etwas wahrnehme. Dann werden die verschiedenen Elektroden der Reihe nach getestet und ich höre bei jeder Elektrode den entsprechend höheren oder tieferen Ton – klar und deutlich. Es funktioniert! In diesem Moment kann ich mich nicht mehr beherrschen. Die ganze Angst und Aufregung der letzten Tage bricht aus mir heraus und meine EBH und ich liegen uns tränenüberströmt in den Armen. ES FUNKTIONIERT!

Ich schalte das Hörgerät auf der linken Seite aus. Der Audiologe spricht mit mir und ich höre seine Stimme – und ich höre auch, dass es eine menschliche Stimme ist. Es hört sich auf den ersten Eindruck an wie Micky Maus nach dem Einatmen von Heliumgas. Aber das ist mir in diesem Moment egal. Schon nach wenigen Minuten verstehe ich den Audiologen in Kombination mit Lippenablesen relativ gut. Seine Stimme ist sehr leise, kommt aber deutlich klarer an als mit dem Hörgerät. Und klingt von Minute zu Minute normaler. Ich bin restlos erleichtert und kann es mir nicht verkneifen ihm zu sagen, dass ich ihn feuern würde, wenn er ein Tontechniker in der Unterhaltungsindustrie wäre, weil der Sound wirklich miserabel ist, aber unter den gegebenen Umständen restlos glücklich bin. Er freut sich ebenso wie ich und meine ErstBesteHälfte riesig über diesen völlig unerwarteten Erfolg.

Die Lautstärke wird noch etwas angepasst, das Zubehör grob erklärt, ein Termin für die Erstanpassung in der ersten Septemberwoche vereinbart und dann geht es mit dem Karton, in dem auch ein Macbook Platz finden würde, zum Med-El-Experten, um sich mit dem Equipment vertraut zu machen. Auch bei diesem Termin lasse ich das Hörgerät aus und kann dem Gespräch gut folgen. Ich habe das erste Ziel, das ich mir bis zum Jahresende gesetzt habe, in einer Stunde erreicht und kann es kaum glauben.

Die Grundausstattung ist bei Med-El sehr umfangreich – ich weiß allerdings nicht, wie es bei den anderen Herstellern aussieht. Ich bekomme erst einmal die Version mit Batterien; der Antrag auf den Wechsel auf Akkus wird direkt ausgefüllt und weitergeleitet. Die Krankenkasse übernimmt entweder die Kosten für die Batterien, die dann regelmäßig zugeschickt werden, oder aber für eine Auswahl von Akkus samt Ladestation, die alle 16 Monate erneuert werden.

[Update: Meine Krankenkasse hat die Beantragung von Akkus aus Kostengründen abgelehnt. Die Versorgung mit Akkus ist tatsächlich deutlich teurer als mit Batterien. Da ich mit den Batterien gut klarkomme und die Med-El-Akkus nicht besonders lange durchhalten, habe ich keinen Widerspruch eingelegt, sondern bleibe vorerst bei Batterien.]

Es gibt bei Med-El große Akkus mit ca. 10 Stunden Laufzeit und kleinere mit etwa der Hälfte, die den Soundprozessor sehr klein machen. Ich entscheide mich für eine Kombination mit zwei kleinen und zwei größeren Akkus. Ebenfalls gleich beantragt wird die Teleschlinge, mit der ich eine drahtlose Übertragung zum Handy initiieren kann, wenn ich sie um den Hals trage. Im Set enthalten ist eine Batteriefachabdeckung mit Klinkenstecker, die ich wie einen Kopfhörer nutzen kann. Dazu gibt es eine Alternativspule mit Lock-Option, damit das Kabel nicht abgehen kann, ausreichend Batterien für die ersten Tage, eine Trockenbox, schön designte Taschen für Soundprozessor samt Zubehör, einen Tester, mit dem man die Funktionsfähigkeit des Soundprozessors und der Spule überprüfen kann, ein Wasserschutz-Set, mit dem man mit Soundprozessor ins Wasser kann, jede Menge Anleitungen, Tipps und die Implantat-ID-Card, die ich immer mit mir führen muss. Die Beratung ist auch hier ausgezeichnet und ich bekomme alles ausführlich erklärt. Und verstehe es. Ohne Hörgerät. Mit Implantat. Und es hört sich gut an.

Dann geht es zurück zur Station. Auf dem Weg dahin fällt meiner EBH auf, dass der Tränensack unter meinem rechten Auge deutlich sichtbar geschwollen ist. Das stellt sich später auf der Station aber als unproblematisch heraus – der Kopf muss erst einmal wieder in Form kommen und die Flüssigkeit, die als Schwellung sichtbar ist, wird verschwinden.

Der erste Höreindruck draußen ist gut – alles ist gut gedämpft und ich fühle mich nicht hörüberfordert. Auf dem Zimmer wird dann das Zubehör noch einmal intensiv in Augenschein genommen, Registrierungskarten werden ausgefüllt, eine Einkaufsliste für Zubehör erstellt, das ich beruflich nutzen möchte – und ich unterhalte mich mit meiner EBH, deren Stimme mittlerweile auch immer natürlicher klingt und wir liegen uns wieder tränenüberströmt in den Armen. Dann brauche ich Schlaf.

Als ich später am Abend wieder aufwache, verbinde ich mein Handy per Klinkenstecker mit dem Soundprozessor und starte eine Hörtraining-App, die ich im Google Play Store heruntergeladen habe. Die Ergebnisse sind auf Anhieb deutlich besser als mit Hörteräten – bei Uhrzeiten verstehe ich 80%, bei Einsilbern nach kurzem Üben 100%. Allerdings werden immer vier mögliche Lösungen gezeigt, so dass man recht gut “hörkombinieren” kann. Dennoch ist das Implatat dem Hörgerät weitaus überlegen.

Ich schaue Tagessschau auf dem Handy. Ohne Untertitel. Und ich verstehe jedes Wort des Nachrichtensprechers. Bei überlagerten Stimmen (Englisch im Hintergrund, deutsche Übersetzung im Vordergrund) bin ich überfordert, aber den Sprecher verstehe ich klar und deutlich – und das auf einem kleinen Display mit kaum erkennbarem Mundbild.

Dann schmeiße ich Spotify an. Die Empfehlung von Med-El war, mit langsamen Musikstücken zu beginnen, die man gut kennt und die nicht zu viele Instrumente verwenden. Ich starte “Lullaby” von The Cure und kann es nicht fassen – es hört sich auf Anhieb so viel besser an als mit Hörgeräten! Ich höre zwar kaum Bass, aber alles andere ist schon nach ein paar Takten klarer und deutlicher als ich es jemals in Erinnerung hatte. Die Tränen laufen wieder. A Forest. Don’t you forget about me. Blue Monday. Anfangs klingt alles wie von Micky Maus gesungen, aber spätestens beim dritten Anhören fühlen sich die Stimmen so an, wie ich sie in Erinnerung hatte. The Promise you made – ich höre beide Stimmen des Sängers und der Sängerin und kann sie klar voneinander unterscheiden. Ebenso bei Hate is a 4 letter word. Unfassbar. Ich versuche etwas schnellere und härtere Musik. Are you gonna go my way. Ich höre jeden Drumschlag. Smells like teen spirit. Einfach nur WOW. Ich höre mir eine Videoaufnahme von Junior I an, der in einer Schulband E-Gitarre spielt und höre erstmals, um welchen Song es sich handelt. Und wie toll es klingt. Bis nachts um drei sitze ich im Aufenthaltsraum der Station und höre alles, was ich von früher kenne und mag und will gar nicht mehr aufhören. Eine Gänsehaut jagt die nächste.

Ich habe niemals erwartet, dass ich jemals wieder so gut Musik hören kann. Mir war Musik immer sehr wichtig; ich stamme aus einer sehr musikalischen Familie mütterlicherseits und lernte schon als Kind klassische Musik lieben. Ich lernte früh Klavier spielen und zeigte ein großes Talent, dann kam Posaune im Kirchenblasorchester hinzu, auf der ich später mit Freunden Big Band Jazz und auch Pop spielte. Ab meinem ca. 17. Lebensjahr hörte ich mit dem aktiven Musikmachen auf, weil ich die Töne nicht mehr wirklich unterscheiden konnte und es einfach keinen Spaß macht, wenn man kein direktes Feedback mehr wahrnimmt. Wenn man nicht hört, wenn und was man falsch spielt. Ich bin noch auf Konzerte gegangen, weil ich die Atmosphäre mag und über den Bassrhythmus zumindest bekannte Songs erkennen kann. Die Frustration war dennoch oft hoch, weil das Klangerlebnis bescheiden war.

Zwischendurch schickt mir meine Familie Sprachnachrichten über What’s App. Das “Gute Nacht, Papa!” von Junior II verstehe ich deutlich und auch bei den anderen zwei Nachrichten verstehe ich einzelne Wörter, wenn auch noch nicht die gesamte Nachricht.

Was für ein Tag. Selbst wenn sich das Hören bei der Erstanpassung im September nicht mehr verbessern wird, was unwahrscheinlich ist: Ich würde es sofort wieder machen. Das ist mehr, als ich im Traum erwartet habe. Ich gehe ins Bett und hoffe, dass das Ganze nicht nur ein verrückter Traum ist.

Tag -1 – Nach der OP

Ich habe relativ gut geschlafen. Meine rechte Kopfhälfte ist von der OP etwas angeschwollen, aber das ist alles im grünen Bereich. Es fühlt sich ein wenig an, als hätte man mir die Haut über den halben Kopf gezogen. Wirkliche Schmerzen habe ich nicht, nur ein Druckgefühl.

Bei der Visite wird mir mitgeteilt, dass alles hervorragend gelaufen ist. Ich informiere Freunde und Verwandte über den erfolgreichen Verlauf der Operation und verbringe den größten Teil des Tages mit Schlafen, Lesen und ein bißchen Rumlaufen. Die Frühanpassung soll morgen, am Freitag, erfolgen, wenn die Schwellung weiter zurückgeht.

Tag -2 – Die OP

Ich habe gut geschlafen und wache frühzeitig auf. Meine ErstBesteHälfte ist bereits da, um emotionalen Beistand zu leisten. Jetzt wird es ernst. Klamotten aus, OP-Kittel an, dann wird die Scheißegal-Pille geschluckt und kurz darauf ist auch der Pfleger da, der mich in den OP schiebt. Ich bin wahnsinnig aufgeregt und kurz vor der Tür kommen dann die Tränen, weil ich eine Scheißangst habe und weiß, dass diese Sache nicht mehr umkehrbar ist. Mit nur einem funktionierenden Ohr bin ich beruflich aufgeschmissen, das war es dann. Zwar bin ich eigentlich positiv, sonst würde ich den Eingriff auch nicht wagen, aber diese Scheißangst…

Ich liege vorm OP, der Oberarzt kommt und fragt noch einmal, welche Seite operiert werden soll. Ich werde wieder ruhiger. Danach erinnere ich mich an nichts. Nicht wie ich in den OP geschoben werde, nicht wie ich narkotisiert werde und auch nicht, wie ich im Aufwachraum wach geworden bin. Es ist, als hätten mich die Men in Black geblitzdingt. Die erste Erinnerung ist, dass ich wieder im Krankenzimmer liege und ein Victory-Zeichen mache. Meine ErstBesteHälfte ist bei mir. Der Kopf dröhnt, aber ich habe keine Schmerzen und bin relativ fit. Meine rechte Gesichtshälfte funktioniert noch. Der Geschmacksinn ist noch da und ich rieche ganz normal. Das Aufstehen ist problemlos und ich habe keine Gleichgewichtsprobleme, aber für ein paar Stunden Tinnitus im rechten Ohr. Der Rest des Tages ist Entspannen; am Nachmittag laufe ich schon wieder vorsichtig durch die Flure.

Die reine OP dauerte 45 Minuten. Das war eine Schnellgeburt. Hoffentlich hört sie gut.

Tag -3 – Entscheidung

Ich habe relativ gut geschlafen und muss bereits um 7 Uhr zum MRT, um ein Farbfoto meines Kopfinneren anfertigen zu lassen. Hoffentlich finden sie um diese frühe Uhrzeit überhaupt etwas…

Anschließend wird gefrühstückt und um 9 Uhr steht ein pädagogisches Gespräch im Deutschen HörZentrum Hannover auf dem Plan, das in einem Gebäude neben dem Krankenhaus untergebracht ist. Dieses Gespräch dient dazu, den Patienten über den Therapie- und Rehabilitationsverlauf nach der Erst- oder Frühanpassung aufzuklären und die Erwartungen auf ein realistisches Maß zu stutzen.

Der Pädagoge, der mich berät, ist sehr sympathisch und gut zu verstehen. Das Gespräch ist sehr aufschlußreich und mir wird gesagt, dass ich mit mehreren Monaten rechnen muss, bis ich mit dem Implantat gut verstehen und Stimmen unterscheiden kann. Mein persönliches Ziel ist es, bis zum Ende des Jahres so “gut” zu verstehen wie mit dem Hörgerät.

Hörbiographien von hörgeschädigten Menschen sind individuell und können sehr unterschiedlich sein. Der Erfolg eines Cochlea-Implantats hängt von vielen Faktoren ab: Wie lange man nichts gehört hat, welche Frequenzen man wie lange nicht gehört hat, wie leistungsfähig und flexibel das Gehirn ist, wie gut die Operation selbst verläuft, wie motiviert der Patient ist und welche Hörgeräteversorgung bestand. Pauschale Aussagen, wie gut man mit einem Cochlea-Implantat hören wird, wann man Stimmen verstehen und unterscheiden oder Musik hören kann, gibt es nicht. Was beim einen gut funktioniert, kann beim anderen schlechter oder gar nicht funktionieren. Es ist in gewissem Maße eine Reise ins Ungewisse. In den weitaus meisten Fällen leistet ein Cochlea-Implantat mehr als ein Hörgerät und verbessert die Hörsituation spürbar. Aber auch dafür gibt es keine Garantie.

Nach diesem Gespräch steht direkt ein Beratungsgespräch beim Audiologen an, der das elektronische Ohr später einstellen wird. Mir werden alle verschiedenen CI-Lösungen vorgestellt, die in Hannover implantiert werden:

  • Cochlear – ein australisches Unternehmen und der größte und bekannteste CI-Hersteller. Diese Geräte bieten aktuell die beste Konnektivität.
  • Advanced Bionics – eine Firma aus Kalifornien, die eng mit Phonak, einem der bekanntesten Hörgerätehersteller zusammenarbeitet und deren Soundprozessoren direkt mit dem Hörgerät auf der anderen Ohrseite zusammenarbeiten können.
  • Med-El, das zweitgrößte Cochlea-Implantat-Unternehmen nach Cochlear, ist in Österreich beheimatet.
  • Oticon – ist relativ neu am CI-Markt und stammt aus Dänemark.

Alle Lösungen bieten laut Aussage des Audiologen ein gutes Sprachverständnis, dennoch gibt es Unterschiede in der Haptik und dem Design, der Art und Weise der Signalverarbeitung und bei der Konnektivität, um beispielsweise ein Smartphone direkt mit dem Soundprozessor zu verbinden. Eine hervorragende Übersicht der technischen Features der verschiedenen Cochlea-Implantate und der zugehörigen Soundprozessoren bietet das Blog Weakears – neben vielen weiteren interessanten Artikeln rund um das Thema Cochlea-Implantat.

Meine Favoriten sind Cochlear – wegen der hervorragenden Konnektivität – und Advanced Bionics wegen der Möglichkeit einer Synchronisation mit dem Hörgerät auf dem nicht implantierten Ohr. Bei der Anprobe spricht mich das Gerät von Med-El allerdings am meisten an – das Design gefällt mir gut, die Haptik ist angenehm und vor allem ist die Oberfläche der Spule, die am Kopf auf dem Implantat sitzt, glatt wie ein Kinderpopo, während Cochlear und Advanced Bionics hier eine Oberfläche mit Plastiknippeln verwenden, bei der ich als Glatzenträger Angst habe, dass sie meine empfindliche Haut zu sehr reizt.

Das Beratungsgespräch ist sehr aufschlussreich, ich bekomme alle Fragen beantwortet und werde vor allem neutral beraten. Eine medizinische Empfehlung gibt es bei mir nicht, es hängt jetzt also von mir ab. Und ich bin komplett überfordert. Die Entscheidung muss rasch fallen, wenn ich eine Frühanpassung bereits 2-3 Tage nach der OP haben möchte und der Soundprozessor heute bestellt werden muss. Diese Frühanpassung wird erst seit kurzem angeboten, wenn die Kopfschwellung nach der OP weit genug zurückgegangen ist und soll den Hörerfolg beschleunigen, weil sich der Träger oder die Trägerin bei der Erstanpassung bereits an das Gerät gewöhnt hat.

Aus technischer Sicht finde ich Advanced Bionics am besten, allerdings ist das Gerät sehr groß und die Synchronisation mit dem Hörgerät ist eher zweitrangig, weil ich mittelfristig zwei Implantate einplane. Cochlear sitzt schlecht auf dem Ohr und die raue Oberfläche der Spule bereitet mir ein schlechtes Bauchgefühl. Vom Sprachverständnis her sind alle angebotenen Geräte gut; Med-El kann wegen der längeren Elektrode Vorteile bei Musik bieten. Dafür gibt es allerdings keine Garantie. Ich entscheide mich letztendlich für Med-El in weiß-grünem Werder Bremen-Outfit. In diesem Video sieht man gut, wie es funktioniert.

Die nächste Station ist ein Hörtest, bei dem die Hörleitfähigkeit der Hörnerven gemessen wird. Dazu wird eine Nadel durch das örtlich betäubte Trommelfell geführt. Das Behandlungszimmer sieht ein bißchen aus wie das Kabinett des Dr. Caligari oder diese Hinterhof-OP-Zimmer in Science-Fiction-Filmen, bei denen die Protagonisten von meistens betrunkenen Nerds in verschmutzten Kitteln implantiert werden. Auch das Gefühl, eine Nadel ins Ohr gestochen zu bekommen, ist nicht gerade Wellness-kompatibel – aber erträglich. Bei diesem Hörtest werden Töne direkt ins Innenohr geleitet. Das hört sich merkwürdig an und ist ein bißchen unangenehm. Ich habe Angst, dass das spätere Hören mit dem Cochlea-Implantat mit diesem Eindruck vergleichbar ist. Dies ist allerdings nicht der Fall.

Nach dem Mittagessen, das gar nicht mal so schlecht ist, geht es zum Anästhesie-Informationsgespräch. Da ich wegen der Mandel-Operation in meiner Kindheit panische Angst vor der OP-Situation habe, wird entschieden, mir eine volle Ladung “Scheißegal-Pillen” zu verabreichen. Direkt im Anschluss geht es dann zum Oberarzt, Herrn Dr. Nils Prenzler, der deutlich jünger aussieht als ich erwartet habe und mir meine Frage nicht übelnimmt, wie viele CI-Operationen er denn schon durchgeführt hat. Für mich ist Vertrauen in dieser Situation sehr wichtig – und es ist schnell vorhanden.

Bei der Platzierung der Spule am Kopf darf ich mitentscheiden – mir ist wichtig, dass ich als Vollglatzenträger auch nach der OP noch Basecaps tragen kann. Noch nicht entscheiden kann ich mich dafür, welche Seite implantiert werden soll. Das rechte Ohr hört eigentlich etwas schlechter; allerdings war es beim morgigen Hörtest genau andersherum. Vielleicht hat sich mein Ohr besonders ansgestrengt, um die OP zu umgehen? Die rechte Seite ist allerdings meine Schokoladenseite und mich würde das Implantat dort deutlich mehr stören als links. Ich lasse die Entscheidung erst einmal offen und habe bis zum nächsten Morgen Zeit, darüber nachzudenken.

Damit ist dann auch der Rest des Tages ausgefüllt. Ich nehme abwechselnd beide Hörgeräte heraus und teste zusammen mit meiner ErstBestenHälfte, welche Seite besser versteht. Nach langem Überlegen entscheide ich mich dann für rechts, weil ich mit der linken Seite besser verstehe. Zum Abendessen besorgt die ErstBesteHälfte etwas Leckers vom Chinesen und zwei Dosen Bier, dann wird noch ein bisschen gelesen, der OP-Kittel anprobiert und ich bin nach dem langen Tag so k.o., dass ich schnell einschlafe. Morgen ist es dann soweit.

Tag -4 – Einweisung und Voruntersuchungen

Heute früh geht es ins Krankenhaus – zur Medizinischen Hochschule Hannover. Die Anmeldung läuft problemlos, ich muss gefühlte 100 Dokumente unterzeichnen und bekomme ein Patientenband und eine Akte, die ich dann von Voruntersuchung zu Voruntersuchung mitnehmen muss. Die Empfangsdame ist sehr nett und hilfsbereit und nimmt mir ein wenig von meiner Nervosität.

Zuerst wird jede Menge Blut abgenommen und ein Zugang gelegt, der mich in den nächsten Tagen mit Antibiotika, Cortison und Narkotika versorgen wird. Anschließend steht ein erneuter Hörtest auf dem Programm, der erwartungsgemäß schlecht ausfällt. Erstaunlicherweise ist mein rechtes Ohr heute etwas besser als das Linke – normalerweise ist es anders herum.

Dann geht es zum Gleichgewichtstest. Dieser wird gemacht, damit ein Vergleich des Gleichgewichtssinnes vor und nach der Operation möglich ist, falls es nach der Operation Schwierigkeiten mit der Balance gibt. Diese Nebenwirkung tritt gelegentlich auf und ist eine der OP-Risiken, über die ich später noch detailliert aufgeklärt werde. Neben weiteren wie Gesichtslähmung, Geschmacksveränderungen oder Depressionen wenn man bemerkt, dass in Meetings zu 90% überflüssiges Zeug geredet wird. Beim Gleichgewichtstest wird warmes Wasser in das Ohr gespült, während die Augen bedeckt sind. Das ist schön, aber kann auch schwindelig machen. Anschließend muss ich noch einen Balance-Test absolvieren, bei dem meine Füße auf einer beweglichen Plattform stehen und ich auf eine ebenfalls bewegliche Wand schaue. Ein bißchen wie auf dem Jahrmarkt. Aber kostet nichts.

Ein Gespräch wegen des morgen stattfindenden MRTs habe ich auch noch und muss auch hier ein paar Unterschriften leisten. Dann werde ich auf die Station geführt. Ich liege in der Mitte eines 6-Bett-Zimmers und ärgere mich, dass ich keine private Zusatzversicherung habe. Später wird sich aber zeigen, dass das eigentlich ganz lustig sein kann – wenn man nette Zimmergenossen hat, was bei mir der Fall zu sein scheint.

Abends kann ich mir eine Currywurst mit Pommes aus dem Krankenhausimbiss nicht verkneifen und gehe recht früh schlafen. Morgen muss die Entscheidung fällen, welches Cochlea-Implantat ich haben möchte.

 

 

Vom Jungen, der nicht mehr hören konnte

Der Junge, der am Anfang dieser Geschichte sehr gut hören konnte, verbrachte die ersten vier Jahre seines Lebens im Paradies. Er war das erste Kind eines gut situierten Elternpaars, das ein sorgenfreies Leben in einem westfälischen Dorf führte und sich sehr auf die Ankunft des Jungen gefreut hatte. Sein Gehör funktionierte einwandfrei und es gab weder Sorgen noch Streit, weder böse Worte noch dunkle Wolken am Himmel. Zu Beginn des fünften Lebensjahres brach dann ein Unwetter über das kleine Paradies herein.

In das Leben des Jungen, der nicht mehr hören konnte, traten nicht nur eine Schwester, sondern drei ältere Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters ein. Die Halbgeschwister waren davon genauso wenig begeistert wie der Junge selbst und seine Mutter. Der Vater war allerdings der Meinung, dass das Paradies, in dem der Junge, der nicht hören konnte, aufwuchs, ein besserer Ort dafür sei, seine ersten drei Kinder aufzuziehen. Und jeglicher Widerstand gegen diesen Plan wurde mit körperlicher und verbaler Gewalt durchgesetzt.

Der Junge, der bis zu diesem Zeitpunkt nur Dinge gehört hatte, die man gerne hört, lernte nun andere Töne kennen. Das Gebrüll eines Vaters, der auf einmal eine ganz andere Seite seines Wesens zeigte als das, was der Junge kannte. Das Geschrei einer Halbschwester, die vor seinen Augen geschlagen wird. Das Flitschen eines Gürtels, der aus der Hose gezogen wird und sein Klatschen auf nackter Haut. Wimmern aus dem Keller. Der Junge, der dies nicht hören wollte, saß in der Ecke und hielt sich die Ohren zu. Und wurde krank.

Husten. Schnupfen. Röteln. Masern. Mumps. Halsweh. Aber der Junge hörte immer noch gut. Zwei Jahre später dann das Entfernen der Mandeln und Polypen, die vom Hausarzt als Hauptverursacher für die Anfälligkeit des Jungen ausgemacht wurden. Der Eingriff verlief nicht wie geplant, sondern es gab Komplikationen. Der Junge, der eigentlich nur nicht mehr hören wollte, lag lange im Krankenhaus. Und erholte sich nur langsam. Bei der Nachuntersuchung wurde eine leichte Innenohrschwerhörigkeit festgestellt. Die Ärzte sagten, das sei kein Grund zur Sorge. Das gibt sich schon wieder. Vier Jahre später war aus dem Jungen, der sehr gut hören konnte, ein Junge geworden, der fast gar nichts mehr hörte.

Die Eltern gingen mit dem Jungen, der nicht mehr hören konnte, zum Hörgeräteakustiker. Und dann auf eine medizinische Odyssee. HNO-Experten. Neurologen. Psychologen. Chiropraktiker. Heilpraktiker. Homöopathen. Wunderheiler. Doch der Junge hörte immer weniger. Und gewöhnte sich daran. Er wechselte auf eine Sonderschule für Hörgeschädigte, machte die mittlere Reife, Abitur und studierte anschließend Kommunikationswissenschaft. Er kaufte sich einen Computer, lernte das Internet kennen und begann nach seinem Studium Benutzeroberflächen für Websites und Software zu entwerfen. Er heiratete eine nette Frau, die hören konnte, bekam zwei Kinder und arbeitete viele Jahre erfolgreich als Angestellter und auch Freiberufler. Dies war möglich, weil der Junge, der nicht mehr hören konnte, sein Gehör langsam verlor und deshalb außergewöhnlich gut von den Lippen ablesen konnte.

Dennoch war der Junge, der nicht mehr hören konnte, nicht zufrieden. Ihm fehlte die Musik. Das Unterhalten bei Kerzenlicht im Dunkeln. Das Verstehen von Witzen in Gesellschaft. Das Mit-Dabei-Sein statt nur dabei zu sitzen. Das Verstehen von Englisch und Französisch. Das Telefonieren. Die Möglichkeit, sich in Meetings Gehör zu verschaffen und mitzudiskutieren. Das politische Engagement. Gespräche, ohne sich dabei voll konzentrieren zu müssen. Radio hören. Kino ohne Untertitel. Konferenzen, Kabarett und Kleinkunst. Empfehlungen im Restaurant. Lautsprecherdurchsagen. Klavierspielen. Entspannt zuhören zu können.

Der Junge, der nicht mehr hören konnte, überlegte lange, ob ein Cochlea-Implantat eine Lösung sein könnte. Er hatte große Angst vor diesem Eingriff, weil er seit der Mandeloperation panische Angst bekam, wenn er in einen Operationssaal geschoben wurde. Und weil er sich nicht ganz sicher war, ob seine Ohren mit Hilfe eines Cochlea-Implantats – auch CI genannt –  wirklich wieder hören können.

Die vielen positiven Erfahrungsberichte von CI-Trägern einerseits und eine große Hörmüdigkeit andererseits gaben dem Jungen, der nicht mehr hören konnte, schließlich genug Mut, um sich an einen Experten für Cochlea-Implantate zu wenden. Am 30. Juli begab sich der Junge, der nicht mehr hören konnte, in die Obhut der Medizinischen Hochschule Hannover. Mit diesem Tag beginnt auch dieser Blog.