Kategorie: Allgemein

Tag 182/120 – Training

Ich habe hier schon einmal beschrieben, welches Equipment ich benutze, um zu telefonieren, TV zu schauen und Gesprächen und Vorträgen in größerer Runde zuhören zu können. Heute steht ein englischsprachiges Design-Training meines Arbeitgebers an und ich bin sehr gespannt, wie gut sich die Tischmikrofon-Anlage im harten Arbeitsalltag schlägt.

An diesem Training, das an zwei aufeinander folgenden Tagen stattfindet, nehmen etwa 12 Kollegen teil. Es wird teils präsentiert, teils in der Runde diskutiert und teils werden Arbeitsgruppen mit 2-4 Personen gebildet, die an bestimmten Themen arbeiten sollen. Insgesamt also ein totaler Worst-Case für eine hörgeschädigte Person: Englisch, mehr als 5 Personen, Diskussionen Quer-Beet und Gruppenarbeit in einem Raum. Mit Hörgeräten hätte ich hier kaum etwas mitbekommen und wäre nach zwei Stunden restlos k.o. gewesen.

Weil der Raum recht groß ist und die Teilnehmer an einem U-förmigen Tisch sitzen, platziere ich drei meiner Table-Mics strategisch am Konferenztisch: Vor den Sprechern, in der Mitte und am Ende des Tisches. Die Mikrofone sind miteinander Ich selbst sitze – wie immer – vorne, damit ich ein wenig von den Lippen ablesen kann.

Und das funktioniert wirklich hervorragend. Bei der einleitenden Präsentation verstehe ich fast jedes Wort – und das auf Englisch. Hilfreich ist, dass beide Trainer muttersprachliche Deutsch sind. “Deutsches Englisch” verstehe ich immer noch deutlich besser als native Speakers – also muttersprachliche Engländer oder US-Amerikaner. Auch “indisches Englisch” verstehe ich übrigens sehr gut; spanisches und chinesisches Englisch ist für mich hingegen schwieriger zu verstehen.

Auch bei der Vorstellungsrunde der Teilnehmer verstehe ich ausgezeichnet. Das war bisher immer der pure Horror: Nicht nur, weil ich die weiter entfernt sitzenden Teilnehmer nicht verstehe, sondern weil ich in solchen Situationen, in denen die Teilnehmer einer Runde nacheinander etwas sagen, auch meistens nicht verstanden habe, was gesagt werden soll. Ich habe meist die Anweisungen zu einer solchen Runde nicht verstanden und weiß nie, was die Runde von mir erwartet: Stellen wir uns vor? Lang? Kurz? Sollen bestimmte Fragen beantwortet werden? Der Worst-Case ist immer, wenn ich als erste Person etwas sagen soll – was häufig vorkommt, weil ich ja fast immer ganz vorne sitze. Und meine Erleichterung ist riesig, wenn am anderen Ende begonnen wird. Dann habe ich zumindest die Chance, aus den Redebeiträgen der anderen Teilnehmer zu erkennen, was erwartet wird. Oftmals habe ich aber auch die Beiträge der Teilnehmer nicht verstanden und während der Vorstellungsrunde gehofft, dass zumindest die Person neben mir so deutlich spricht, dass ich weiß, was ich sagen soll.

Auch heute bin ich als erster dran, aber: Ich verstehe, was von mir erwartet wird. Das ist eine riesige Erleichterung. Natürlich erzähle ich bei meiner Vorstellung auch heute kurz etwas über meine Ohren. Denn zum einen ist jede Kommunikationssituation für mich einfacher, wenn meine Gegenüber wissen, inwieweit ich eingeschränkt bin und worauf sie beim Sprechen achten müsse: langsam und deutlich sprechen, nicht brüllen. Eine gut verständliche Lautstärke ist natürlich hilfreich, aber generell nützt es mir nicht viel, wenn Menschen deutlich lauter sprechen als normal. Das verändert das normale Sprechtimbre und meistens wird es für mich dann eher schwieriger als einfacher, gut zu verstehen. Zum anderen muss ich natürlich auch kurz erklären, warum ich Tischmikrofone im Raum verteile und wie das Ganze funktioniert.

Die anschließende Vorstellungsrunde verstehe ich ebenfalls sehr gut und auch in den darauffolgenden Stunde kann ich dem gesamten Training prima folgen. Selbst die Gruppenarbeit klappt super – ich kann die Tischmikrofone dafür stumm schalten und verstehe trotz der Umgebungsgeräusche gut, was meine Arbeitsgruppenteilnehmer sagen.

Vor allem: Ich kann der Veranstaltung über den gesamten Tag hinweg gut folgen. Bei der abschließenden Präsentation der Gruppenarbeitsergebnisse wird es etwas schwieriger, weil sehr viel diskutiert wird; hier schalte ich ein paar mal gedanklich ab, weil ich Hörpausen brauche. Insgesamt habe ich aber wirklich fast alles verstanden – und das in einer Fremdsprache. Das war vor einem halben Jahr, mit Hörgeräten, noch vollkommen undenkbar. Und ich bin am Abend zwar etwas geschafft, aber glücklich und keinesfalls so ausgelaugt, wie ich es mit Hörgeräten schon nach zwei oder drei Stunden gewesen wäre.

Auch der nächste Tag, an dem ich leider nur bis zum Mittag teilnehmen kann, ist ein voller Hörerfolg. Ich habe in diesen zwei Tagen viel gelernt, nette Menschen kennen gelernt und die wundervolle Erfahrung gemacht, dass ich vor Trainingssituationen keine Angst mehr haben muss. Und das ist das schönste Learning überhaupt.

Tag 175/113 – Marrakesch

Heute geht es nach Marrakesch – ich fliege zum ersten Mal nach Afrika, zum ersten Mal mit Hörimplantaten überhaupt und zum ersten Mal mit Hörimplantaten ins Ausland. Ich treffe dort einen guten Freund, der diese Reise zum Geburtstag von seiner Frau geschenkt bekommen hat und nicht weiß, dass ich dort auf ihn warte. Ich bin also quasi Teil des Geburtstagsgeschenkes.

Ich reise sehr gerne. Fremde Kulturen und Länder haben mich immer schon fasziniert. Pauschalurlaub im Hotel oder tagelang am Strand faulenzen war noch nie mein Ding. Ich möchte auf Reisen etwas erleben, unterwegs sein und Menschen, Orte und Kulturen kennen lernen. Ich mag auch Fremdsprachen sehr gerne. Englisch spreche ich fließend, wenn auch wegen meiner Hörbehinderung mit einer furchtbaren Aussprache. Französisch liebe ich, kann es aber nur rudimentär. Spanisch habe ich ein halbes Jahr in der Uni gelernt und dann aufgegeben. Auch Türkisch und Kurdisch habe ich ein wenig gelernt, weil ich vor Jahren in der sozialen Arbeit viel mit türkischen und kurdischen Familien zu tun hatte.

Mit einer Hörbehinderung ist das Lernen, Verstehen und Sprechen von Fremdsprachen enorm schwierig. Lippenablesen funktioniert so gut wie gar nicht und ein Sprachverständnis mit Hörgeräten von 0% hilft auch nicht gerade dabei, eine Sprache über das Hören zu erlernen. Über das Schriftliche kann man eine Sprache nur theoretisch lernen, nicht aber das Sprechen und noch weniger das Verstehen. Das war ein Problem, das für meine Entscheidung pro Hörimplantat mit ausschlaggebend war, denn im Beruf wird bei mir überwiegend Englisch gesprochen.

Das Einchecken am Flughafen ist auch mit Hörimplantaten problemlos. Ich habe meinen Implantatsausweis zur Hand, weil der Sicherheitsscanner wegen der Magnete in meinem Kopf piepen wird. Die Soundprozessoren lege ich vor dem Durchgang durch den Scanner ab und schalte sie aus – auf Empfehlung von Med-El hin, die ich vor der Reise extra noch einmal kontaktiert hatte, weil es sehr widersprüchliche Angaben dazu gibt, ob und wie man mit Hörimplantaten durch Körperscanner hindurchgehen darf. Jedenfalls verläuft alles vollkommen problemlos und beide Soundprozessoren funktionieren nach dem Durchlauf durch die Schleuse problemlos.

Im Flugzeug gibt es den ersten Reisehörerfolg: Ich verstehe ich zum ersten Mal die Sicherheitsanweisungen und Durchsagen im Flugzeug. Da ich beruflich schon hundertmal geflogen bin, erfahre ich nichts wirklich Neues, aber freue mich trotzdem sehr.

Am frühen Nachmittag lande ich in Marrakesch. Bei der Einreisekontrolle gibt es keine Verständigungsprobleme. Ich werde von einem Hotelshuttle abgeholt, in dem mich zwei nette Marokkaner zum Hotel fahren und mir viel über Marrakesch erzählen. Ich freue mich erneut, dass ich sie gut verstehe und mich relativ problemlos auf Englisch unterhalten kann. Das im Ausland neu – bislang war ich dort kommunikativ sehr eingeschränkt und habe Gespräche bis auf das allernotwendigste vermieden.

Im Hotel werde ich sehr freundlich begrüßt und verstehe auch hier jedes Wort. Ich hätte nicht gedacht, dass dies so flüssig funktioniert. Wiederholungen sind kaum notwendig und schön ist auch, dass mein Englisch gut verstanden wird.

Die Überraschung später am Nachmittag, als mein Freund im Hotel auftaucht, ist riesengroß. Wir verleben 4 wundervolle Tage in einem Land, das mich sehr beeindruckt – die Freundlichkeit der Menschen, die Lebendigkeit, das Gewusel auf den Straßen, die Architektur und Kunst, das Essen und auch die Musik. Es ist alles sehr fremd und sehr aufregend und nur selten anstrengend.

Ein Moment, der mir für immer in Erinnerung bleiben wird, ist der Muezzin-Gesang, den ich zum ersten Mal auf der Dachterrasse des Hotels höre und der sich wie ein Choral über die ganze Stadt legt. Ich habe mir Muezzingesänge immer ein wenig nervig vorgestellt, fordernd, nahezu aggressiv. Was ich dann auf dieser Dachterrasse gehört habe, war einfach nur wunderschön, sanft, harmonisch – es ist sehr schwer zu beschreiben. Ich hätte mir das stundenlang anhören können.

Auch sehr schön war ein langes Gespräch mit einem Amerikaner, der im Café neben uns sass und am Mac arbeitete. Es war unübersehbar ein IT’ler und natürlich musste ich ihn ansprechen. Wir unterhielten uns bestimmt eine halbe Stunde lang über Startups, Afrika, die USA und Donald Trump. Ich habe nicht jedes Wort verstanden, weil ich native englisch sprechende Personen noch nicht so gut verstehe. Aber ich konnte das Gespräch recht gut führen und habe das meiste verstanden.

Insgesamt war es ein wundervoller Aufenthalt, der mir insbesondere wegen der tollen Kommunikationserfolge noch mehr Lust darauf gemacht hat, in fremde Länder zu reisen und mich mit den Menschen dort zu unterhalten.

Tag 174/112 – Lokalpresse

Heute ist ein Artikel über mein Hörimplantat in der Lokalpresse erschienen. Ein Journalist der örtlichen Kreiszeitung, der selber hörgeschädigt ist, war auf meinen Fall aufmerksam geworden und hatte telefonisch angefragt, ob ich einverstanden bin, dass in einer der nächsten Ausgaben der Kreiszeitung ein Artikel über mich und mein Cochlea Implantat erscheint.

Ich habe zugesagt, weil ich denke, dass meine Geschichte und meine Erfahrungen hilfreich für andere Menschen sein können – auch wenn das, was passiert ist, in dieser Form sehr ungewöhnlich ist. Nicht jeder kann mit einem Hörimplantat so schnell solche Erfolge feiern und in wenigen Fällen funktioniert es weniger gut oder auch manchmal gar nicht.

Dennoch sind die weitaus meisten Menschen, die ein Cochlea Implantat bekommen haben, zufrieden mit den Ergebnissen. Beispielhaft hier das Ergebnis einer flächendeckenden Erhebung aller CI-Patienten in der Schweiz – die detaillierten Ergebnisse lassen sich hier nachlesen:

Tag 165/103 – Equipment

Anfang Dezember habe ich von meinem Hörgeräteakustiker eine Mikrofonanlage bekommen. Diese FM-Anlage besteht aus mehreren Tischmikrofonen, die das Gehörte per Funk direkt in meine Soundprozessoren übertragen. Ich benötige diese Ausstattung bei Meetings mit vielen Teilnehmern, die oftmals in großen Räumen stattfinden.

Auch wenn ich mit meinen Cochlea-Implantaten sehr gut verstehen kann stoße ich doch an meine Grenzen, wenn der Sprecher oder die Sprecherin weit entfernt sitzt. Denn selbst mit der besten Technik werde ich immer schwerhörig bleiben und in bestimmten Situationen eingeschränkt sein. Letztendlich kann kein Equipment, kein Implantat und kein Hörgerät so gut funktionieren wie ein gesundes menschliches Ohr. Ich nehme hier immer gern den Vergleich zum menschlichen Auge versus Kamera als Vergleich zur Hilfe: Nicht einmal die teuerste Kamera kann sich so schnell und gut auf unterschiedliche Lichtverhältnisse, Kontraste oder Entfernungen einstellen wie das menschliche Auge. Wer schon einmal versucht hat, bei schlechten Lichtverhältnissen mit hohem Kontrast Fotos zu machen versteht, was ich meine.

Die betreffende Anlage ist von Phonak – einem der bekanntesten Hersteller für Hörgeräte und Hörgerät-Equipment. Von Med-El, der Firma, die meine Hörimplantate herstellt, gibt es einen Funk-Adapter, der mit dieser Anlage kompatibel ist. Man steckt diesen Adapter einfach anstelle der Batteriehülse auf den Med-El Soundprozessor und hat dann automatisch eine direkte und abhörsichere Funkverbindung zu den Mikrofonen.

Med-El Soundprozessor mit Standard-Batteriehülse (aufgesteckt) und Batteriehülse mit Phonak Funkempfänger (daneben). Beide Hülsen sind gleich breit und dick; die Phonak-Hülse ist allerdings deutlich länger.

Ich habe insgesamt 5 der sogenannten Phonak Table Mic II Tischmikrofone bestellt, da ich häufig Meetings und Konferenzen mit vielen Teilnehmern in großen Räumen habe. In diesen Räumen verteile ich die Tischmikrofone dann so, dass ich jede sprechende Person gut verstehen kann. Die Mikrofone sind gekoppelt: Sie arbeiten also zusammen und übertragen das Gesprochene gemeinsam in meinen Soundprozessor. Das funktioniert ausgezeichnet, wenn man einmal verstanden hat, wie die Kopplung funktioniert.

Die Tonqualität ist hervorragend und die Reichweite enorm. Die Mikrofone haben einen eingebauten Akku, der ausreichend Reserven beinhaltet und werden per Micro-USB-Kabel aufgeladen. Die Lautstärke kann mit einer Fernbedienung reguliert werden; auch ein stummschalten ist möglich. Das ist praktisch, weil ich meine Sitznachbarn am Tisch nicht mehr gut höre, wenn sie mich direkt und am Mikrofon vorbei ansprechen. Das ist ein Problem, weil mein Soundprozessor Umgebungsgeräusche, die nicht in der Nähe des Mikrofons erzeugt werden, herunterfährt. Insgesamt ist die Reichweite der Mikrofone allerdings hervorragend und ich verstehe auch Sprecher, die nicht direkt vor dem Mikrofon sitzen, sehr gut.

Cool an den Roger Table Mics ist, dass sie über einen ganz normalen 3,5mm Klinken-Audioeingang verfügen, mit dem man zum Beispiel ein Smartphone, ein Laptop oder auch den Audioausgang des Fernsehgerätes verbinden kann. Das bedeutet, dass ich die Table Mics auch als Kopfhörer nutzen kann, wenn ich Videos, Musik oder Podcasts am Rechner anhöre. Für Telefonkonferenzen sind diese Tischmikrofone weniger geeignet, weil sie bei einem Connect via Audiokabel keinen Input an das Gerät weitergeben können – mein Gesprochenes wird also nur über das Mikrofon des Laptops oder Smartphones an die übrigen Gesprächsteilnehmer gesendet.

Phonak Roger Table Mic II mit Fernbedienung

Neben diesen 5 Tischmikrofonen habe ich auch noch ein spezielles und besonders leistungsfähiges Mikrofon bekommen, den Roger Select. Dieses Gerät hat mehrere integrierte Mikrofone, die in alle Himmelsrichtungen arbeiten. Das Besondere daran ist, dass der Roger Select eigentlich ein vollautomatisiertes Richtmikrofon ist: Er erkennt automatisch, aus welcher Richtung gesprochen wird und richtet das Mikrofon zur passenden Himmelsrichtung aus. Umgebungsgeräusche aus anderen Richtungen werden dabei wirkungsvoll unterdrückt. Das Hören damit funktioniert noch etwas besser als bei den Phonak Table Mics, die zwar auch 360° hören, aber keine eingebaute Richtmikrofon-Funktion haben.

Ein weiterer Vorteil des Roger Selects ist, dass dieses Mikrofon sehr kompakt und deutlich kleiner als die Table Mics ist. Es kann per Clip oder Halsschlaufe auch von einer vortragenden Person getragen werden. Der Clou dabei: Sobald das Gerät nicht waagerecht sondern senkrecht verwendet wird, richtet sich das Mikrofon automatisch nach oben aus. Ich nutze den Roger Select also nicht nur als Tischmikrofon bei kleineren Zusammenkünften mit maximal 7 Teilnehmern, sondern auch als Mikrofon für den Sprecher, wenn ich Vorträge anhöre.

Wichtig ist, dass man dem Sprecher nach dem Ende des Vortrages das Gerät wieder abnimmt. Ansonsten hat man nicht nur ein teures Problem, sondern auch ein unangenehmes, wenn der Referent zum Beispiel direkt nach der Veranstaltung auf die Toilette geht.

Links: Roger Select; mit Halteclip und Halteschlaufe. Rechts oben Dockingstation für den Roger Select. Das Table Mic zum Größenvergleich rechts.

Der Roger Select ist Bluetooth-fähig – ich kann ihn also auch direkt mit meinem Smartphone per Bluetooth verbinden und quasi als Kopfhörer zum Telefonieren verwenden. Die Tonqualität ist dabei sehr gut; allerdings finde ich dieses Setup zu leise zum Telefonieren und auch meine Gesprächspartner sind von der Tonqualität meiner Sprache nicht besonders beeindruckt. Ich werde beim nächsten Nachsorgetermin im Deutschen Hörzentrum in Hannover mit meinem Audiologen sprechen, ob man die Lautstärke erhöhen kann. Leider hat der Roger Select keinen eigenen Lautstärkeregler; ich kann die Lautstärke also nur über die Soundprozessoren direkt verändern.

Schade ist, dass der Roger Select zwar Telefonanrufe meines Smartphones übertragen kann, aber keine Musik. Dafür muss ich eine Dockingstation verwenden, die per Audiokabel mit der Musikquelle, also dem Smartphone oder Laptopt, verbunden wird. Das liegt nach Aussage von Phonak daran, dass FM-Anlagen kein A2DP-Protokoll verarbeiten können. Toningenieure können mit dieser Information sicher etwas anfangen; ich als technischer Laie verstehe nicht wirklich, warum der Ton eines Telefonates übertragen wird aber nicht der Ton meiner Spotify-App. Kabelloses Musikhören in Funk-Qualität wäre wirklich ein Traum. Ich hoffe sehr, dass irgendwann integrierte Bluetooth-Sender von Med-El auf den Markt kommen, mit denen ich Musik ohne Kabel direkt in die Soundprozessoren senden kann.

Weil das Telefonieren mit dem Roger Select wegen der zu leisen Lautstärke nicht wirklich gut funktioniert, verwende ich dafür lieber die Artone 3 MAX Bluetooth Teleschlinge. Diese verbindet sich per Bluetooth mit dem Smartphone und sendet via Induktionsschleife direkt in die Soundprozessoren. Die Soundqualität ist bei einer induktiven Übertragung deutlich schlechter als bei Funk, weil weniger Signale übertragen werden können. Für das Telefonieren reicht es bei mir allerdings. Außerdem ist die Teleschlinge deutlich lauter und auch mein Gesprochenes kommt beim Gesprächspartner deutlicher an.

Bluetooth-Teleschlinge von Med-El

Zusätzlich zu dieser Bluetooth-Teleschlinge habe ich noch eine weitere, kabelgebundene Induktionsschlinge, die nicht per Bluetooth, sondern per Audiokabel mit der Soundquelle verbunden wird. Diese ist allerdings recht groß und ich benutze sie äußerst selten. Wenn die Soundquelle kein Bluetooth hat, ist dieses Gerät allerdings sehr hilfreich.

Zum Musikhören verwende ich am liebsten die Audiokabel, die ich mit einer entsprechenden Batteriehülse direkt mit der Soundquelle verbinden kann. Das ist wie ein Kopfhörer: Die Übertragungsqualität ist hervorragend, ich brauche keinen Strom und keinen Akku und der Tragekomfort ist super.

Audiokabel mit Batteriehülse für den Soundprozessor. Die Silikonhaken an den Hülsen dienen dem besseren Halt hinter dem Ohr.

Eine wichtige Frage ist noch unbeantwortet: Was kostet das alles?

  • Audiokabel bezahlt in meinem Fall die Krankenkasse; ein Kabel kostet etwa 60 Euro.
  • Die Bluetooth-Teleschlinge habe ich mit dem ersten CI von Med-El geschenkt bekommen. Sie kostet etwa 140 Euro.
  • Die Teleschlinge mit Kabel habe ich mit dem zweiten CI von Med-El geschenkt bekommen. Der Preis für dieses Zubehör liegt bei etwa 45 Euro.

Die FM-Anlage mit Roger Select und den Table Mics ist enorm teuer – insgesamt sind bei mir Kosten in Höhe von über 15.000 Euro entstanden. Alleine die FM-Aufsätze für die Soundprozessoren kosten über 1.200 Euro pro Stück. Dazu sind in diesem Betrag 5 Tischmikrofone enthalten, die ich aus beruflichen Gründen benötige.

Die Kostenübernahme für die FM-Anlage habe ich beim Integrationsamt eingereicht. Diese Behörde übernimmt in der Regel die Kosten für die behindertengerechte Ausstattung von Arbeitsplätze mit dem Ziel, behinderten Arbeitnehmer Chancengleichheit im Beruf zu ermöglichen. Neben dem Integrationsamt kann auch die Rentenversicherung als Kostenträger zur Verantwortung gezogen werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Deutschland ist ein Bürokratieland. Es ist deshalb sehr schwer, pauschal zu sagen, wer welche Kosten von welcher Behörde erstattet bekommt. Jeder Antrag muss plausibel und gut begründet sein. Ein guter Hörgeräteakustiker hilft bei der Beantragung von technischen Hörhilfen – und verkauft natürlich auch das entsprechende Equipment.

Mir hilft dieses Equipment ungemein dabei, auch in schwierigen Hörsituationen hervorragende Hörerfolge zu feiern. Ich verstehe bei Meetings oder Vorträgen nahezu jedes Wort, kann prima telefonieren und höre viel Musik über mein Smartphone. Mit Hörgeräten war dies alles nicht möglich – zwar gibt es auch hierfür dieselben technischen Hörhilfen, aber diese nützen nichts, wenn die Hörgeräte kein ausreichendes Sprachverständnis mehr erzeugen können. Es ist natürlich etwas lästig, dass ich im Beruf jetzt relativ viel Equipment mit mir herumschleppen und Bluetooth-Geräte koppeln muss. Aber das ist ein sehr kleiner Preis für ein sehr gutes Hörerlebnis. Und: Die Zubehörtechnik entwickelt sich ständig weiter. Hier wird in den nächsten Jahren noch sehr viel passieren und ich bin sicher, dass der Kabel- und Kopplungssalat in Zukunft noch einfacher zu handhaben sein wird.

Tag 161/99 – Konferenz

Heute fand die alljährliche SAP d-KOM in Karlsruhe statt. d-KOM steht für ‘Developer Kick Off Meeting’ . Dort können alle Mitarbeiter von SAP, die in der Softwareproduktion tätig sind – zum Beispiel Programmierer, Designer, Projektmanager – teilnehmen, um Vorträge anzuhören, Produktneuigkeiten zu erfahren oder sich einfach auszutauschen. Insgesamt nehmen in Deutschland über 6.000 Personen teil; dazu kommen über 3.000 Mitarbeiter, die sich das Ganze online anschauen. Die Veranstaltung findet zudem an weiteren Standorten auf anderen Kontinenten statt.

Fachkonferenzen und Messen habe ich bislang gemieden, weil ich dort zu wenig verstanden habe. Vorträgen konnte ich nur folgen, wenn ich das Mundbild des Vortragenden gut sehen konnte und die gezeigte Präsentation selbsterklärend war. Gespräche mit Kollegen waren schwierig, weil die Geräuschkulisse auf so einer Veranstaltung natürlich enorm laut ist. Networking war für mich auf solchen Veranstaltungen bislang nicht möglich und ich war wegen der enormen Anstrengung, die ich aufwenden musste, um überhaupt halbwegs etwas mitzubekommen, sehr schnell müde.

Da die gesamte Konferenz heute in englischer Sprache stattfand, habe ich nicht erwartet, allzu viel mitzubekommen. Aber wie so oft in den letzten Monaten kam wieder alles ganz anders: Ich habe fast jedes Wort verstanden und war von 9:30 bis ca. 16:30 mit einer kleinen Mittagspause nonstop bei Vorträgen zu Gast. Die erste Konferenz meines Lebens, bei der ich allen Beiträgen gut folgen konnte! Was für ein Erfolg! Der Ton wurde in der Halle per Induktionsschleife übertragen, so dass ich den Input der Vortragenden direkt in meine Soundprozessoren bekam. Schöner Nebeneffekt dabei war, dass ich die Umgebungsgeräusche komplett ausstellen konnte. Meine Kollegen beneiden mich mittlerweile um diese Fähigkeit.

Am Nachmittag war ich dann doch müde – natürlich muss ich mich nach wie vor konzentrieren, wenn ich zuhöre und knapp 5 Stunden lang englischen Vorträgen zuzuhören ermüdet auch normalhörende Menschen. Also ging es für eine Stunde in die Ruheecke – danach war ich fit für die Aftershow-Party, bei der Bülent Ceylan auftrat. Auch hier wurde per Induktionsschleife übertragen. Wie immer bei SAP waren in der ersten Reihe Sitzplätze für hörgeschädigte Mitarbeiter reserviert, so dass meine hörgeschädigten Freunde und ich hervorragenden Blick auf die Bühne hatten und gut vom Mund ablesen konnten.

Der Auftritt von Bülent Ceylan war insgesamt okay. Ich habe einen recht anspruchsvollen Humor, wenn ich Performances auf der Bühne sehe und kann den meisten derzeit aktiven “Comedians”, die man oft im Fernsehen sieht, nicht viel abgewinnen. Das Gefühl, wenn man auf einmal fast alles akustisch versteht und richtig mitlachen kann, ist allerdings unbeschreiblich. Ich habe diese Show unendlich genossen und freue mich jetzt schon riesig darauf, in der kommenden Zeit mehr Live-Performances anzuschauen oder auch einmal den Schritt ins Theater zu wagen.

Spät am Abend stieg dann die Aftershow-Party, auf der ich zusammen mit einigen Kollegen viel Spaß auf der Tanzfläche hatte. Ich genieße das Tanzen nach wie vor unendlich, weil ich mich nicht mehr darauf konzentrieren muss, die Musik und den Takt zu hören und die Musik zu erkennen, sondern einfach alles HÖRE. Es gibt in diesen Momenten nur mich und die Musik und sonst gar nichts. Dieses Gefühl ist ein unbeschreibliches Geschenk, das mir das Cochlea Implantat wiedergegeben hat und schon allein dafür hätten sich die beiden Operationen gelohnt.

Tag 159/97 – Überraschung

Heute geht es nach Zürich, wo ich einen sehr guten Freund an seinem Geburtstag überraschen möchte. Da ich diese Woche in Walldorf arbeite, ist der Weg in die Schweiz nicht weit und ich mache mich nach einem etwas vorgezogenen Feierabend mit dem Auto auf dem Weg in den Süden. Ich habe Gregor seit meinen Operationen nicht mehr getroffen; wir haben nur einmal telefoniert bislang. Und ich freue mich sehr auf dieses Treffen mit neuen, elektrischen Ohren.

Gregors Familie ist natürlich eingeweiht und weiß, dass ich am Abend im Restaurant aufkreuzen werde. Kurz vor meiner Ankunft verschicke ich noch einen Geburtstagsgruß per WhatsApp ‘aus Hamburg’ und wünsche ihm eine schöne Geburtstagsfeier.

Umso größer und gelungener ist die Überraschung, als ich dann auf einmal im Restaurant vor ihm stehe. Der Abend ist wundervoll und die Unterhaltung läuft reibungslos. Ich genieße vor allem den Schweizer Dialekt meiner Freunde sehr – auch dies habe ich vorher zwar ein wenig wahrgenommen, aber nicht so sehr wie jetzt mit elektrischen Ohren. Wir haben uns beide lange nicht gesehen und uns gegenseitig sehr viel zu erzählen. Und natürlich freuen sich alle enorm über meine Hörveränderung. Es ist schön, solche Freunde zu haben.

Mir fällt heute Abend auf, dass die Veränderung in der Kommunikation mit meinen Mitmenschen umso geringer ist, desto besser ich sie kenne. Meine wirklich guten Freunde waren meine Hörschädigung gewohnt und diese war für sie nie ein Problem. Ich habe Menschen, die ich gut kenne, auch immer besser verstanden als Personen, die ich noch nicht so lange kenne. Eigentlich verändert sich in der Kommunikation miteinander durch meine Implantate umso weniger, je besser ich die Menschen kenne. Das ist in keiner Weise negativ – es fällt mir nur gerade auf. Man kann auch mit schlechten Ohren gut durchs Leben kommen. Je mehr mal allerdings mit neuen Bekanntschaften zu tun hat, je mehr man mit unbekannten Menschen kommunizieren muss, desto schwieriger wird die Situation.

Tag 151/89 – Erwischt!

Es ist Silvester. Ein wunderbares aber auch anstrengendes Jahr geht zu Ende. Wir feiern Silvester traditionell zuerst zu Hause im Kreis der Familie mit einem schönen Raclette-Essen und treffen uns dann anschließend mit Nachbarn, oder feiern mit Nachbarn bei uns. Es ist immer ein sehr schöner Abend mit vielen Gesprächen, Musik und natürlich fließt auch reichlich Alkohol.

Auch dieses ereignisreiche Jahr wird so gefeiert. Nach unserem Silvesteressen gehen wir zu Freunden aus dem Dorf, die dieses Jahr die Silvesterparty veranstalten. Es ist ein schöner Abend – ich führe viele interessante Gespräche, lerne neue, nette Leute kennen und beteilige mich am Spiel des Abends.

Letztes Jahr fand die Silvesterparty bei uns statt und wir spielten mit unseren Nachbarn und Freunden Activity. Das ist ein sehr lustiges Spiel für Erwachsene, bei dem zwei Teams gegeneinander spielen und Begriffe durch Pantomime, malen oder erklären erraten müssen. Besonders interessant ist für Erwachsene die Club-Edition, bei der es um das Erraten von teilweise wirklich ungewöhnlichen Begriffen aus dem sexuellen Bereich geht.

Solche Spiele sind für mich als hörgeschädigte Person der purer Horror. Denn ich verstehe wieder die Erklärungen nicht gut und noch weniger die geratenen Antworten meiner Mitspieler. Ich weiß nicht, welche möglichen Antworten schon vorgeschlagen worden sind und kann dem Gesprächsverlauf, aus dem sich die Lösung herauskristallisiert, nicht folgen. Das ist extrem frustrierend – vor allem dann, wenn der ganze Tisch lacht, weil dieses Spiel wirklich sehr lustig sein kann.

Heute wurde Erwischt! gespielt. Das ist ebenfalls ein sehr amüsantes Gesellschaftsspiel. bei dem man Karten mit Aufgaben bekommt, die man im Verlauf des Abends lösen muss, ohne dabei von den anderen erwischt zu werden. Beispiele:

  • etwas fallen lassen und wieder aufheben
  • eine Werbemelodie singen
  • sich eine Minute lang den Bauch reiben

und viele andere lustige Aufgaben. Um diese zu meistern, muss man kommunizieren können, denn die Aufgaben dürfen nur in Anwesenheit anderer Mitspieler gelöst werden – und nicht beispielsweise alleine auf der Toilette.

Dank meiner Hörimplantate habe ich noch nie so viel Spaß an einem Spiel gehabt und ein hervorragendes Ergebnis erzielt. Ich merke immer wieder, wie gerne ich kommuniziere und wieviel Spaß mir das Interagieren mit anderen Menschen macht, seitdem nicht jede Antwort fünf mal wiederholt werden muss.

Später am Abend geht es dann noch zur Dorfparty und wir tanzen mit Freunden bis in den frühen Morgen, den wir dann gemütlich bei Nachbarn ausklingen lassen.

Ein tolles Ende eines fantastischen Jahres. Ich freue mich sehr auf das nächste.

Tag 150/88 – Beethoven

Ich mag klassische Musik sehr gerne, auch wenn ich sie zu selten höre. Ich bin mit Mozart aufgewachsen und habe am Klavier viel klassische Musik gespielt. Neben Mozart mag ich besonders Bach und Beethoven sehr gerne. Der zweite Satz von Beethovens Mondscheinsonate ist das schwierigste Stück, das ich je auf dem Klavier spielen konnte. Ich habe lange damit gekämpft, weil ich es unbedingt spielen wollte und ich werde im nächsten Jahr auch versuchen, dieses Stück wieder neu zu lernen.

An das Klavier traue ich mich immer noch nicht wirklich. Mein Hören ist zwar wunderbar, aber das Klavier klingt anders. Ich höre insbesondere die hohen Töne sehr gut; im mittleren Bereich ist die Veränderung zu vorher sehr stark. Dazu kommt, dass Schlagzeug derzeit immer noch Vorrang hat, weil ich so viel Spaß mit diesem Instrument habe, dass für eine zweite musikalische Herausforderung derzeit einfach keine Zeit vorhanden ist.

Heute morgen ruft meine Schwägerin an, die eigentlich mit einer Freundin zu einem Konzert der Berliner Philharmoniker in der Glocke, einem Bremer Konzertsaal, gehen wollte. Die Freundin hatte krankheitsbedingt abgesagt und sie war auf der Suche nach einer alternativen Begleitung. Ich sagte natürlich spontan zu. Auf dem Programm steht Beethovens berühmte 9. Sinfonie, die besonders durch den vierten Satz bekannt ist, in dem der zu diesem Zeitpunkt bereits völlig ertaubte Beethoven das Gedicht ‘An die Freude‘ von Friedrich Schiller vertonte. Diese Melodie ist übrigens auch die offizielle Europahymne.

Ich bin sehr gespannt, ob ich mit meinen Cochlea Implantaten wieder klassische Musik genießen kann. Wir haben gute Plätze vorne im Empore und als es endlich losgeht bin ich restlos begeistert und überwältigt davon, wie gut ich das Orchester und die Musik hören kann. Nahezu alle Instrumente sind klar erkennbar; selbst leise Paukenschläge höre ich gut. Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Leben wieder so etwas Wundervolles in einer solchen Hörqualität genießen kann.

Richtig überwältigend wird es dann, als der Chor die Bühne betritt und der berühmte vierte Satz beginnt.

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,

Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum!
Deine Zauber binden wieder
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Ich muss mich wahnsinnig zusammenreißen, um nicht wieder loszuheulen. Es hört sich alles so fantastisch an. Momente wie dieser sind nur schwer zu beschreiben. Ich werde wieder klassische Musik genießen und in die Oper gehen können. All das ist immer noch wie ein wunderbarer Traum und ich möchte am liebsten die ganze Welt küssen.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Freude, schöner Götterfunken, Götterfunken.

Tag 145/83 – Großfamilie

Am ersten Weihnachtsfeiertag trifft sich traditionell die Familie meiner ErstBestenHälfte zur Großfamilienweihnachtsfeier. Man trinkt zusammen Kuchen und isst Kaffee, unterhält sich, wichtelt und am Abend gibt es eine Bescherung und an manchen Jahren auch ein gemeinsames Abendessen.

Diese Zusammenkunft ist immer sehr schön, aber für mich bislang auch immer sehr anstrengend gewesen, weil recht viele Menschen zusammensitzen und sehr viel durcheinander geredet wird. Ich habe mir dort meist ruhigere Ecken gesucht und Einzelgespräche geführt, weil ich einer Konversation am Tisch mit 20 oder mehr Personen einfach nicht folgen konnte. Natürlich nimmt meine Familie sehr viel Rücksicht auf mein Hörproblem und ich bin dort keinesfalls isoliert oder ausgegrenzt. Aber dennoch kann ich bei optimaler Unterstützung nur eingeschränkt an der Kommunikation teilnehmen.

Man kann die Kommunikation in Gruppen dieser Größe nicht so steuern, dass ich alles mitbekomme – dann wären keine lockeren Gespräche am Tisch mehr möglich. Bei allen Gesprächsrunden mit mehr als vier oder fünf Teilnehmern entwickelt sich eine Eigendynamik, die es einem hörgeschädigten Menschen unmöglich macht, gleichberechtigt an der Kommunikation teilzunehmen. Die Themen wechseln zu schnell, es gibt Nebengeräusche wie zum Beispiel Gelächter, es mischen sich Einzelgespräche in die Gruppenkommunikation und man kann einfach nicht alles Gesagte auffangen und so steuern, dass man dem Gesprächsverlauf folgen kann. Und man ist nach recht kurzer Zeit ziemlich erschöpft, weil man sich ungeheuer konzentrieren muss, um aktiv am Geschehen teilnehmen zu können.

Diese weihnachtliche Zusammenkunft ist in diesem Jahr besonders schön für mich. Die meisten Familienmitglieder habe ich seit meinen Operationen noch gar nicht wieder gesehen. Alle freuen sich riesig über meinen Hörerfolg und ich habe viel zu erzählen. Es macht unglaublichen Spaß, sich relativ normal unterhalten zu können, ohne dass man sich dabei so sehr anstrengen muss, wie es vorher mit Hörgeräten bei mir der Fall war. Natürlich bin ich auch mit Cochlea Implantaten bei solchen Zusammenkünften mit vielen Personen eingeschränkt und bekomme nicht alles mit, aber es ist überhaupt kein Vergleich zu den Jahren davor.

Ich bin fast den ganzen Nachmittag und Abend in interessante Gespräche verwickelt und am Abend fahren wir dann doch etwas erschöpft aber zufrieden wieder nach Hause und freuen uns auf die kommenden Tage, in denen gar nichts auf dem Plan steht. Auch wenn dieses Jahr für mich wundervoll war, war es doch sehr anstrengend – positiv anstrengend. So viele Veränderungen, so viele Gespräche, so viele Emotionen, die mich tagtäglich überrannt haben. Mein Akku ist leer und ich brauche dringend eine Auszeit, um dann voller Energie und mit meinen Superohren ins neue Jahr zu starten.

Tag 144/82 – O Du fröhliche

Es ist Heiligabend – mein erstes Weihnachten mit elektrischen Ohren. Geschenke brauche ich dieses Jahr keine: Dass ich mit meinen Hörimplantaten wieder hören kann ist wohl das größte Geschenk, das ich jemals in meinem Leben bekommen habe (neben meinen Kindern und der ErstBestenHälfte, natürlich).

Natürlich läuft heute den ganzen Tag Weihnachtsmusik bei uns zu Hause. Klassische Weihnachtslieder, aber auch Weihnachts-Popsongs. Das war früher vermutlich auch der Fall, aber ich habe es nicht wirklich mitbekommen oder zumindest nicht erkannt. Und definitiv nicht genießen können.

Der Vor- und frühe Nachmittag sind voll mit Vorbereitungen für unser Weihnachtsessen. Dann geht es, wie jedes Jahr, zum Weihnachtsgottesdienst mit Krippenspiel in die Kirche. Ich war in meiner Kindheit und Jugend sehr aktiv in der evangelischen Gemeinde meines Heimatortes eingebunden. Solange meine Ohren es noch ermöglichten, spielte ich Posaune im Posaunenchor. Heiligabend waren wir dann schon ab dem Vormittag mit dem Chor zum Kurrende-Blasen im Ort unterwegs und spielten draußen Weihnachtslieder an den verschiedensten Ecken im Dorf. Am Nachmittag begleiteten wir dann die Weihnachtsmessen musikalisch in der Kirche und ich war meistens erst Abends zur Bescherung und zum Essen wieder zu Hause. Auch wenn ich nicht besonders gläubig bin, gehört ein Kirchenbesuch einfach für mich zu Weihnachten. Erst dort bekomme ich richtige Weihnachtsstimmung und kann mich wunderbar entspannen.

Ich bin sehr gespannt, wie ich den Gottesdienst mit meinen Cochlea Implantaten wahrnehmen werde. Leider ist die Akustik in der Kirche recht schlecht und es gibt keine Induktionsschleife, so dass ich die Rede des Pfarrers ebenso schlecht verstehe wie das Krippenspiel selber. Aber es ist zumindest deutlich besser als vorher und ich verstehe zumindest einige Wörter und Halbsätze.

Traditionell werden in der evangelischen Kirchengemeinde unseres Dorfes klassische Weihnachtslieder gespielt – und zwar nicht von einer Kirchenorgel, sondern von einer Kirchenjugendband. Sehr schön ist dieses Jahr, dass ich die Lieder gut mitsingen kann – was Junior I, der mich dieses Jahr begleitet, etwas peinlich finde. Aber da muss er durch. Als Elternteil eines vollpubertierenden Jugendlichen muss man schließlich auch einige Peinlichkeiten ertragen. Voll krass, ey. Dazu schreibe ich an anderer Stelle mal mehr.

Weniger schön ist, dass ich höre, wie schräg das Duett der Band singt. Früher konnte ich noch nicht einmal hören, welcher Song gesungen wird – jetzt merke ich deutlich, wenn die beiden Sängerinnen im Duett nicht hundertprozentig synchron sind, sondern einen halben Ton auseinanderliegen. Das ist ein bißchen grausam. Aber schmälert meine gute Laune und Weihnachtsstimmung nicht wirklich.

Das anschließende Weihnachtsessen zuhause und die Bescherung sind wundervoll und anschließend sitzen wir noch ein Weilchen mit Nachbarn zusammen, trinken Rotwein und unterhalten uns. Auch das ist immer wieder ein Genuss, weil ich mich wirklich aktiv an den Unterhaltungen beteiligen kann.

Frohe Weihnachten!