Kategorie: Allgemein

Tag 159/96 – Überraschung

Heute geht es nach Zürich, wo ich einen sehr guten Freund an seinem Geburtstag überraschen möchte. Da ich diese Woche in Walldorf arbeite, ist der Weg in die Schweiz nicht weit und ich mache mich nach einem etwas vorgezogenen Feierabend mit dem Auto auf dem Weg in den Süden. Ich habe Gregor seit meinen Operationen nicht mehr getroffen; wir haben nur einmal telefoniert bislang. Und ich freue mich sehr auf dieses Treffen mit neuen, elektrischen Ohren.

Gregors Familie ist natürlich eingeweiht und weiß, dass ich am Abend im Restaurant aufkreuzen werde. Kurz vor meiner Ankunft verschicke ich noch einen Geburtstagsgruß per WhatsApp ‘aus Hamburg’ und wünsche ihm eine schöne Geburtstagsfeier.

Umso größer und gelungener ist die Überraschung, als ich dann auf einmal im Restaurant vor ihm stehe. Der Abend ist wundervoll und die Unterhaltung läuft reibungslos. Ich genieße vor allem den Schweizer Dialekt meiner Freunde sehr – auch dies habe ich vorher zwar ein wenig wahrgenommen, aber nicht so sehr wie jetzt mit elektrischen Ohren. Wir haben uns beide lange nicht gesehen und uns gegenseitig sehr viel zu erzählen. Und natürlich freuen sich alle enorm über meine Hörveränderung. Es ist schön, solche Freunde zu haben.

Mir fällt heute Abend auf, dass die Veränderung in der Kommunikation mit meinen Mitmenschen umso geringer ist, desto besser ich sie kenne. Meine wirklich guten Freunde waren meine Hörschädigung gewohnt und diese war für sie nie ein Problem. Ich habe Menschen, die ich gut kenne, auch immer besser verstanden als Personen, die ich noch nicht so lange kenne. Eigentlich verändert sich in der Kommunikation miteinander durch meine Implantate umso weniger, je besser ich die Menschen kenne. Das ist in keiner Weise negativ – es fällt mir nur gerade auf. Man kann auch mit schlechten Ohren gut durchs Leben kommen. Je mehr mal allerdings mit neuen Bekanntschaften zu tun hat, je mehr man mit unbekannten Menschen kommunizieren muss, desto schwieriger wird die Situation.

Tag 151/88 – Erwischt!

Es ist Silvester. Ein wunderbares aber auch anstrengendes Jahr geht zu Ende. Wir feiern Silvester traditionell zuerst zu Hause im Kreis der Familie mit einem schönen Raclette-Essen und treffen uns dann anschließend mit Nachbarn, oder feiern mit Nachbarn bei uns. Es ist immer ein sehr schöner Abend mit vielen Gesprächen, Musik und natürlich fließt auch reichlich Alkohol.

Auch dieses ereignisreiche Jahr wird so gefeiert. Nach unserem Silvesteressen gehen wir zu Freunden aus dem Dorf, die dieses Jahr die Silvesterparty veranstalten. Es ist ein schöner Abend – ich führe viele interessante Gespräche, lerne neue, nette Leute kennen und beteilige mich am Spiel des Abends.

Letztes Jahr fand die Silvesterparty bei uns statt und wir spielten mit unseren Nachbarn und Freunden Activity. Das ist ein sehr lustiges Spiel für Erwachsene, bei dem zwei Teams gegeneinander spielen und Begriffe durch Pantomime, malen oder erklären erraten müssen. Besonders interessant ist für Erwachsene die Club-Edition, bei der es um das Erraten von teilweise wirklich ungewöhnlichen Begriffen aus dem sexuellen Bereich geht.

Solche Spiele sind für mich als hörgeschädigte Person der purer Horror. Denn ich verstehe wieder die Erklärungen nicht gut und noch weniger die geratenen Antworten meiner Mitspieler. Ich weiß nicht, welche möglichen Antworten schon vorgeschlagen worden sind und kann dem Gesprächsverlauf, aus dem sich die Lösung herauskristallisiert, nicht folgen. Das ist extrem frustrierend – vor allem dann, wenn der ganze Tisch lacht, weil dieses Spiel wirklich sehr lustig sein kann.

Heute wurde Erwischt! gespielt. Das ist ebenfalls ein sehr amüsantes Gesellschaftsspiel. bei dem man Karten mit Aufgaben bekommt, die man im Verlauf des Abends lösen muss, ohne dabei von den anderen erwischt zu werden. Beispiele:

  • etwas fallen lassen und wieder aufheben
  • eine Werbemelodie singen
  • sich eine Minute lang den Bauch reiben

und viele andere lustige Aufgaben. Um diese zu meistern, muss man kommunizieren können, denn die Aufgaben dürfen nur in Anwesenheit anderer Mitspieler gelöst werden – und nicht beispielsweise alleine auf der Toilette.

Dank meiner Hörimplantate habe ich noch nie so viel Spaß an einem Spiel gehabt und ein hervorragendes Ergebnis erzielt. Ich merke immer wieder, wie gerne ich kommuniziere und wieviel Spaß mir das Interagieren mit anderen Menschen macht, seitdem nicht jede Antwort fünf mal wiederholt werden muss.

Später am Abend geht es dann noch zur Dorfparty und wir tanzen mit Freunden bis in den frühen Morgen, den wir dann gemütlich bei Nachbarn ausklingen lassen.

Ein tolles Ende eines fantastischen Jahres. Ich freue mich sehr auf das nächste.

Tag 150/87 – Beethoven

Ich mag klassische Musik sehr gerne, auch wenn ich sie zu selten höre. Ich bin mit Mozart aufgewachsen und habe am Klavier viel klassische Musik gespielt. Neben Mozart mag ich besonders Bach und Beethoven sehr gerne. Der zweite Satz von Beethovens Mondscheinsonate ist das schwierigste Stück, das ich je auf dem Klavier spielen konnte. Ich habe lange damit gekämpft, weil ich es unbedingt spielen wollte und ich werde im nächsten Jahr auch versuchen, dieses Stück wieder neu zu lernen.

An das Klavier traue ich mich immer noch nicht wirklich. Mein Hören ist zwar wunderbar, aber das Klavier klingt anders. Ich höre insbesondere die hohen Töne sehr gut; im mittleren Bereich ist die Veränderung zu vorher sehr stark. Dazu kommt, dass Schlagzeug derzeit immer noch Vorrang hat, weil ich so viel Spaß mit diesem Instrument habe, dass für eine zweite musikalische Herausforderung derzeit einfach keine Zeit vorhanden ist.

Heute morgen ruft meine Schwägerin an, die eigentlich mit einer Freundin zu einem Konzert der Berliner Philharmoniker in der Glocke, einem Bremer Konzertsaal, gehen wollte. Die Freundin hatte krankheitsbedingt abgesagt und sie war auf der Suche nach einer alternativen Begleitung. Ich sagte natürlich spontan zu. Auf dem Programm steht Beethovens berühmte 9. Sinfonie, die besonders durch den vierten Satz bekannt ist, in dem der zu diesem Zeitpunkt bereits völlig ertaubte Beethoven das Gedicht ‘An die Freude‘ von Friedrich Schiller vertonte. Diese Melodie ist übrigens auch die offizielle Europahymne.

Ich bin sehr gespannt, ob ich mit meinen Cochlea Implantaten wieder klassische Musik genießen kann. Wir haben gute Plätze vorne im Empore und als es endlich losgeht bin ich restlos begeistert und überwältigt davon, wie gut ich das Orchester und die Musik hören kann. Nahezu alle Instrumente sind klar erkennbar; selbst leise Paukenschläge höre ich gut. Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Leben wieder so etwas Wundervolles in einer solchen Hörqualität genießen kann.

Richtig überwältigend wird es dann, als der Chor die Bühne betritt und der berühmte vierte Satz beginnt.

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,

Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum!
Deine Zauber binden wieder
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Ich muss mich wahnsinnig zusammenreißen, um nicht wieder loszuheulen. Es hört sich alles so fantastisch an. Momente wie dieser sind nur schwer zu beschreiben. Ich werde wieder klassische Musik genießen und in die Oper gehen können. All das ist immer noch wie ein wunderbarer Traum und ich möchte am liebsten die ganze Welt küssen.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Freude, schöner Götterfunken, Götterfunken.

Tag 145/82 – Großfamilie

Am ersten Weihnachtsfeiertag trifft sich traditionell die Familie meiner ErstBestenHälfte zur Großfamilienweihnachtsfeier. Man trinkt zusammen Kuchen und isst Kaffee, unterhält sich, wichtelt und am Abend gibt es eine Bescherung und an manchen Jahren auch ein gemeinsames Abendessen.

Diese Zusammenkunft ist immer sehr schön, aber für mich bislang auch immer sehr anstrengend gewesen, weil recht viele Menschen zusammensitzen und sehr viel durcheinander geredet wird. Ich habe mir dort meist ruhigere Ecken gesucht und Einzelgespräche geführt, weil ich einer Konversation am Tisch mit 20 oder mehr Personen einfach nicht folgen konnte. Natürlich nimmt meine Familie sehr viel Rücksicht auf mein Hörproblem und ich bin dort keinesfalls isoliert oder ausgegrenzt. Aber dennoch kann ich bei optimaler Unterstützung nur eingeschränkt an der Kommunikation teilnehmen.

Man kann die Kommunikation in Gruppen dieser Größe nicht so steuern, dass ich alles mitbekomme – dann wären keine lockeren Gespräche am Tisch mehr möglich. Bei allen Gesprächsrunden mit mehr als vier oder fünf Teilnehmern entwickelt sich eine Eigendynamik, die es einem hörgeschädigten Menschen unmöglich macht, gleichberechtigt an der Kommunikation teilzunehmen. Die Themen wechseln zu schnell, es gibt Nebengeräusche wie zum Beispiel Gelächter, es mischen sich Einzelgespräche in die Gruppenkommunikation und man kann einfach nicht alles Gesagte auffangen und so steuern, dass man dem Gesprächsverlauf folgen kann. Und man ist nach recht kurzer Zeit ziemlich erschöpft, weil man sich ungeheuer konzentrieren muss, um aktiv am Geschehen teilnehmen zu können.

Diese weihnachtliche Zusammenkunft ist in diesem Jahr besonders schön für mich. Die meisten Familienmitglieder habe ich seit meinen Operationen noch gar nicht wieder gesehen. Alle freuen sich riesig über meinen Hörerfolg und ich habe viel zu erzählen. Es macht unglaublichen Spaß, sich relativ normal unterhalten zu können, ohne dass man sich dabei so sehr anstrengen muss, wie es vorher mit Hörgeräten bei mir der Fall war. Natürlich bin ich auch mit Cochlea Implantaten bei solchen Zusammenkünften mit vielen Personen eingeschränkt und bekomme nicht alles mit, aber es ist überhaupt kein Vergleich zu den Jahren davor.

Ich bin fast den ganzen Nachmittag und Abend in interessante Gespräche verwickelt und am Abend fahren wir dann doch etwas erschöpft aber zufrieden wieder nach Hause und freuen uns auf die kommenden Tage, in denen gar nichts auf dem Plan steht. Auch wenn dieses Jahr für mich wundervoll war, war es doch sehr anstrengend – positiv anstrengend. So viele Veränderungen, so viele Gespräche, so viele Emotionen, die mich tagtäglich überrannt haben. Mein Akku ist leer und ich brauche dringend eine Auszeit, um dann voller Energie und mit meinen Superohren ins neue Jahr zu starten.

Tag 144/81 – O Du fröhliche

Es ist Heiligabend – mein erstes Weihnachten mit elektrischen Ohren. Geschenke brauche ich dieses Jahr keine: Dass ich mit meinen Hörimplantaten wieder hören kann ist wohl das größte Geschenk, das ich jemals in meinem Leben bekommen habe (neben meinen Kindern und der ErstBestenHälfte, natürlich).

Natürlich läuft heute den ganzen Tag Weihnachtsmusik bei uns zu Hause. Klassische Weihnachtslieder, aber auch Weihnachts-Popsongs. Das war früher vermutlich auch der Fall, aber ich habe es nicht wirklich mitbekommen oder zumindest nicht erkannt. Und definitiv nicht genießen können.

Der Vor- und frühe Nachmittag sind voll mit Vorbereitungen für unser Weihnachtsessen. Dann geht es, wie jedes Jahr, zum Weihnachtsgottesdienst mit Krippenspiel in die Kirche. Ich war in meiner Kindheit und Jugend sehr aktiv in der evangelischen Gemeinde meines Heimatortes eingebunden. Solange meine Ohren es noch ermöglichten, spielte ich Posaune im Posaunenchor. Heiligabend waren wir dann schon ab dem Vormittag mit dem Chor zum Kurrende-Blasen im Ort unterwegs und spielten draußen Weihnachtslieder an den verschiedensten Ecken im Dorf. Am Nachmittag begleiteten wir dann die Weihnachtsmessen musikalisch in der Kirche und ich war meistens erst Abends zur Bescherung und zum Essen wieder zu Hause. Auch wenn ich nicht besonders gläubig bin, gehört ein Kirchenbesuch einfach für mich zu Weihnachten. Erst dort bekomme ich richtige Weihnachtsstimmung und kann mich wunderbar entspannen.

Ich bin sehr gespannt, wie ich den Gottesdienst mit meinen Cochlea Implantaten wahrnehmen werde. Leider ist die Akustik in der Kirche recht schlecht und es gibt keine Induktionsschleife, so dass ich die Rede des Pfarrers ebenso schlecht verstehe wie das Krippenspiel selber. Aber es ist zumindest deutlich besser als vorher und ich verstehe zumindest einige Wörter und Halbsätze.

Traditionell werden in der evangelischen Kirchengemeinde unseres Dorfes klassische Weihnachtslieder gespielt – und zwar nicht von einer Kirchenorgel, sondern von einer Kirchenjugendband. Sehr schön ist dieses Jahr, dass ich die Lieder gut mitsingen kann – was Junior I, der mich dieses Jahr begleitet, etwas peinlich finde. Aber da muss er durch. Als Elternteil eines vollpubertierenden Jugendlichen muss man schließlich auch einige Peinlichkeiten ertragen. Voll krass, ey. Dazu schreibe ich an anderer Stelle mal mehr.

Weniger schön ist, dass ich höre, wie schräg das Duett der Band singt. Früher konnte ich noch nicht einmal hören, welcher Song gesungen wird – jetzt merke ich deutlich, wenn die beiden Sängerinnen im Duett nicht hundertprozentig synchron sind, sondern einen halben Ton auseinanderliegen. Das ist ein bißchen grausam. Aber schmälert meine gute Laune und Weihnachtsstimmung nicht wirklich.

Das anschließende Weihnachtsessen zuhause und die Bescherung sind wundervoll und anschließend sitzen wir noch ein Weilchen mit Nachbarn zusammen, trinken Rotwein und unterhalten uns. Auch das ist immer wieder ein Genuss, weil ich mich wirklich aktiv an den Unterhaltungen beteiligen kann.

Frohe Weihnachten!

Tag 136/73 – Weihnachtsmärchen

Bei uns im Dorf findet jedes Jahr am dritten Advent ein Weihnachtsevent statt. Es werden Weihnachtsbäume verkauft, es gibt Bratwurst und Glühwein und am Nachmittag wird von den Dorfkindern ein Weihnachtsmärchen im Dorfsaal aufgeführt. Dies ist immer ein sehr schönes Erlebnis – die Stücke sind immer lustig und regen trotzdem zum Nachdenken an und die Kinder üben wochenlang für diesen Auftritt und haben sehr viel Spaß dabei.

Ich habe mir natürlich jeden Auftritt in den letzten Jahren angeschaut – vor allem deshalb, weil Junior II jahrelang dabei war und meistens mit Hingabe den Weihnachtsmann gespielt hat. Das Drehbuch habe ich vorher durchgelesen, damit ich weiß, worum es geht. Verstanden habe ich bei den Aufführungen nie ein Wort, aber es trotzdem genossen. In diesem Jahr fand sich Junior II zu alt für die Teilnahme – und das erste Mal konnte ich zumindest die Hälfte des Gesagten verstehen. Die Kids sind ja keine ausgebildeten Schauspieler und sprechen teilweise etwas undeutlich; auch die Mikrofontechnik ist nicht professionell. Normal hörende Menschen bekommen alles mit, aber mit Hörgeräten habe ich dabei nie eine Chance gehabt.

Ich verstehe mit meinen Hörimplantaten wegen der schwierigen akustischen Situation zwar nicht alles, aber dennoch deutlich mehr als jemals zuvor und kann der Handlung folgen, ohne das Drehbuch vorher durchgelesen zu haben – auch wenn ich nicht jede Pointe auf der Bühne verstehe. Das ist insgesamt ein toller Erfolg.

Es ist ein bißchen bitter, dass ausgerechnet in diesem Jahr, in dem meine Ohren dank der Cochlea Implantate wieder hören können, die eigenen Kinder nicht mehr bei der Aufführung dabei sind. In solchen Momenten wird einem schmerzlich bewusst, wie viel man mit einem schlechten Gehör im Leben verpasst und man überlegt sich, ob man den Schritt zum Hörimplantat nicht früher hätte wagen sollen.

Auf der anderen Seite war ich früher einfach nicht bereit für diesen Schritt und ich weiß nicht, ob eine Operation unter diesen Voraussetzungen genauso gut gelaufen wäre. Man muss nach vorne schauen und sich auf all das freuen, was noch kommt. Und das ist eine Menge. Das mir dies möglich geworden ist, ist das schönste Weihnachtsmärchen von allen.

Tag 135/72 – Feuerwerk

Junior II ist ein großer YouTube Fan – wie fast alle Kinder und Jugendlichen heutzutage. Einer seiner Lieblingschannels ist der Kliemannsland. Das ist ein Kanal, in dem eine Gruppe kreativer Junger Menschen Videos produziert, die auf einem Kreativhof in der Nähe meines Wohnorts gedreht werden. Es geht dabei um kreative und vor allem handwerkliche Projekte, die oftmals ziemlich verrückt sind. Auf diesem Hof findet einmal im Jahr ein großer, alternativer Weihnachtsmarkt statt, der YouTube Fans aus ganz Deutschland anzieht. Natürlich möchte Junior II dorthin und wir haben uns dann zusammen mit der ErstBestenHälfte dorthin auf den Weg gemacht.

Der Weihnachtsmarkt selbst ist ziemlich groß, schön verrückt und sehr gut besucht; das Publikum ist deutlich jünger als auf konventionellen Weihnachtsmärkten. Später am Abend wird ein großes Feuerwerk mit Musik abgespielt.

Ich mag Feuerwerk sehr gerne – besonders große, professionelle Feuerwerke. Ich war früher oft mit der ErstBestenHälfte beim Alstervergnügen in Hamburg, in dem alljährlich eine Art inoffizielle Weltmeisterschaft der Feuerwerker stattfindet, bei dem an drei Tagen hintereinander wirklich fulminante Feuerwerksopern über der Hamburger Binnenalster abgefeuert werden. Diese Feuerwerke gehören mit zum Besten, was ich je in meinem Leben gesehen habe – es ist wirklich gigantisch und ich kann jedem, der zur Zeit des Alstervergnügens in Hamburg ist, nur empfehlen, sich das einmal anzuschauen.

Heute bin ich völlig überrascht von der Vielzahl der unterschiedlichen Geräusche, die ein großes Feuerwerk erzeugt. Surren, Zischen, Zirpen – all das habe ich noch nie gehört. Nur die Knalle der explodierenden Feuerwerkskörper habe ich mit Hörgeräten gehört. Ich denke erst, das gehört zur Musik; merke dann aber, dass diese Geräusche tatsächlich vom Feuerwerk selbst kommen. Es ist mal wieder ein toller Moment mit einer völlig neuen Erfahrung. Feuerwerke machen mir jetzt noch mehr Spaß und ich freue mich sehr auf Silvester.

Tag 132/69 – Telefonuntertitel

Ich bin heute von einem ebenfalls hörgeschädigten Arbeitskollegen auf eine wirklich geniale App aufmerksam gemacht worden, die Telefonate in Echtzeit verschriftlicht: Die myCall-to-Text App von Phonak. Diese App untertitelt Telefonate live: Man ruft jemanden an und das Gesprochene des Gesprächspartners wird als Text auf dem eigenen Smartphone angezeigt. Das funktioniert mit jedem Android-Handy und jedem iPhone – egal, ob man Hörgeräte oder Hörimplantate oder beides oder keins von beidem hat.

Das funktioniert erstaunlich gut: Die Spracherkennung der Software arbeitet sehr gut. Zwar wird nicht alles korrekt verstanden, aber der Sinn des Gesagten lässt sich in den meisten Fällen gut herauslesen. Wichtig ist natürlich, dass der Gesprächspartner langsam und deutlich spricht. Je schlechter der Input ist, desto schwieriger ist auch die Verschriftlichung für diese App.

Besonders interessant ist, dass die App unendlich viele Sprachen unterstützt. Ich selber habe Englisch getestet und auch hier wird das Gesprochene relativ gut verstanden und wiedergegeben. Übersetzen kann die App natürlich nicht – aber auch das wird vermutlich in naher Zukunft möglich sein.

Die Phonak myCall-to-Text-App ist verfügbar für iPhone und Android. Um die zu nutzen, braucht man eine Internetverbindung und muss einen Account einrichten. Das ist schnell und einfach erledigt. Der Gesprächspartner benötigt keine App – er kann auf jedem beliebigen Gerät angerufen werden. Die App funktioniert nicht, wenn man selbst angerufen wird.

Leider ist der Service nicht kostenlos; zwei Stunden Gesprächszeit kosten 3,99 Euro, die wie bei Prepaid-Karten erworben werden müssen. Es besteht also nicht die Gefahr, dass automatisch Geld abgebucht wird, wenn man die Zeit vergisst. Zum Start gibt es eine Stunde Gesprächsguthaben gratis – damit kann man die Sache gut ausprobieren und dann entscheiden, ob diese App den persönlichen Erwartungen und Bedürfnissen entspricht.

Ich selbst brauche diese App dank meiner Cochlea-Implantate nicht mehr. Denn in den meisten Fällen verstehe ich besser als die App. Und wenn der Input zu undeutlich ist, hilft mir auch die App nicht mehr weiter. Für alle diejenigen, die beim Telefonieren große Probleme haben, ist das allerdings eine tolle Sache. Die Kosten sind aus meiner Sicht vertretbar; eventuell kann man hierfür auch eine Kostenübernahme durch das Integrationsamt oder den Rentenversicherer beantragen.

Tag 120/57 – Overflow

Ich habe Meetings bislang nach Möglichkeit gemieden. Zwar gibt es Meetings, die enorm wichtig sind und an denen man auf jeden Fall teilnehmen muss. Aber das trifft eigentlich nur auf den kleinsten Teil der wöchentlichen Zusammenkünfte zu, die einen Tagesablauf empfindlich stören können. Bislang war das eigentlich ein Vorteil: Weil ich wegen meiner Hörbehinderung nicht an allen Meetings teilnahm, hatte ich deutlich mehr Zeit zum effizienten Arbeiten als meine Kollegen und musste die kreative Arbeit nicht nach jeweils einer Stunde unterbrechen. Ich war also schneller.

Heute hing ich fast den ganzen Tag am Telefon bzw. am Rechner, über den Telefonkonferenzen bei meinem Arbeitgeber laufen. Ein Meeting jagte das nächste – und alles auf Englisch. Anfangs kam ich noch halbwegs gut mit, aber spätestens am Nachmittag wurde es mir dann zu viel – Konzentration war nicht mehr möglich und ich verfolgte das Geschehen – wie früher – nur noch nebenbei. Zwischendurch riefen dann auch noch verschiedene Arbeitskollegen an. Diese Einzelgespräche konnte ich noch gut stemmen, aber die Meetings waren irgendwann einfach zu viel. Am Abend war ich dann wirklich fix und fertig.

Ich bin nach wie vor hörgeschädigt. Auch wenn man in normaler Face-to-Face-Kommunikation nicht mehr viel davon merkt, brauche ich immer noch mehr Konzentration beim Hören als eine gut hörende Person. Und wie bei jedem andere Mensch auch ist mein Konzentrationsvermögen limitiert. Diese Grenzen muss ich austesten und dann entsprechend reagieren: Ich habe den Kollegen am Abend gesagt, dass ich nach wie vor wichtige Entscheidungen per E-Mail brauche, weil ich nicht sicher sein kann, dass ich wirklich alles verstehe.

Obwohl ich nach Feierabend wirklich K.O. war, habe ich dann trotzdem noch zusammen mit ein paar hörgeschädigten Kollegen ein Konzert der SAP Bigband besucht, die hier in der Firmenzentrale aufgetreten sind. Und das war ein tolles Erlebnis! Ich habe als Schüler Posaune gespielt und war ein paar Jahre Teil der Schul-Bigband, mit der wir überwiegend Glenn Miller gespielt haben. Die damaligen Konzerte waren unvergessliche Erlebnisse, an die ich mich immer gerne erinnere. Auch dieses erste Live-Konzert mit Hörimplantaten wird mir sicherlich in Erinnerung bleiben. Der Sound war fantastisch, die Band hat eine tolle Performance hingelegt und ich konnte sogar die Ansagen des Bandleaders gut verstehen. Das war ein wirklich schöner Ausklang eines ansonsten sehr anstrengenden Tages und ich freue mich schon auf die nächsten Konzerte – vielleicht werde ich auch mal wieder ein klassisches Konzert besuchen.

Tag 119/56 – Awesome!

Seit gestern arbeite ich in einem neuen Team an einem neuen Projekt für meinen Arbeitgeber SAP. Ich werde häufig in verschiedenen Projekten eingesetzt und bin als User Experience Designer dabei dafür zuständig, dass die Software, die für den Kunden gebaut wird, verstanden wird und optimal zu bedienen ist. Häufig geht es um Verbesserungen, weil bestimmte Applikationen zu schwierig zu handhaben sind. Manchmal auch um die Entwicklung neuer Produkte. Die technischen Aspekte und die Programmierung sind für mich eher irrelevant. Der logische Aufbau der Benutzeroberflächen, eine gut verständliche Benennung von Buttons oder Hilfetexten und das Design der jeweiligen Interfaces sind die Faktoren, die ich beeinflussen kann.

Die Teams bei SAP sind fast immer international aufgestellt und dementsprechend ist die Arbeitssprache Englisch. Nur wenn ich direkt mit einem deutschsprachigen Kollegen kommuniziere, verwenden wir Deutsch; in Meetings wird fast immer Englisch gesprochen, weil eigentlich immer ein Kollege aus dem Ausland dabei ist, der Englisch besser versteht als Deutsch.

Bislang war das für mich sehr schwierig. Ich brauchte eigentlich immer einen Dolmetscher oder eine deutschsprachige Wiederholung des Gesagten und konnte kaum direkt mitdiskutieren. Zwar spreche ich theoretisch recht gut Englisch und das Lesen und Schreiben klappt problemlos. Ich habe längere Zeit nebenbei als Übersetzer gearbeitet und englische Produkt- und Webtexte ins Deutsche übersetzt; diese Arbeit macht mir viel Spaß. Aber das Verstehen von englischer Sprache war bislang quasi unmöglich. Das Lippenlesen funktioniert in anderen Sprachen nicht wirklich gut – ich habe keine Ahnung, warum. Die Wörter kenne ich, aber ich kann englischsprachiges Mundbild einfach nur sehr schlecht entziffern. Und mein Sprachverständnis war mit Hörgeräten schon im Deutschen schlecht; Englisch habe ich wenn überhaupt nur bruchstückhaft verstanden.

In dieser Woche war ich zum ersten Mal seit meiner zweiten Implantation in der SAP-Zentrale in Walldorf. Dort fand ein sogenannter Kick-Off statt: Das ist die in der Softwarebranche übliche Bezeichnung für ein Projektstart-Meeting, bei dem besprochen wird, wie man vorgeht und wer was bis wann und wie macht. Da auch in diesem Team neben einer spanischen Kollegen, die gut Deutsch spricht, ein Kollege aus Indien dabei ist, der Deutsch zwar ein bißchen versteht, aber kaum sprechen kann, fand dieses Kick-Off-Meeting also auf Englisch statt. Und weil ich mit dem indischen Kollegen eng zusammenarbeite, musste ich die letzten beiden Tage sehr viel auf Englisch kommunizieren.

Wie so vieles, was in den letzten drei Monaten passiert ist, war auch diese Situation überraschend: Ich habe im englischsprachigen Meeting mit 6 Personen fast jedes Wort verstanden – und das mit zwei Sprechern, die einen starken indischen bzw. spanischen Akzent in der Englischen Kommunikation haben. Ich habe die letzten zwei Tage lange und andauernd mit einem englischsprachigen Kollegen diskutiert, gescherzt und geschäkert und dabei bis kurz vor Feierabend wirklich gut verstanden. Irgendwann war dann der Akku leer – natürlich ist nach wie vor hohe Konzentration erforderlich. Aber im Gegensatz zu früher, als ich mich so häufig vergeblich angestrengt habe, hat diese Konzentration auch tolle Ergebnisse gebracht: Ich verstehe die englische Sprache immer besser und schon jetzt gut genug, um auch berufliche Konversation auf Englisch zu machen. That’s awesome!

Auch der Videoübertragung eines großen Meetings des SAP Vorstandes konnte ich übrigens gut folgen. Das reine Telefonieren auf Englisch ist derzeit noch undenkbar, aber das war mit der deutschen Sprache kurz nach der Erstanpassung auch eine große Hürde. Ich bin sicher, dass ich das irgendwann auch noch schaffen werde. Exercising makes the master, wie Westerwave sagen würde. An meiner Aussprache muss ich natürlich auch noch feilen – aber ich kann jetzt hören, wie es richtig klingt. Und verstehe Korrekturen meiner Kollegen.

Und wenn es auf Englisch richtig flüssig läuft, lerne ich wieder Französisch. Diese Sprache mag ich nämlich besonders gerne, auch wenn ich sie nur wenige Jahre in der Schule gelernt habe und nur über einen recht kleinen Grundwortschatz verfüge. Aber daran kann ich arbeiten.